Das war viele Tage her, seit Renée Doktor von Geldern darum gebeten hatte. Es war so lange her. Sie sah ihn bei Tisch weit weg an dem großen Fenster sitzen. Er las.
Und Renée hatte gar keine Hoffnung mehr. Gewiß hatte er den verneinenden Bescheid und wollte es nur nicht sagen. Renée wurde ihm ganz böse.
Dann einmal kam er heran und sagte, Yvonne Capeller fühle sich nicht wohl, und es täte ihm so leid, aber er könnte Renée nicht ja sagen zu ihrem Wunsch.
Renée ging nach Hauteville. Sie dachte: Vielleicht sehe ich sie dort. Gewiß, wo sie neulich vorübergegangen war, da wollte Renée warten.
Sie stand am Anfang der geraden, dunklen Hecke von Taxus. Sie stand, und sie wagte sich nicht weiter. Es schien ihr auf einmal unfein und grob, so mit Gewalt einzudringen, so mit hinterlistiger Gewalt vorzugehen gegen diese fremde Einsamkeit. – Nein, sie wollte es nicht versuchen.
Abends, wie war der See schön, wenn die Lichter der Laternen ein schimmerndes Band waren auf seiner dunklen Fläche.
In der großen Halle des Hotels war Musik. Meist Italiener oder solche, die es vorgaben. Sie spielten und sangen ihre süßen, leichten, traurigen Lieder, mit dem harten, zerbrochenen Ton der Castagnetten.
Renée stand oben auf einer der Galerien und sah in die Halle hinunter. Sie war allein dort, und die Lieder kamen nur zu ihr. Ihre Gedanken verloren sich in eine unbegreifliche Schwere von Sehnsucht.
Sarah war ungehalten. Sarah sagte: „Du läufst immer weg, Renée. Wenigstens zu der Teestunde könntest du doch da sein.“
„Diese ewige Baronin mit ihren Andeutungen und ihrem Okkultismus ist mir so antipathisch.“
„Du besitzt gar keinen Humor,“ sagte Sarah. „Und ich muß dir sagen, Renée, ich kann es höchstens noch eine Woche hier aushalten – höchstens.“
Renée erschrak. Noch eine Woche, und dann würde sie nie mehr hierherkommen – und dann würde es nie geschehn.
Sie saß neben Sarah und dachte. Ihr Denken begleitete dieser kleine Ton, den das kochende Wasser im Teekessel hervorbrachte. Dieses weiche Surren. – Sie dachte: nie wird es sein. Wir werden wieder fortgehen nach Deutschland, und es wird nie sein. – „Willst du den Tee heute überhaupt nicht aufgießen?“ sagte Sarah.
Dann begann sie mit Reiseplänen. Ganz gut konnte man jetzt schon nach Paris gehen, oder vorher erst ein wenig nach Genf.
Renée schwieg dazu und wußte doch, daß sie nicht fort wollte, nicht fort.
Auf der Straße kam ein Mann mit Blumen. Er hatte einen länglichen Korb, darin lagen sie, Schlüsselblumen, Veilchen, in der Mitte Rosen. Die kaufte Renée. Es waren fünf rote Rosen. Solche an langen Stielen, solche von ganz dunkler Farbe und mit einem schweren, süßen Duft.
Sarah sah Renée an, als die Rosen gekauft waren. Sarah sagte: „Für wen denn?“
„Ich will sie fortschicken,“ antwortete Renée. Sie trug die Rosen in ihr Zimmer. Da war ein kleiner Karton gewesen, dahinein legte sie die Rosen und die letzte von ihnen streichelte Renée. Und während sie das tat, dachte sie: nur noch acht Tage bleiben wir, nur noch acht Tage.