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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 7: Am Sonntag wird Herr von Horwitz mit uns
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

„Am Sonntag wird Herr von Horwitz mit uns essen,“ sagte Papa. „Ich erwarte, daß du etwas liebenswürdiger sein wirst als sonst, Renée. Ich schätze Herrn von Horwitz durchaus.“ – „Ich habe gar nichts gegen ihn. Er ist nur so komisch, Papa.“ – „Es wäre Zeit, diese Kindereien aufzugeben,“ sagte Papa gereizt. –

Am Sonntag kam Herr von Horwitz. Es gab Sekt, es gab Austern, auf dem Tisch waren Blumen. Elisabeth war in einem hellila Kleid mit Spitzen. Das hatte doch irgend etwas zu bedeuten. Renée merkte bald, was es zu bedeuten hatte. Herr von Horwitz trat mit einem Maiglockenstrauß an und küßte mit ernster Devotion Elisabeths Hand. Er nannte sie: ‚Verehrtes, liebes gnädiges Fräulein‘. Also so weit war es schon. Fast kam Herr von Horwitz Renée noch komischer vor als vordem, sie hätte ihm beinahe ins Gesicht gelacht. Auch der Gedanke, daß Elisabeth extra für ihn das hellila angezogen hatte, war so unausbleiblich komisch. –

„Das Landratsamt wird nämlich jetzt ausgebaut,“ sagte Herr von Horwitz – „und der Kreisbauinspektor meinte, im Juni würde der Anbau beziehbar sein.“ – Über Elisabeths Gesicht ging eine flüchtige Röte, dann sah sie heimlich so von der Seite zu Renée hinüber. –

Nach dem Essen ging Renée in ihr Zimmer. Sie setzte sich ans Fenster, da wo man die ganze endlose Straße hinuntersehen konnte. Da kamen aus der linken Seitenstraße die vielen Straßenbahnen und ratterten um die Ecke. Im Sommer, wenn der Asphalt trocken war, taten sie das mit einem gellenden Stöhnen. Im Winter klirrte es vom Frost. –

Wenn Renée vorm Schreibtisch saß, sah sie alles, was auf der Straße geschah. Sah die Menschen, die aufgeputzt in den Tiergarten zogen, und die Bahnen und Droschken, die vollgestopft dem Kurfürstendamm und dem Grunewald zurollten. Der Grunewald – Renée dachte an die Seen, die stillen – und besonders an den mit dem Jagdschloß. – –

Ganz leise öffnete jemand die Tür. –

„Wie geht’s, kleiner Bub?“ – „Hannsbabo du?“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „so sehr wunderst du dich? Ich hab den Dogcart unten und wollte dich ein bißchen abholen. Magst?“ – „Ob ich mag. Fahren wir nach dem Grunewald, bitte, bitte.“ Er lachte: „Wohin denn sonst, kleiner Bub?“ –

Renée erzählte, daß sie gerade an das Jagdschloß gedacht hätte. „Also fahren wir dahin,“ sagte Hannsbabo. –

Auf dem Kurfürstendamm war es kaum zum Durchkommen. Hannsbabo mußte seinen Fuchs mehrmals scharf zurückhalten, auf der Halenseer Brücke stand man fünf Minuten. – In Hundekehle spannte der Groom aus. Renée und Hannsbabo bogen links ab. –

„Wo ist Sarah?“ frug Renée. – „Sie hat Teebesuch von einer Landsmännin. Und sie fährt nicht gern mit Pferden. Es geht ihr zu langsam. Es ist ein dummer Zeitverlust mit Pferden – sagt Sarah. Auto ist besser. Kennst du Sarahs Auto? Es ist grün mit Silber.“

Renée kannte es noch nicht. Aber ob sie nicht lernen dürfe es zu lenken? So gern wollte sie das. Hannsbabo lachte. „Wie das den Frauen im Blut steckt. Ich glaube, Sarah tut nichts lieber. – Sarah hat einmal das Chauffeurexamen gemacht, und seit wir in Deutschland sind, hatte sie schon fünf Strafmandate wegen zu schnellen Fahrens.“ – „Daß sie das kann.“ Er sah Renée erstaunt an. – „Warum?“ – „Sie sieht so zart aus und so weich.“

„Sie ist stärker als wir beide zusammen, kleiner Bub Renée. Bei ihr ist Gefahr eine Leidenschaft. Es reißt sie fort. Es wirft alle anderen Dinge in ihr um.“ – „Physische Gefahr?“ – „Jede Gefahr, auch psychische,“ sagte Hannsbabo. – Er stieß einen kleinen Stein mit dem Fuß vor sich her während dem Gehen – manchmal blieb er unvermittelt stehen. – Renée sah Blässe und Röte jäh wechseln auf seinem Gesicht. Sie setzte sich an den Waldrand. – „Bist du müde, Hannsbabo?“ – Er streichelte Renées Hand. – „Bist du krank?“ frug Renée – „Nein, nein. Es ist nur, nur manchmal ermüde ich plötzlich. Das ist ein vorübergehender Schwächezustand. Hinterher bin ich ganz wie sonst, das überfällt mich so manchmal.“ – „Warum gehst du nicht mal auf Urlaub, damit du dich erholen kannst, Hannsbabo?“

„Sarah mag nicht.“ –

„Ohne Sarah dann,“ sagte Renée. –

„Oh – ohne Sarah.“ – – – –

Hannsbabo legte das Gesicht in die Hände. „Ich kann nicht von ihr fort,“ sagte er. „Hannsbabo, warum bist du nicht glücklich?“ Er nahm Renées Hand und hielt sie fest. „Es ist gut, daß du mich einmal fragst, Renée, denn ich glaube, ich müßte ersticken, wenn ich es nie jemandem sagen könnte.“ –

Immer wieder streichelte Renée seine Hand. – Er sagte: „Ich liebe Sarah! Siehst du, Renée, ich kann nicht ohne sie sein. Ich bin ganz ohne Gefühl und ohne Interesse für alles andere. Und Sarah – Sarah hat mich gern. Sie hat es gern, daß ich um sie bin und ihr alles tue. Sie sucht mich nicht. Und ich suche sie den ganzen Tag.“ – –

„Aber Sarah liebt dich doch, Hannsbabo.“ Renées Bruder legte sich nieder auf den Waldboden und schloß die Augen – so lag er die ganze Zeit, während er weitersprach, und ein Lächeln, das einen sehr schmerzlichen Zug hatte, kam auf sein Gesicht.

„Damals als wir uns verlobten, war es noch nicht so. – Erst dachte ich, es müßte ganz gut sein in einem gleichgültig ruhigen Zusammenleben; sie geht ihre Wege und ich meine. Dann – wollte ich mit ihre Wege gehn – das ließ sie zu. Dann wollte ich sie an mich nehmen zu mir – das ließ sie nicht zu, – nein das nicht!“

„Vielleicht muß sie mehr Zeit haben dazu,“ sagte Renée. Er lachte. Ein böses und hoffnungsloses Lachen: „Es wird nie anders sein. Und wenn ich ihr Zeit ließe bis in die letzte Stunde meines Lebens.“ – Er sprang auf. – „Da wird immer diese Distance sein, kleiner Bub, die, an der ich mich kurz und klein reibe. – Laß uns zurückgehn, Renée.“ –

Renée konnte nicht vergessen, was Hannsbabo gesagt hatte. Nicht bei der Heimfahrt und nicht zu Haus beim Abendessen und in der Nacht auch nicht. Sie lag diese Nacht lange, ehe sie einschlief, und dachte, was sie tun könnte, um Hannsbabo zu helfen. Und wie sie über ihn nachdachte, dann wußte sie es, daß er müde war und krank und daß er einen brauchte, der ihm half. Dann verfolgten ihre Gedanken ihn in allen seinen Worten und seinen Gebärden von dem Augenblick an, da sie ihn wiedergesehen hatte in Groß-Gehren, als er Sarah brachte, und sie dachte: damals ging er immer umher und sah die alten Bilder an in den Zimmern. –

Am Morgen war Papa böse, denn Renée wäre so lange weggeblieben, und nun hätte er die ganze Zeit sich dazu setzen müssen. –

„Aber Papa – Elisabeth ist doch alt genug.“ – „Unsinn,“ sagte Papa, „es gehört sich so.“ – Elisabeth aber kam zu Renée. Elisabeth schloß ihre Schwester in die Arme und sagte mit sanft melancholischer Stimme: „Ich möchte, daß du teilnimmst an meiner Freude, Renéechen, ich habe mich gestern abend verlobt!“ – Renée sagte: „Ach.“ Dann erschrak sie recht, und gleich darauf hörte sie sich eine wohlgesetzte Glückwunschrede halten. –

Nun kam immerzu Viktor, so hieß der Landrat. – Es gab seine Leibgerichte, er wurde mit Sekt bewirtet. Viktors Ansichten wurden proklamiert. Man hörte ein ewiges: ‚Viktor meint, Viktor findet‘ – im Haus.

Papa ignorierte das und hielt sich in seinem Zimmer. – Renée wurde mitgeschleppt auf allen Spaziergängen und Einkäufen. In die Ausstellungen mußte Renée, in den Zoo, ins Theater. Und immer sah sie eine sanft strahlende Elisabeth neben sich und Viktor mit den hellgelben Glacés.

Sarah hatte für den neuen Schwager keine Sympathieen. Sarah sagte: „Er ist ein unausstehlicher Mensch. Wenn ich schon den geölten Scheitel sehe.“ – Aber es sollte ein Besuch gemacht werden bei Sarah, und Renée war vorher abgesandt. – Renée sollte Sarah freundlich stimmen. Renée sollte sagen, wie herrlich Viktor wäre und daß Elisabeth ihn so liebe und daß Viktor sehr wohlhabend und gut angeschrieben wäre. So war es Renée aufgetragen worden. – „Es muß aber doch ein fürchterlicher Tropf sein,“ sagte Sarah, „wenn er Elisabeth heiratet. Ich begreife es nicht. Elisabeth ist eine so widerlich knöcherne Person.“

„Laß sie doch gehn,“ sagte Renée, „sie hat dir doch nichts getan.“ – „Ich werde wohl meine Ansicht äußern können. Du wirst mir gar nicht so in die Rede fallen,“ sagte Sarah geärgert. „Du bist sehr ungezogen.“ –

Elisabeth wurde auf das Sofa gesetzt, Viktor kam auf einen Klaviersessel ohne Lehne. Dann lehnte sich Sarah in einen großen Ledersessel und betrachtete den auf dem Klavierpuff. Sie betrachtete ihn ungeniert und lächelte ein wenig dazu. – Viktor – ja, unbegreiflicherweise war es so – Viktor fühlte sich dadurch ermuntert zum Reden und erzählte, daß das Landratsamt bald beziehbar sei.

Nach einer Viertelstunde erhob sich Sarah. Sie wollte von Hannsbabos Schreibtisch einen türkischen Dolch zeigen. Als sie an Renée vorüberkam, neigte sie ein klein wenig den Kopf zu Renée hinüber: „Schaff diese Leute weg,“ sagte sie. –

Als Papa und Elisabeth nach Groß-Gehren gingen, durfte Renée noch in Berlin bleiben. Sie kam zu Hannsbabo und Sarah. – Einmal nach dem Essen, als sie Kaffee tranken in Hannsbabos Zimmer, sagte Sarah: „Renée, was würdest du sagen, wenn wir ein schönes Schloß kauften?“ –

„Hannsbabo bekommt doch Groß-Gehren,“ antwortete Renée. Sarah lachte: „Ach, das ist ein altes, unelegantes Ding – nein – ich meine ein feudales, großes Schloß mit Park und Teichen und weiten Rasenflächen.“ – „Eigentlich wäre das schön.“ – Sarah tippte mit einem Finger auf Hannsbabos Ärmel. „Siehst du, my boy – siehst du, Renée tut mit. Es ist viel schöner als das dumme Leutnant-sein.“ –

„Sarah behauptet, es ist dumm, ‚Leutnant-sein‘,“ sagte Hannsbabo, er rückte seinen Stuhl näher an den Sarahs – „und bitte, ist es auch dumm, ‚Rittmeister-sein‘?“

Sarah lachte: „O, es ist überhaupt lächerlich, wenn ein gutsituierter Mann Offizier ist. Wenn er aus einer guten Familie ist. Was gewinnt er denn etwa? Irgend ein schnauzbärtiger alter Herr läuft herum und hat einem zu befehlen. O, derselbe alte Herr wird von Wachs und Honig sein, wenn er eingeladen wird bei uns Hirsche schießen auf dem Schloß.“ –

„Sie kennt die Verhältnisse,“ sagte Hannsbabo lachend. „Man kann ihr nichts vormachen, Renée.“ –

Sarah holte einen Packen Briefe aus dem Schreibtisch: „Hier ist das Schloß, was man kaufen muß,“ sagte sie. „Das wird Hannsbabos Flügel und das meiner, und da kommen die Gäste hin.“ – „In ein Schloß mit Flügeln gehe ich überhaupt nicht.“ – „Du gehst mit, wo ich gehe,“ sagte Sarah, „denn es stehet geschrieben, der Mann wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen.“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „das ist ein sehr schöner Spruch.“ – –

Es war so hübsch, bei Hannsbabo zu sein. Sie hatten immer etwas vor, Gäste oder Theater oder Grunewaldfahrten. Dann kam man spät nach Haus mit dem Auto über den stillen Kurfürstendamm.

Abends – wie waren die Seen so schön. Bei Mond, der dann als eine silberne, zitternde Säule auf dem Wasser war – oder auch bei dunklen Nächten, wenn zerrissene Wolken über dem Wasser hingen – und plötzlich brach das Licht des Mondes durch ihre Schwärze. Die Kiefern standen wie ein undurchdringliches Dunkel zwischen Wasser und Himmel. –

Schön war es bei Hannsbabo. Renée durfte sich einladen, wen sie wollte. Renée durfte ein Abendessen geben nach dem Tennis. – Nun saßen sie bei der Bowle auf der großen Veranda. –

Hannsbabo ging mit Renée im Garten. Da war Halbdunkel – so richtig gut zum Reden, und Hannsbabo sagte: „Wenn du einmal einen Menschen liebst, Renée, dann mußt du an mich denken, an heute abend. Du sollst es gut haben, kleiner Bub. Ganz eins werden mit ihm, so daß man alles gemeinsam fühlt, so daß es nie mehr eine Einsamkeit gibt.“ –

„Hannsbabo, denkst du niemals an das kleine Bild, das du mir einmal zeigtest?“ – Er lächelte, schüttelte den Kopf. „Nein, Renée, ich glaube nicht. – Ich habe diese einmal tanzen sehn, als ich in Paris war mit Sarah.“

„Wußte Sarah davon?“ – „Ich hab es ihr erzählt, als wir sie sahen,“ antwortete Hannsbabo. – „Aber was sagte Sarah?“

Er wandte sich um nach der erhellten Veranda, wo die Leute lachten und schwatzten, und stand eine Weile schweigend. – „Ich höre ihre Stimme nicht,“ sagte er. – –

„Wie kann man das in dem Lärm,“ sagte Renée.

„Auch du wirst einmal unter vielen eine Stimme unterscheiden lernen, kleiner Bub.“ –

Sie gingen weiter. – „Was Sarah tat? O, sie tat mir eine Freude. Sie sagte: ‚Wenn du noch einmal dieses bunte Etwas mit dem Glas ansiehst, so fahre ich sofort zurück nach Washington.‘ – ‚Wie kann es schaden, wenn ich sie ansehe, da Sarah neben mir sitzt‘, sagte ich. Darauf sie: ‚Du bist ein Schwätzer.‘ – O, Sarah wußte ganz gut.“ – –

Renée sagte: „Wenn es so war, dann liebt dich Sarah doch, warum glaubst du es nicht, Hannsbabo?“ –

„Nein. Das ist kein Beweis. Das ist, weil eine Frau ihren Mann eben als Besitz betrachtet. – Sarah liebt überhaupt nicht. Sarah sieht nicht ein wozu. Es macht ihr kein Vergnügen.“ –

Sie gingen weiter. „Ich höre sie,“ sagte Hannsbabo.

Sarah rief ihn im Garten. Sarah kam zu ihm – sie lehnte sich an ihn und wandte ihr Gesicht gegen den Himmel, sie sagte: „Eben hatte ich ein wenig Furcht ohne dich.“ –

Es war eine sanfte, warme Nacht. –

Über der Gartenmauer standen die schimmernden Kerzen der Kastanien. –