Papa und Renée saßen im Wagen. Der Wagen stand in einer langen Reihe von Wagen vorm Schloßportal, stand und rückte und rührte sich nicht. Alle fünf Minuten ruckte es ein klein wenig, dann fuhr man zwei Meter weiter. Die Wagenreihe stand bis über die Schloßbrücke.
„Selbstverständlich muß man entweder ganz früh oder ganz spät fahren,“ sagte Papa geärgert. – „Ich wollte ja noch warten, aber du riefst doch.“ – Papa sagte: „Nun ja, eben immer diese Bummelei.“ –
Ein Polizeioffizier lief zeternd vorüber. Man stand eine Viertelstunde, eine halbe Stunde – Papa riß die Wagentür auf. –
„Könntest du wohl die paar Schritte hinüber zu Fuß gehen?“ frug er zweifelnd. – Renée raffte kurz entschlossen die Kleider zusammen – wie ein Storch kam sie sich vor, als sie mit langen rosa Strumpfbeinen herausstieg. Vierzig Wagen vor ihnen und ebensoviel dahinter – sogar die Ministerwagen mit den Vorreitern stoppten. –
Eilig stieg Renée die Treppe hinauf. Auf den Treppenabsätzen stauten sich die Damen vor den Spiegeln.
Ein unbestimmtes Drängen hinter ihr schob Renée vorwärts. Dann stand sie im Weißen Saal ganz allein in dem schimmernden Gewoge.
Es war, als gingen weiche Luftwellen an den weißen Riesenwänden empor und fingen sich oben in den goldenen Ornamenten. –
Dann kam der Kaiser – er trug die Uniform von Hannsbabos Regiment, und er grüßte zu denen im Saal, und die Kaiserin, die er am Arm führte, senkte langsam und würdevoll den Kopf mit dem schönen, weißen Haar. Sehr viel Glanz war um sie von den Krondiamanten.
Jemand hinter Renée flüsterte: „Sie sind ja ganz versunken!“ Es war Hedi Bassewitz. Sie stand mit drei andern hinter Renée. Eine von denen gefiel Renée. Sie hatte ein blaues Kleid an, das ganz eng anschloß und über und über mit glänzenden Schuppen benäht war. Ihre Augen waren blau.
„Jetzt ist die Kaiserin gleich durch,“ sagte die Bassewitz, „sie macht viel fixer als der Kaiser.“ Die in dem Schuppenkleid lächelte Renée zu. „Sie waren wohl noch nicht hier?“ sagte sie. „Nein, nur bei der Cour.“ –
Die Bassewitz erzählte, daß rechts die Botschafterinnen säßen und links vom Beschauer die Fürstinnen und hinten die Exzellenzendamen; daß kein Sterblicher tanzen dürfte, wenn etwas Prinzliches tanzte und daß, wer Walzer tanzte, rausgeworfen wird. „Nur Galopp ist erlaubt.“ –
„Aber sie machen doch Walzermusik,“ sagte Renée. – Die Bassewitz stieß ein überlegenes Prusten aus. „Man muß sich eben die Ohren zuhalten und einfach irgendwie herumspringen,“ antwortete sie.
Gerade als die Musik einsetzte, kam Hannsbabo und stellte Renée fünf Offiziere vor, und die engagierten Renée für alle Tänze. Es war doch nett von Hannsbabo. Sie verabredeten alle fünf das Zusammentreffen auf dem großen Parkettstern in der Mitte vor dem Thron. –
Hannsbabo wollte Renée zur Gavotte. „Du siehst blaß aus, Hannsbabo.“ Er lächelte. – „Nein, nein, das macht mein roter Rock und dann das Ausgehen. Das ermüdet etwas.“ –
Nachher ging Renée zu Sarah. Sarah sah schön aus. Sie hatte ein breites Diadem, Renée dachte: wie eine Städtekrone mit lauter Zinnen. Sie sagte: „Darf ich dir etwas sagen, Sarah?“ Sarah nickte abwesend. – „Hannsbabo muß nicht so viel auf Gesellschaften gehen, er sieht blaß aus.“ Die Schwägerin sah an ihr vorüber. „O, Hannsbabo ist all right,“ sagte sie. „Er wünscht immer, daß ich auf Bälle gehe, und er geht eben mit. Er tut es ganz gern. Du brauchst gar nicht Sorge zu haben.“ –
Die mit dem Schuppenkleid kam auf Renée zu. „Ihr Bruder sieht schlecht aus, Fräulein von Catte,“ sagte sie, „Sie müssen mehr auf ihn achten,“ und dann strich sie wie aus Versehn an Renées Hand vorüber, sah nach dem Thron, als ob sie dort etwas zeigte, und sagte leise mit abgewandtem Gesicht: „Diese Amerikanerinnen verstehen so wenig von Menschen. Sie sind nicht gewohnt darauf zu achten. Sie haben ihn doch lieb. Ich fürchte um ihn – fragen Sie mich nichts und sprechen Sie nicht darüber – bitte“ – –
Von hinten wurde Renée zur Seite geschoben. Sie sah in das indignierte Gesicht der Palastdame von Gagern. „Ihre Majestät kommt.“ – „Sie hätten fast die Kaiserin umgelaufen,“ hauchte ein Kammerjunker. – Renée erschrak – die Kaiserin ging durch die gebahnte Gasse grüßend vorüber. – „Höchstens hätte sie mich umgelaufen,“ murmelte Renée ingrimmig. – Die mit ihr gesprochen hatte, war fortgegangen. – Später erfuhr Renée, daß es die Gräfin Gisczyska gewesen war, die Frau eines österreichischen Attaché. –
Während der Gavotte beobachtete Renée immer ihren Bruder, und darum merkte sie es gar nicht, wie er kein Wort sprach, und sie kümmerte sich nicht darum, daß sie beide die Kürassierkolonne zweimal fast in Verwirrung brachten. – Wie mechanisch und ungewohnt er den Tanz ausführte. Mit so meilenweit fernen Gedanken.
„Kleiner Bub, warum siehst du mich so an?“ –
„Du bist nicht wie sonst, Hannsbabo.“ – „Du auch nicht. Du siehst heute besonders lieb und schön aus,“ sagte er. –
Renée hielt einen kleinen Augenblick seine Hand fest beim Vorübergehen. – „Hannsbabo, willst du mir’s nicht sagen? Oder – sei mir nicht böse – darf ich nicht einmal davon reden mit Sarah?“ – „Nein,“ sagte er, „nicht! Was soll ich mit irgend einem jämmerlichen Produkt deiner Ermahnungen? Was hilft es, wenn Sarah – o nein, so nicht, Renée.“ – – Renée wollte so gern Herrn von Schoenburg fragen. Aber der war so einsilbig, und immer, wenn Renée sich umsah, stand er hinter ihr und sah, den Kopf gesenkt, vorwurfsvoll zu ihr auf. Als Renée ging, sagte er: „Warum haben Sie nicht mit mir soupiert, Fräulein von Catte?“ – „Sie haben mich doch gar nicht gefragt.“ – „Aber Sie wissen das doch ganz gut,“ sagte Schoenburg. Dann begleitete er Renée zur Teufelstreppe, wo Papa auf sie wartete. Er ging auch mit herunter. Unten nahm er dem Diener Renées Cape ab und legte es ihr um. Und er sagte ganz leise: „Kommen Sie gut heim.“ –