Um sich indessen von den ihn umgebenden Eindrücken abzulenken, machte er sich wieder ans Schreiben. Aber wie hätte er die nötige geistige Freiheit finden sollen, um im Schrapnellhagel den dritten Teil seiner Erinnerungen aus der Jugend zu verfassen? Das Buch ist verworren. Man kann sein Durcheinander — und an manchen Stellen eine gewisse abstrakte analysierende Trockenheit mit Abteilungen und Unterabteilungen in der Manier Stendhals50 — den Bedingungen, unter denen es entstand, zuschreiben. Aber man muß die ruhige Durchdringung der zahllosen wirren Gedanken und Träume bewundern, die sich in dem jungen Hirn zusammendrängen. Tolstoi ist in diesem Werk von seltener Aufrichtigkeit gegen sich selbst. Und von welcher poetischen Frische ist er zuweilen, z. B. in dem reizenden Bild vom Frühling in der Stadt, in der Erzählung von der Beichte und dem eiligen Gang ins Kloster wegen der vergessenen Sünde.
Ein leidenschaftlicher Pantheismus gibt gewissen Seiten des Buches eine lyrische Schönheit, deren Ton an die „Erzählungen aus dem Kaukasus” erinnert. So die Beschreibung jener Sommernacht:
„Der ruhige Glanz des leuchtenden Halbmonds. Der schillernde Teich. Die alten Birken, deren langsträhnige Zweige auf der einen Seite im Mondlicht silbern schimmerten und auf der andern Seite Busch und Weg mit schwarzen Schatten zudeckten. Hinter dem Teich der Ruf der Wachtel. Das kaum hörbare Geräusch zweier alter Bäume, die sich aneinander scheuern. Das Summen der Mücken und das Herabfallen eines Apfels auf trockene Blätter, Frösche, die bis an die Stufen der Terrasse hüpfen und deren grünliche Rücken im Mondstrahl schillern... Der Mond steigt höher, schwebt am klaren Himmel und erfüllt den Raum; der wunderbare Glanz des Teiches wird noch strahlender, die Schatten noch schwärzer, das Licht noch heller... Doch ich armseliger Erdenwurm, der ich schon von allen menschlichen Leidenschaften beschmutzt, aber erfüllt von der ganzen unendlichen Macht der Liebe war, ich hatte in diesem Augenblick das Gefühl, als ob die Natur, der Mond und ich eins seien.”51
„Sewastopol”
Aber die Wirklichkeit der Gegenwart sprach lauter als die Träume der Vergangenheit; sie verschaffte sich gebieterisch Gehör. Die „Jugend” blieb unvollendet, und der Stabshauptmann Graf Leo Tolstoi beobachtete in der Panzerung seiner Bastei, im Kanonendonner, inmitten seiner Kompagnie die Lebenden und die Sterbenden und zeichnete ihre Ängste und seine eigenen in seinen unvergeßlichen Erzählungen „Sewastopol” auf.
Diese drei Erzählungen — Sewastopol im Dezember 1854, Sewastopol im Mai 1855 und Sewastopol im August 1855 — werden gewöhnlich in einen Topf geworfen. Sie sind indessen sehr verschieden voneinander. Besonders die zweite Erzählung unterscheidet sich in der Empfindung und im Stil von den beiden anderen. Diese sind vom Patriotismus beherrscht; über der zweiten schwebt unerbittliche Wahrheit.
Man erzählt, daß die Zarin nach der Lektüre der ersten Geschichte52 weinte, und daß der Zar in seiner Bewunderung befahl, man solle diese Seiten ins Französische übersetzen und den Verfasser an einen ungefährlichen Platz stellen. Man versteht das leicht. Alles verherrlicht hier das Vaterland und den Krieg. Tolstoi ist gerade erst hingekommen und noch voller Begeisterung; er schwimmt in Heldentum. Er bemerkt an den Verteidigern von Sewastopol weder Ehrgeiz noch Eigenliebe noch sonst irgend ein niedriges Gefühl. Für ihn ist das Ganze ein Heldengedicht, dessen Heroen „Griechenlands würdig” sind. Andererseits legen diese Aufzeichnungen keinerlei Zeugnis ab von einem Streben nach Erfindung oder dem Versuch einer objektiven Darstellung; der Verfasser spaziert durch die Stadt; er sieht sehr klar, erzählt aber alles in unfreier Form: „Man sieht... man tritt ein... Man bemerkt...” Es ist eine Art besserer Berichterstattung mit schönen Natureindrücken.
Ganz anders ist die zweite Geschichte: Sewastopol im Mai 1855. Schon in den ersten Zeilen liest man: „Tausende menschlicher Eitelkeiten sind hier aufeinander gestoßen oder haben im Tod Ruhe gefunden...”
Und dann:
„... Und da es viele Menschen gab, gab es viele Eitelkeiten ... Eitelkeit, Eitelkeit, überall Eitelkeit, selbst an der Pforte des Grabes. Es ist die unserm Jahrhundert eigentümliche Krankheit... Warum sprechen Homer und Shakespeare von Liebe, Ruhm und Leid, und warum ist die Literatur unseres Jahrhunderts nichts als die endlose Geschichte der Eitlen und der Snobs?”
Die Erzählung, die nicht mehr ein einfacher Bericht des Autors ist, sondern die Menschen und ihre Leidenschaften unmittelbar auftreten läßt, zeigt, was sich hinter dem Heldentum verbirgt. Der klare unbeirrbare Blick Tolstois dringt bis in die Tiefen der Herzen seiner Waffenbrüder; in ihnen liest er, wie in sich selbst, Hochmut und Furcht, das Narrenspiel der Welt, das noch drei Schritt vorm Tode weitergespielt wird. Besonders die Furcht wird eingestanden, ihrer Schleier beraubt und ganz nackt gezeigt. Diese unaufhörlichen Angstzustände53, dieser quälende Gedanke an den Tod werden ohne Scham und Mitleid mit fürchterlicher Offenheit aufgedeckt. In Sewastopol hat Tolstoi alle Sentimentalität verlernt, „jenes unklare, weibische, weinerliche Mitleid”, wie er mit Geringschätzung sagt. Und niemals hat sein Talent zu analysieren, das man schon während seiner Jünglingsjahre sich triebhaft entwickeln sah und das manchmal einen geradezu krankhaften54 Charakter annehmen sollte, eine bis zur Halluzination verschärfte Intensität erlangt, wie in der Erzählung vom Tode Praskukins. Dort sind zwei volle Seiten der Beschreibung dessen gewidmet, was sich in der Seele des Unglücklichen abspielt, während der Sekunde, da die Bombe eingeschlagen ist und zischt, ehe sie explodiert, — und eine Seite berichtet, was sich in ihm abspielt, nachdem sie explodiert ist und „er auf der Stelle durch einen Treffer in die Brust getötet worden ist”.
Wie Zwischenaktsmusik mitten im Drama öffnen sich in diese Schlachtenbilder weite Lichtungen, Sonnenstrahlen, die Symphonie des Tages, der über dem wundervollen Gelände anbricht, wo Tausende von Männern mit dem Tode ringen. Und der Christ Tolstoi vergißt den Patriotismus seiner ersten Erzählung und flucht dem ruchlosen Krieg:
„Und diese Menschen, Christen, die sich alle zu demselben großen Gesetz der Liebe und des Opferns bekennen, fallen beim Anblick ihrer Tat nicht reuig auf die Knie vor dem, der, da er ihnen das Leben gab, in die Seele eines jeden neben die Furcht vor dem Tode die Liebe zum Guten und Schönen pflanzte! Sie umarmen einander nicht wie Brüder mit Tränen der Freude und des Glückes!”
Im Augenblick, da Tolstoi diese Novelle beendet hat, die herb im Ton wie noch keines seiner Werke ist, fühlt er sich von Zweifeln ergriffen. Hat er unrecht gehabt, so zu reden?
„Ein peinigender Zweifel ergriff mich. Vielleicht sollte man das gar nicht aussprechen. Vielleicht ist das, was ich ausspreche, eine jener schlimmen Wahrheiten, wie sie unbewußt in eines jeden Seele schlummern, und die nicht zutage gefördert werden dürfen, weil sie sonst Schaden anrichten, wie man die Hefe nicht bewegen soll, um den Wein nicht zu verderben. Wo ist das Schlechte, das man vermeiden soll, wo das Schöne, das man nachahmen soll? Wer ist der Bösewicht, und wer ist der Held? Alle sind gut, und alle sind schlecht...”
Aber er findet sich stolz wieder:
„Der Held meiner Novelle, den ich mit der ganzen Kraft meines Herzens liebe, den ich in seiner ganzen Schönheit zu zeigen versuche, der immer war, ist und sein wird, ist die Wahrheit.”
Nachdem der Direktor des Sowremennik, Nekrasow, diese Seiten55 gelesen hatte, schrieb er an Tolstoi:
„Gerade das braucht die russische Gesellschaft von heute: die Wahrheit, die Wahrheit, von der seit Gogols Tod so wenig in der russischen Literatur übriggeblieben ist... Jene Wahrheit, die Sie in unsere Kunst tragen, ist für uns etwas ganz Neues. Ich fürchte nur eines: daß die Zeit und die Niedertracht des Lebens, die Taubheit und Stummheit der uns Umgebenden aus Ihnen machen, was sie aus den meisten von uns gemacht haben, — daß sie in Ihnen die Energie töten”.56
Nichts Derartiges war zu befürchten. Die Zeit, die die Energie der Durchschnittsmenschen verbraucht, hat die Tolstois nur gehärtet. Aber im Augenblick weckten die schweren Prüfungen des Vaterlandes, die Einnahme von Sewastopol, mit einem Gefühl schmerzvoller Frömmigkeit aufs neue das Bedauern über seine allzu erbarmungslose Offenheit. In der dritten Erzählung, — Sewastopol im August 1855, — in der er eine Szene zwischen spielenden und sich streitenden Offizieren malt, unterbricht er sich und sagt:
„Aber laßt uns schnell einen Schleier über dieses Bild breiten. Morgen, vielleicht schon heute wird jeder dieser Männer freudig dem Tod ins Auge sehen. In eines jeden Seele glimmt der göttliche Funke, der einen Helden aus ihm machen wird.”
Und wenn auch diese Scheu nichts der Gewalt seiner realistischen Darstellung raubt, so zeigt doch die Wahl der Personen genügend die Neigungen des Verfassers. Das Heldenschicksal von Malakoff und sein Fall werden in zwei rührenden und stolzen Gestalten versinnbildlicht: zwei Brüdern; der eine, der ältere, ist der Hauptmann Kozeltzow, der einige Züge von Tolstoi hat57; der andere, der Fähnrich Wolodja, der schüchterne Schwärmer, mit seinen fieberhaften Selbstgesprächen, seinen Träumen, den Tränen, die ihm um ein Nichts in die Augen treten, Tränen der Liebe und Tränen der Demütigung, mit seinen Ängsten in den ersten Stunden auf der Bastei (der arme Kleine fürchtet sich noch vor dem Dunkel, und wenn er im Bett liegt, versteckt er seinen Kopf in dem Soldatenmantel), mit der Beklemmung, die ihm das Gefühl der Einsamkeit und die Gleichgültigkeit der andern verursachen, und schließlich, da die Stunde gekommen ist, mit seiner Fröhlichkeit in der Gefahr. Dieser Jüngling gehört zur Gruppe der poetischen Gestalten aus den „Knabenjahren” (Petja in „Krieg und Frieden”, der Unterleutnant in dem „Überfall”), die lachend und Liebe im Herzen Krieg führen und plötzlich ohne Begreifen vom Tode erfaßt werden. Die beiden Brüder fallen am gleichen Tag, — am letzten Tag der Verteidigung. — Und die Novelle schließt mit folgenden Zeilen, in denen ein vaterländischer Zorn grollt:
„Das Heer verließ die Stadt. Und jeder Soldat, der nach dem aufgegebenen Sewastopol blickte, seufzte mit namenloser Bitterkeit im Herzen und ballte die Faust gegen den Feind.”58
Nachdem Tolstoi dieser Hölle entronnen war, wo er ein Jahr lang mit den schlimmsten Leidenschaften und Eitelkeiten und aller menschlichen Pein in Berührung gekommen war, fand er sich im November 1855 in einem Kreis von Petersburger Schriftstellern wieder, für die er Ekel und Verachtung verspürte. Alles an ihnen kam ihm armselig und verlogen vor. Diese Männer, die ihm aus der Ferne in idealer Gestalt erschienen waren, — Turgenjew hatte er bewundert und ihm gerade erst den „Holzschlag” gewidmet, — enttäuschten ihn bitter, als er sie aus nächster Nähe sah. Ein Bild aus dem Jahr 1856 zeigt ihn mitten unter ihnen: Turgenjew, Gontscharow, Ostrowsky, Gregorowitsch, Drujinin. Durch sein asketisches und herbes Aussehen, sein knochiges Gesicht mit den eingefallenen Wangen und die energisch verschränkten Arme sticht er von der zwanglosen Haltung der andern merklich ab. In Uniform hinter diesen Literaten stehend, „scheint er”, wie Suarès geistreich schreibt, „diese Leute eher zu überwachen als zu ihrer Gesellschaft zu gehören: man könnte glauben, er sei gerade dabei, sie ins Gefängnis abzuführen”59
Indessen drängten sich alle um den jungen Kameraden, der, von der zwiefachen Glorie des Schriftstellers und Helden von Sewastopol umgeben, zu ihnen kam. Turgenjew, der „geweint und ‚Hurrah!’ gerufen hatte”, als er die Szenen aus „Sewastopol” gelesen, reichte ihm brüderlich die Hand. Aber die beiden Männer konnten einander nicht verstehen. Wenn auch beide die Welt mit derselben Klarheit des Blickes sahen, so mischten sie doch ihren Bildern die Farbe ihrer feindlichen Seelen bei: der eine beschwingt und voll von Ironie, verliebt und ohne Illusionen, Anbeter der Schönheit; der andere heftig, stolz, von Sittlichkeitsideen zerquält, eines heimlichen Gottes voll.
Was Tolstoi diesen Literaten vor allem nicht verzieh, war, daß sie sich für eine auserwählte Kaste, für den Gipfelpunkt der Menschheit hielten. Der Stolz des großen Herrn und Offiziers gegenüber den bürgerlich freidenkenden Schreibergesellen hatte nicht geringen Anteil an seiner Abneigung60. Es war auch ein bezeichnender Zug seiner Natur — er erkannte ihn selbst —, „sich instinktiv gegen alle allgemein anerkannten Grundsätze aufzulehnen”61. Ein Mißtrauen gegen die Menschen, eine geheime Verachtung ihrer Vernunft ließen ihn überall den Selbstbetrug oder den Betrug der andern, die Lüge, wittern.
„Er glaubte niemals an die Aufrichtigkeit der Leute. Jede sittliche Begeisterung erschien ihm unecht, und er hatte die Gewohnheit, den Menschen, der, wie es ihm schien, nicht die Wahrheit sprach, mit seinem außergewöhnlich scharfen Blick zu durchbohren...62
Wie hörte er zu! Wie betrachtete er den, mit dem er sprach, mit seinen tief in den Höhlen liegenden grauen Augen! Wie ironisch verzogen sich seine Lippen!63
Turgenjew sagte, daß er nie etwas Unangenehmeres verspürt habe, als diesen durchdringenden Blick, der im Verein mit zwei oder drei Worten einer giftigen Bemerkung imstande war, einen zum Rasen zu bringen”64.
Von ihrer ersten Begegnung an spielten sich zwischen Tolstoi und Turgenjew heftige Auftritte ab65. Wenn sie getrennt waren, beruhigten sie sich und versuchten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber die Zeit bestätigte immer mehr Tolstois Widerwillen gegen seine literarische Umgebung. Er verzieh diesen Künstlern den Widerspruch zwischen ihrer verderbten Lebensführung und ihren sittlichen Forderungen nicht.
„Ich kam zur Überzeugung, daß beinahe alle unmoralische, schlechte, charakterlose Menschen waren, tief unter denen, die ich während meines militärischen Zigeunerlebens getroffen hatte. Und sie waren selbstsicher und zufrieden, wie es eigentlich nur ganz lautere Menschen sein können. Sie ekelten mich an.”66
Er trennte sich von ihnen. Trotzdem blieb noch einige Zeit etwas von der materiellen Auffassung ihrer künstlerischen Sendung an ihm haften67. Er fand dabei seine Rechnung. Es war eine lohnende Religion; sie verschaffte „Weiber, Geld, Ruhm...”
„Von dieser Religion war ich einer der Hohepriester. Eine angenehme und sehr einträgliche Stellung...”
Um sich ihr mehr zu widmen, nahm er seinen Abschied aus dem Heer (November 1856).
Aber ein Mensch seiner Prägung konnte nicht lange die Augen verschließen. Er glaubte an den Fortschritt, er wollte an ihn glauben. Es schien ihm, „daß dieses Wort eine Bedeutung habe.” Auf einer Reise ins Ausland — vom 29. Januar bis 30. Juli 1857 — durch Frankreich, die Schweiz und Deutschland brach dieser Glaube zusammen. In Paris zeigte ihm am 6. April 1857 das Schauspiel einer Hinrichtung „die Nichtigkeit des Aberglaubens an den Fortschritt...”.
„Als ich den Kopf sich vom Körper loslösen und in den Korb fallen sah, begriff ich mit allen Fasern meines Seins, daß keine Theorie über die Vernunft der bestehenden Ordnung eine solche Handlung rechtfertigen konnte. Wenn selbst sämtliche Menschen des Weltalls sich auf irgendeine Theorie stützten und etwas derartiges für nötig hielten, so wüßte ich doch, daß es unrecht ist: denn nicht der Menschen Reden und Tun entscheidet über Gut und Böse, sondern mein Herz.”68
In Luzern gibt ihm am 7. Juli 1857 der Anblick eines kleinen fahrenden Sängers, dem die reichen englischen Hotelgäste des Schweizerhofs ein Almosen verweigern, Anlaß zu einer Eintragung in sein „Tagebuch des Fürsten Nekludow”69, worin er seine Verachtung zum Ausdruck bringt für alle die Gedankengänge, in denen sich diese angeblich Freisinnigen gefallen, für diese Leute, die künstliche Grenzen zwischen Gut und Böse ziehen.
„Für sie ist Kultur das Gute, Unkultur das Böse, Freiheit das Gute, Sklaverei das Böse. Und dieses vermeintliche Wissen zerstört die besten ursprünglichen Triebe. Und wer kann mir definieren, was Freiheit, was Gewaltherrschaft, was Kultur und Unkultur ist? Und wo bestehen nicht Gut und Böse nebeneinander? Es gibt nur einen unfehlbaren Führer in unserm Innern, das ist die Nächstenliebe.”
Nach Rußland zurückgekehrt, beschäftigte er sich in Jasnaja von neuem mit den Bauern. Nicht als ob er sich noch Illusionen über das Volk gemacht hätte. Er schreibt:
„Die Verteidiger des Volkes und seines gesunden Menschenverstandes haben gut reden, die Masse sei vielleicht die Vereinigung wackerer Leute; aber dann vereinigen sie sich nur nach der tierischen, verächtlichen Seite, die nur die Schwäche und Grausamkeit der menschlichen Natur ausdrückt.”70
Deshalb wendet er sich auch nicht an die Masse, sondern an das persönliche Gewissen eines jeden Menschen, eines jeden Kindes aus dem Volk. Denn da liegt die Erleuchtung. Er gründet Schulen, ohne allzu viel vom Lehren zu verstehen. Um es zu lernen, macht er eine zweite Reise nach Europa, vom 3. Juli 1860 bis zum 23. April 186171.
Er studiert die verschiedenen pädagogischen Methoden. Braucht man zu erwähnen, daß er sie alle verwirft? Ein zweimaliger Aufenthalt in Marseille zeigte ihm, daß die wahre Belehrung des Volkes sich außerhalb der Schule, die er lächerlich fand, durch Zeitungen, Museen, Bibliotheken, die Straße und das Leben vollzog; er nennt sie „die natürliche Schule”. Er will die natürliche Schule gründen, im Gegensatz zur Zwangsschule, die er für unheilvoll und unbrauchbar hält, und er versucht es damit bei seiner Rückkehr nach Jasnaja Poljana72. Sein Grundsatz ist die Freiheit. Er läßt nicht zu, daß eine Auslese, „die privilegierte, liberale Gesellschaft”, ihr Wissen und ihre Irrtümer dem „Volk, das ihr fremd ist”, aufdrängt. Sie hat dazu kein Recht. Diese Zwangserziehungsmethode hat auf der Universität niemals „Männer hervorbringen können, wie sie die Menschheit braucht, sondern Männer, wie sie die verderbliche Gesellschaft braucht: Beamte, Lehrbeamte, Literaturbeamte oder Menschen, die man zwecklos aus ihrer alten Umgebung herausgerissen hat, denen man die Jugend verdorben hat und die keinen Platz im Leben finden: reizbare, angekränkelte Fortschrittler”73. Es ist am Volk, zu sagen, was es will! Wenn es nichts von der „Kunst des Lesens und Schreibens, die ihm die Intellektuellen aufdrängen wollen”, hält, so hat es seine Gründe dafür: es hat andere dringendere und gerechtfertigtere geistige Bedürfnisse. Versucht sie zu verstehen und helft ihm sie zu befriedigen.
Tolstoi versuchte diese Freiheitstheorien eines eingeschworenen Revolutionärs, der er immer war, in Jasnaja, wo er sich mehr zum Schüler als zum Lehrer seiner Zöglinge machte, in die Praxis umzusetzen74. Gleichzeitig bemühte er sich, den Landwirtschaftsbetrieb mit humanerem Geist zu erfüllen. Als er 1861 zum Schiedsrichter im Distrikt Krapiwna ernannt wurde, verteidigte er das Volk gegen den Mißbrauch der Amtsbefugnis durch den Grundbesitzer und den Staat.
Aber man darf nicht glauben, daß diese soziale Tätigkeit ihn ganz befriedigte und ausfüllte. Er blieb weiter die Beute widerstreitender Leidenschaften. Obwohl er im Grunde gegen sie war, liebte er die große Welt noch immer und brauchte sie. Zu Zeiten erfaßte ihn wieder die Vergnügungssucht; oder vielleicht auch die Freude am Wagnis. Er setzte sich auf Bärenjagden der Todesgefahr aus; er verspielte Riesensummen. Es kam sogar vor, daß er unter den Einfluß des verachteten Petersburger literarischen Kreises geriet. Nach solchen Verirrungen verfiel er in einen Zustand des Ekels. Die Werke jener Zeit zeigen in übelster Weise die Spuren dieser künstlerischen und moralischen Unsicherheit. „Zwei Husaren” (1856) sind mit gewollter Eleganz in einem gezierten und weltgewandten Stil geschrieben, der bei Tolstoi geradezu unangenehm berührt. „Albert” (1857 in Dijon verfaßt) ist schwach und gesucht und entbehrt der Tiefe und der Bündigkeit, die Tolstoi sonst eigen sind. Die „Aufzeichnungen eines Marqueurs”, die knapper, aber etwas überhastet wirken, scheinen den Ekel widerzuspiegeln, den Tolstoi sich selbst einflößt. Der Fürst Nekludow, sein Doppelgänger, tötet sich in einem verrufenen Lokal:
„Er hatte alles: Reichtum, Namen, Geist, kultivierte Neigungen; er hatte kein Verbrechen begangen, aber er hatte Schlimmeres getan: er hatte sein Herz, seine Jugend getötet; er hatte sich selbst verloren, ohne irgendeine große Leidenschaft als Entschuldigung zu haben, nur aus Mangel an Willenskraft.”
Selbst die Nähe des Todes ändert ihn nicht...
„Die gleiche Unentschlossenheit, die gleiche Oberflächlichkeit und merkwürdige Unlogik des Denkens...”
„Drei Tode”
Der Tod... In dieser Zeit fängt er an, Tolstois Seele zu verfolgen. „Drei Tode” (1858-1859) bilden schon einen Auftakt zu der düsteren Schilderung von dem „Tod des Iwan Iljitsch”, der Einsamkeit des Sterbenden, seinem Haß gegen die Lebenden, seinem verzweifelten „Warum?” Das Triptychon der drei Toten — die reiche Dame, der alte schwindsüchtige Postillon und die gefällte Eiche — hat Größe; die Bilder sind gut gezeichnet, die Vergleiche ziemlich treffend, obschon das über Gebühr berühmte Werk von etwas zu lockerem Gewebe ist und es dem Tod der Eiche an unbedingter Gestaltungskraft fehlt, die den Wert der schönen Landschaftsschilderungen Tolstois ausmacht. Im ganzen weiß man noch nicht, was ihn hinreißt, ob die Kunst um ihrer selbst willen oder die moralische Absicht.
Tolstoi wußte es selbst nicht. Am 4. Februar 1859 hielt er in der „Moskauer Gesellschaft der Freunde russischer Literatur” seine Antrittsrede, worin er das Prinzip des „l'art pour l'art”75 verteidigte; und der Präsident der Gesellschaft, Komiakow, übernahm, nachdem er in ihm den Vertreter der rein künstlerischen Literatur begrüßt hatte, gegen ihn die Verteidigung der sozialen und moralischen Kunst76.
Ein Jahr später brachte ihn der Tod seines geliebten Bruders Nikolaus, der am 19. September 1860 in Hyères von der Schwindsucht dahingerafft wurde77, derart außer Fassung, daß sein Glaube an das Gute vollständig erschüttert wurde und er sich von der Kunst abwandte:
„Die Kunst ist Lüge, und ich kann nicht länger die schöne Lüge lieben.”78
Aber schon nach kaum sechs Monaten kam er auf diese schöne Lüge zurück, mit „Polikuschka”79, dem von sittlichen Absichten vielleicht freiesten seiner Werke, nimmt man den geheimen Fluch aus, der auf dem Geld und seiner unheilvollen Macht lastet; es ist ein Werk, das nur um der Kunst willen geschrieben ist, ein Meisterwerk übrigens, an dem nichts auszusetzen ist, es sei denn sein übergroßer Reichtum an Beobachtungen, ein Zuviel an Stoff, der zu einem großen Roman ausgereicht hätte, und der allzu schroffe, ein wenig grausame Gegensatz zwischen dem gräßlichen Ausgang und dem humorvollen Anfang80.
„Eheglück”
In dieser Zeit des Übergangs, wo das Genie Tolstois im Finstern tappt, an sich selbst irre wird und, wie Nekludow in den „Aufzeichnungen eines Marqueurs”, ohne starke Leidenschaft, ohne zielsicheren Willen schwächlich zu werden scheint, entsteht das reinste Werk, das Tolstoi jemals schuf: „Eheglück” (1859). Es ist das Wunderwerk der Liebe.
Seit langen Jahren war er mit der Familie Bers befreundet. Er war der Reihe nach in die Mutter und die drei Töchter verliebt gewesen81. Schließlich verliebte er sich endgültig in die zweite. Aber er wagte nicht, es zu gestehen. Sofie Andrejewna Bers war noch ein Kind: sie war siebzehn Jahre alt; und er über dreißig. Er hielt sich für einen alten Mann, der nicht das Recht hatte, sein verbrauchtes, unreines Leben an das eines unschuldigen jungen Mädchens zu knüpfen. Drei Jahre lang sträubte er sich82. Später erzählte er in „Anna Karenina”, wie er Sofie Bers einen Antrag machte, und wie sie darauf antwortete —: sie zeichneten alle beide die Anfangsbuchstaben der Worte, die sie nicht zu sagen wagten, mit dem Finger auf den Tisch. Wie Lewin in „Anna Karenina” war er so grausam aufrichtig, sein Tagebuch seiner Braut einzuhändigen, damit sie ganz genau seine begangenen Schändlichkeiten kennen lerne; und wie Kitty in „Anna Karenina” empfand Sofie bitteren Schmerz beim Lesen. Am 23. September 1862 war ihre Hochzeit.
Aber schon seit drei Jahren war diese Ehe im Kopf des Dichters geschlossen, als er „Eheglück” schrieb83. Seit drei Jahren hatte er schon im voraus die unbeschreiblichen Tage der stillen Liebe durchlebt und die berauschenden Tage der Liebe, die sich offenbart, die Stunde, da die ersehnten göttlichen Worte geflüstert werden, die Tränen „über ein Glück, das für immer schwindet und nie mehr wiederkehrt”; die jubelnde Wirklichkeit der ersten Ehezeit, den Egoismus der Liebenden, „die unaufhörliche Freude ohne eigentlichen Grund”; dann die eintretende Ermüdung, die leise Unzufriedenheit, die Langeweile des einförmigen Lebens, in der sich die beiden vereinigten Herzen sanft lösen und voneinander entfernen, das gefährlich Berauschende der großen Welt für die junge Frau — Koketterie, Eifersucht, tödliche Mißverständnisse —, die verdunkelte, die verlorene Liebe; endlich den milden traurigen Herbst des Herzens, wo das Antlitz der Liebe sich wieder zeigt, blaß und gealtert und durch seine Tränen und seine Runzeln noch ergreifender geworden, die Erinnerung an Liebesbeweise, das Bedauern über das Böse, das man sich zugefügt hat, und über die verlorenen Jahre, — einen heiteren Lebensabend, die erhabene Wandlung von der Liebe zur Freundschaft und vom Roman der Leidenschaft zur Mütterlichkeit... Alles, was kommen sollte, alles hatte Tolstoi im voraus geträumt und durchkostet. Und um es besser erleben zu können, hatte er es in ihr, der Geliebten, erlebt. Das erstemal — vielleicht das einzige Mal in Tolstois Werken — spielt sich der Roman im Herzen einer Frau ab und wird von dieser Frau erzählt. Mit welch erlesener Zartheit! Eine schöne Seele hüllt sich in einen schamhaften Schleier... Diesmal hat Tolstoi bei der Analyse auf seine etwas grelle Belichtung verzichtet und sucht nicht mit fieberhafter Leidenschaft die Wahrheit bloßzulegen. Die Geheimnisse des Innenlebens lassen sich eher erraten, als daß sie sich preisgeben. Das Herz und die Kunst Tolstois sind milder geworden. In seiner harmonischen Übereinstimmung von Form und Inhalt erreicht das „Eheglück” die Vollkommenheit eines Racineschen Werkes.
Die Ehe, deren Glück und deren Wirrungen Tolstoi mit großer Klarheit schon vorher empfunden hatte, sollte ihm zum Heil werden. Er war müde und krank, seiner selbst und seiner Arbeit überdrüssig. Auf die glänzenden Erfolge, die seine ersten Werke errungen hatten, war vollständiges Verstummen der Kritik84 und Gleichgültigkeit des Publikums eingetreten. Stolz tat er, als ob er sich darüber freue.
„Mein Ruf hat viel von jener Volkstümlichkeit, die mich traurig machte, verloren. Jetzt bin ich ruhig, da ich weiß, daß ich etwas zu sagen habe und die Fähigkeit besitze, es sehr laut zu sagen. Das Publikum mag denken, was es will.”85
Aber er rühmte sich nur: er war seiner Kunst selbst nicht sicher. Ohne Zweifel beherrschte er die Feder vollkommen; aber er wußte nicht, was damit anfangen. Wie er in „Polikuschka” sagt: „es war das Gerede über den erstbesten Stoff von einem Manne, der die Feder zu führen versteht”86. Seine sozialen Arbeiten scheiterten. Im Jahre 1862 legte er sein Amt als Schiedsrichter nieder. Im selben Jahre hielt die Polizei in Jasnaja Poljana Haussuchung, drehte das oberste zu unterst und schloß die Schule. Tolstoi war damals aus Gesundheitsrücksichten verreist; er fürchtete die Schwindsucht zu bekommen.
„Die Streitigkeiten, die ich zu schlichten hatte, waren mir so unerträglich geworden, die Arbeit in der Schule so unsicher, meine Besorgnisse, die aus dem Wunsch, die andern zu unterrichten und dabei meine Unkenntnis dessen, was ich unterrichten sollte, zu verbergen, herrührten, waren mir derart widerwärtig, daß ich krank wurde. Vielleicht wäre ich an den Rand der Verzweiflung geraten, der ich fünfzehn Jahre später erlag, wenn es nicht für mich eine unbekannte Seite des Lebens gegeben hätte, die mir Heil versprach: das Familienleben.”87
Er genoß es zuerst mit der Leidenschaft, die er auf alles verwandte88. Der persönliche Einfluß der Gräfin Tolstoi war wertvoll für seine Kunst. Literarisch sehr begabt89, war sie, wie sie sagt, „eine echte Schriftstellersfrau”, so sehr lag ihr das Werk ihres Mannes am Herzen. Sie arbeitete mit ihm, schrieb nach seinem Diktat, übertrug seine Konzepte immer wieder ins Reine90. Sie trachtete, ihn gegen seinen religiösen Dämon, jenen fürchterlichen Geist, der schon damals für Augenblicke seiner Kunst gefährlich wurde, zu verteidigen. Sie ließ es sich angelegen sein, daß seine Tür sozialen Utopien verschlossen blieb91. Sie befeuerte sein schöpferisches Genie. Sie tat mehr: sie gab diesem Genius den neuen Reichtum ihrer Frauenseele. Abgesehen von einigen hübschen Schattenrissen in „Kindheit” und „Knabenalter” ist die Frau aus den ersten Werken Tolstois fast völlig ausgeschaltet, oder sie bleibt im Hintergrund. Zum erstenmal tritt sie im „Eheglück” auf, das unter dem Einfluß der Liebe zu Sofie Bers geschrieben ist. In den folgenden Werken sind Mädchen- und Frauengestalten reichlich vorhanden und von Leben beseelt, mehr noch selbst als die Männergestalten. Man glaubt gern, daß die Gräfin Tolstoi ihrem Mann nicht nur zur Natascha in „Krieg und Frieden”92 und zur Kitty in „Anna Karenina” Modell gestanden hat, sondern daß sie ihm auch durch die Einblicke, die sie ihm in ihr zartes Seelenleben gewährte, eine wertvolle und feinfühlige Mitarbeiterin sein konnte. Gewisse Seiten in „Anna Karenina”93 scheinen mir ganz besonders die Hand einer Frau zu verraten.
Dank den Segnungen dieser Vereinigung genoß Tolstoi zehn oder fünfzehn Jahre lang einen Frieden und eine Sicherheit, wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte94. So konnte er unter den Fittichen der Liebe in Muße die Meisterwerke seines Schaffens, die gewaltigen Denkmäler, die die ganze Romandichtung des 19. Jahrhunderts überragen, ersinnen und ausführen: „Krieg und Frieden” (1864-1869) und „Anna Karenina” (1873-1877).
„Krieg und Frieden”
„Krieg und Frieden” ist das großartigste Heldengedicht unserer Zeit, eine moderne Ilias. Eine Welt von Gestalten und Schicksalen lebt darin. Über diesem von zahllosen Wogen gepeitschten Meer menschlicher Leidenschaften schwebt eine allbeherrschende Seele, die die Stürme nach Gefallen entfacht und zügelt. Mehr als einmal habe ich, wenn ich mich in dieses Werk vertiefte, an Homer und Goethe gedacht, trotz der ungeheuren Verschiedenheit, sowohl des Geistes als auch der Zeit. Später habe ich gesehen, daß Tolstoi tatsächlich in jener Periode, als er daran arbeitete, in seinem Denken von Homer und Goethe95 zehrte. Ja, er trägt sogar in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1865, wo er die verschiedenen literarischen Arten klassifiziert, das Werk „1805”, unter welchem Titel die beiden ersten Teile von „Krieg und Frieden” 1865-1866 erschienen, als zur selben Familie gehörig wie die „Odyssee” und „Ilias” ein. Die ihm eigene Beweglichkeit des Geistes führte ihn vom Roman der Einzelschicksale zum Roman der Heere und Völker, der großen menschlichen Gemeinschaften, in denen der Wille von Millionen Lebewesen aufgeht. Seine tragischen Erfahrungen bei der Belagerung von Sewastopol lehrten ihn die Seele des russischen Volkes und sein Leben während der letzten hundert Jahre verstehen. Das ungeheure Gemälde „Krieg und Frieden” war ursprünglich nur als Mittelfeld einer Reihe von epischen Fresken gedacht, auf denen sich die Geschichte Rußlands von Peter dem Großen bis zu den Dekabristen abspielen sollte96.
Um das Mächtige des Werkes richtig zu empfinden, muß man sich über die Einheit klar sein, die darin verborgen liegt. Die meisten Leser sehen in ihrer Kurzsichtigkeit nur die tausend Einzelheiten, deren Fülle sie in höchste Verwunderung versetzt und verwirrt. Sie finden sich in diesem Walde nicht zurecht. Man muß sich darüber hinaus erheben und den weiten Horizont, den Kreis der Wälder und Felder mit dem Blick umfassen, dann wird man den homerischen Geist des Werkes gewahr, die Ruhe der ewigen Gesetze, den Atem des Schicksals in seinem gewaltigen Rhythmus, das Gefühl für das Ganze, dem alle Einzelheiten verbunden sind, und das Genie des Künstlers, der sein Werk, wie der Gott der Genesis, der über den Wassern schwebt, beherrscht.
Zuerst das regungslose Meer. Der Friede, die russische Gesellschaft am Vorabend des Krieges. Die ersten hundert Seiten spiegeln mit einer erbarmungslosen Treue und einer überlegenen Ironie die Hohlheit dieser Kinder der Welt. Erst ungefähr auf der hundertsten Seite erhebt sich der Schrei eines dieser lebenden Toten — des schlimmsten unter ihnen, des Fürsten Basil:
„Wir sündigen, wir betrügen. Und wozu das alles? Ich habe die Sechzig hinter mir, mein Freund... Alles endigt mit dem Tod... Der Tod, welch ein Grausen!”
Von diesen schalen, lügnerischen Müßiggängern, die jeder Verirrung und jedes Verbrechens fähig sind, heben sich gewisse gesundere Naturen ab: die Aufrichtigen, teils aus Treuherzigkeit, wie Peter Besukow, teils dank ihrer völligen Unabhängigkeit oder aus russischem Empfinden heraus, wie Maria Dmitriewna, teils aus jugendlicher Frische, wie die kleinen Rostows; — dann die Gütigen und Gottergebenen, wie die Prinzessin Marie; — und schließlich jene, die nicht gut sondern stolz sind, und die dieses ungesunde Dasein quält, wie der Fürst Andrej.
Dann aber setzt die erste Wellenbewegung ein. Die Handlung. Das russische Heer in Österreich. Das Verhängnis herrscht nirgends unumschränkter als dort, wo die Urkräfte entfesselt sind: im Krieg. Die wirklichen Führer sind die, welche nicht zu lenken versuchen, sondern die wie Kutuzow oder Bagration versuchen glauben zu machen, „daß ihre persönlichen Absichten in voller Übereinstimmung mit dem sind, was in Wahrheit die einfache Wirkung der Macht der Verhältnisse, des Willens der Untergebenen und der Laune des Zufalls ist”. Welch eine Wohltat, sich ganz der Hand des Schicksals zu überlassen! Welch ein Glück liegt in dem normalen und gesunden Zustand, bloß handeln zu brauchen. Die bedrängten Gemüter finden ihr Gleichgewicht wieder. Fürst Andrej atmet auf, beginnt zu leben... Und während dort unten, weitab von dem belebenden Hauch dieser gesegneten Stürme, die beiden wertvollsten Menschen, Peter und die Prinzessin Marie, von der Pest ihrer Umgebung, der Liebeslüge, bedroht werden, erlebt Fürst Andrej bei Austerlitz plötzlich mitten im Taumel des Gefechts, der durch seine Verwundung schroff unterbrochen wird, die Offenbarung der beglückenden Unendlichkeit. Auf dem Rücken ausgestreckt, „sieht er nichts mehr als sehr hoch über sich einen grenzenlosen weiten Himmel, über den leichte graue Wölkchen sanft dahingleiten”.
„Welche Ruhe! Welcher Friede!” sagte er sich, „das war nicht so, als ich schreiend dahinrannte. Weshalb hatte ich diese uferlose Weite nicht früher bemerkt? Wie glücklich bin ich, daß ich sie endlich entdeckt habe! Ja, alles andere ist leer, alles andere ist Täuschung. Gott sei für diese Ruhe gepriesen!...”
Indessen nimmt ihn das Leben wieder auf, und die Woge ebbt zurück. Die mutlosen, unruhvollen Seelen irren, in der sittenverderbenden Atmosphäre der Stadt aufs neue sich selbst überlassen, ziellos durch die Nacht. Manchmal vermischen sich mit dem vergiftenden Hauch der Welt die berauschenden und betörenden Ausströmungen der Natur, der Frühling, die Liebe, die blindwaltenden Kräfte, die die reizende Natascha dem Fürsten Andrej nahebringen und die sie einen Augenblick später dem erstbesten Verführer in die Arme treiben. So viel Poesie, Zartheit und Herzensreinheit wird hier durch die Welt zerstört! Und immer „der weite Himmel, der sich hoch über der schmählichen Gemeinheit der Erde breitet”. Aber die Menschen sehen ihn nicht. Selbst Andrej hat die Erleuchtung von Austerlitz vergessen. Für ihn ist der Himmel nur noch „ein düsteres, schweres Gewölbe”, das das Nichts überdeckt.
Es ist Zeit, daß der Sturmwind des Krieges aufs neue über diese blutleeren Seelen dahinbraust. Das Vaterland wird vom Feinde besetzt. Borodino. Ein Tag von feierlicher Größe. Alle Feindseligkeit schwindet dahin. Dologow umarmt seinen Freund Peter. Andrej, der verwundet ist, weint aus Liebe und Mitgefühl über das Unglück Anatol Kuragins, des Menschen, den er am meisten haßte, und der jetzt auf dem Krankenwagen sein Nachbar ist. Die Herzen werden eins durch das dem Vaterland dargebrachte Opfer und die Unterwerfung unter die göttlichen Gesetze.
„Die schreckliche Notwendigkeit des Krieges ernst und gottergeben hinnehmen... Der Krieg ist für die Freiheit des Menschen die härteste Form der Unterwerfung unter die göttlichen Gesetze. Die Herzenseinfalt besteht in der Unterwerfung unter den Willen Gottes.”
Die russische Volksseele und ihre Unterwerfung unter das Schicksal verkörpert sich in dem Generalissimus Kutuzow:
„Dieser Alte, der, was Leidenschaften angeht, nur die Erfahrung, das Ergebnis der Leidenschaften, kennt, und bei dem die Intelligenz, die dazu bestimmt ist, die Tatsachen einzuordnen und Schlüsse aus ihnen zu ziehen, durch eine philosophische Betrachtungsweise der Ereignisse ersetzt wird, dieser Alte ersinnt nichts und unternimmt nichts, aber er hört und behält alles und wird es im geeigneten Augenblick anwenden, er wird nichts Nützliches verhindern und nichts Schädliches erlauben. Er erspäht auf den Gesichtern seiner Leute jene unbegreifliche Macht, die man den Willen zu siegen, den kommenden Sieg nennt. Er läßt etwas Mächtigeres gelten als seinen Willen: den unaufhaltsamen Lauf der Tatsachen, die sich vor seinen Augen abrollen; er sieht sie, er verfolgt sie und versteht es, von seiner Person zu abstrahieren.”
Kurzum, er hat das echt russische Herz. Dieser still-heldenmütige Fatalismus des russischen Volkes verkörpert sich auch in dem armen, einfachen, frommen und ergebenen Muschik Plato Karatajew, der noch in Leid und Tod gütig lächelt. Durch die Prüfungen, das Elend des Vaterlandes, die Schrecken des Todeskampfes hindurch, gelangen die beiden Helden des Buches, Peter und Andrej, zu moralischer Befreiung und schwärmerischer Freude durch die Liebe und den Glauben, die sie den lebendigen Gott erkennen lassen.
Hiermit schließt Tolstoi keineswegs. Der Epilog, der um 1820 spielt, bildet einen Übergang von einer Epoche zu einer anderen, vom napoleonischen Zeitalter zum Zeitalter der Dekabristen. Er gibt das Gefühl der ununterbrochenen Dauer und des Immerneuerstehens alles Lebens. Tolstoi beginnt weder, noch schließt er seine Erzählung an einem entscheidenden Zeitpunkt; er schließt, wie er begonnen hat, in dem Augenblick, da eine große Welle verebbt und die folgende Welle sich erst bildet. Schon gewahrt man die künftigen Helden, die Konflikte, die zwischen ihnen entstehen werden, und die Toten, die in den Lebenden auferstehen97.
Ich habe versucht, den großen Linien des Romans nachzugehen; denn selten gibt man sich die Mühe, sie zu suchen. Aber was soll man von der ganz außergewöhnlichen Lebendigkeit dieser Hunderte von Helden sagen, die alle individuell und in unvergeßlicher Weise gezeichnet sind, dieser Soldaten, Bauern, Edelleute, Russen, Österreicher und Franzosen! Nichts verrät hier, daß sie erdichtet sind. Zu dieser Reihe von Bildnissen, die ihresgleichen in der ganzen europäischen Literatur suchen, hat Tolstoi zahllose Skizzen gemacht, wie er sagt, „Millionen von Entwürfen miteinander verbunden”, Bibliotheken durchstöbert, seine Familienarchive98, seine früheren Notizen, seine persönlichen Erinnerungen benutzt. Diese bis ins kleinste gehende Vorbereitung bürgt für die Gründlichkeit der Arbeit, nimmt ihr dabei aber nichts von ihrer Ursprünglichkeit. Tolstoi arbeitete begeistert, mit einem Eifer und einer Freude, die sich auch dem Leser mitteilen. Was vor allem „Krieg und Frieden” den größten Reiz verleiht, ist seine Jugendlichkeit des Herzens. Kein anderes Werk von Tolstoi weist solchen Reichtum an Kinder- und Jünglingsseelen auf; und jede dieser Seelen ist Musik aus reinster Quelle und von einer Anmut, die ergreift und rührt, wie eine Mozartsche Melodie: der junge Nikolaus Rostow, Sonja, der arme kleine Petja.
Die köstlichste aber ist Natascha. Dieses liebe, seltsame, lachlustige kleine Mädchen mit dem reichen Herzen, das man neben sich aufwachsen sieht, und dem man durch das Leben folgt mit der keuschen Zärtlichkeit, die man für eine Schwester empfände, — wer glaubt nicht, sie gekannt zu haben?... Welch wunderbare Frühlingsnacht, in der Natascha an ihrem mondbeschienenen Fenster tolle Dinge träumt und redet, gerade über dem Fenster des Fürsten Andrej, der ihr zuhört... Die Aufregungen des ersten Balles, die Liebe, die Liebeserwartung, das Aufblühen wirrer Wünsche und Träume, die nächtliche Schlittenfahrt durch den beschneiten Wald, wo Lichter gespensterhaft schimmern; die Natur, die unklare Sehnsucht erweckt; ein Abend in der Oper, die seltsame Welt der Kunst, die den Verstand umschleiert; die Tollheit des Herzens und die Tollheit des Leibes, der sich nach Liebe sehnt; ein Schmerz, der die Seele läutert; göttliches Mitleid, das beim sterbenden Geliebten wacht... Man kann diese Erinnerungen nicht heraufbeschwören, ohne dieselbe Rührung zu empfinden, als wenn man von der teuersten und geliebtesten Freundin spräche. Ach, wie läßt einen eine solche Schöpfung die Schwäche der weiblichen Gestalten in beinahe allen zeitgenössischen Romanen und Theaterstücken ermessen! Das Leben selbst wird erfaßt, und dabei so biegsam, so flüssig, daß man es von einer Zeile zur anderen wogen und wechseln zu sehen vermeint. — Die häßliche Prinzessin Marie, die durch Güte schön wird, ist eine nicht minder vollkommene Schöpfung; aber wie würde sie, dieses schüchterne und linkische Mädchen erröten, wie werden die, welche ihr gleichen, erröten, wenn sie hier alle Geheimnisse eines Herzens enthüllt sehen, das sich ängstlich den Blicken entzieht!