Ostern kam Renée aus der Pension.
Die Trennung war gar nicht so schlimm, wie Renée dachte. Denn nun freute man sich doch, daß man erwachsen war und tun konnte, was man wollte, und daß es ein Ende hatte mit dem Herumkommandiertwerden. Nur von Edel fortgehn, war ein wenig schwer. Es war ein besonderes Leid dabei und eine Bitterkeit. –
Zu Haus war ein Zimmer für sie allein gerichtet worden. Der Garten war noch sehr öde, und Renée fühlte sich allein, weil es niemanden gab, dem sie hätte erzählen können. Sie fühlte dies ‚Erwachsensein‘, auf das man sich so freute, als etwas Fremdes und Lästiges. Und fremd waren ihr die umgeräumten Zimmer, in denen sie auf einmal wohnen sollte. Und dies: sie sah diejenigen, die ihr früher Autorität gewesen waren, anders an. Sie hatte etwas Revolutionäres mitgebracht. Elisabeth war enttäuscht, in der heimkehrenden kleinen Schwester einen Menschen mit eignem Wollen und eignen Gedanken zu entdecken; der konnte wohl möglich mehr vom Leben verlangen, als es Elisabeth recht war. Und darum machte Renées Auftreten ihre Schwester mißtrauisch. Papa war, wie er immer gewesen. Er kümmerte sich nicht um die Entwicklungsphasen seiner Töchter. Ihre Anpassung an seinen Willen, der sich in ‚ich wünsche, daß ...‘ ausdrückte, schien ihm selbstverständlich.
Einmal hatte Renée doch ein Gespräch mit Papa. Ein richtiges Gespräch, wo beide Teile Ansichten äußerten. Nicht bloß Papa. –
Renée wollte nicht zum Abendmahl am Karfreitag. Sie hatte es lange bedacht. Und dachte, ich kann es nicht. Papa suchte sie umzustimmen. Er wanderte im Zimmer hin und her, die Hände auf dem Rücken, und zuweilen blieb er am Fenster stehen mit dem Rücken gegen das Zimmer. Renée saß auf einer Sessellehne. „Es frägt ja niemand, was du dir denkst,“ sagte Papa. „Es gibt eben gewisse Verpflichtungen, denen man nachzukommen hat, und ein junges Mädchen aus unseren Kreisen muß soviel Takt besitzen“ – Wieviel Takt Renée besitzen sollte, erfuhr sie leider nicht. Weiter sagte Papa, Renée müsse die kirchlichen Gebräuche mitmachen wegen der Leute im Dorf, die das eben erwarteten. „Wenn man die Vorzüge und Annehmlichkeiten einer Lebensstellung genießen will, so muß man auch die damit verbundenen Pflichten auf sich nehmen,“ fuhr Papa fort, „und ich hoffe, daß du fernerhin dein Leben mehr von diesem Standpunkte aus betrachten wirst.“ Renée sagte: „Ich will ja gar nicht die Vorzüge und Annehmlichkeiten deiner Lebensstellung genießen, Papa, ich werde mir –“ „Unsinn,“ donnerte Papa. „Das ist unreifes Zeug. Du bist eben hineingeboren in diese Lebensstellung und damit basta.“ – Renée versuchte es nochmals. Sie holte ganz tief Atem. Sie sagte: „Aber ich bin doch alt genug, Papa, und wenn es gegen mein Gewissen geht, wenn es mir doch eine Komödie ist und ich mich geniere –“ „Ich weiß nicht, Renée, du hast seit einiger Zeit eine so überspannte, aufgebauschte Art zu urteilen und zu reden. Ich wünschte, du kehrtest etwas zu deiner früheren, einfachen Ausdrucksweise zurück. Im übrigen wünsche ich –“ Papa betonte – „daß du an der Sache teilnimmst!“ – Renée ging hinaus. Während sie die Treppe hinaufstieg, ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte wieder nicht den Mut, etwas gegen Papas Willen zu tun. Da war diese dumme Kinderfurcht. Und Renée war doch siebzehn Jahr.
Was wurde aus dem Leben? Zog es sich so ohne Sinn in die Länge, eine nutzlose Reihe von Tagen, an denen man aufstand und schlafen ging? Wo immer alles ganz anders geschah, als man wußte und fühlte, daß es geschehen müsse. Und wo man feige dabeistand und mittat! –
Die Tage im Herbst waren so lang. Manchmal noch fuhr Papa mit Renée in den Wald. Aber sie fand, daß wenig Spaß dabei war. Papa sprach kaum jemals ein Wort. Höchstens über den Pächter oder über Wachstum und Wildstand. Man hätte doch viel bessere Dinge mit Papa reden können, wenn er nur gewollt hätte. –
Elisabeth begann sich mit Renée zu beschäftigen. Es fing an mit Auseinandersetzungen, wie man sich gegen die ‚Herren‘ zu benehmen hätte. Daß man einem jungen Herrn nicht gleich beim ersten Vorstellen die Hand entgegenstrecken dürfe. Daß man es vermeiden solle, irgendwo an Wänden, Ecken oder Pfeilern allein zu stehen. „Denn,“ sagte Elisabeth, „das fällt auf, und man muß das Auffallende vermeiden in jeder Hinsicht.“
Renée hätte ganz gern gehabt, wenn Elisabeth mitgegangen wäre auf die Bälle und vor allem zu Hof. Da traute sie sich nicht recht allein. Elisabeth wollte nicht. „Weißt du, es ist so dumm und geschmacklos, wenn man mit den viel jüngeren Leuten umherspringt unter all den grünen Gänsen und mit einstimmt in die Kalberei. Außerdem langweilt es mich. An den Festlichkeiten im Hause werde ich natürlich teilnehmen. Im übrigen“ – dies sagte Elisabeth mit einem etwas hämischen Lächeln, – „im übrigen wird ja Hannsbabo mit seiner jungen Gattin im Winter wieder beim Regiment sein, und du wirst dann an Sarah eine Stütze haben. Hoffentlich geben sie dir einen recht schönen Ball, da sie ja Geld genug besitzen –“ „Hat Sarah soviel Geld?“ Elisabeth lächelte wiederum. „Und ob,“ antwortete sie, „ihr Vater war irgend so ein Petroleumkönig. Weißt du,“ – Elisabeth lehnte sich erhaben in ihren Sessel zurück – „gerade sehr feudal, wie man sagt, ist ja diese Partie nicht. Freilich die Kröten kann Hannsbabo brauchen!“ Elisabeth war so recht im Fahrwasser. „Damals, ehe er rüberging, hätte er sich beinah hier festgenagelt. Er hatte da so eine Tingeltangeleuse beim Wickel, die er absolut heiraten wollte. Na, Papa hat ihm heimgeleuchtet, Gott sei Dank –“ Elisabeth lachte. „Wie komische Ausdrücke du hast,“ sagte Renée „Und außerdem war es eine Sängerin.“ „Das sind dann immer Sängerinnen, kennimus,“ antwortete Elisabeth überlegen.
Elisabeth häkelte für arme Kinder. „Dreimal – viermal,“ zählte sie vor sich hin; dann: „Du, Renée, woher weißt du denn eigentlich davon?“ – „Oh nur wenig von Hannsbabo selbst. Und dann hörte ich Papa schelten damals. Du selber sagtest auch mal bei Tisch, es sei gut, daß Hannsbabo nun in Washington wäre.“
Elisabeth sah auf: „Was so ein Kind nicht alles aufschnappt.“ Renée mußte lachen. – „Ja, da hättet ihr euch eben mehr vorsehen müssen!“ – „Eigentlich warst du immer furchtbar schweigsam, Renée.“ „Mag sein.“ – „Und,“ fuhr Elisabeth fort mit einem kleinen, affektierten Lächeln, „mich konntest du, glaub ich, überhaupt nicht leiden?“ Renée wunderte sich. „Ach doch,“ sagte sie.
Manchmal fing Elisabeth nun mit ihr Gespräche an. Renée mochte es nicht sehr gern, aber es war immerhin amüsanter als das schweigende Herumsitzen. Zuweilen kam Elisabeth auf das Heiratsthema. „Weißt du, Renée, man muß jung heiraten,“ sagte sie. „Sonst fügt die Frau sich nicht mehr ein. Am besten gleich von der Pension in die Ehe hinein. Das ist das beste.“ „Ich glaube doch, eine Frau könnte ein wenig älter und reifer sein, ehe sie heiratet.“ Elisabeth lachte wegwerfend. „Reifer – nein, das ist höchst überflüssig und kommt außerdem von selbst. Und zum Beispiel du. Du bist doch eben aus der Pension. Kommst du dir zu unreif vor zum Heiraten?“ Renée lachte: „Eine recht verfängliche Frage. Aber ich will gar nicht heiraten.“ „Na weißt du, das sagen alle.“ Renée fand solche Unterhaltungen langweilig. Sie wollte abschneiden. „Ich wüßte wirklich nicht, warum ich es sagen sollte. Es ist eben meine Ansicht.“
Eine Weile schwieg Elisabeth. Renée vertiefte sich in die ‚Natürliche Schöpfungsgeschichte.‘ – „Renée!“ – „Ja.“ – „Weißt du,“ sagte Elisabeth, „eine Frau braucht die Liebe. Du kannst das noch nicht so beurteilen. Und für eine anständige Frau ist eben ‚Liebe‘ gleichbedeutend mit ‚Ehe‘.“ – „Die bedauernswerte!“ sagte Renée. „Gott, Renée, was du immer redest.“ Renée bekam auf einmal eine sonderbare Bekennerlust. Und sie hörte selbst verwundert das nie noch ausgesprochene Bekenntnis. Sie sagte: „Heiraten. Ich möchte wohl. Denn ich glaube, das Wundervollste des Lebens ist dies Beisammensein zweier Menschen, die so viel Vertrauen ineinander haben, daß es wird wie ein Glauben, der Berge versetzen kann. Ich möchte – oh ja. Aber mit einer Frau möchte ich Freund sein –“ „Warum denn nicht mit einem Manne? Eben darin besteht doch die Ehe,“ sagte Elisabeth erregt. „Ach, tut sie das? Meinetwegen. Aber Männer sind unfein. Sie sind grobgeboren, sie können’s nicht ändern –“ „So,“ sagte Elisabeth höhnisch, „und der teure Hannsbabo?“ Renée zögerte, dann antwortete sie: „Hannsbabo ist nicht unfein. Nur etwas gedankenlos ist er.“ Elisabeth erhob sich zu ganzer Länge. „Herrgott,“ rief sie, „Renée, du kramst ja da einen schönen Unsinn aus. Laß das bloß nicht die Herren mal hören, sonst ist dein Ruf fertig und –“ „Du sollst mich in Ruh lassen, Elisabeth, hörst du, ich will gewiß nie wieder mit einer so plumpen Person von meinen Dingen reden.“ Elisabeth schimpfte. Renée lief hinaus und warf hinter sich krachend die Türe zu. „Dies unanständige Türenschmeißen!“ hörte sie Elisabeth hinterdrein rufen. –
Renée lief in den Garten. Ekel war in ihr. Wie konnte – oh wie konnte sie ihre schönen und guten Hoffnungen dieser widerlichen Banalität preisgeben. So wenig konnte sie schweigen. Mußte alles ausschwatzen, damit ja einer es nehmen konnte und herunterreißen. Sie hatte einen namenlosen Widerwillen. –
Elisabeth verhielt sich eine Woche lang feindlich. Teils unschuldig beleidigt, teils unschuldig beleidigend. Elisabeth umsorgte Papa mit besonderer Zärtlichkeit und frug in seiner Gegenwart mehrmals Renée, ob sie beim Johannisbeer-Auskernen helfen würde. Renée haßte Einmachen. –
Auf der Veranda saß Elisabeth. Sie kernte Johannisbeeren aus mit einer Haarnadel. Neben ihr rechts stand eine Kiepe voll Beeren, links ein Topf, wo die ausgekernten hineinkamen. Renée setzte sich dazu und fing an. Man brauchte fünf Minuten für eine Beere. Am Schluß war von der Beere nur noch die Haut übrig. Sie warf es ärgerlich fort. „Ich begreife nicht, wie ihr ein so albernes Kompott machen könnt.“ Elisabeth steckte eine Beere in den Mund. „Wenn dein Vater wünscht, daß dieses Kompott bei den Exzellenzendiners gegeben wird, so wird das wohl nicht albern sein,“ sagte sie. Renée hatte Streitlust. „Red’ doch nicht so einfältig. Das ist doch Papa total einerlei. Und außerdem Exzellenzendiners“ – sie wiederholte das mit umständlicher Aussprache – „Als ob der olle Gagern und der olle Pressenthin nicht ebensogut Appelkompott essen könnten.“ – „Die Leute erwarten eben, daß es in einem vornehmen Hause etwas Anständiges zu essen gibt.“ Renée lachte. Sie sagte: „Na dann täuschen sie sich halt.“ – Elisabeth beharrte in Schweigen. –
Im Laufe des Sommers gab es zwei Ereignisse: Der neue Landrat machte Besuch, und es kam eine Einladung zum Essen nach Waldburg. –
Der neue Landrat fuhr eines Tages mit einem Schimmel-Tandem und einem rot lackierten Wagen vor, der mit rotem Leder ausgeschlagen war. Er bewies dadurch Eleganz und Wohlhabenheit. Renée wurde das Ereignis gewahr, als sie Elisabeth dröhnend ins Schlafzimmer laufen hörte, wo sie ihre Haare zu brennen begann. „Luise, meinen schwarzen Rock!“ tönte es durchs Haus. Renée weigerte sich hinunterzugehen.
Der Besuch saß also mit Papa und Elisabeth auf der Veranda. Renée guckte ein bißchen aus dem Fenster heraus und hörte jemanden mit einer näselnden Stimme in abgerissenen Sätzen reden. „Jawohl, Herr General – ganz recht. Die Geselligkeit in unserem Kreis ist etwas – hm – latent.“ – Renée zog schnell den Kopf zurück und lachte ins Zimmer hinein. War das ein Scheusal! –
Nach einer halben Stunde kam Elisabeth befriedigt herauf. „Herr von Horwitz ist ein angenehmer Mensch,“ sagte sie, „mit vornehmen, gediegenen Ansichten.“ „Gott segne ihn.“ antwortete Renée. –
Den Herrn mit den gediegenen Ansichten traf man auf dem Diner in Waldburg. Dieses Diner war Renées ‚erstes Auftreten‘. Aber man nahm sie noch nicht ganz für voll. Sie hatte einen Tischnachbar von ausgesprochener Jugendlichkeit. Er war Student. Er befand sich im zweiten Semester. Er vertraute Renée an, daß er durchaus für das Frauenstudium eingenommen sei und daß er nur jeder Dame dringend dazu raten könne. Die männlichen Kommilitonen wären von zuvorkommendster Höflichkeit, und es sei doch auch sehr interessant. Renée hörte die Schwierigkeiten der Gymnasialbildung, und es sei eben ganz was anderes als diese löcherige Mädchenschulbildung, und Renée versprach ebenfalls Medizin zu studieren, wenn es dazu käme, und sich nicht durch hochmütige Vorurteile von Verwandten davon abhalten zu lassen.
„Arzt sein, Menschenhelfer, das ist der einzige vornehme Beruf,“ sagte der Student. Er sagte: „Mein Gewissen würde nicht ruhn, wenn ich einen so unsozialen Beruf ergriffe, wie etwa den des Juristen oder des Theologen.“ – Renée wandte ein, von seinem Standpunkt aus habe auch der Theologe einen sozialen Beruf. Aber sie mußte hören, das sei – pardon, ohne ihr zu nahe zu treten – Unsinn. Der Student redete noch, als man von Tisch aufstand und redete weiter durch drei Zimmer hindurch. Renée dachte: Wenigstens viel gegessen hab ich, und er hat fast gar nichts gegessen. –
Der Student bot ihr eine Zigarette an. „Der verehrten Kommilitonin in spe,“ sagte er. Renée paffte lustig in die Luft.
Die alte Gräfin Arnim schlich vorbei am Arm ihres Schwiegersohnes und wedelte sich mit dem Fächer den Rauch aus dem Gesicht. –
Auf der Rückfahrt sagte Papa: „Renée, du hast dich, wie ich höre, höchst unmanierlich dort betragen. Ein junges Mädchen muß mehr Haltung besitzen. Merke dir das!“ – „Das Rauchen wünscht Papa auch nicht,“ sagte Elisabeth.