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Das Leben der Renée von Catte

Chapter 29: Wir wollen übermorgen abreisen, denke ich,
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

„Wir wollen übermorgen abreisen, denke ich,“ sagte Sarah. „Ich meine so: ein paar Tage Genf und dann Dijon-Paris. – Nun, was denkst du, Renée?“

„O, ich möchte noch bleiben.“

Sarah sprach dagegen. Das Essen war so langweilig und schlecht hier. Mein Gott, und diese ewige feuchte Luft. „Meine Erkältung,“ sagte Sarah, „hat sich in letzter Zeit verschlimmert.“

„Aber zuerst tat dir das Klima doch gut,“ meinte Renée, „und gerade Paris!“

Sarah antwortete gereizt. Das könnte sie doch wohl besser beurteilen, da Renée noch niemals in Paris gewesen sei. Sarah sagte: „Wenn du Dinge von mir verlangst, die meiner Gesundheit schaden, dann muß ich dir eben entgegentreten. Ich kann auch das viele Alleinsein nicht aushalten.“

„Aber ich bin doch da.“

Sarah fuhr auf: „Ja – ja, du läufst den ganzen Tag mit diesem faden Doktor um den See herum. – Das ist eben nicht das Richtige für einen Patienten: – das Alleinsein.“

Renée war sehr niedergeschlagen, und sie wußte gar nichts zu entgegnen. Es ging wie über sie und ihren Willen hinweg.

Die Jungfer kniete vor den riesigen Koffern und legte Sarahs Kleider hinein, die in weißen Stoffhüllen staken.

Sarah lag auf dem Sofa mit einem Buch, und manchmal sah sie gelangweilt hinüber zu der Jungfer und den Stoffhüllen.

Renée sagte: „Laß uns dann erst übermorgen fahren. Luise wird bis dahin auch besser fertig.“

„Ich bin noch heute abend fertig, wenn die gnädige Frau befehlen,“ sagte die Jungfer.

Sarah lächelte Renée zu. Sie sagte: „Ich habe im Hotel bereits bestellt.“

„Aber ich mag noch nicht. Ich mag nicht,“ sagte Renée leise und dicht an Sarahs Ohr. Sarah lachte. „Puh, was macht man – muß man da zum lieben Gott beten? Muß man beten: gib, lieber Gott, daß Renée keine Laune bekommt, Amen?“

Renée schwieg. Ihr stieg eine Wut auf gegen diesen Menschen, der nichts ernst nahm, der alles abtat mit spielerischen Worten, ein großer Zorn gegen diese lächerliche Ohnmacht ihrer eignen Situation. Immer wurde alles nichts vor Sarah, alles wurde zu einem kindischen Kram. – –

Renée ging nach Hauteville. Sie wollte Yvonne Capeller noch sehen. Sie konnte so nicht fort. Die alte Frau empfing sie. Renée wartete eine Weile im Gartensaal. Dann kam Yvonne.

Yvonne war blasser als sonst, und sie sprach sehr leise. Manchmal, während sie sprach, stieg das Blut in ihr Gesicht und schwand wieder. Dann war ihr Gesicht ganz weiß.

Renée sagte ihr, daß sie übermorgen fortreisten. „Kommen Sie niemals nach Deutschland?“ frug Renée.

Yvonne Capeller lächelte und schüttelte den Kopf.

„Wo sind Sie im Sommer?“ frug Renée.

„Im Wald oder am Meer.“

Renée sagte: „Doktor von Geldern sagte, daß Sie sich nicht gut fühlten, und nun, wenn ich hier bin, vielleicht greift es Sie an; soll ich lieber wieder gehen?“

Yvonne wandte das Gesicht fort. Renée sah, daß sie errötete.

„Was hat Geldern Ihnen gesagt?“ frug sie.

Renée erzählte. Er hatte nichts Bestimmtes geäußert, nur – Renée fürchtete, es würde ihr zuviel, sollte nicht Renée lieber gehn.

Yvonne antwortete nicht. Sie stand auf und ging langsam zum Fenster und stand eben da, wo Renée den ersten Abend gestanden hatte.

Dann begann sie zu sprechen. Sie sprach leise, Renée konnte sie kaum verstehn. Sie sagte: „Ich weiß es nicht, was Geldern Ihnen gesagt hat. Aber eines muß ich Ihnen nun sagen, und es geht nur langsam, weil ich fühle, dies zu sagen ist schwer.

„Ich will nicht, daß Sie zu mir kommen, ich will nicht, daß Sie irgend ein Interesse an mir nehmen – will nicht! Sie sollen nicht bei mir Halt machen, Sie sollen mich nicht lieb haben.“

O, wie sie sprach, wie stark und fein klang doch jedes einzelne ihrer Worte.

Yvonne sah auf den Boden nieder, und ihre Arme, die sie auf das Fenstersims stützte, bebten, während sie sprach.

Renée begriff nicht. Renée sah sie an, wie ihre Lippen aufzuckten. Yvonne warf den Kopf zurück, ihre Augen waren geschlossen. Auf ihrer Stirn über den Augen hing Haar, das sich gelöst hatte, einen zärtlichen Schatten warf es auf ihr Gesicht.

„Sie sollen nicht. Ich will nicht mit dem Leben zu tun haben. Was will es von mir? Warum schickt es Sie – Sie – o, alles was Sie tun und jedes einzelne von Ihren Worten greift nach mir. Und ich weiß, daß Sie fortgehn müssen.“

Renée stand auf. Ein Brausen kam in ihre Gedanken, und sie konnte den Sinn der Worte nicht aufnehmen. Da war eine törichte und unbegreifliche Schwäche in ihr. Was sie sagen wollte, klang nicht, wurde nicht laut – blieb zurück in ihrem unruhigen Herzen. Sie ging zu Yvonne. Yvonne schwieg, stand mit geschlossenen Augen, ohne sich zu bewegen, während das Beben von ihren Armen an ihrem Körper entlang kroch.

Dann tat sie die Augen auf. Und Renée sah in ihre Augen. Brannten sie nicht? Sie sahen aus, als ob sie ganz trocken und heiß wären.

Sahen sie nicht starr und verzweifelt wie in den Tod? –

Renée griff nach ihrer Hand. Und hielt sie. Dann fühlte sie, wie diese Hand sich regte, langsam zog Yvonne die Hand zurück. Sie sagte: „Sie müssen gehn – o, Sie müssen gehn.“ –

Warum war Renée gegangen? – Wie – wer konnte sie gehen heißen?

Die graue Allee lag ruhig und halbverdunkelt von den Baumschatten, und Renée ging. Wollte Halt machen, zurücklaufen – ging vorwärts, als trügen sie fremde Füße.

Was war geschehn. – Hatte sie nicht einen Augenblick in irgend einem Spiegel ihr eignes weinendes Gesicht gesehn, als sie vorbeilief – und ihr Gesicht war feucht von Tränen.

Warum ging sie denn auf diesen fremden Füßen, die nicht anhalten wollten. – –

Am kommenden Morgen wollte Sarah reisen mit dem Schnellzug. Zwei Tage würden sie dann in Genf sein. Sarah hatte die Baronin d’Auvergnes und einige andere Hotelgäste zum Tee, und diese Hotelgäste würden morgen an die Bahn kommen und sie würden Blumen bringen natürlich für Sarah. Blumen, die man nachher in der Eisenbahn liegen ließ.

Sarah sprach von Paris, notierte lange Zettel von Besorgungen und sammelte Empfehlungen, wo man dies und das kaufte.

Sollte sie zu Frères Boiseron gehn, wirklich, also dort war die größte Auswahl?

Baronin d’Auvergnes nannte sogar einige befreundete Häuser. Madame François Echelles würde sich glücklich schätzen, wenn Sarah –

Renée saß in der Nähe des Fensters neben einem Neffen der Gräfin Pourtalès und sah gedankenlos auf die Straße. Manchmal redete ihr Nachbar sie an. Sie konnte meist nicht antworten, weil sie zu spät aufgepaßt hatte – dann endlich gab sie sich Mühe und begann aufzupassen, aber nun redete ihr Nachbar sie nicht mehr an, sondern verfolgte mit krampfartigem Grinsen die Unterhaltung der andern.

Doktor von Geldern kam. Er hatte sehr lange gesagt, daß er leider sich nicht würde frei machen können, so lange, bis Sarah gerade einen Sport darin sah, ihn zu zwingen, daß er sich frei machte.

Doktor von Geldern überreichte Sarah Blumen. Er würde leider morgen früh nicht mehr die Ehre haben.

„Na na,“ sagte Baronin d’Auvergnes, indem sie schalkhaft mit dem Finger drohte. Doktor von Geldern sah ihr gerade ins Gesicht. „Frau Baronin sind außerordentlich schelmisch,“ sagte er, „ja wirklich, indessen hier ist es nicht am Platze.“

Baronin d’Auvergnes öffnete den Mund und schloß ihn erst nach einigen Minuten wieder, Gräfin Pourtalès blickte ihren Neffen demonstrativ an und hustete, und Sarah machte das sprachloseste Gesicht, das Renée je von ihr gesehen hatte.

Geldern kümmerte sich nicht darum. Er lächelte verbindlich und setzte sich neben Renée.

Als die Unterhaltung wieder laut wurde, sagte Renée: „Warum sind Sie so grob gewesen, Herr von Geldern?“

„Aber diese Andeutungen sind unverschämt.“

„Alte Damen führen doch immer solche albernen Reden.“

„Zu mir sollen sie sich das eben nicht erlauben,“ sagte Geldern, „ich bin kein solch Firlefanz!“

„Haben Sie Yvonne Capeller heute gesehn?“ frug Renée.

Er errötete und lächelte. – „Yvonne Capeller war krank heut früh. Ich hörte von der Alten, daß Sie da waren gestern. Und nun muß Yvonne unbedingt einige Tage liegen und Ruhe halten, Fräulein von Catte.“

„Aber ich kann auch ruhig bei ihr sitzen, nur ganz kurz, nur eine halbe Stunde.“

„Nein. Nicht. Es wäre ihr schädlich. Nicht wahr, kann sich der Arzt darauf verlassen?“

„Wollen Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen?“

„Weil sie ernstlich erkranken würde und weil es Gefahr für sie hätte. Sie würde ja auch nicht ruhig zu Bett liegen, sie würde nicht.“

„Ich will gewiß nicht hingehn, wenn es so ist,“ sagte Renée.

Geldern nickte. „Sehn Sie,“ sagte er, „Yvonne will so schon niemals liegen. Sie haßt jede Erinnerung an Krankheit und Unvermögen. Und das Leben ist ihr so sehr bedeutungslos.“

„Ist sie sehr krank?“ frug Renée.

Geldern sah sie an, dann wandte er den Kopf – er sagte: „O nein, ich sorge mich nur, ich habe sie sehr lieb, wie Sie wissen.“ –

Graf Pourtalès redete Renée an: Ob Renée Genf bereits kenne. Er empfahl eine Promenade auf der Jetée, am Abend natürlich – ja und das Schloß Rousseaus sei äußerst beachtenswert.

„Sie werden von Ihrem Hotel die Stelle am Kai sehen, wo die unglückliche Kaiserin einer Bubenhand zum Opfer fiel,“ sagte Graf Pourtalès – „Auch das Monument Brunswick dürfte Sie als Deutsche“ – er unterbrach seinen Satz, sprang auf und überreichte Renée eine Karte, die ihm eben der Kellner gegeben hatte. Renée las: Yvonne Capeller – und Geldern sah es. „Wie,“ sagte Geldern, „meint das, sie ist hier?“ Er sprang hastig auf, Renée folgte ihm.

Draußen kam ihr Yvonne entgegen.

Geldern ging voran, er öffnete die Tür zu Renées Zimmer, er schob ihr einen Sessel vor.

„Was tun Sie?“ fragte er, „Yvonne, wie konnten Sie?“

Sie legte langsam die Hand auf seinen Arm, sie sagte nichts. Aber Renée stand an der Tür. Yvonne Capeller wandte die Augen und lächelte Renée zu.

Dann ging Geldern. Er wolle sie erwarten, sagte er.

Einen Augenblick schwiegen sie. Dann – „Ich konnte es nicht,“ sagte Yvonne. „Ich wollte wohl. Habe ich viele törichte Dinge gesagt gestern abend – habe ich –“

Renée kam zu ihr und nahm ihre Hand und küßte sie.

„Ich wollte ausweichen,“ sagte Yvonne, „aber es ergriff mich und brachte mich her – du – du, Renée!“

Yvonne lehnte den Kopf zurück. Still saß sie, und sie sah Renée an mit ihren lächelnden Augen.

Brauchte man gar nicht zu sprechen, konnte man so neben einem Menschen sein und seine Hand halten und ihm in die Augen sehen – so wie Renée jetzt tat – und war dann alles gut? –

„Du hast lächelnde Augen,“ sagte Renée, „von deiner Hand kommt es so gut und warm in meine.“

„Du lachst ja mit den Augen, Renée, du bist es, die lacht.“

Renée sagte: „Siehst du den See? Bald werden die Berge rot drüben. Dann habe ich immer an deinen Namen gedacht.“

„Nicht an mich?“

Renée lachte: „An dich? Aber ich kannte dich ja nicht.“

„Warum also kamst du nicht schon lange? Das ist doch deine Schuld, Renée.“

Renée strich über Yvonnes Hand. – „So weiß ist deine Hand, Yvonne – Yvonne.“

„Ist das ein Gedicht?“

„Nein doch,“ sagte Renée. „Nur deines sind Gedichte. Kein Mensch in der Welt kann Gedichte machen wie du.“

Wie sonderbar fest Yvonne Renées Hand anfaßte.

„Was hast du, Yvonne?“

Yvonne lächelte. „Nichts. Was denn. Ich freue mich wohl.“ –

Sie sahen beide nach den Bergen auf der anderen Seite des Sees. Da – war es nicht schon ein wenig rot? Hell purpurne Streifen sah Renée in den Felsenschluchten drüben, und dann stieg die Glut hoch – so schön – so schön, wie Renée es noch nie gesehen hatte.

„Yvonne!“ Renée zeigte auf die Berge. Sie sah Yvonne an, aber Yvonne hielt das Gesicht in den Händen.

Geldern kam. Er wollte sie nach Haus begleiten. Renée könnte ja mitkommen. Natürlich würde er einen Wagen holen.

Er sagte das alles halblaut zu Yvonne, er sagte es sehr vorwurfsvoll. Yvonne sah ihn an. Ihre Augen wurden in einer sonderbaren Weise groß und vorherrschend in ihrem Gesicht. „Ich will nicht, daß Sie so zu mir sprechen, Geldern,“ sagte sie. „Ich will nicht, daß Sie so gegen meinen Willen einschreiten, lassen Sie mich!“

Renée wollte reden, sagen, daß Geldern doch recht hatte, daß Yvonne –

Aber wie konnte sie reden. Wie sollte sie vorbeireden an diesen beiden großen Augen.

Geldern ging. Er sah Yvonne nicht an.

„Nun ist dein Berg rot, Renée, nun wird er ganz purpurn, freut dich das?“

„Ja,“ sagte Renée. „Heut tut er es dir zuliebe –.“

„O, Renée, wie bist du gekommen. Wie ein Schirokko bist du mir ins Haus gefahren. Kennst du den Wind? Er macht müde und warm. Ganz warm. Er fühlt sich schmeichelnd an und sanft. Kennst du den? In der Nacht? Dann kommt er mit dumpfen Stößen, so als wäre es ein Beben und gar kein Wind.“

„So bin ich gekommen, sagst du –“

„Ja, so,“ sagte Yvonne leise.

Renée lachte: „Aber gar nicht aus dem Süden. Da war ich noch nie. So dumm und ungebildet bin ich.“

„Wir wollen dahin gehn,“ sagte Yvonne, „du und ich. Da wohnen wir in einem kleinen, weißen Palazzo, wohnen wir – ja – und fahren aus in unserer Gondel jeden Abend, dahin, wo man nichts mehr sieht vor Dunkelheit auf dem Meer.“

Renée streichelte Yvonnes Hände: „Das tun wir, du und ich.“

„Nun will ich gehn, Renée.“

Sie gingen am See.

„Das ist schön. Ich wußte nicht, wie schön,“ sagte Yvonne, „das ist von dieser schmerzlichen Schönheit, die weinen machen kann, aber wir weinen nicht.“

Renée lachte: „O, wir nicht.“

Yvonne sagte: „Du nie mehr, hörst du wohl?“