Hundertfünfzehntes Kapitel.
Und so, um mit beiden Systemen gewiß zu gehen, beschloß die Witwe Wadmann, meinen Onkel Toby weder an dem einen noch anderem Ende anzuzünden, sondern, wie das Licht eines Verschwenders, womöglich an beiden Enden zugleich.
Nun hätte sie sieben ausgeschlagene Jahre hindurch alle militärischen Polterkammern, beides, der Infanterie und Kavallerie mit eingeschlossen, vom großen Arsenal in Venedig an bis auf den Tower in London (exklusive) durchkramen und ihre Brigitte zur Hilfe nehmen mögen, — Madame Wadmann hätte doch keine zu ihrem Zweck so dienliche Blende finden können, als was ihr der Behelf meines Onkels Toby in seinen Belagerungen ganz bereit in die Hände gab.
Mich dünkt, ich habe Ihnen noch nicht gesagt — ich weiß es jedoch nicht, es kann wohl sein; wie ihm aber sei, es ist eins von den vielen Dingen, die ein Mann lieber noch einmal tun, als darüber streiten sollte —, was für eine Stadt oder Festung der Korporal eben während ihres Feldzuges unter der Arbeit haben mochte, mein Onkel Toby war allemal besorgt, einen Grundriß des Platzes an der inwendigen Seite seines Schilderhauses gegen seine linke Hand oben am Rande mit zwei oder drei Nadeln festzustecken. Unten hing er lose, um ihn mit Bequemlichkeit näher vors Gesicht zu bringen usw., wie es die Gelegenheit so mit sich brachte. Dergestalt, daß, wenn Madame Wadmann eine Attacke beschlossen, sie nichts weiter zu tun nötig hatte, nachdem sie bis an die Türe des Schilderhauses avanciert war, als ihre rechte Hand auszustrecken. Und indem sie mit derselben Bewegung ihren linken Fuß hineinrücken ließ, brauchte sie nur die Karte, den Grundriß, die Zeichnung oder was es sonst war, zu ergreifen, solchem mit ausgestrecktem Halse auf halbem Wege zu begegnen und es nach sich zu ziehen. Wodurch meines Onkels Toby Leidenschaften unfehlbar Feuer fangen mußten. Denn er faßte beständig den anderen Zipfel der Karte mit seiner linken Hand und begann, mit dem Ende seiner Tabakspfeife in der anderen, eine Erklärung.
Wenn die Attacke bis zu diesem Punkte gediehen war —. Die Welt wird natürlicherweise die Gründe der folgenden Kriegslist der Madame Wadmann billigen, welche darin bestand, daß sie, sobald sie nur dazu kommen konnte, meinem Onkel Toby die Tabakspfeife aus der Hand nahm, was sie unter diesem oder jenem Vorwande, gewöhnlich aber unter dem, daß sie eine Redoute oder Brustwehr auf dem Risse deutlicher gezeigt haben möchte, zu bewerkstelligen wußte, ehe noch mein Onkel Toby — die gute Seele! — ein halbes Dutzend Ruten damit marschiert war.
Es nötigte meinen Onkel Toby, seinen Zeigefinger zu gebrauchen. Die Veränderung, die es in der Attacke veranlaßte, war diese: Wenn in dem ersten Falle Madame Wadmann mit der Spitze ihres Zeigefingers an dem Ende der Tabakspfeife meines Onkels Toby herumfuhr, da hätte sie auf den Linien herumreisen mögen von Dan gen Berseba — hätten meines Onkels Toby Linien sich so weit erstreckt —, ohne daß es die geringste Wirkung getan hätte. Denn weil in dem Ende der Tabakspfeife kein Blut und keine Lebensgeister waren, so konnte es keine Empfindungen erregen. Es konnte weder durch Pulsation Feuer geben noch durch Sympathie welches fangen. Es war bloß Schmauch.
Dahingegen, wenn sie meines Onkels Toby Zeigefinger mit dem ihrigen folgte, Finger an Finger, durch alle Krümmungen und Spitzen seiner Werke, ihn zuweilen an der Seite drückte, dann mit ihrem Finger auf seinen Nagel trat, dann damit über seinen her stolperte, ihn bald hier tippte, bald da und so fort, setzte das wenigstens etwas in Bewegung.
Dieses waren zwar nur leichte Scharmützel und fielen in einiger Entfernung vom Hauptkorps ab, zettelten aber das übrige herbei. Wenn dann, wie gewöhnlich, die Karte wieder an die Wand des Schilderhauses herniederfiel, so pflegte mein Onkel Toby mit der größten Treuherzigkeit seine flache Hand daraufzuhalten, um mit seiner Erklärung fortzufahren. Madame Wadmann, durch ein Manöver so schnell wie Gedanken, hielt eben so gewiß ihre Hand dicht bei der seinigen. Dieses eröffnete auf einmal eine Kommunikation, die weit genug war, jede Empfindung hin und her passieren zu lassen, wie sie eine Person, die in dem elementarischen und praktischen Teile der Liebe bewandert war, sich nicht schöner wünschen konnte.
Sobald sie ihren Zeigefinger (wie vorher) mit dem Zeigefinger meines Onkels Toby in eine Parallele brachte, brachte solches ganz unvermeidlich auch den Daumen ins Feuer — und der Zeigefinger und Daumen einmal im Treffen, zogen eben so natürlicherweise die ganze Hand ins Gemenge. Deine, mein liebster Onkel Toby, war doch nun niemals auf der rechten Stelle. — Madame Wadmann mußte sie immer aufheben oder sie hatte zu tun immer mit dem sanftesten Stoßen, Schieben oder zweideutigen Drängen und Drücken, die eine den Platz zu verändernde Hand nur immer leiden mag, ein Haar breit aus dem Wege zu rücken.
Derweil dieses vorging, wie hätte sie's vergessen können, ihn empfinden zu lassen, daß es ihr eigenes Bein sei (und sonst keines Menschen), das ihn unten am Schilderhause sanft an seiner Wade drückte.
Da also mein Onkel Toby auf diese Weise attackiert und ihm auf beiden Flügeln hart zugesetzt wurde, war es ein Wunder, wenn solches zuweilen sein Zentrum in Unordnung brachte? —
»Das hole der Henker!« sagte mein Onkel Toby.