WeRead Powered by ReaderPub
Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 28: Seit einigen Tagen war Doktor von Geldern
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Seit einigen Tagen war Doktor von Geldern nicht bei Tisch. Die Baronin d’Auvergnes erzählte, er sei in Genf. Ein sehr reicher Russe habe ihn hinberufen als Konsiliarius. – „Es scheint, er kommt en vogue,“ sagte die Baronin. „Nun, solche Ärzte haben immer ein ganz leidliches Auskommen. Natürlich, angenehm und fashionabel ist ja der Beruf gerade nicht.“

Die Baronin wechselte das Thema, als niemand antwortete. Sie begann weitläufige Erzählungen von Paris, von dem letzten Ball beim russischen Botschafter.

Renée hörte nur halb hin, hörte: „Ah, im Bois, im Luxembourg –.“ Renée dachte: Heut früh sind die Rosen angekommen, ganz bestimmt spätestens, und vielleicht reisen wir noch nicht so bald, sonst wären es nur noch sechs Tage – und wenn –

„Waren Sie schon einmal in Paris, Fräulein von Catte?“ frug Baronin d’Auvergnes. – „Nicht? Dann freuen Sie sich gewiß sehr, nicht wahr, oder – oder wird Ihnen der Abschied –“

Hatte es nicht geklopft? Der Kellner war draußen mit einem Brief. Renée nahm den Brief, und einen Augenblick hielt sie ihn fest zwischen den Flächen ihrer Hände – denn es war dies – dies – o, ein Gefühl von Glück kam.

Sie lachte. Es konnte nur Gutes darin stehen. Sarah und die Baronin sahen sie an, und Renée lachte und – was tat sie denn, sie schwenkte den Brief in der Luft.

‚Vielleicht kommen Sie morgen abend zu mir, vielen Dank‘ – das stand darin. Vielleicht kommen Sie –?

Nun also waren es noch vierundzwanzig Stunden. Mindestens so lange. Denn Renée konnte nicht vor sechs oder sieben Uhr hingehen und von morgen früh waren es dann zwölf Stunden, wenn Renée aufwachen würde.

Mit dampfigen Nebeln auf dem See kam der Morgen. Renée sah ihn nun schon lange. Ihr Fenster stand offen. Ein wenig kühl war diese Morgenluft, aber weich, mit einem sanften Geruch von Schilf, so wie manchmal der See roch zu Hause.

Der kleine Brief lag neben Renées Bett. Gerade so, daß sie ihn ansah beim Aufwachen.

Und nun noch fast zwölf Stunden. Renée legte den Kopf wieder auf das große, plustrige Kissen mit dem Spitzenrand. Ganz still lag sie und sah auf die Wand, auf diese sonderbaren Schnörkel in blau und grün; wie Hunde, die sich aufgeregt überkugelten, liefen die Schnörkel über die Wand. Träumte sie nicht ein bißchen? Ein paar Glockentöne kamen über den See, die trug das Wasser. Wie war dieser See klar, man sah tief hinein und sah seinen Grund, vielleicht konnte ein Mensch solche Augen haben und eine stille, stille Stirn.

Träumte sie, hatte denn Yvonne Capeller solche Augen? – ‚In einer Entfernung von uns‘ – Renée dachte den Worten nach, dachte – dachte. Müde war sie. Es war eine ungeduldige Nacht gewesen, es war spät hell geworden.

Ein Geräusch im Zimmer weckte sie.

„Ja, wirst du denn gar nicht aufstehn heut, bist du krank?“ Da stand Sarah über sie gebeugt, war zum Lunch angezogen und tippte mit dem Zeigefinger auf Renées Schulter. Renée fuhr herum und starrte Sarah an. – „Es ist nämlich zwölf,“ sagte Sarah.

Von diesem Augenblick an zog der Tag sich in die Länge wie Kautschuk. Immer war es zwei, wenn man meinte, es wäre Teezeit. Die Sonne verharrte in obstinater Bosheit in der drei Uhr-Gegend; endlich kroch das helle Rot an den Bergen hinauf, fing sich in den Gipfeln. –

Renée stand an derselben Tür, an der sie neulich gestanden hatte, und läutete. Dieselbe alte Hexe fuhr mit dem Kopf aus dem Fenster. Sie sagte mit einem Versuch zum Lächeln: „Im Garten, bitt schön,“ und deutete auf die Gartentür. – Renée kam in den Garten.

In diesem Garten war Licht, denn die Obstbäume blühten. Vor den schwarzen Hecken standen sie in unglaubhafter schimmernder Schönheit. Die Weide über der weißen Bank ließ ganz sacht ihre Zweige hin- und herwehen, hellgrün und ganz fein behangen wehten sie vor dem Helldunkel des Himmels.

Renée stand still. Was geschah ihr? Wie, war es der Garten, waren diese Bäume und diese dunklen Büsche so schön, daß eine so schmerzliche Sehnsucht in ihre Seele kam? –

Yvonne Capeller kam ihr entgegen. Sie kam, und Renée erwartete sie.

„Sind Sie gekommen?“ sagte Yvonne Capeller, „noch habe ich Ihre Rosen.“ Sie gab Renée die Hand. Renée hielt einen Augenblick ihre Hand und schwieg. O, ein so zärtliches Gefühl stieg in ihr auf. Renée konnte nicht die Hand so schnell loslassen.

Sie gingen auf dem Weg, der zu dem kleinen Tempel führt, bei dem Tempel standen sie. Yvonne Capeller lehnte an einer der Säulen, ganz dicht an die Säule lehnte sie den Kopf, so daß die Farbe ihres Haares unterging in dem Schatten auf der Säule, so daß ihr weißes Gesicht vor dem Himmel stand, der dunkel war – vor dem Himmel. Wie schön und still war dies Gesicht. Renée sah sie lange an.

Yvonne Capeller wandte den Kopf, und ihre Augen gingen an Renée vorüber. Sie sagte: „Ich glaube, wir müssen hineingehen, weil es kalt wird.“ Dann: „Sie erzählen mir nichts, Sie reden gar nicht.“

Renée antwortete: „Was soll ich erzählen, Yvonne Capeller?“

„Wie sonderbar Sie meinen Namen aussprechen.“

Warum sollte Renée schweigen? Warum konnte sie nicht sagen: weil es zärtlich macht, an diesen Namen zu denken.

Von den weißen Bäumen kamen Blüten. „Nun ist es schon bald vorbei,“ sagte Yvonne Capeller.

Sie gingen zum Haus. Eine Treppe von wenig Stufen führte in das Haus, dann kam ein kleiner Gartensaal. Ein starker Geruch war im Haus, so wie Tannenduft, nur schärfer. Ein wenig so, wie der Wald riecht in der Sonne.

Einen Augenblick blieb Renée allein. Sie stand am Fenster und sah in den Garten. Der war dunkel gegen die Helle des Zimmers und still. Renée unterschied nichts mehr. Die weißen Bäume starrten kalt und unheimlich heraus aus der weichen Dunkelheit.

Yvonne Capeller kam wieder. Renée hörte sie, wandte sich nicht um.

Wie leise kamen ihre Schritte. Renée rührte sich nicht, sie hörte, daß Yvonne einen Augenblick stehen blieb.

Dann sagte Yvonne: „Kommen Sie. Wollen wir hier sitzen?“ Renée zögerte noch.

Yvonne saß am Tisch. Yvonne hatte ein weißes Kleid. Um ihren Hals war eine Kette von Perlen, eine lange Kette, die auf ihren Knieen lag.

Es waren halbdunkle Bilder an den Wänden, und da standen Möbel von Kirschholz mit blaßlila Bezügen. Eine Geige lag auf dem Tisch unter Renées Rosen.

Renée sah diese Dinge an. Sie dachte: Manchmal des Abends spielt sie auf der Geige, auch wenn Wind ist draußen. Das klingt dann heimatlich und süß.

Yvonne saß sehr still. Man wußte nicht, dachte sie nach oder sah sie vielleicht auf Renée. Vielleicht, ihre Augen sahen auf Renée, und ihr Gesicht war gradaus gewandt. Sie sagte: „Geldern meint, Sie haben ein Gedicht gelesen – sagte er nicht – welches denn?“

Renée stand noch immer am Fenster.

Renée sagte das Gedicht: „Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder –“

Yvonne Capeller senkte den Kopf. Renée sah es deutlich. Sie schwieg. „Werden Sie mir keine andern geben?“ frug Renée.

„Nein, o nein.“

„Dies eine, das ich einmal las,“ sagte Renée, „es traf mich so, und seitdem war der Wunsch nach dem in mir, was heute geschah.“

Renée schwieg plötzlich, wie sprach sie denn – wie sprach sie?

Yvonne Capeller sagte: „Was geschah denn heute?“

Renée antwortete nicht. Was sollte sie tun? Nichts bewahrte sie mehr – da war nur dies hilflose Aussprechen-müssen, dies Unbegreifliche, daß ihre Worte keine Scheu mehr haben wollten – und ihr Mund sprach, als spräche es in ihre eigne Seele hinein.

Sie sagte: „Auf irgend etwas hofft man, wenn man lebt, auf ein Geschehnis oder auf einen Augenblick – einen Augenblick – und man denkt daran, denkt, daß er niemals kommt, daß man alles haben könnte in der Welt, ehe er kommt. Man fühlt die Gleichgültigkeit, fühlt die Wertlosigkeit aller Dinge außerhalb dieses Augenblicks – und dann ist dieser Augenblick da. – Das war mir heute geschehn.“

Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Garten.

Da stieg eine Angst in ihr auf, kam an ihr Herz und wollte es anfassen. Sie wußte nicht den Grund; sie legte die Hände auf die Fensterbank, um sich zu stützen, und fühlte immer aus ihren Augen die Tränen auf die Hände fallen. – Langsam kamen sie.

War es nicht schon lange, als sie das letzte Wort gesprochen hatte, o so lange? Sie fühlte, daß Yvonne ihre Schulter anrührte. Yvonne sagte ihren Namen. Yvonne strich, o so sanft, über ihre Schulter.

Yvonne sagte: „Es ist nicht gut, nicht gut.“

Dann – was geschah? Renée saß neben ihr, lange neben ihr, während sie schwiegen, während es ganz dunkel wurde draußen.

Renée sah sie an. Sah ihr weißes Gesicht und die geschlossenen Augen – – Dann stand Renée auf, weil es schon spät war, und ging, ging durch den Garten fort und nahm von den Blüten, die über den Weg hingen, die streichelte sie.

Am nächsten Tag sprach Doktor von Geldern Renée an: „Nun, Ihre Frau Schwägerin erzählte mir, daß Sie gestern in Hauteville waren. – War es schön?“

„Ja,“ sagte Renée und lächelte.

„Wie ging es ihr?“ – „Gut wohl,“ sagte Renée.

Er frug, ob sie im Garten gewesen wären, wie lange Renée da war, und Renée sprach davon, hörte sich zu, hörte ihren glückseligen Worten zu.

„Und nun?“ frug Geldern. Renée sah ihn an, erschrak. Sie sagte: „Ich weiß nicht, ob ich wiederkommen soll.“

„Mögen Sie mich ein Stück begleiten, Fräulein von Catte?“ frug Geldern, „ich gehe eben hinauf nach Hauteville.“

Renée ging mit ihm. – „Ich muß gekränkt sein,“ begann er, „daß Sie nun so ganz ohne meine Vermittlung zu Ihrem Ziel gelangt sind. Ja, wir vermitteln so gerne. Irgend etwas von der Freude dessen, der es uns schuldet, kommt dann auch zu uns. – Es ist dies: Ich kenne keinen Menschen wie Yvonne Capeller. Nein, nein. Denn die Einsamen, die ich kenne, sind einsam auf eine sehr andere Weise. Sind es faute de mieux. Weil das Leben ihnen sich versagte oder weil sie in irgend einem Sinne nicht weiterkommen konnten. Sie nicht. Sie ist mit Willen einsam. Sie ist es in einer stillen und selbstverständlichen Art. So als wären alle andern spielende Kinder und sie der einzige ernste Mensch – aber vielleicht ist das ein sehr dummer Vergleich.“

Renée sagte: „Ja, man fühlt es. Da ist eine Stille und dann diese Einsamkeit, von der Sie reden, die ist um sie herum, und es macht traurig und sehr hoffnungslos. Man fühlt es so, wie sehr anders stark und still und schön sie ist als wir.“

Sie waren nah dem Garten, dort trennten sie sich.

Renée sah, wie Doktor von Geldern hineinging, hörte, wie er die Tür schloß. Er mußte zurückkommen. Gewiß, er würde kommen.

Renée wartete. Manchmal sah sie die Allee herunter. Nichts – niemand. Sie wartete viele Stunden.

Abend war es, als er zurückkam. So tiefer Abend, daß Renée ihn nicht einmal kommen sah, sie hörte seine Schritte, unruhige Schritte. Er kam durch die Allee und bog ein in den Kiesweg draußen – er sah nicht auf.

„Doktor von Geldern.“ – „Sie? Wo kommen Sie her?“ – „Ich wollte Sie fragen,“ antwortete Renée. „Es geht ihr nicht gut,“ sagte Doktor von Geldern. „Ich soll Ihnen Grüße sagen. Sie will einige Tage zu Bett bleiben.“

„Ist es schlimm?“ frug Renée. Doktor von Geldern sah sie an. Ein sonderbar gequälter Ausdruck war in seinem Gesicht, aber er lächelte doch. Er antwortete: „Nein, es ist wohl vorübergehend.“

„Was haben Sie, Doktor von Geldern? Was ist?“

Er wandte den Kopf zur Seite, als er weitersprach.

„Was soll denn sein? – Habe ich irgend etwas gesagt? Nun, das ist, ich bin etwas präokkupiert. Im Kurhaus sind eben ein paar sehr schwere Fälle – ja, das geht einem dann so im Kopfe herum.“ –