Hundertzehntes Kapitel.
Ich sage es nicht in Ansehung ihrer verschiedenen Feinheit oder Weise, noch in Ansehung der Stärke ihrer Windlaschen. Aber sagen Sie selbst, sind nicht die Nachthemden von den Taghemden in diesem Stücke ebensosehr verschieden wie in jedem andern in der Welt, daß sie diese so weit in der Länge übertreffen, daß, wenn Sie sich darin niedergelegt haben, solche ebensoweit über die Füße reichen, als die Füße aus den Taghemden hervorstehen?
Der Witwe Wadmanns Nachthemden — ich glaube es war unter der Regierung des Königs Wilhelm und der Königin Anna so die Mode — waren wenigstens solchergestalt zugeschnitten. Und wenn die Mode abgekommen ist — denn in Italien sind sie ganz verschwunden —, desto schlimmer für das Publikum. Sie waren zweieinhalb Brabanter Ellen lang; wenn man also auf ein mäßiges Frauenzimmer zwei Ellen rechnet, so hatte sie eine halbe Elle übrig, womit sie machen konnte, was sie wollte.
Nun war es von einer kleinen Pflege zur andern, woran sie sich in den schaurigen Winternächten während ihres siebenjährigen Witwenstandes gewöhnt hatte, unvermerkt dahin gediehen und zu einer von den Regeln der Schlafkammer geworden, daß, sobald Madame Wadmann zu Bette gebracht worden und ihre Füße völlig ausgestreckt hatte, wovon sie der Brigitte allemal ein Zeichen gab, Brigitte mit allem gehörigen Dekorum, nachdem sie erst die Bettlaken zu den Füßen auseinandergeschlagen, die halbe Elle Leinwand, von der wir hier sprechen, faßte, solche behende und mit beiden Händen stramm herunterzog, nach der Länge in vier oder fünf ebene Falten legte, eine große Stecknadel von ihrem Ärmel nahm und damit, die Spitze nach sich gekehrt, diese Falten ein wenig über dem Saume alle fest zusammensteckte. Wenn das geschehen, deckte sie zu den Füßen alles wieder hübsch warm zu und wünschte ihrer Madame eine gute Nacht.
Dies war ein beständiger Gebrauch und litt keine Abänderung als diese: daß bei frostigen und stürmischen Nächten, wenn Brigitte das Bette zu den Füßen öffnete usw., um diese ihre Pflicht zu verrichten, sie kein anderes Thermometer als ihr eigenes Gefühl zu Rate zog. So verrichtete sie es stehend, kniend oder kauernd, je nach den verschiedenen Graden ihres Glaubens, ihrer Liebe oder Hoffnung, in denen sie sich ebenden Abend gegen ihre Herrschaft befand. In jedem anderen Betracht war die Etikette unverbrüchlich und konnte mit der allermechanischsten von jeder Kammer im ganzen Christentume um den Vorzug streiten.
Den ersten Abend, sobald der Korporal meinen Onkel Toby nach seiner Schlafkammer hinaufgebracht hatte, was um zehn Uhr war, warf sich Madame Wadmann in ihren Lehnstuhl, schlug ihr rechtes Bein über das linke, wodurch sie einen Ruheplatz für ihren Ellenbogen machte, legte ihren Kopf in ihre Hand, und so gestützt saß sie bis Mitternacht und dachte der Sache, für und gegen dieselbe, nach.
Den zweiten Abend ging sie vor ihr Schreibpult, und nachdem sie Brigitten befohlen, ein paar frische Lichter zu bringen und auf den Tisch zu legen, suchte sie ihren Ehekontrakt hervor und las ihn sehr andächtig durch. Und den dritten Abend — der der letzte von meines Onkels Toby Bleiben war —, als Brigitte das Nachthemde niedergezogen hatte und dabei war, die Nadel einzustecken, stieß sie mit einem Stoße mit beiden Fersen zugleich ihr die Stecknadel aus der Hand. Nieder fiel auch die Etikette und zertrümmerte in tausend Sonnenstäubchen.
Aus welchem allen es dann ganz deutlich erhellte, daß die Witwe Wadmann in meinen Onkel Toby verliebt war.