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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 32: Eine Regenzeit kam. Eine Zeit, wo der See
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Eine Regenzeit kam. Eine Zeit, wo der See unten schwarz aussah oder grau mit weißen Schaumkämmen. Tag und Nacht raschelten die Bäume im Garten ihre Zweige aneinander, Tag und Nacht klapperte der Regen auf der Steinterrasse, rauschte der Regen. –

Yvonne lag unruhig. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah hinaus, immer hinaus, so, als müsse sie einem Dinge nachsehen, das draußen verginge in den Kronen der großen Bäume.

Geldern war bei ihr. Er ging nicht mehr fort. Er war in ihrer Nähe. Er stapfte hin und her vor der Terrasse im Regen. Das Wasser prasselte auf seinen Hut und Mantel.

Manchmal stand er still und sah auf das Haus.

„Erzähle mir, Renée, sag etwas, du sprichst nicht.“

Renée sah sie an und versuchte zu lächeln. „Schliefest du nicht?“

„Nein.“ sagte Yvonne. „Ich sah dich an.“

„Wovon soll ich erzählen?“ frug Renée.

„Noch einmal von dem See, wo wir wohnen werden.“

„Ja, der See. Wir werden viel rudern,“ sagte Renée. „Wenn wir auf dem Wasser sind des Abends, wird es dunkel, und wir müssen dann nach dem Licht zu fahren, das angezündet ist in unserem Haus. Denn es ist so dunkel draußen.“

„Wie dunkel, Renée?“

„So dunkel, daß ich nur dein Gesicht sehn kann, Yvonne.“

„Wie du schön erzählst,“ sagte Yvonne. „Was dann?“

„Wenn wir zurückkommen in den Garten, zünden wir Lichter an in kleinen, bunten Lampions, die brennen unter den Bäumen. Das tut man so im Sommer.“

„Das ist noch lange hin,“ sagte Yvonne.

„Nicht sehr lange. – Der See ist still. Nur sehr von fern hört es sich an, wenn manchmal der Wind Geräusche herüberträgt. Ganz allein sind wir dann, du und ich. So allein, daß nur Töne, kaum noch die Töne zu uns herüber können von fern. Ja – wenn wir dann wieder zurückgegangen sind ins Haus, dann liest du mir vor, Yvonne.“

Yvonne frug: „Was lese ich?“

„Die schönen Gedichte.“

„O, lese ich die – das müßte gut sein, Renée.“

Renée schwieg nun. In ihr war etwas, das wehrte sich gegen das Sprechen. Das wollte nichts wissen von all diesen freundlichen Dingen, das wollte nicht – und dann ein anderes. – Sie sagte: „Wir werden abends am See sitzen, Yvonne. Weißt du, es gibt einen Ton, den liebe ich. Wie ich ihn liebe. Das ist zu Haus immer gewesen am Wasser.“

„Das liebst du?“

„Ja, und es gibt nichts, was so traurig macht und so wehmütig.“

„Was ist denn das? Ist es eine Musik?“ frug Yvonne.

„Nein, gar nicht.“

„Ist es Gesang also?“

„Nein,“ sagte Renée „Es kommt nicht einmal von Menschen. Es ist das Quaken der Frösche in den Frühsommernächten.“

„Und dann ist Renée immer traurig geworden?“

Renée lächelte. Yvonne sagte: „Ganz wehmütig ist die kleine Renée geworden. Sag mir, werden wir nun alle beide traurig, wenn sie da bei uns quaken am See in der Nacht?“

„Nein,“ sagte Renée. „Wir gar nicht. Wir natürlich nicht. Man wird es nur, wenn man allein ist.“

„Du sollst nicht allein sein, Renée.“

„Du bist ja bei mir.“

„Ja, ich bin bei dir,“ sagte Yvonne.

„Sag mir, Renée, gibt es Pappeln dort?“

„Ja, freilich gibt es. Sie stehn am Ufer entlang oder zu beiden Seiten der Fahrstraßen. Sie haben grausilberne Blätter, und wenn Wind ist, der rieselt durch die runden Blätter gerade wie Regen.“

„Tut er das, Renée?“

Renée lachte. „Du, wart, du lachst mich aus, wenn ich erzähle.“

„Gar nicht. Nur ich stelle es mir vor, und dann muß ich so sehr in das hineindenken, was du erzählst, so daß ich mich sehne nach deinen Pappeln – und nach dem süßen, sanften Frühling.“

„Und wir haben doch gerade Frühling.“

„Nein,“ sagte Yvonne, „der ist nicht sanft, der nicht.“

„Aber im Garten ist er. In deinem Garten ist er schön, Yvonne. Wo die Weide ganz dünne, hellgrüne Büschel herunterhängt.“

Yvonne sagte: „O, sprich nicht davon.“

Yvonne schloß die Augen. So lag sie lange. Renée saß neben ihr und sah sie an. Sah, wie dies fremde, schmerzliche Zittern in ihr Gesicht kam. Sah, wie das Gesicht wieder still wurde und unbewegt.

Sie streichelte Yvonnes Hände.

„Geh, Renée, laß mich eine kleine Zeit allein.“

„Yvonne!“

Yvonne lächelte: „O, geh doch.“

Draußen war Geldern. Er ging leise an die Tür, als Renée herauskam, und öffnete. Dann kam er wieder. „Sie will allein sein,“ sagte er.

Renée frug ihn, wollte wissen, wollte Antwort.

Er sagte: „Lassen Sie, es ist nicht Yvonnes Wunsch.“