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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 35: Renée, hast du nicht Sehnsucht nach zu Haus?
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

„Renée, hast du nicht Sehnsucht nach zu Haus?“ sagte Yvonne.

„Nein, gar nicht.“

„Sagen sie nicht, du sollst kommen und sind dir böse darum?“

„Nein,“ sagte Renée. „Sie brauchen mich nicht. Ich ginge auch nicht.“

„Aber du solltest gehn, Renée.“

Renée erschrak, sah sie an. Warum sagte Yvonne das? Warum sprach sie mit dieser traurigen, stillen Stimme – ja, Renée erschrak. –

„Gingest du doch, Renée. Soll ich wissen, daß ich dich – o, dich so sehr beschwert habe.“

Renée sagte: „Nicht doch – wie redest du. Ohne dich zu sein ist schwer und mit dir ist es leicht.“

Yvonne sah sie an. Ihre Augen waren eine lange Zeit groß und fragend auf Renée gerichtet.

Renée lächelte. Renée fühlte einen zitternden, kleinen Schmerz. Sie hielt ganz fest die Lippen zusammen, damit es keinen Laut gäbe – und lächelte.

Yvonne streichelte ihre Hände.

„Es ist nicht leicht für dich,“ sagte Yvonne. Dann zog sie Renée an sich.

Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.

Danach war es gut. So gut. Renée war nicht mehr allein mit diesem entsetzlichen Wissen. Nein, nicht mehr. Sie brauchte nicht mehr Scherze zu machen und kleine, leichtsinnige Reden.

Sie brauchte nicht mehr zu lächeln, wenn sie so sehr traurig war. –

Ein Tag kam, der wieder warm war und Sonne hatte. Durch das Fenster kam der Erdgeruch herein, den der Regen gebracht hatte, und alle Blumen rochen so gut. Aber am süßesten war der Geruch des Flieders.

Yvonne sagte: „Ich will in den Garten. Ich muß in den Garten.“

Renée wollte sie nicht lassen. Sie sagte: „Du wirst kalt haben, weil es schon Abend ist. Und dann hat Geldern es doch verboten. Tu es nicht, Yvonne.“

Yvonne schüttelte den Kopf. Sie nahm Renée an der Hand. „Geh du in den Garten.“

Renée sagte: „Nein, er mag mich nicht ohne dich, und ich mag ihn nicht ohne dich.“

„Tragt mich hinaus, Renée.“

Renée wollte nicht. Renée wehrte sich den ganzen Tag.

„Renée.“ – „Ja.“ – „Blüht auch der weiße Flieder?“

„Ja, der auch,“ sagte Renée.

„Blühen die Kastanien?“ – „Ja.“

„Ach, die sind schön dies Jahr,“ sagte Yvonne. „Sind sie nicht wie große Weihnachtsbäume? Sind da Kastanien an dem See, von dem du erzählst?“

„Ich denke. Und Linden sind da,“ sagte Renée, „und sieben Pappeln oder fünf, ich weiß nicht.“

„Muß man die zählen? Und sag, ist Flieder da?“

Renée nickte.

„Renée, glaubst du, daß es Menschen gibt, die niemanden lieb haben?“

„Nein, wie sollte es das geben?“

„Glaubst du nicht?“

„Nein,“ sagte Renée. „Sie würden gar nicht leben mögen vor lauter Sinnlosigkeit.“

Yvonne sah so sehnsüchtig hinaus in den Garten. „Mach doch die Fenster weiter auf. Es ist zu heiß, Renée.“

Renée ging zu den Fenstern. Die Luft kam schwer und warm mit dem süßen Geruch der Blumen. Zum See hinunter war es dunkel, und der See war stahlgrau. „Es wird Gewitter kommen,“ sagte Renée.

Gegen Nacht war es da.

Erst fuhr der Wind ruckweise surrend durch die Zweige und Blätter – dann lag er breit über den Blumen, schwenkte sie herum und riß die Blüten ab.

Dann jagte er auf den Wegen mit Blüten und Blättern. Es wurde Sturm. Man konnte die Schaumkämme auf dem See sehen, wenn Blitze waren, und der See wurde eins mit den Wolken – wie groß und unheimlich waren die Wolken.

Renée richtete sich auf im Bett und sah hinaus. Der Baum neben ihrem Fenster fuhr hin und her und schlug klatschend seine Zweige an die Mauer.

Renée spürte den Wind in ihrem Gesicht. Ihr Gesicht war feucht und sie hatte doch geschlafen.

Sie dachte: Ich weiß es, wenn ich schlafe; aber wenn ich wache, kann ich von Leben und Zukunft sprechen.

Sie dachte – an den Tod, der das Ende war.

Wie ist das, wenn ich tot bin, während das Leben weiter geht. Irgend jemand tut einen in den Sarg, und man wird begraben, so wie es Sitte ist, wie auch Hannsbabo begraben wurde.

Grauen kam, kam an ihr Herz. Sie fühlte die Kälte des Windes, als wäre es in ihr und machte ihr Herz vereisen – langsam so kalt werden, daß es nichts mehr fühlte.

Der Baum schleuderte fortwährend seine Zweige gegen die Mauer. Renée fuhr auf. Immer noch spürte sie den Wind im Gesicht, und sie fühlte eine fremde Last auf ihrem Herzen. Das machte sie schwer und mühsam atmen.

Es war, als käme keine Luft. Dann fühlte sie ihr Herz klopfen, und einen Augenblick fühlte sie es nicht mehr. Sie begann zu laufen, schnell die Treppe hinunter durch den Gartensaal. – „Yvonne!“

Yvonne war am Fenster. Sie saß und sah hinaus und dann lächelte sie Renée zu. –

Am andern Tag sah Renée Doktor von Geldern, als er aus Yvonnes Zimmer kam. Und sie sah, daß er weinte, oder hörte es nur vielleicht. Renée ging leise hinein.

Yvonne – sah Yvonne sie nicht? Renée ging ganz leise auf den Fußspitzen, und dann saß sie am Bett, dann faßte sie Yvonnes Hand und hielt sie fest.

Renée horchte auf die Tropfen des Regens, die vor dem Fenster auf das Steinpflaster fielen. Horchte und atmete ganz leise, so als dürfte man nicht das Geräusch der Tropfen stören.

Wußte sie es nun, war es nun ganz in ihr Herz eingedrungen? – Ihr Herz war still. Warum weinte sie nicht. Warum sollte sie weinen? –

Renée dachte: Worauf habe ich doch so lange gewartet, habe ich nicht auf dich gewartet, weil ich meines Lebens Ziel suchte?

Bist das nun du?

Ist es meines Lebens Ziel, daß ich mit dir gehe, wohin du gehen wirst?

So dachte Renée.

Leicht war ihr Herz.

Sie dachte: Müßte ich dich zurücklassen, dann würde ich weinen.

Es ist süß, mit dir gehn. –

Der Abend machte es still im Garten. Renée hörte nicht mehr den Regen.

Renée hielt Yvonnes Hand, und immer sah sie in das weiße Gesicht. Das schien zu lächeln unter den Schmerzen.

Und Renée fühlte in dem zitternden Schauer, der ihren Körper durchlief und bei ihrem Herzen zurückblieb – fühlte sich dem äußersten Erleiden so nahe, als müßte sie selber fort mit diesem so geliebten Leben.

Wußte sie nun alles? – O, es gab nichts Größeres als diesen Menschen. Und Yvonne – sie litt nicht, wie andere Menschen leiden.

Nichts rührte sie an von jenen grauenvollen Häßlichkeiten, als ginge sie still geworden in die Sonne hinein, in die Sonne, die ihres Herzens große Wärme aufnehmen würde.

Die sanfte Hand berührte Renée. Die so geliebte Stimme sprach: „Bist du nun doch bei mir bis in das Letzte hinein, Renée? Nehme ich denn nicht deine liebe Jugend mit fort, wenn du alles dieses ansiehst?“

Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.

Renée umfaßte sie mit dem Gefühl von Nie-lassen-wollen.

„Laß – ich bleibe bei dir, Renée. Du nimmst mich überall hin auf der Erde, wenn ich auch gestorben bin.“

Renée sah die Qual in ihren Augen, und sie fühlte, wie ihr eigner Körper schlaff wurde und zuckte, und ihre Kniee ließen nach, so daß sie niedersank neben dem Bett.

„Nein – nein, du gehst ganz fort! Nichts bleibt bei mir. Du kamest, damit ich dich verlieren sollte. Nichts wird sein als diese jämmerliche Erde, wo du nicht bist.“

Die sanfte Hand berührte Renée.

„Nein – nein. Ich will nicht! Soll ich leben, um jeden Tag zu fürchten, der kommt und mich wissen macht, daß du nicht lebst. Soll ich das Leben, auf das ich mich so freute, soll ich es gehn lassen mit dir?“

Yvonnes Hand tastete nach Renée. Und dann kamen Laute wie die eines gehetzten Tieres und ein Aufwärtswollen.

Es kam das Grauen.

Aber es gab doch den Tod. Es gab, was ein Ende macht. Es stand neben dem Bett, ganz nah. Wenn man es trank –

Yvonne streckte ein wenig die Hand aus. Renée schob das Glas beiseite, nach dem sie die Hand ausstreckte.

„Aber ich lasse dich nicht! Du mußt noch bleiben.“

Renée fühlte eine Starrheit des Willens über ihre Seele gleiten.

Es war, als fühlte sie nur noch diesen Willen. – „Ich will dich behalten,“ sagte sie.

Groß öffnete Yvonne die Augen. Sie lächelte, und mit einer fremden, stillen Stimme sagte sie: „Renée, ich will es leiden um dich!“ –

Also kam das Leben zurück.

Es würde aufstehn über dem Tod – der große Wille hatte den Tod beiseite geschoben. –

O, das Leben war noch da. Man konnte die Sonne draußen sehn, die hinglitt über die Blumen im Garten und über den Rasen. – Das Leben war noch da. Das, von dem man nicht lassen kann, weil es so schön ist und noch so unbekannt.

Wer hatte den Tod rufen wollen – o Torheit.

Renée zog Yvonne an sich und küßte ihr Gesicht. Yvonne lächelte, lächelte mit zitternden Lippen. Sie sagte: „Ich will warten, bis du mir den Tod schenkst – – laß es bald sein.“ –

Renée fühlte den Willen nicht mehr, fühlte nur Zärtlichkeit in ihrer Seele –

Sie küßte Yvonne die Augen,

Und ließ sie trinken. –

Dann trank auch sie.

O, wie süß ist es, so einzuschlafen – – –

Die Verse auf Seite 95 sind
einem Gedicht von Toni Schwabe entnommen.

Buchdruckerei Roitzsch
Albert Schulze, Roitzsch