Hunderterstes Kapitel.
Unter den manchen üblen Folgen des Utrechter Traktates war auch diese, daß nicht viel fehlte, so hätte mein Onkel Toby einen Ekel an den Belagerungen bekommen. Und ob er gleich seine Belagerungslust nachher wieder bekam, so ließ doch selbst Calais keine tiefere Narbe in dem Herzen der Königin Marie, als Utrecht im Herzen meines Onkels Toby. Bis an sein seliges Ende konnte er Utrecht niemals gelassen nennen hören, nicht einmal einen Artikel lesen, der aus der Utrechter Zeitung genommen war, ohne einen Seufzer zu holen, als ob ihm das Herz zerspringen wollte.
Mein Vater, der ein großer Ursachenkrämer war und folglich eine gefährliche Person für einen Mann, der in seiner Gegenwart lachte oder weinte — denn gemeiniglich wußte er die Ursache, warum Sie beides täten, weit besser wie Sie selbst —, suchte beständig meinen Onkel Toby bei solchen Gelegenheiten zu trösten — auf eine Art zwar, welche deutlich verriet, er bilde sich ein, meinem Onkel Toby ginge bei der ganzen Sache nichts so sehr zu Herzen als sein liebes Steckenpferd. »Laß nur gut sein, Bruder Toby,« pflegte er zu sagen, »wenn es Gottes Wille ist, werden wir bald wieder neuen Krieg haben. Und wenn der losgeht, wenn sich die kriegführenden Mächte auch aufhingen, können sie uns doch nicht aus dem Spiele lassen. Ich will doch einmal sehen, mein lieber Toby,« pflegte er hinzuzusetzen, »ob sie Länder nehmen können ohne Städte, oder Städte ohne Belagerungen.«
Mein Onkel Toby konnte diesen Rückenhieb nach seinem Steckenpferde niemals freundlich hinnehmen. — Er hielt den Hieb für ungroßmütig. Und zwar um so mehr, da er nicht auf das Pferd treffen konnte, ohne den Reiter mit zu treffen, und zwar auf den schimpflichsten Fleck an seinem Leichname, wohin ein Hieb fallen kann. Sonach legte er bei diesen Gelegenheiten allemal die Pfeife mit mehr Feuer als gewöhnlich auf den Tisch, um sich zu verteidigen.
Heute vor zwei Jahren sagte ich dem Leser, daß mein Onkel Toby nicht beredt gewesen — und gab auf dieser Seite hier ein Beispiel vom Gegenteil. — Ich wiederhole die Bemerkung und bringe ein Faktum bei, welches ihr abermals widerspricht. Er war nicht beredt. Es fiel meinem Onkel Toby schwer, lange Reden zu halten, und die geblümelten haßte er. Es gab aber Gelegenheiten, da der Strom den Mann mit fortriß und dergestalt gegen seinen gewöhnlichen Lauf anstürzte, daß mein Onkel Toby auf eine Zeitlang in einigen Stücken dem Tertullus gleichkam, ihn in anderen aber, nach meiner Meinung, unendlich weit übertraf.
Mein Vater fand an einer von diesen Schutzreden meines Onkels Toby, die er eines Abends vor ihm und Yorick gehalten hatte, ein so außerordentliches Gefallen, daß er sie aufschrieb, ehe er zu Bette ging.