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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 5: Renée ging mit Papa die Schloßtreppe hinauf
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Renée ging mit Papa die Schloßtreppe hinauf. Vor ihr und hinter ihr stiegen Frauen mit glitzernden Kleidern von schwerem Stoff, und Männer, die sich kaum regen konnten vor Goldbesatz und Troddeln. Die Treppe war viermal so breit als gewöhnliche Treppen, und an jedem Absatz standen zwei haushohe Grenadiere, regungslos wie in Castans Panoptikum. Nebenher lief in ungeheuerlichen Windungen die steile Auffahrt, auf der des Kaisers Vorfahren, Gott mag wissen wie, mit achten heraufgefahren sind. Renée hielt sich eng an Papa, der die goldstrotzenden Männer begrüßte und ab und an einer von den Frauen die Hand küßte. Er tat, als ob er sie alle genau kennte, obgleich er gleich darauf Renée mit dem Ellbogen puffte und fragte, wer es gewesen sei. –

Oben ging Papa hinter Renée her, und in einem großen Zimmer mit schwatzenden, jungen Mädchen trat er auf einen freundlichen, alten Herrn zu, dem der goldne Schlüssel auf dem linken Frackschoß klebte, und sagte, hier bringe er seine Tochter. Der alte Herr sagte: „Oh, sehr erfreut,“ und dann gab er Renée die Hand und teilte ihr mit, daß sie zwischen der Komtesse Itzenplitz und Fräulein Frida von Roeder zu gehen käme.

Als Papa fort war, sagte der alte Herr, Renée solle sich ja nicht beunruhigen, es werde ja sicher alles tadellos gehen und er werde sich nachher erlauben, den Damen noch einige Winke zu geben – dann rief ihn ‚die Pflicht des Dienstes‘. So stand Renée allein in den Elisabethkammern, hielt die große Schleppe noch genau so, wie sie ihr zu Haus über den Arm gelegt worden war und betrachtete ihren Schleier und den ganzen sonderbaren Aufputz im Spiegel gegenüber.

Man wartete ein bis zwei Stunden, währenddes gab der Kammerherr ihnen die Winke: nicht zu tief, weil sie sonst nicht wieder hoch kamen, und vor allem recht ruhig und mit einer gewissen Feierlichkeit. Von diesem Moment an sah man die Neu-Vorzustellenden würdevoll aufeinander zuschreiten und auf den Erdboden versinken. Sie erhoben sich mühsam.

Ab und zu guckten ein paar Damen und Herren durch die Tür und betrachteten die ‚Neuen‘. – –

Renée erwachte aus einem Halbschlaf, als das Schleppenende vor ihr sich in Bewegung setzte. Sie ging hinterher durch die Reihen der Pagen und Lakaien und behielt den rundlichen Rücken der Komtesse Itzenplitz fest im Auge. Dann riß man ihr die Schleppe vom Arm, die sorglich ausgebreitet wurde und von nun an wie ein wundervoller weißer Schweif hinter ihr drein kam.

Im Rittersaal hob ein Kammerherr beschwichtigend und Einhalt gebietend die Hand, und Renée wartete ab, bis die rundliche Komtesse vor den Majestäten versunken und wieder erstanden war, worauf auch sie in würdevoller Haltung sich zum Thron begab. „Fräulein Renée von Catte,“ sagte die Oberhofmeisterin vernehmlich, und während Renée den viel probierten Knix ausführte, sah sie der Kaiserin, die freundlich lächelte, gerade ins Gesicht. Der Kaiser hatte mehr ein vorwurfsvoll freundliches Aussehen. So wie: ‚Warte du, draußen lacht ihr doch!‘

Draußen lachte Renée wirklich. Sie lachte durch die sieben oder acht Gemächer und rannte mit der wohlverpackten Schleppe, so schnell sie konnte. Draußen gab es Sekt und Büfett. Aber leider wollte Papa so schnell weg mit Renée. Sie konnte nur von weitem ihre schöne Schwägerin ansehen, die eine große Krone von Diamanten auf dem Kopfe trug. – Als Papa seine Mütze aufsetzte, sagte er: „Gott sei Dank, das wäre erledigt.“ –

Bei Sarah sollte die erste Tanzstunde sein. Sarah wollte es Papa abnehmen. Diese Tanzstunden gingen die Reihe herum, und es war genau verabredet, was es zu essen geben würde. Damit man sich nicht aus Versehen übertrumpfte.

Wenn die Tanzstunde bei Major von Cramer war, dann gab es stets acht Damen mehr als Herren. Ja. Dort gab es so wenig zu essen. Hingegen bei Sarah waren die Herren komplett und brachten noch Freunde mit. Denn Sarah machte einen großen Ball daraus. Bei Sarah ging es erst los, wenn es eigentlich aus war. –

Renée bewunderte Sarah. Renée dachte: Sie ist ganz anders als die meisten Frauen, viel kleiner und so fein und so zart. Manchmal war es, daß Renée ganz böse wurde gegen ihren Bruder, weil er sich so wenig kümmerte um Sarah. Manchmal war sie ihm böse. – Also sehr prächtig war die erste Tanzstunde. Es kam dieselbe Lehrerin, die Renée einmal Jagdhund genannt hatte; sie war diesmal milde gegen Renée, und sie war böse und kampfbereit gegen die Herren, und manchmal stieg sie auf einen Stuhl, um sich verständlich zu machen.

Renée tanzte mit einem von Hannsbabos Regiment. Er hieß Schoenburg. Er war mittelgroß und blond und hatte sanfte, stahlgraue Augen. Er gefiel Renée. Renée sagte, die Tanzlehrerin sei so grob. Aber er lachte und meinte, sie sei nicht so schlimm. Er sagte: „Sie ist so grundbrav. Man wird ihr gut darum. Man muß sie gern haben, wenn man ihr zusieht.“ Dann lächelte er. „Wir sind Freunde, Frau König und ich.“ – Einmal als Frau König gar nicht durchdringen konnte, drehte Schoenburg das Licht aus. Dann erschraken alle. Dann waren sie ruhig. Frau König sagte: „Ja Herr von Schoenburg, wenn ich Sie nicht hätte.“ – Das war hübsch. Das gefiel Renée. Der wurde einer von ihren ‚guten Freunden‘. Dann gab es noch zwei. Da war der kleine Wachenhusen. Er war von den Kasseler Husaren nach Berlin kommandiert und sein hellblauer Attila sah genau aus wie seine hellblauen Augen. Er war klein und fix und lustig, und am Ende jedes Balles sagte er zu Renée: „Wir bleiben doch gute Freunde!“

Einmal hatte Renée eine ganze Weile gestanden und hatte eine sehr schöne und sehr prächtige Frau angesehen, um die drei oder vier Herren herum waren. Die also sah Renée an, und da auf einmal kam der kleine Wachenhusen zu ihr. Er sagte: „Warum sehen Sie die Gräfin Lynar so viel an, gnädiges Fräulein?“ Renée wurde ein ganz wenig verlegen, dann sagte sie sehr bestürzt: „Glauben Sie, sie hat es gemerkt?“ Der Wachenhusen lachte: „Nein, aber ich habe es gemerkt!“ – „Sie gefällt mir so gut,“ sagte Renée. „Mir auch.“ – „Sie hat eine so sonderbar spielende Art zu sprechen,“ sagte Renée. „Ja, das hat sie.“ – Sie waren beide sehr einig über die Gräfin Lynar. – Manchmal stritten sie auch. Einer sagte: „Sie war viel schöner neulich bei Wedels, als sie das goldene Kleid hatte“ und der andere: „Nein, sie ist schöner in ganz matten Farben.“ –

Renée fand es sehr lustig mit dem kleinen Wachenhusen.

Der dritte gute Freund war Rodeck. Zuerst mochte Renée ihn nicht. Er hat eine zimperliche Art von Frauen zu reden, dachte Renée. Es ist immer, als wären sie von Glas. Und immer sollen sie ihren Fuß an keinen Stein stoßen. Wenn nun der Rodeck einmal verheiratet war, gewiß lief er dann immer mit Halstüchern hinter der Frau her. Hinter der unglücklichen Frau von Rodeck. – Also erst mochte Renée ihn nicht. Dann geschah einmal etwas: Rodeck hielt eine Ansprache. Rodeck sagte: „Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, wie ich es eigentlich wage, mich mit einer großen Bitte an gnädiges Fräulein zu wenden. Mit einer Bitte, die mir viel bedeutet. Seien Sie nicht böse, wenn ich Ihre Hilfe in Anspruch nehme, denken Sie nicht, ich sei unbescheiden – bitte, bitte!“ – Als die Ansprache so weit gediehen war, machte Rodeck eine Pause. Aber er sah Renée so gut und warm an, und seine putzigen, runden Augen hatten so etwas Geängstigtes, – Renée sagte: „Ja, ich will so gerne alles tun.“ Dann zog Rodeck mit beiden Händen seinen Waffenrock glatt und drehte seinen Hals ein paar Mal in dem hohen, mit Eichenlaub gestickten Kragen herum, dann sprach er weiter: „Es ist – ich habe die Ehre, wie gnädiges Fräulein wissen, am fünften bei Ihrer Frau Schwägerin und Ihrem Herrn Bruder zum Diner erscheinen zu dürfen, ja – und ich wollte sagen, ich meine, ich wollte fragen, ob die Tischordnung –“ Weiter kam die Ansprache nicht. Es kam kein Ton mehr. Und Rodecks Augen waren nahezu am Herausfallen vor Geängstetsein –

Renée wurde auf einmal von einem Redetaumel ergriffen. Sie wüßte ja und sie verstünde ihn vollkommen und selbstverständlich wolle sie allen ihren Einfluß aufbieten – und während sie sprach, wurden die Augen ihr gegenüber wieder kleiner und selbstsicherer, und als sie schwieg, sahen die Augen sie lustig und verschmitzt an. „Ich möchte so gerne Fräulein von Treskow zu Tisch führen.“ – „Ich werde es zuverlässig besorgen,“ sagte Renée.

Als sie nach Haus fuhr, küßte Rodeck ihr die Hand. –

So lernte Renée den Herrn von Rodeck kennen.

Am andern Morgen ging sie zu Sarah. Sie fand Sarah noch zu Bett unter lauter Spitzen und Schleifen. Ringsum lagen die Listen für das Diner. Renée wußte nicht recht, wie sie es anbringen sollte. –

„Nun, Renée,“ sagte Sarah und streckte Renée ihre Hand mit den vielen bunten Ringen hin, „nun, Renée!“

„Hast du schon die Listen gemacht,“ frug Renée, „darf ich mal sehen?“

Sarah lachte: „Gewiß wolltest du irgend etwas Besonderes dabei, und was ist es denn?“ Dann gab Sarah ihr die Listen hinüber. „So, nun geh damit an den Tisch, darling, und was dir anders besser gefällt, das änderst du –“

Renée sagte: „So gut bist du, Sarah.“ – Sie setzte sich an Hannsbabos großen Schreibtisch und malte die Tafeln auf ein Papier, daran wurden alle Namen geschrieben, so wie die Leute zu Tisch zu sitzen kamen. Und neben Fräulein von Treskow stand Rodecks Name. Renée hatte das Gefühl einer guten Tat. –

Sarah öffnete ein wenig die Tür, steckte den Kopf herein und sagte: „Bist du noch da?“ Dann kam sie. Ein Gewirr von Seide war um sie herum und ein starker Duft von Vervein. Sie setzte sich in den großen Ledersessel neben dem Rauchtisch. „Nun, darling, wen hast du zu Tisch?“ – „Schoenburg.“ – „Oh ich weiß, das ist der mit den Stahlaugen von Dohnas Schwadron. – Ist es schön, jung zu sein, Renée?“ „Das weißt du doch ebensogut!“ – Sarah nahm aus dem kleinen goldnen Kasten eine Zigarette und bot Renée an, dann lachte sie: „Meinst du, ich weiß es? Nein. Ich war viel zu sozial, um jung zu sein.“

„Was tatest du denn?“ – „Ach so langweilige ‚Women-Klubs‘ und ‚Women Kongregations‘ und dergleichen. Ich mag Amerika nicht. Ich mag lieber Europa.“ Renée staunte. „Aber dort ist’s doch viel freier und selbständiger für Frauen.“

Sarah sagte: „Ich liebe nicht die Selbständigkeit.“ Sie kroch ganz tief in eine Ecke des großen Sessels. „Es ist langweilig, frei zu sein.“ – „Ach,“ machte Renée.

„Ja, es ist langweilig. Es ist keinerlei Sensation oder Gefahr dabei.“ – „Aber Sensationen sind etwas Abscheuliches,“ sagte Renée.

Sarah sprang auf aus dem tiefen Sessel mit einem einzigen, elastischen Sprung. „Ich lebe nur in der Sensation,“ sagte sie. „Huh, machst du große, entsetzte Augen, Renée! Ist das so schlimm?“

Renée mußte lachen. „Nein, nur neu – und ich denke, was wohl Elisabeth sagen würde –“ „Plagt dich das,“ sagte Sarah. „Darum tät ich mich nicht kümmern. Du bist doch viel klüger als Elisabeth.“ Renée frug: „Glaubst du?“ – „Elisabeth ist eine Null auf zwei Beinen, eine altjüngferliche und aufgeblasene Person. Du Renée –“ „Was bin denn ich, sag doch,“ bettelte Renée. Sarah lachte: „A silly little girl.

Draußen war Säbelgerassel. Dann flog die Tür auf, voran ein Rosenstrauß, dann Hannsbabo. „Wo bist du, Queen Mab,“ rief er. Sarah ging ihm entgegen. Er sah Renée gar nicht. Er breitete seine Arme aus – Sarah bückte sich – da – huschte sie unter seinen Armen durch wie eine kleine, schnelle Katze. – „Sag doch Renée guten Tag, du grober Bruder,“ rief sie. Dann war sie aus der Tür. Er legte die Rosen beiseite und gab Renée die Hand. „Ich freue mich, daß du Sarah besuchst, kleiner Bub.“

Renée fuhr es so heraus: „Was hat denn Sarah?“ Dann erschrak sie und dachte: Wie taktlos frage ich. – Hannsbabo wandte ein wenig den Kopf zur Seite, er seufzte ganz leise, wie ein angestrengtes Atmen klang es. Dann sagte er: „Bleibst du nicht zu Tisch, Renée?“ – „Nein, ich danke dir, aber Papa –“ „Könnten wir denn nicht telephonieren?“

„Ach nein, Hannsbabo.“ – „Wenn es mir nun gerade sehr viel wert wäre?“ „Also gehe ich telephonieren,“ sagte Renée. Hannsbabo nickte. – – Als Renée wieder hereinkam, meldete der Diener das Essen. Im Eßzimmer kam ihnen Sarah entgegen in einem weißen Kleid. Sie legte Hannsbabos Rosen neben sich bei Tisch. Sarah sprach und erzählte, und auch Hannsbabo sprach, und immer, während sie gleichgültige Dinge redeten, sah Renée, wie ihres Bruders Augen schmerzlich an Sarah hingen. Und es quälte sie. –