Wanderschaft
Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und recht guter Dingen.
Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte. Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen, und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken, das erstemal in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur, ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann flismeten[40] sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz, »kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« — »Nur gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen vornehme Leut' am liebsten.«
Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.« »Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank, der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« — »Ha!« sagt' ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt' ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach: »Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle Tag neun Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.« »Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir. Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr, zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen. »Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.
Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem. Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei paar Schuhen: alles so nett angepaßt. — Sackerlot! Da bildet' ich mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre, lehrte mich frisieren, frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg, der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.
So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm, wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte und bestens zu traktieren befahl. — Nun aber traf's sich, daß man gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort. Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut, und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander, als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und deine Heimat nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte, behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.
Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst, oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich? Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja! meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart' nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin ich — und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni. Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben. Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz, ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.
Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen. Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen, und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen, noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken, falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder von Schaffhausen heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen, sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen, hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer, hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug. Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre. Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter, die Mütter!
Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit, wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und — ich sprang hochauf! — eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte mich das? Die süßen Fuchswörtlin in dem Briefchen entschädigten mich reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. — Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil, gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen. Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann, »das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.
In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern. So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner gnug zu trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort, und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung 1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte. Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens: die erste Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute, und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht' ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen. Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe. Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte, daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß, zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf, also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen, sondern nur durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles, was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen, schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten, damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann, verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller an mich eingehenden Depeschen portofrei.
Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut' wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht' ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege? fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht. Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren, die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt' ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht' ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will. Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun Uhr mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!« sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja, Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder —« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen, stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten; ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt, sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer Viertelstund' werden sie da sein!« — Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen gelitten, um per Avanzo sein Mitleid rege zu machen, wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen. Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei nicht zu Hause.«
Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen, aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben; dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche Wirtschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich, wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft, ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, den sie mir mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug' abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen! liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte, aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf, und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. — Nochmal also ade! Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab' seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber als sie! Ade, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!
Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab. Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut. Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung vom Vaterland und Ännchen? — Ich hatte allen zu Hause mein letztes Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber, lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis auf Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte, herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug, der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel. Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen, und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt. Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg, Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh. Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war ein feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach. Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,[41] so daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen. Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt' ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht, ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!« »Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht' ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.
Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da, Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz, ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?« »Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens? Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht. Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.« Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr Zittemann!« fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!« antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt, gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.
Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ... Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ... bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ... ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ... gen. I ... Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So ... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.« — »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort, Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber — Er: Fort, Er ist ja ein Zwerg, daß — Ich: Ich bi ... bi ... bitte. — Er: Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn, gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch! Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum
einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.
Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter- und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht. »Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch' von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh! oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!« antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein! da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig, neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein, selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse. Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! — Also bist du so gut wie sie.