Er zeigt, gestützt auf das Evangelium Matthäi, daß „das christliche Ideal nicht die Ehe ist, daß es eine christliche Ehe nicht geben kann, daß die Ehe vom christlichen Standpunkt aus nicht der Aufwärtsentwicklung, sondern der Entartung dient, und daß die Liebe sowie alles, was ihr vorangeht oder ihr folgt, dem wahrhaften Menschheitsideal im Wege steht...”184
Aber diese Ideen hatten sich ihm niemals mit solcher Klarheit gestaltet, bevor er sie Posdnischeff in den Mund gelegt hatte. Wie man es häufig bei großen Meistern findet, hat das Werk den Schöpfer mitgerissen; der Künstler eilte dem Denker voran. Die Kunst hat dabei nichts verloren. An Macht der Wirkung, an temperamentvoller Straffheit, deutlicher Greifbarkeit der Erscheinungen und an Fülle und Reichtum der Form kommt kein anderes Werk Tolstois der „Kreuzersonate” gleich.
Es bleibt mir noch, den Titel zu erklären. — Eigentlich ist er falsch. Er täuscht über das Werk. Die Musik spielt darin nur eine nebensächliche Rolle. Läßt man die Sonate weg, so ändert sich nichts. Es war unrichtig von Tolstoi, zwei Fragen, die ihm am Herzen lagen, miteinander zu verquicken: die verderbliche Macht der Musik und die der Liebe. Der Dämon der Musik hätte ein eigenes Werk verdient; der Platz, den ihm Tolstoi in diesem zubilligt, genügt nicht, die Gefahr zu beweisen, wie er es möchte. Ich muß bei diesem Gegenstand ein wenig verweilen, denn ich glaube nicht, daß man jemals Tolstois Verhältnis zur Musik richtig verstanden hat.
Es wäre weit gefehlt anzunehmen, daß er sie nicht liebte. So fürchtet man nur, was man liebt. Man braucht sich nur zu entsinnen, welchen Platz die musikalischen Erinnerungen in der „Kindheit” einnehmen und ganz besonders im „Eheglück”, wo die ganze Liebesgeschichte von ihrem Frühling bis zu ihrem Herbst sich zwischen den Sätzen der Beethovenschen Sonate „Quasi una fantasia” abspielt. Man erinnere sich ferner der wundervollen Symphonien, die Nekludow185 und der kleine Petja in der Nacht vor seinem Tode186 in sich erklingen hören. Wenn Tolstoi auch nur sehr bedingt musikalisch war187, so ergriff ihn die Musik doch bis zu Tränen, und er gab sich ihr zu gewissen Zeiten seines Lebens mit Leidenschaft hin. Im Jahre 1858 gründete er in Moskau eine musikalische Gesellschaft, aus der später das Moskauer Konservatorium hervorging.
„Er liebte die Musik sehr”, schreibt sein Schwager Bers. „Er spielte Klavier und bevorzugte die klassischen Meister. Oft setzte er sich ans Klavier, ehe er an seine Arbeit ging188. Wahrscheinlich kam ihm dabei die künstlerische Eingebung. Er begleitete immer meine jüngste Schwester, deren Stimme er sehr gern hatte. Ich habe bemerkt, daß die Empfindungen, die die Musik in ihm auslösten, von einer leichten Blässe und einem unmerklichen Verziehen des Gesichtes begleitet waren, was anscheinend Schreck ausdrückte.”189
Es war wohl der Schreck, den er empfand bei der Erschütterung durch diese unbekannten Kräfte, die ihn bis in die Wurzeln seines Seins aufrüttelten. In dieser Welt der Musik fühlte er seinen sittlichen Willen, seine Vernunft, die ganze Wirklichkeit des Lebens dahinschmelzen. Man lese in dem ersten Band von „Krieg und Frieden” die Szene nach, wo Nikolaus Rostow, der gerade im Spiel verloren hat, verzweifelt nach Hause kommt. Er hört seine Schwester Natascha singen und vergißt alles.
„Er wartete mit fieberhafter Ungeduld auf die nächste Note, und einen Augenblick lang gab es auf der ganzen Welt nichts anderes mehr als den Dreivierteltakt: Oh! mio crudele affetto!
‚Wie sinnlos ist doch unser Dasein’, dachte er. ‚Glück, Geld, Haß, Ehre, alles ist nichts... Hier ist das Wahre!... Natascha, mein Täubchen!... Laß sehen, ob sie das betrifft... Gott sei Dank, sie hat's getroffen!’
Um das b zu verstärken, begleitete er es in der Terz.
‚Welch ein Glück! ich habe es auch getroffen’ —, rief er aus; und die Schwingung dieser Terz erweckte alles Gute in seinem Innern. Was waren gegen diese übermenschlichen Empfindungen sein Verlust im Spiel und sein verpfändetes Wort!... Torheiten! Man konnte töten und stehlen und doch glücklich sein.”
Nikolaus tötet weder, noch stiehlt er, und die Musik bedeutet für ihn nur eine vorübergehende Erregung, aber Natascha ist nahe daran, sich an sie zu verlieren. Nach einem Abend in der Oper, „in jener seltsamen, sinnlosen, meilenweit von der Wirklichkeit entfernten Welt der Kunst, in der Gut und Böse, Überspanntheit und Vernunft sich mengen und mischen”, hört sie Anatol Kuragins Erklärung an; er betört sie, und sie willigt ein, sich entführen zu lassen.
Je älter Tolstoi wird, um so mehr fürchtet er die Musik190. Ein Mann, der Einfluß auf ihn hatte, Berthold Auerbach, den er im Jahre 1860 in Dresden traf, bestärkte ihn zweifellos in seinem Vorurteil. „Er sprach von der Musik als von einem pflichtlosen Genuß. Nach seiner Ansicht führte sie zur Verderbnis.”191
Warum, so fragt Camille Bellaigue192, ist hier gerade Beethoven gewählt, der reinste und keuscheste aller Musiker, wo doch die Auswahl an verderblichen Musikern so groß ist? — Weil er der Stärkste ist. Tolstoi hatte ihn geliebt und liebte ihn noch immer. Seine frühesten Erinnerungen aus der Kindheit waren mit der „Pathétique” verknüpft; und als Nekludow am Schluß der „Auferstehung” das Andante der C-Moll Symphonie spielen hört, kann er nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten; „er empfand Mitleid mit sich selbst und mit denen, die er liebte”. — Man hat indessen gesehen, mit welcher Erbitterung Tolstoi sich in „Was ist Kunst?”193 über die „krankhaften Werke des tauben Beethoven” vernehmen läßt, und schon im Jahre 1876 hatte die Wut, mit der er „Beethoven zu vernichten und Zweifel an seinem Genie zu äußern liebte”, Tschaikowsky empört und seine Bewunderung für Tolstoi abgekühlt. Die „Kreuzersonate” läßt uns die fanatische Ungerechtigkeit so ganz erkennen. Was wirft Tolstoi Beethoven vor? Seine Macht. Als er die C-Moll Symphonie hört und von ihr aus der Fassung gebracht wird, lehnt er sich, wie auch Goethe dies tat, voll Zorn gegen den Meister auf, der ihn beherrschen und unter seinen Willen zwingen will194.
„Diese Musik”, sagt Tolstoi, „versetzt mich sofort in den Seelenzustand, in dem der war, der sie schrieb... Die Musik sollte eine Staatsangelegenheit sein wie in China. Man dürfte nicht zugeben, daß der erste beste über eine so furchtbare hypnotische Macht verfüge... So etwas (das erste Presto der Sonate) sollte eigentlich nur bei gewissen bedeutsamen Gelegenheiten gespielt werden dürfen.”
Und man muß sehen, wie Tolstoi nach diesem Aufbegehren der Macht Beethovens weicht, und wie diese Macht nach seinem eigenen Zugeständnis rein und veredelnd ist. Beim Hören des Musikstücks verfällt Posdnischeff in einen unerklärlichen Zustand, über den er keine Rechenschaft ablegen kann, dessen Bewußtsein ihn aber fröhlich macht. „Die Eifersucht hat keinen Raum mehr in ihm.” Die Frau ist nicht weniger verwandelt. Sie hat, während sie spielt, „einen Ausdruck erhabenen Ernstes”, dann, „als sie mit dem Spielen zu Ende, ein kleines schwaches, glückseliges Lächeln”... Was ist an all dem so sonderbar? — Daß der Geist Sklave ist, und daß die unbekannte Macht der Töne aus ihm machen kann, was sie will. Ihn zerstören, wenn es ihr gefällt.
Das ist wahr; aber Tolstoi vergißt nur eines: daß die meisten, die Musik hören oder machen, nur über ein sehr schwaches Seelenleben verfügen. Die Musik kann für die, die nichts fühlen, kaum gefährlich werden. Der Anblick, den der Zuschauerraum der Oper während einer „Salome”-Aufführung bietet, ist wohl dazu angetan, einen über die Unempfindlichkeit des Publikums gegenüber den ungesundesten Aufregungen in der Tonkunst zu beruhigen. Man muß ein so reiches Seelenleben wie Tolstoi haben, um in die Gefahr zu kommen, darunter zu leiden. — Sicher ist, daß Tolstoi, trotz seiner verletzenden Ungerechtigkeit gegen Beethoven, dessen Musik tiefer empfindet als die meisten von denen, die sich heute dafür begeistern. Er kennt zum mindesten diese frenetischen Leidenschaften, diese wilde Heftigkeit, die in der Kunst des „tauben Alten” grollen und die heute kaum ein Virtuose oder ein Orchester mehr fühlt. Sein Haß hätte vielleicht Beethoven mehr gefreut als die Liebe mancher Beethovenianer.
Die „Auferstehung”
Zehn Jahre liegen zwischen der „Kreuzersonate” und der „Auferstehung”195, zehn Jahre, die mehr und mehr von moralischer Pionierarbeit ausgefüllt werden. Und wiederum zehn Jahre zwischen der „Auferstehung” und dem Endziel, dem dieses Leben, hungernd nach dem Ewigen, zustrebt. Die „Auferstehung” ist in gewissem Sinne das künstlerische Testament Tolstois. Sie beherrscht das Ende seines Lebens, wie „Krieg und Frieden” die Zeit seiner Reife krönt. Es ist der letzte Gipfel, der höchste vielleicht, — wenn nicht der machtvollste, — dessen unsichtbare Spitze196 sich im Nebel verliert. Tolstoi ist siebzig Jahre alt. Er betrachtet die Welt, sein Leben, seine früheren Irrtümer, seinen Glauben, seinen heiligen Zorn von oben herab. Derselbe Gedanke wie in den früheren Werken; derselbe Kampf gegen die Heuchelei; aber wie in „Krieg und Frieden” schwebt der Geist des Künstlers über seinem Stoff; die finstere Ironie, das unruhvolle Wesen in der „Kreuzersonate” und dem „Tod des Iwan Iljitsch” vermischt er mit einer religiösen Abgeklärtheit, die er ausstrahlt und die nicht mehr von dieser Welt ist. Man könnte manchmal von einem christlichen Goethe sprechen.
Alle künstlerischen Charakterzüge, die wir in den Werken der letzten Periode aufgezeigt haben, finden sich hier wieder, besonders die Zusammendrängung der Erzählung, die in einem langen Roman noch erstaunlicher wirkt als in kurzen Novellen. Das Werk ist ein Ganzes. Und darin unterscheidet es sich sehr von „Krieg und Frieden” und von „Anna Karenina”. Fast gar keine episodenhaften Abschweifungen. Eine einzige Handlung wird hartnäckig verfolgt und bis in die kleinste Einzelheit durchgeführt. Dieselbe Kraft der in satten Farben gemalten Bilder wie in der „Kreuzersonate”. Eine immer klarer werdende starke, erbarmungslos realistische Beobachtung, die das Tier im Menschen sieht, — „die schreckliche, nie verschwindende Bestie im Menschen, die um so schrecklicher ist, wenn sie sich nicht offen enthüllt, wenn sie sich unter einer angeblich poetischen Aufmachung verbirgt.” Diese Salongespräche, die einfach ein körperliches Bedürfnis befriedigen müssen, „das Bedürfnis, die Verdauung zu fördern, indem sie die Muskeln der Zunge und der Kehle in Bewegung setzen.” Ein scharfes Durchschauen der Menschen, das niemanden schont, weder die hübsche Kortschagin „mit ihren zwei falschen Zähnen, den hervortretenden Knochen ihrer Ellbogen, ihren breiten Fingernägeln” und ihrem Halsausschnitt, der Nekludow „Scham und Ekel, Ekel und Scham” einflößt, noch die Heldin, die Maslowa, deren Verfall in keiner Weise beschönigt ist, ihr frühzeitiges Verbrauchtsein, ihr lasterhafter und gemeiner Ausdruck, ihr herausforderndes Lächeln, ihr Branntweingeruch, ihr rotes gedunsenes Gesicht. Ungeheuer derb gezeichnete naturalistische Einzelheiten: so zum Beispiel die Frau, die schwatzend auf dem Kehrichteimer hockt. Die dichterische Phantasie und die Jugendlichkeit sind dahin, außer in den Erinnerungen an die erste Liebe, die wie Musik mit betörender Kraft in uns weiterklingen; die keusche Charsamstagsnacht und die Osternacht, das Tauwetter, der so dichte weiße Nebel, „daß man fünf Schritt weit vom Haus nur eine große, dunkle Masse sehen konnte, aus der das rote Licht einer Lampe strahlte”, das nächtliche Krähen der Hähne, der zugefrorene Fluß, der kracht, dröhnt, einbricht und wie splitterndes Glas klingt, der junge Mann, der von außen durch die Fensterscheiben das junge Mädchen betrachtet, das beim flackernden Schein der kleinen Lampe am Tisch sitzt und ihn nicht sieht, — Katuscha, die sinnend träumt und lächelt.
Die lyrische Seite der Dichtung nimmt wenig Raum ein. Tolstois Kunst hat eine mehr unpersönliche Richtung eingeschlagen, die sich von seinem eigenen Leben weiter entfernt. Er hat sich bemüht, sein Beobachtungsfeld zu vergrößern. Die Welt der Verbrecher und die Welt der Revolutionäre, die er hier darstellt, waren ihm fremd197; er dringt in sie ein, nachdem er ihr gewaltsam sein Interesse zugewandt hat; er gibt sogar zu, daß ihm die Revolutionäre, ehe er sie sich aus der Nähe ansah, eine unüberwindliche Abneigung einflößten. Um so bewundernswerter ist seine wahrheitsgetreue Beobachtung, dieser unerbittliche Spiegel. Welche Fülle von Typen und haarscharfen Einzelheiten! Und wie ist alles gesehen, Niedrigkeiten und Tugenden, ohne Härte, ohne Schwäche, mit ruhigem Verstand und brüderlichem Mitleid! Welch beklagenswertes Bild diese Frauen im Gefängnis! Sie sind mitleidlos miteinander; aber der Dichter ist der liebe Gott: er sieht einer jeden ins Herz, sieht hinter der Verworfenheit die höchste Not und hinter der Maske der Frechheit das Antlitz, das weint. Der reine und bleiche Schein, der sich nach und nach in der lasterhaften Seele der Maslowa ankündigt und sie schließlich mit einer Opferflamme bestrahlt, bekommt die ergreifende Schönheit eines jener Sonnenstrahlen, die eine bescheidene Rembrandtsche Szene verklären. Nirgends Strenge, selbst nicht den Peinigern gegenüber. „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun”... Das Schlimmste ist, daß sie oft wissen, was sie tun, daß sie Reue darüber empfinden und daß sie doch nicht lassen können, es zu tun. Aus dem Buch hebt sich das Gefühl des zermalmenden Verhängnisses hervor, das gleichermaßen auf denen lastet, die leiden, wie auf denen, die leiden machen. Zum Beispiel: der Gefängnisdirektor, voll natürlicher Güte, ebenso müde seines Lebens als Kerkermeister wie der Klavierübungen seiner armseligen, blassen Tochter mit den dunklen Ringen um die Augen, die unentwegt eine Rhapsodie von Liszt mißhandelt; — oder der kluge und gute Generalgouverneur einer sibirischen Stadt, der, um dem unlösbaren Konflikt zwischen dem Guten, das er tun möchte, und dem Schlechten, das er tun muß, zu entrinnen, seit fünfunddreißig Jahren dem Alkohol ergeben, dabei aber immer noch genügend Herr seiner selbst ist, um selbst in der Trunkenheit Haltung zu bewahren; — und die Zärtlichkeit innerhalb der Familie, die unter diesen Leuten herrscht, die ihr Beruf den anderen gegenüber herzlos gemacht hat.
Der einzige Charakter, der nicht objektiv wahr ist, ist der des Helden Nekludow, weil Tolstoi seine eigenen Ideen auf ihn übertragen hat. Das war schon der Fehler — oder die Gefahr — bei mehreren der berühmtesten Gestalten in „Krieg und Frieden” oder in „Anna Karenina”: dem Fürsten Andrej, Peter Besukow, Lewin und anderen. Aber damals war es weniger schlimm; denn die Personen standen nach Lebenslage und Alter der Geistesverfassung Tolstois viel näher. Hier jedoch senkt der Dichter in den Körper eines fünfunddreißigjährigen Lebemanns seine eigene Seele, die Seele eines wunschlosen Greises von siebzig Jahren. Ich sage keineswegs, daß die moralische Krise eines Nekludow nicht wahr sein könne, noch bestreite ich, daß sie mit solcher Plötzlichkeit eintreten kann198. Aber nichts im Temperament, im Charakter, im Vorleben des Helden, wie Tolstoi ihn darstellt, kündigte diese Krisis an oder macht sie begreiflich. Und nachdem sie eingesetzt hat, hält nichts mehr sie auf. Ohne Zweifel hat Tolstoi mit größter Schärfe dargestellt, wie sich seiner Opferbereitschaft unreine Gedanken beimischen: jene Tränen der Ergriffenheit und der Bewunderung über sich selbst, und dann später den Schrecken und den Ekel, die Nekludow angesichts der Wirklichkeit ergreifen. Aber niemals wankt sein Entschluß. Diese Krisis steht in keinem Zusammenhang mit seinen früheren heftigen, aber vorübergehenden Krisen199. Nichts kann diesen schwachen und unentschlossenen Menschen mehr zurückhalten. Dieser reiche angesehene, für die Freuden der großen Welt sehr empfängliche Fürst, der im Begriff ist, ein hübsches Mädchen, das ihn liebt und das ihm auch nicht mißfällt, zu heiraten, entschließt sich plötzlich, alles — Reichtum, Gesellschaft und soziale Stellung — aufzugeben und eine Prostituierte zu heiraten, um einen früheren Fehler wiedergutzumachen; und dieser Zustand der Verstiegenheit dauert ununterbrochen an, während Monaten, und hält allen Prüfungen stand, selbst der Nachricht, daß sie, die er zu seiner Frau machen will, ihr ausschweifendes Leben fortsetzt200. Es liegt darin eine Heiligkeit, deren Quelle in den tiefsten Tiefen des Gewissens und des Organismus seines Helden uns die Psychologie eines Dostojewski gezeigt haben würde. Aber Nekludow hat nichts von einem Dostojewskischen Helden. Er ist der Typus des normalen, gesunden Durchschnittsmenschen, wie es die Tolstoischen Helden meistens sind. Man spürt in der Tat zu stark, wie einem durchaus in der Wirklichkeit stehenden Menschen201 moralische Erschütterungen gewaltsam zugeschrieben werden, die eigentlich einem ganz anderen Menschen eignen; — und dieser Mensch ist der greise Tolstoi.
Denselben Eindruck der Uneinheitlichkeit empfangen wir am Ende des Buches, wo einem dritten Teil mit streng realistischen Schilderungen ein frommer Schluß angehängt wird, der nicht notwendig ist, — ein persönliches Glaubensbekenntnis, das nicht logisch aus dem vorhergehenden Leben folgert. Es ist nicht das erste Mal, daß sich Tolstois Gläubigkeit seinem Realismus gesellt, aber in den früheren Werken sind diese beiden Elemente inniger miteinander verschmolzen. Hier bestehen sie nebeneinander, ohne sich zu verbinden, und der Gegensatz fällt um so stärker auf, als Tolstois Glaube sich immer mehr jede Beweisführung schenkt, während sein Realismus sich von Tag zu Tag freier und schärfer gestaltet. Es zeigen sich da Spuren — nicht von Ermüdung, aber von Alter, eine gewisse Steifheit der Gelenke, wenn ich so sagen darf. Der religiöse Schluß stellt keine organische Entwicklung des Werkes dar. Er wirkt wie ein Deus ex machina... Und ich bin überzeugt, daß Tolstoi trotz gegenteiligen Versicherungen in seinem tiefsten Innern seine verschiedenen Naturen nicht vollkommen in Einklang miteinander bringen konnte: die Wahrhaftigkeit seiner Kunst und die Wahrhaftigkeit seines Glaubens.
Aber wenn auch die „Auferstehung” nicht die harmonische Geschlossenheit der Jugendwerke aufweist, wenn ich, meinerseits, ihr auch „Krieg und Frieden” vorziehe, so ist sie doch nichtsdestoweniger eine der schönsten Dichtungen menschlichen Erbarmens — vielleicht die wahrhaftigste von allen. Mehr als aus jedem anderen Werk blicken mich aus diesem die klaren Augen Tolstois an, die mattgrauen tiefgründigen Augen, „dieser Blick, der bis in die Seele dringt”202 und in eines jeden Seele Gott schaut.
Die sozialen Ideen
Tolstoi sagte sich nie von der Kunst los. Ein großer Künstler kann, selbst wenn er möchte, nicht auf das verzichten, was seinem Leben den Wert gibt. Er kann wohl aus religiösen Gründen das Veröffentlichen, nicht aber das Schreiben lassen. Niemals unterbrach Tolstoi sein künstlerisches Schaffen. Paul Boyer, der ihn in seinen letzten Jahren in Jasnaja Poljana sah, erzählt, daß er sich zu gleicher Zeit den religiösen oder polemischen und den rein dichterischen Werken widmete. Er erholte sich an den einen von den anderen. Wenn er irgend eine soziale Abhandlung beendet hatte, dann gestattete er es sich, eine seiner schönen Geschichten, die er für sich selbst erzählte, wieder aufzunehmen — wie z. B. „Chadschi Murat”, ein Militärepos, in dem er eine Episode aus den Kriegen im Kaukasus und dem Aufstand der Bergbewohner unter Schamyl besang. Die Kunst blieb seine Erholung, sein Vergnügen. Aber er würde es für eitel gehalten haben, mit ihr zu prunken. Seit seinem Büchlein „Für alle Tage” (1904-1905),203 in dem er die „Gedanken der verschiedenen Schriftsteller über die Wahrheit und das Leben” sammelte — einer richtigen Anthologie der poetischen Weisheit der ganzen Welt, von den heiligen Schriften des Orients an bis zu den Zeitgenossen —, sind vom Jahre 1900 ab fast alle seine ausschließlich künstlerischen Werke Manuskript geblieben204.
Dagegen warf er seine polemischen und mystischen Schriften mit Feuereifer in den sozialen Kampf. Von 1900-1910 zehrt dieser seine besten Kräfte auf. Rußland machte eine fürchterliche Krisis durch, in der das Zarenreich zeitweise in seinen Grundfesten zu krachen schien und nahe am Einstürzen war. Der russisch-japanische Krieg, der darauffolgende Zusammenbruch, die revolutionäre Bewegung, die Meuterei in Heer und Flotte, die Metzeleien und die Bauernunruhen schienen „das Ende einer Welt” zu bedeuten, wie auch der Titel einer Tolstoischen Schrift besagt. — Ihren Höhepunkt erreichte die Krisis zwischen 1904 und 1905. In jenen Jahren veröffentlichte Tolstoi eine Reihe von Werken, die viel Widerhall fanden: „Krieg und Revolution”, „Das große Verbrechen”, „Das Ende einer Welt”. Während dieser letzten zehn Jahre nimmt er eine einzigartige Stellung nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt ein. Er steht allein, allen Parteien und Nationen entfremdet, aus seiner Kirche durch Exkommunikation ausgestoßen205.
Die Logik seiner Vernunft, der Starrsinn seines Glaubens lieferten ihn dem Dilemma aus: sich von den übrigen Menschen oder von der Wahrheit loszusagen. Er erinnerte sich des russischen Sprichwortes: „Ein Alter, der lügt, ist wie ein Reicher, der stiehlt”, und er sagte sich von den Menschen los, um die Wahrheit zu sagen. Er sagte sie ohne Vorbehalt allen. Der alte Lügenjäger macht weiter unermüdlich Jagd auf jeden religiösen oder sozialen Aberglauben, auf jede Fetischanbetung. Er wendet sich nicht nur gegen die alten böswilligen Mächte, die verfolgungssüchtige Kirche und die zaristische Selbstherrschaft. Vielleicht beruhigt er sich jetzt sogar ein wenig über sie, nun, da alle Welt den Stein auf sie wirft. Man kennt sie, sie sind nicht mehr so zu fürchten! Und schließlich tun sie nur, was ihres Amtes ist, sie betrügen nicht. Tolstois Brief an den Zaren Nikolaus II.206 ist bei aller schonungslosen Wahrheit gegenüber dem Herrscher voller Güte für den Menschen, den er seinen „lieben Bruder” nennt, den er bittet, „ihm zu vergeben, wenn er ihn, ohne es zu wollen, betrübt habe”. Und er unterzeichnet: „Dein Bruder, der dir das wirkliche Glück wünscht”.
Aber was Tolstoi am wenigsten verzeiht, was er mit großer Heftigkeit angreift, sind die neuen Lügen, nicht die alten, die längst an den Tag gekommen sind. Er bekämpft nicht den Despotismus, sondern das Trugbild der Freiheit. Und man weiß nicht, wen er unter den Anbetern neuer Götzen mehr haßt, die Sozialisten oder die „Liberalen”.
Seine Abneigung gegen die Liberalen war schon alten Datums. Er hatte sie gleich damals empfunden, da er als Offizier von Sewastopol in den Kreis der Petersburger Literaten gekommen war. Es war einer der Gründe gewesen für sein schlechtes Einvernehmen mit Turgenjew. Der stolze Aristokrat, der Mensch alter Rasse, konnte diese Intellektuellen nicht ertragen, und ebenso wenig ihre Anmaßung, dem russischen Volke, ob es wollte oder nicht, das Glück zu bringen, indem sie ihm ihre Utopien aufdrängten. Als Urrusse vom alten Stamm207, war er mißtrauisch gegen die liberalen Neuerungen, gegen jene konstitutionellen Ideen, die aus dem Westen kamen; und seine beiden Reisen in Europa bestärkten ihn nur in seinem Vorurteil. Als er von der ersten Reise heimkam, schrieb er:
„Der Ehrgeiz des Liberalismus ist zu vermeiden.”208
Und nach der zweiten:
„Die privilegierte Gesellschaft hat keineswegs das Recht, das Volk, das ihr ganz fern steht, auf ihre Art zu erziehen.”209
In „Anna Karenina” ergeht er sich lang und breit in seiner Verachtung für die Liberalen. Lewin verweigert seine Beteiligung am Werk der Provinzialeinrichtungen für die Volksbelehrung und an den sonstigen Neuerungen, die an der Tagesordnung sind. Das Bild, das die Wahlen zur Provinzialversammlung aufweisen, zeigt, wie ein Land hereinfällt, wenn es seine alte konservative Verwaltung durch eine liberale ersetzt. Nichts hat sich geändert; es gibt nur eine Lüge mehr und Herren von geringerer Herkunft.
„Wir sind vielleicht nicht allzuviel wert”, äußert der Vertreter der Aristokratie, „aber wir haben es trotzdem ganze tausend Jahre lang ausgehalten.”
Und Tolstoi ärgert sich über den Mißbrauch, den die Liberalen mit dem Wort „Volk”, „Volkswille” treiben. Was wissen sie denn überhaupt vom Volk? Was ist ihnen das Volk?
Besonders aber zu der Zeit, da die liberale Bewegung sich durchzusetzen scheint und sie die erste Duma einberufen läßt, drückt Tolstoi heftig sein Mißfallen gegenüber den konstitutionellen Ideen aus.
„In letzter Zeit hat die Entartung des Christentums einem neuen Betrug Platz gemacht, der unsere Völker noch tiefer in seine Knechtschaft hineinstößt. Mit Hilfe eines komplizierten parlamentarischen Wahlverfahrens wurde ihnen eingeredet, daß, wenn sie ihre Abgeordneten direkt wählten, sie an der Regierung teilnähmen, und daß sie, wenn sie diesen Abgeordneten gehorchten, nur ihrem eigenen Willen gehorchten und somit frei seien. Das ist ein Betrug. Das Volk kann seinen Willen nicht kundgeben, selbst nicht durch das allgemeine Wahlrecht: 1. weil es einen solchen Gesamtwillen einer Nation von vielen Millionen Einwohnern überhaupt nicht geben kann, und 2. weil, selbst wenn es ihn gäbe, die Stimmenmehrheit nicht sein Ausdruck wäre. Ohne auf den Umstand Gewicht zu legen, daß die Gewählten nicht mit Rücksicht auf das allgemeine Wohl, sondern auf die Erhaltung ihrer Machtstellung Gesetze erlassen und die Verwaltungsgeschäfte besorgen, — ohne sich auf die Tatsache zu berufen, daß ein Volk durch die Wahlbeeinflussung und die Wahlmanöver verkommen muß, — ist diese Lüge besonders unheilvoll im Hinblick auf das Anmaßende dieser Sklaverei, in welche die verfallen, die sich ihr unterwerfen... Jene freien Menschen erinnern an Gefangene, die sich einbilden, Freiheit zu genießen, wenn sie das Recht haben, sich ihre Gefängniswärter auszuwählen... Ein Angehöriger eines despotisch regierten Staates kann, selbst unter dem grausamsten Zwang, vollständig frei sein. Aber ein Angehöriger eines konstitutionell regierten Staates ist immer Sklave; denn er erkennt die Gesetzmäßigkeit der gegen ihn angewandten Zwangsmaßregeln an... In eben denselben Zustand der konstitutionellen Sklaverei, in der die anderen europäischen Völker sind, möchte man das russische Volk führen!...”210
Für seine Abneigung gegen den Liberalismus ist die Geringschätzung das Bestimmende. Dem Sozialismus gegenüber ist es — oder vielmehr wäre es — der Haß, wenn sich Tolstoi nicht dagegen verwahrte, überhaupt zu hassen, was immer es auch sei. Er verabscheut den Sozialismus zwiefach, weil er zwei Lügen in sich vereinigt: die Lüge von der Freiheit und die von der Wissenschaft. Behauptet er doch, auf wer weiß welcher ökonomischen Wissenschaft gegründet zu sein, deren absolute Gesetze den Fortschritt der Welt lehren!
Tolstoi verfährt sehr streng mit der Wissenschaft. Er hat Worte voll schrecklicher Ironie für diesen modernen Aberglauben und „diese wertlosen Probleme: Entstehung der Arten, Spektralanalyse, Beschaffenheit des Radiums, Zahlentheorie, vorsintflutliche Tiere und anderen Firlefanz, dem man heutzutage dieselbe Wichtigkeit beimißt, die man im Mittelalter der unbefleckten Empfängnis oder der Transsubstantiation im Abendmahl beimaß”. Er macht sich lustig über „diese Diener der Wissenschaft, die ebenso wie die Diener der Kirche sich und den anderen einreden, daß sie die Menschheit retten, die ebenso wie die Kirche an ihre Unfehlbarkeit glauben, nie untereinander einig sind, sich in Gemeinden spalten und ebenso wie die Kirche der Hauptgrund sind für die Roheit, für die moralische Unwissenheit, die Hemmung, die den Menschen davon zurückhält, sich von dem Bösen, unter dem er leidet, freizumachen; denn sie haben das einzige verworfen, was die Menschheit einen könnte: das religiöse Gewissen.”211
Aber seine Erregung steigert sich, und sein Unwille kommt zum Ausbruch, als er diese gefährliche Waffe des neuen Fanatismus in den Händen derer sieht, die angeblich die Menschheit bessern wollen. Jeder Revolutionär macht ihn traurig, wenn er seine Zuflucht zur Gewalt nimmt. Aber der intellektuelle Revolutionär und Theoretiker flößt ihm Abscheu ein: solch einer ist ein Mörder aus Pedanterie, eine hochmütige, stumpfe Seele, der nicht die Menschen liebt, sondern nur seine eigenen Ideen212.
Übrigens recht niedrige Ideen.
„Der Sozialismus hat die Befriedigung der niedersten Bedürfnisse des Menschen zum Ziel: sein materielles Wohlbefinden. Und selbst dieses Ziel durch die Mittel, die er anpreist, zu erreichen, ist er nicht imstande.”213
Im Grunde ist er ohne Liebe. Er kennt nur Haß gegen die Bedrücker und „einen blassen Neid auf das bequeme und satte Leben der Reichen: gleich kotbegierigem Fliegengeschmeiß214. Wenn der Sozialismus den Sieg davonträgt, dann wird es schrecklich in der Welt aussehen. Die europäische Horde wird über die schwachen und wilden Völker mit doppelter Macht herfallen und wird sie zu Sklaven machen, damit die früheren Proletarier Europas nach Herzenslust in ihrem müßigen Wohlleben zugrunde gehen können, wie einst die Römer215.
Zum Glück verpufft die beste Kraft des Sozialismus in Rauch, — in Reden, wie denen des Sozialisten Jaurès...
„Welch wundervoller Redner! In seinen Reden ist alles und nichts... Mit dem Sozialismus geht es so ähnlich wie mit unserer russischen Orthodoxie: man treibt sie in die Enge, man drängt sie in ihre letzten Verschanzungen, man glaubt sie gefaßt zu haben, da dreht sie sich schroff um und sagt: ‚Aber nicht doch! Ich bin nicht die, die du glaubst, ich bin eine ganz andere.’ Und sie entgleitet deiner Hand... Geduld! Die Zeit wird es machen. Es wird mit den sozialistischen Theorien sein wie mit den Damenmoden, die ungeheuer schnell ihren Weg aus dem Salon in das Vorzimmer nehmen.”216
Wenn Tolstoi einen solch heftigen Krieg gegen die Liberalen und die Sozialisten führt, so geschieht es nicht etwa, um der Autokratie das Schlachtfeld zu überlassen; er will im Gegenteil, daß der Kampf zwischen der alten und der neuen Welt vollständig ausgetragen werde, nachdem man erst die störenden und gefährlichen Elemente aus der Kampfreihe entfernt habe. Denn auch er glaubt an die Revolution. Doch sein Revolutionsglaube ist ein anderer als der der Revolutionäre: er erinnert mehr an den Glauben eines mittelalterlichen Mystikers, der für morgen, ja für heute vielleicht schon, das Reich des Heiligen Geistes erwartet: „Ich glaube, daß genau zu dieser Stunde die große Revolution beginnt, die sich seit zweitausend Jahren in der Christenwelt vorbereitet, — die Revolution, die an Stelle des verfälschten Christentums und der daraus hergeleiteten Herrschaft das wahre Christentum setzen wird, die Grundlage für die Gleichheit unter den Menschen und die echte Freiheit, nach der alle vernunftbegabten Menschen streben.”217
Und welche Stunde wählt er, dieser prophetische Seher, um die neue Ära des Glückes und der Liebe zu verkünden? Die düsterste Stunde Rußlands, die Stunde des Unheils und der Schande. Welch herrliche Macht des schöpferischen Glaubens! Alles um ihn ist Licht, — bis zur Nacht. Tolstoi erblickt im Untergang die Zeichen der Erneuerung: in den unglücklichen Schlachten des Krieges in der Mandschurei, in dem Zusammenbruch der russischen Heere, in der fürchterlichen Anarchie und dem blutigen Klassenkampf. Mit traumhafter Logik zieht er aus dem Sieg Japans den erstaunlichen Schluß, daß Rußland sich von jedwedem Krieg fernhalten muß; denn die nichtchristlichen Völker werden im Kriegsfalle immer im Vorteil sein gegenüber den christlichen Völkern, „die die Phase des knechtischen Gehorsams überschritten haben”. Bedeutet das eine Absage an sein Volk? — Nein, es ist höchster Stolz. Rußland soll sich von jedem Krieg fernhalten, weil es „die große Revolution” durchführen muß.
„Die Revolution von 1905, die die Menschen von rohem Druck befreien wird, muß ihren Anfang in Rußland nehmen.”
Warum soll Rußland diese Rolle des auserwählten Volkes spielen? Weil die neue Revolution vor allem „das große Verbrechen” gutmachen soll, die Monopolisierung des Bodens zum Nutzen von ein paar tausend reichen Leuten, die Sklaverei von Millionen Menschen, die grausamste aller Sklavereien218. Und weil kein Volk sich dieses schreienden Unrechts so bewußt ist wie das russische219.
Aber ganz besonders, weil das russische Volk unter allen Völkern dasjenige ist, welches am meisten vom wahren Christentum durchdrungen ist, und weil die kommende Revolution das Gebot der Einigkeit und der Liebe in Christi Namen verwirklichen soll. Und dieses Gebot der Liebe kann sich nicht erfüllen, wenn es sich nicht stützt auf das Gebot: Widerstrebet nicht dem Bösen220. Und dieses Nichtwiderstreben (achten wir wohl darauf, wir, die wir zu Unrecht darin eine Utopie erblicken, an die nur Tolstoi und noch ein paar Schwärmer glauben) ist und war immer ein Grundzug des russischen Volkes.
„Das russische Volk hat in bezug auf die Gewalt immer eine ganz andere Stellung eingenommen als die anderen europäischen Völker. Nie hat es einen Kampf gegen die Gewalt eröffnet; es hat sogar nie an einem Kampf gegen sie teilgenommen, und infolgedessen hat es nie durch ihn besudelt werden können. Es hat die Gewalt als ein Übel betrachtet, dem man ausweichen muß. Die Mehrzahl der Russen hat immer lieber Gewalttätigkeiten erduldet, als daß sie ihnen Widerstand geleistet oder an ihnen teilgenommen hätte. Sie hat sich also immer unterworfen...”
Es war eine freiwillige Unterwerfung, die mit knechtischem Gehorsam nichts zu tun hat221.
„Der wahre Christ kann sich unterwerfen, es ist ihm sogar unmöglich, sich nicht kampflos jeder Gewalt zu unterwerfen, aber gehorchen kann er ihr nicht, das heißt, er kann nicht ihre Gesetzmäßigkeit anerkennen.”222
In dem Augenblick, als Tolstoi diese Zeilen schrieb, stand er unter dem Eindruck eines der tragischsten Beispiele dieses heroischen Duldens eines Volkes, — der blutigen Manifestation vom 20. Januar 1905 in Petersburg, wo eine waffenlose Menge, vom Popen Gapon angeführt, sich niederschießen ließ, ohne einen Schrei des Hasses, ohne einen Finger zur Verteidigung zu rühren.
Seit langem verweigerten in Rußland die Altgläubigen, die man die Sektierer nannte, trotz allen Verfolgungen dem Staate den Gehorsam und lehnten es ab, die Gesetzmäßigkeit der Staatsgewalt anzuerkennen.223 Bei der Unsinnigkeit des russisch-japanischen Krieges konnte sich diese Geistesrichtung mühelos unter der Landbevölkerung Bahn brechen. Die Verweigerung des Militärdienstes nahm immer zu, und je grausamer man sie unterdrückte, um so stärker wuchs die Erbitterung. — Im übrigen hatten Provinzen, ganze Stämme, ohne Tolstoi zu kennen, das Beispiel unbedingter Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Staat gegeben: die Duchoborzen des Kaukasus seit 1898 und die Georgier aus Gurien um 1905. Tolstoi wirkte weit geringer auf diese Bewegungen als sie auf ihn; und das Beste an seinen Schriften ist gerade, daß er, entgegen den Behauptungen der Schriftsteller von der Revolutionspartei, wie Gorki224, die Stimme des altrussischen Volkes war.
Sein Verhalten den Menschen gegenüber, die die Grundsätze, zu denen er sich bekannte, mit Lebensgefahr in die Tat umsetzten225, war sehr bescheiden und sehr würdig. Weder den Duchoborzen und den Guriern, noch den widerspenstigen Soldaten gegenüber spielt er sich als Lehrmeister auf.
„Wer keine Prüfung erduldet, kann den nichts lehren, der Prüfungen erduldet.”226
Er fleht alle die um Vergebung an, „die seine Worte und seine Schriften etwa in Leid gestürzt haben.”227 Niemals fordert er jemand auf, den Militärdienst zu verweigern. Jeder soll sich selbst entscheiden. Wenn er mit einem zu tun hat, der unschlüssig ist, „rät er ihm stets, in den Heeresdienst einzutreten und den Gehorsam nicht zu verweigern, soweit es ihm nicht moralisch unmöglich ist”. Denn wenn man unschlüssig ist, dann ist man noch nicht reif; und „es ist besser, es gibt einen Soldaten mehr als einen Heuchler oder einen Abtrünnigen, was bei denen der Fall ist, die sich Taten zumuten, die über ihre Kräfte gehen.”228 Er mißtraut der Entschließung des widerspenstigen Gontscharenko. Er fürchtet, „daß dieser junge Mensch nur von Eigenliebe und Ruhmsucht getrieben sei und nicht von Gottesliebe”.229 Den Duchoborzen schreibt er, sie sollten nicht aus Stolz und Selbstbewußtsein in ihrer Gehorsamsverweigerung verharren, sondern, „wenn sie dessen fähig seien, ihre schwachen Frauen und ihre Kinder von dem Leiden befreien. Niemand werde sie darum verdammen.” Sie dürften sich nur dann widersetzen, „wenn der Geist Christi in ihnen verankert sei, weil sie dann glücklich sein würden über ihre Leiden.”230 In jedem Falle bittet er die, die verfolgt werden, „um keinen Preis aufzuhören, ihre Verfolger wahrhaft zu lieben”.231
Man muß, wie er in einem schönen Brief an einen Freund sagt, Herodes lieben:
„Sie sagen: ‚Man kann Herodes nicht lieben.’ — Ich weiß es nicht, aber ich fühle — und auch Sie fühlen, daß man ihn lieben muß. Ich weiß — und auch Sie wissen es, daß ich leide, wenn ich ihn nicht liebe.”232
Es ist eine göttliche Reinheit, eine nie verlöschende Glut in dieser Liebe, die sich schließlich nicht einmal genug sein läßt an der Forderung des Evangeliums: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”, weil sie darin noch einen Beigeschmack von Egoismus findet233!
Nach der Ansicht mancher ist es eine allzu umfassende Liebe und so sehr von jedem menschlichen Egoismus befreit, daß sie sich in der Leere verliert! — Und trotzdem — wer hegt ein größeres Mißtrauen gegen die „abstrakte Liebe” als Tolstoi?
„Die größte Sünde von heute ist die abstrakte Liebe der Menschen, die unpersönliche Liebe zu denen, die irgendwo im Weiten sind... Es ist so leicht, die Menschen zu lieben, die man nicht kennt, denen man nie begegnet! Man hat nicht nötig, irgendein Opfer zu bringen. Und dabei ist man so zufrieden mit sich! So prellt man das Gewissen. — Nein, den Nächsten soll man lieben, den, mit dem man zusammen lebt und der einem lästig ist.”234
Ich lese in den meisten Arbeiten über Tolstoi, daß seine Philosophie und sein Glaube nicht originell seien. Es ist wahr: die Schönheit dieser Gedanken ist zu ewig, als daß sie jemals als Modeneuheit erscheinen könnte... Andere heben ihren utopistischen Charakter hervor. Auch das ist wahr: sie sind utopistisch wie das Evangelium. Ein Prophet ist ein Utopist; er lebt schon hienieden das ewige Leben. Und daß diese Erscheinung uns vergönnt war, daß wir in unserer Mitte den letzten der Propheten sehen durften, daß der größte unserer Dichter von diesem Glorienschein umgeben ist, — das ist, wie mir scheint, eine originellere Tatsache und von größerer Bedeutung für die Welt als eine Religion mehr oder eine neue Philosophie. Blind sind die, die das Wunder dieser großen Seele nicht sehen, dieser Verkörperung der Bruderliebe in einem haßerfüllten Volk und Jahrhundert.
Die letzten Lebensjahre
Tolstois Antlitz hatte die Züge bekommen, die als endgültige im Gedächtnis der Menschen haften werden: die breite Stirn, von zwei Falten durchfurcht, die buschigen weißen Augenbrauen, den Patriarchenbart, der eine Erinnerung an den Moses von Dijon weckt. Das alte Gesicht ist milder, weicher geworden; in seiner innigen Güte trägt es die Spuren von Krankheit und Kummer. Wie hat es sich verändert gegen die fast tierische Brutalität des Zwanzigjährigen und die steifleinene Miene von Sewastopol! Aber die lichten Augen haben noch immer ihre tiefe und ruhige Klarheit, jene Geradheit des Blicks, der nichts verbirgt und dem nichts verborgen bleibt.
Neun Jahre vor seinem Tod sagte Tolstoi in der Antwort an den Heiligen Synod (17. April 1901):
„Ich bin es meinem Glauben schuldig, in Frieden und Freude zu leben und auch in Frieden und Freude dem Tode entgegenzugehen.”
Wenn ich das höre, denke ich an das alte Wort, „daß man niemand vor seinem Ende glücklich preisen soll”. Sind ihm dieser Friede und diese Freude, deren er sich damals rühmte, treu geblieben?
Die Hoffnungen, die man auf die „große Revolution” von 1905 gesetzt hatte, waren verflogen. Am düsteren Gewitterhimmel hatte sich das ersehnte Licht nicht gezeigt. Den Zuckungen der Revolution folgte die Erschöpfung. An der alten Ungerechtigkeit hatte sich nichts geändert, es sei denn, daß das Elend noch größer geworden war. Schon im Jahre 1906 hat Tolstoi ein wenig sein Vertrauen in die Berufung des slawischen Volkes von Rußland verloren; und sein unumstößlicher Glaube sucht in der Ferne andere Völker, die er mit dieser Mission betrauen könnte. Er denkt an „das große und weise Chinesenvolk”. Er glaubt, „daß die Völker des Ostens berufen sind, jene Freiheit wiederzufinden, die die Völker des Westens fast unwiederbringlich verloren haben”, und daß China an der Spitze der Asiaten die Wandlung der Menschheit im Sinne des Tao, des ewigen Gesetzes, durchführen wird235.
Die Hoffnung wurde schnell getäuscht: das China des Lao Tse und des Konfuzius verleugnet seine einstige Weisheit — wie es vor ihm schon Japan getan hatte —, und ahmt die Europäer nach236. Die schwer verfolgten Duchoborzen sind nach Kanada ausgewandert und setzen dort sogleich, zu Tolstois Entrüstung, das Eigentum wieder in seine Rechte ein237. Die Gurier, kaum vom Joch des Staates befreit, begeben sich daran, die zu töten, die anders denken als sie selber, und die herbeigerufenen russischen Truppen müssen wieder Ordnung schaffen. Selbst die Juden, „deren Vaterland bis jetzt das schönste war, das ein Mensch sich wünschen kann, — die Bibel”238, selbst diese verfallen der Krankheit des Zionismus, dieser sich national gebärdenden Bewegung, „die Fleisch vom Fleische des zeitgenössischen Europäertums ist, sein rachitisches Kind”239.