„Waren Sie vor etwa zehn Tagen in Hauteville?“ frug Doktor von Geldern. Renée nickte. „Und warum fragen Sie?“
„Waren Sie da im Park und sahen Sie eine Dame mit braunem Pelz? Sie hatte eine Dogge neben sich.“
„Ja, gewiß. Aber nun, warum fragen Sie, Herr von Geldern?“
Geldern lachte. „Richtig,“ er schlug die Hände zusammen vor Freude. „Dann stimmt es.“ –
„Was stimmt?“
„Kommen Sie,“ sagte der Doktor. „Wir gehen ein bißchen am See, dann erzähle ich Ihnen.“
„Also,“ begann Doktor von Geldern, „sie war es, die Sie gesehn haben. Sie wohnt in Hauteville.“
„Ihre Kindheits-Freundin, von der Sie neulich sprachen?“
„Ja, natürlich,“ sagte Geldern, „Yvonne Capeller.“
„Wer, sagen Sie?“ Renée erschrak. Sie sah ihn an. Einen Augenblick schwieg ihr Herz. Er wiederholte den Namen.
Renée konnte nichts sagen. Ihr fiel die Zeit ein, wo sie das Gedicht gelesen hatte, diese trostlose, leere Zeit. Ihr fiel die Sehnsucht ein. Ja – wie sehr hatte sie sich gesehnt, diesen Menschen einmal zu sehen.
Geldern frug: „Wissen Sie denn etwas von ihr? Kennen Sie Yvonne Capeller?“
„Nein. Aber ich wünschte einmal sehr intensiv, sie zu kennen.“ – Geldern blieb stehen, er vertrat Renée geradezu den Weg, sah sie an. Dann auf einmal nahm er ihre Hand. Er hielt die Hand einen Augenblick fest. Er sagte: „Das ist schön. Das ist sehr schön.“ – Dann lief er plötzlich fort.
Renée ging allein zurück. Ihr war sonderbar wehmütig, so als wäre ihr etwas gegeben und zugleich genommen worden, aber ihr war ja nichts gegeben.
Sie ging weiter, sah auf den See. Heute konnte man weit sehen. Drüben die kleinen Häuser von Bouveret und dann da hinten die graue Fläche, das war das Rhonetal.
Die Möwen kamen. Renée griff nach ihnen und lachte und neckte sie. Sie horchte auf ihr Schreien. War es nicht eine Art Gelächter? Ja – aber so schön wie bei Menschen konnte es nicht klingen, wenn Vögel lachten – nein. –
„Renée, heut hat mir auch Gräfin Pourtalès gesagt, man sähe dich immerzu mit dem Badearzt. Sie sagt, er wäre aus einer gänzlich verarmten Familie. Renée, meine Verantwortung drückt mich.“
„O, du dumme, dumme Sarah! Sag ihr, der Pourtalès, der langweiligen Person, also sag ihr, am liebsten liefe ich heute nochmals fünf Stunden mit dem Badearzt aus der verarmten Familie – und ließe mir erzählen.“
„My dear,“ sagte Sarah entsetzt. Renée lachte übermütig. Sie sagte: „Er soll ja nicht von sich allein erzählen und außerdem sollst du es ja nur der Pourtalès sagen, punktum!“
Am Abend paßte Renée auf, als Geldern aus dem Speisesaal kam. Sie sagte: „Herr von Geldern, ich will Sie um etwas bitten: Fragen Sie Yvonne Capeller, ob ich sie einmal sehen darf. Sehen Sie, es ist Jahre her, da habe ich einmal ein Gedicht von ihr gelesen. Das war so schön. – Ich bin lange danach umhergegangen, sie einmal sehen zu können. Aber ich wußte ja nichts von ihr. Wollen Sie es mir tun?“
Geldern sagte: „Ja – Sie haben ein Gedicht von ihr gelesen – nicht wahr, wie sie schön sind.“ –
„Wollen Sie nicht?“ frug Renée. Er sah sie an, gut und freundlich. Aber ein wenig hoffnungslos sah er sie an. „Ich will versuchen.“
„Glauben Sie, es geht nicht?“ frug Renée.
Geldern schwieg. Dann gab er Renée die Hand. „Ich muß nun gehen, Fräulein von Catte, und ich will es versuchen, ganz gewiß. Ich will heute noch hingehn. Aber ich weiß ja nicht, ob sie wollen wird. Denn sie ist ein Mensch, der ganz allein lebt, fast wie in einer Entfernung von uns.“