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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 6: Der Ball, den Sarah und Hannsbabo gaben
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Der Ball, den Sarah und Hannsbabo gaben, sollte im Esplanade stattfinden. Zahllose Cousinen vom Lande waren gerade zufällig in Berlin und besuchten Sarah und wurden eingeladen. Zahllose Väter und Mütter teilten Renée mit, daß sie und ihre Töchter von Sarahs Liebreiz entzückt wären. Auch sie wurden eingeladen. – Man sprach von diesem Fest in der aufgeregtesten Weise. Der Kronprinz würde kommen, ebenso Erbprinz August. Prinzessin Sophie hatte ihr Erscheinen zugesagt – ja sogar der Kaiser würde möglicherweise – –

Wenn man Sarah davon erzählte, amüsierte sie sich. „Sie sollen sich nur immer freuen,“ sagte sie. „Bei mir werden sie nicht mit Schellfisch und Truthahn abgefuttert.“ – Renée lachte: „Wieso Schellfisch und Truthahn?“ – „Ich habe hier fünfundzwanzig Bälle mitgemacht, und jedesmal gab es Schellfisch und Truthahn. Hast du es noch nicht gemerkt, Renée?“ – –

Renée kam etwas vor der Zeit ins Esplanade. – Schon in der Garderobe, wo Sarahs Jungfer, ganz in Weiß, waltete, wurde Renée von zahllosen Schwarzgekleideten ehrfurchtsvoll empfangen. Die Jungfer, die von den anderen Bedienten ‚Miß Adelaide‘ genannt wurde, hängte Renées Cape in einen Schrank. „Die gnädige Frau haben es so befohlen für die Sachen der gnädigen Frau und des gnädigen Fräuleins,“ sagte sie. –

Am Eingang zu den Empfangsräumen stand der Kammerdiener Joel Smith. Auch dieser verbeugte sich würdevoll. – Endlich war Renée drinnen. Es ging durch drei Räume, in deren zweitem Hannsbabo stand. An jeder Tür waren zwei Diener in Goldlivreen mit weißen Perücken. – „Ich habe Gott sei Dank keine weiße Perücke,“ sagte Hannsbabo. „Sarah will dir noch etwas Wichtiges mitteilen. Sarah sieht so schön aus, daß ich am liebsten die Leute ausladen möchte. Also geh zu Sarah. Ich möchte auch viel lieber. Aber Sarah sagt, daß es sich gehört, daß der Herr des Hauses im zweiten Zimmer steht und die Frau im vierten. Ich habe ferner den Auftrag, Damen von Distinktion am Arme hineinzuschleifen, da sich das auch gehört. Vom Herannahen prinzlicher Equipagen werde ich durch Telephon von einem im Hotel Bristol postierten Unteroffizier benachrichtigt.“ –

„Herrgott,“ sagte Renée, „das ist ja wie eine Detektiv-Geschichte!“ – „Bitte – bitte, es gehört sich so. Und nun geh in den Saal und sieh selbst!“ –

Im Vorzimmer war mattes Licht, und der Lichtglanz des Saales blendete Renée in die Augen. In der Tür in einem sonderbaren Helldunkel stand Sarah. Sie stand in dem metallenen Glanz ihres Kleides, das ganz mit Silber übergossen war in vielen kleinen Schuppen. –

Sie hatte eine lange Perlenkette und eine Schulterkette von Smaragden. Sie trug eine Perle auf der Stirn, die hing an einem dünnen Faden von Silber.

Renée stand und sah sie an. Ihre Schönheit war verwirrend – es war so prächtig alles – Renée sah, wie in Sarahs Gesicht ein kühles, schönes Lächeln kam. – Renée begrüßte ihre Schwägerin flüchtig und fing an, den Saal zu betrachten. Dann sagte sie: „Hannsbabo steht gar nicht so gern an der Tür, hat er gesagt.“

Sarah lachte: „O, er will immer alles mögliche.“ –

Gäste kamen. Renée fand sich bald in einer vielstimmigen Unterhaltung – dann holte Schoenburg sie, weil die Prinzessin käme. Renée wurde vorgestellt. Die Prinzessin war gar nicht so langweilig, wie Renée erwartet hatte; sie sagte, daß Renées Schwägerin eine sehr schöne Frau sei und daß Renées Bruder so glücklich aussähe. Sie scherzte mit ihrer Hofdame und versicherte, sie könne jeden Abend mindestens zwanzig Namen behalten und Fräulein von Zitzewitz eben nur neun. Der Kronprinz gefiel Renée, aber Erbprinz August nicht. Wie sollte er! Er ging mit einem blasierten Gesicht herum und stand immerzu neben seinem Adjutanten. –

Schoenburg sagte: „Nun kann ich gnädiges Fräulein nicht zu Tisch führen, der Erbprinz soll es!“ Renée ärgerte sich. „Ich möchte viel lieber den Kronprinzen,“ sagte sie. Schoenburg sah sie ingrimmig an. „So – ach,“ sagte er. „Ich meine doch natürlich lieber als den Erbprinzen –,“ aber das versöhnte Schoenburg nicht. „Der Kronprinz wird Ihre Frau Schwägerin führen. Wollen wir also den Blumenwalzer nehmen und den ersten Lancier.“ Er schrieb seinen Namen ein.

Beim Essen saß Schoenburg auf der anderen Seite neben ihr. „Ich hab die Rosi Solms mit Harrach neben den Erbprinzen gesetzt,“ flüsterte er, „die werden ihn schon unterhalten.“

Es sprach sich gut mit Schoenburg. Er wußte von allen Dingen und er dachte gern nach. Manchmal wenn einer von beiden ein Buch gelesen hatte, das ihm gefiel, las es der andere auch, und sie sprachen davon. Nur liebte Schoenburg andere Bücher als Renée. Er liebte die ‚starke Frau von Gernheim‘, und er sagte, man müsse diese Frau anbeten. Er sagte: „Das ist wahre Größe.“ – „Aber ich mag es nicht, daß sie bei diesem Mann bleibt,“ sagte Renée. „Das soll eine Frau nicht tun.“ – „Aber sie tut es im Gedanken an eine Liebe, die größer war als sie selber. Sie tut es immer noch, obwohl diese Liebe vergangen ist. Sie hängt daran, weil es das Glück ihres Lebens ist.“ „Ja,“ sagte Renée, „wohl – dennoch! Sie sollte das Gedenken an diese Liebe nicht mehr in Verbindung bringen mit jenem Menschen, der sie gemein macht. Oh, ich glaube dieser Sache fehlt eben ein kleiner Zug der Größe, dieser: Das Gelebte loslösen können von der Realität, um es ganz zu eigen zu nehmen“ – „Sie sprechen das schön aus,“ sagte Schoenburg, „es ist auch wahr, was Sie sagen. Aber, Fräulein von Catte, ich kann nicht davon ab. Für mich liegt eine geradezu heilige Schönheit in diesem starken, schweigenden Verzichten.“ –

„Und der Schmerz des Verzichtens?“ so frug Renée. – „Eben der,“ sagte Schoenburg, „bleibt verschwiegen. Darin liegt die Größe.“

„Nur Stärke liegt darin, Herr von Schoenburg.“ – „Gehen gnädiges Fräulein gern auf Bälle?“ ließ sich Erbprinz August vernehmen. – Renée konnte vor Schreck nichts antworten und sah verdutzt in des Erbprinzen fragendes Gesicht. „Dies ist mein dritter Ball ...“ flüsterte Schoenburg von hinten – beinahe hätte Renée es wirklich wiederholt. – „Ja, ich tanze sehr gern,“ sagte sie.

Dieser Ball war schöner als die anderen. Es war alles viel prächtiger. Es gab viel mehr Licht. Es sah aus wie große Blumenbeete, die hin und her vom Wind bewegt wurden zuletzt.

Dann sollten Hannsbabo und Sarah zusammen tanzen.

Sie riefen es von allen Seiten, und auf einmal kam der Kommandierende auf Sarah zu, bot ihr den Arm und führte sie in die Mitte des Saales. „Oberleutnant von Catte,“ rief er dröhnend – dann stand Hannsbabo vor Sarah. Und er sah sie einen Augenblick an, und Sarah sah ihn an, dann lächelte sie – – Sie tanzten – Sarah mit ihrem sonderbar blassen Gesicht in dieser Wolke von Silber. Hannsbabo mit seiner schönen, stolzen Gestalt. In der rechten Hand über ihrer Schulter hielt er einen großen Busch roter Rosen und immer strichen die Rosen vorüber an Sarahs Gesicht. –

Sie tanzten allein – rings im Kreise standen die Menschen und klatschten in die Hände – und auf einmal faßten die Herren sich an und rasten im Kreise mit wildem Hurrageschrei um die Tanzenden. – Renée drehte sich alles vor den Augen – irgend ein wahnsinniges Bild von Tod kam ihr; von einem atemlosen Tod, der – sie hörte einen sonderbaren Laut neben sich. Schoenburg durchbrach die Kette der Tanzenden – es hörte auf – sie bliesen das Halalila.

Renée sah ihren Bruder mit Schoenburg hinausgehen. Schoenburg stützte ihn. – Renée sah sich um. Keiner schien es bemerkt zu haben, oder keiner wollte es bemerken – Sie ging Hannsbabo nach. –

Er lag auf dem Sofa in einem der Nebenräume. Schoenburg ließ Renée herein. „Bitte nicht Frau von Catte zu rufen,“ flüsterte er. Renée blieb allein mit Hannsbabo. Sie streichelte seine Hände, die waren ganz kalt. Sein Gesicht brannte in einem dunklen Rot. Er atmete überhastet. – „Lieber Hannsbabo.“ Er begann zu sprechen: „Renée, sag es keinem Menschen, versprich mir, auch ihr nicht“ – dann: „Sie hat es gewußt. Sie hat es so genau gewußt.“ Renée verstand ihn nicht. Renée frug, was meinte er denn, was war es? Aber er sagte nichts. Er schickte Renée fort – aber sie wollte nicht gehn. – „Hannsbabo, hab ein bißchen Vertrauen, sag es mir!“ – Er sah so sonderbar ins Leere – oh, sein Gesicht anzusehen machte trauriger als traurig. – Er sagte: „Ich liebe sie so sehr, daß es mir eine Qual ist, ihr nah zu sein –“ Weiter sagte Hannsbabo nichts. Renée ging. Nach kurzer Zeit sah sie ihn wieder im Saal.

Sarah nahm die Abschiedscour entgegen. Hinter ihr standen Graf Solms und der kleine Schulenburg, bewaffnet mit Sarahs Blumensträußen. Hinter Renée zählten zwei junge Mädchen ihre Buketts aus. „Ich habe doch zwanzig,“ hörte Renée. „Lida Arnim hat bloß dreizehn!“ „Da sieh mal, Frau von Catte.“ – „Na ja die!“ –

– Was sind es doch für Gänse! dachte Renée.