Hundertachtzehntes Kapitel.
»Es wäre wohl ewig schade, ob ich schon glaube, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, daß ich wohl nur einfältiges Zeug vorbringen werde, für 'n Soldaten.«
»Ein Soldat,« rief mein Onkel Toby und fiel dem Korporal in die Rede, »hat darin nichts voraus, Trim; er kann ebensowohl einfältiges Zeug hervorbringen wie ein Gelehrter.« — »Aber nicht so oft, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« versetzte der Korporal. — Mein Onkel Toby nickte Beifall.
»Es wäre denn also ewig schade,« sagte der Korporal und warf seine Augen auf Dünkirchen und den Hafen, wie Servius Sulpicius, als er aus Asien zurückkam und von Ägina gen Megara segelte, seine Augen auf Korinth und Pyräus richtete.
»Es wäre ewig schade, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, diese Werke zu demolieren — und ewig schade, wenn man sie hätte stehen lassen.«
»Er hat recht, Trim, in beiden Stücken,« sagte mein Onkel Toby. — »Das,« fuhr Korporal Trim fort, »ist die Ursache, warum ich von Anbeginn ihrer Schleifung bis ans Ende nicht ein einziges Mal gepfiffen oder gesungen, oder gelacht oder geweint, oder von unseren alten Taten gesprochen oder Euer Gnaden ein einziges Histörchen erzählt habe, gut oder schlecht.«
»Er hat viel Gutes an sich, Trim,« sagte mein Onkel Toby. »Und ich lobe es an Ihm, da Er doch sein Histörchen erzählen mag, daß Er unter allen, die Er mir erzählt, um mir meine Schmerzen vergessen zu machen oder mir meine Grillen zu vertreiben, Er mir selten ein schlechtes erzählt hat.«
»Das kommt davon, mit Euer Gnaden gütiger Erlaubnis, daß sie alle wahr sind, wenn ich die Historie vom König von Böhmen und seinen sieben Schlössern nicht mitrechne. Denn sie gehen alle zusammen mich selbst was an.«
»Und ebendarum mag ich sie wohl leiden,« sagte mein Onkel Toby. »Aber was für eine Historie ist denn das? Er hat mich ja recht neugierig gemacht.«
»Euer Gnaden können's gleich hören, wenn ich's erzählen soll.«
»Nur,« sagte mein Onkel Toby und sah von neuem nach Dünkirchen und dem Hafen hin, »nur muß es keine lustige sein. Wer sich eine lustige Historie erzählen lassen will, Trim, der muß ohnedem schon aufgeräumt sein, sonst geht's nicht. Und so wie mir jetzt zumute ist, würde Er wohl nicht die Freude haben, daß ich über Seine Historie lachte.«
»Lustig ist sie ganz und gar nicht,« versetzte der Korporal.
»Gar zu ernsthaft möchte ich sie aber auch nicht haben,« setzte mein Onkel Toby hinzu. — »Es ist weder das eine noch das andere,« erwiderte der Korporal, »und wird für Euer Gnaden recht passen.« — »Nun, so nehme ich sie zu herzlichem Danke an,« rief mein Onkel Toby. »Sei Er nur so gut und fange Er an, Trim.«
Der Korporal machte seine Reverenz; und obgleich es nicht so leicht ist, als man wohl glaubt, eine welke Reitmütze mit einem schicklichen Anstande abzunehmen — oder etwa um ein Haar leichter, nach meiner Ansicht, wenn ein Mensch auf gut türkisch auf der Erde kauert, einen so ehrfurchtsvollen, tiefen Bückling zu machen, wie der Korporal gewohnt war, so tat es Trim doch dadurch, daß er seine rechte flache Hand, mit der er nach seinem Herrn hin saß, ein wenig hinterwärts hinter seinem Körper aufs Gras fallen ließ, damit er sich besser vornüberbeugen könnte. Und er tat es durch eine ungezwungene Zusammenklemmung seiner beiden Vorderfinger und des Daumens seiner linken Hand, wodurch der Umfang der Mütze kleiner wurde, und man eher hätte sagen können, er habe sie abgedrückt als abgerissen, und zwar auf eine bessere Weise als die Lage, darin er war, es zu versprechen schien. Und nachdem er ein paarmal hm! hm! gesagt hatte, um den Ton ausfindig zu machen, in welchem die Historien am besten gehen und welche in seines Herrn Gemütsart am besten eingreifen möchte, wechselte er nur einen vertraulich freundlichen Blick mit ihm und begann also:
Die Historie vom König von Böhmen und seinen sieben Schlössern.
»Es war einmal ein König von Böhmen —«
Wie der Korporal die Grenzen von Böhmen beschritt, nötigte ihn mein Onkel Toby, auf einen Augenblick innezuhalten. Er hatte barhaupt begonnen, indem er seine Reitmütze, die er am Ende des vorigen Kapitels abgezogen, neben sich auf der Erde hatte liegen lassen.
Das Auge der Güte späht auf alles. — Der Korporal hatte also noch nicht völlig die fünf ersten Worte seiner Historie hervorgebracht, als mein Onkel Toby bereits mit seinem spanischen Rohre zweimal die Mütze frageweise angerührt hatte — gleichsam, um zu sagen: warum setzt Er sie nicht auf, Trim? Trim hob sie mit der ehrerbietigsten Langsamkeit auf, und indem er dabei, wie er's tat, einen demütigen Blick auf das gestickte Vorderblatt warf, das jämmerlich abgebleicht und daneben in den besten Blumen und kühnsten Zügen der Stickerei abgeschlissen war, legte er sie von neuem zwischen seine beiden Beine, um über den Umstand zu moralisieren.
»Leider ist jedes Wort von dem nur zu wahr,« rief mein Onkel Toby, »was Er da anmerken will.«
»Nichts in dieser Welt, Trim, ist gemacht, daß es ewig halten soll.«
»Aber wenn die Andenken deiner Liebe und Treue, liebster Thomas, sich verschleißen,« sagte Trim, »was sollen wir dann sagen?« —
»Er hat nicht nötig, das geringste weiter zu sagen,« rief mein Onkel Toby. »Und wenn auch ein Mensch sein Gehirn bis an den lieben Jüngsten Tag zermarterte, Trim, ich glaube, so könnte er es doch nicht herausfinden.«
Da der Korporal merkte, daß mein Onkel Toby recht hatte, und daß es für den Witz eines Menschen vergebens sein würde, darauf zu sinnen, eine reinere Moral aus seiner Mütze zu ziehen, so ließ er's dabei bewenden und setzte sie auf, fuhr mit seiner Hand über die Stirne, um eine tiefsinnige Runzel wegzureiben, die der Text und die Nutzanwendung miteinander gezeuget hatten, und wendete sich wieder, mit dem vorigen Blicke und Tone in der Stimme, zu seiner Historie vom Könige von Böhmen und seinen sieben Schlössern.
Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern.
Fortsetzung.
»Es war einmal ein König von Böhmen, aber unter was für einer Regierung, wenn es nicht unter seiner eigenen war, das kann ich Euer Gnaden nicht sagen —«
»Das verlange ich von Ihm auch nicht, Trim, gar nicht,« sagte mein Onkel Toby.
»Es war ein Weilchen vorher, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, ehe die Hünen anfingen keine Kinder mehr zu kriegen. Aber in was für einem Jahr Christi es war —«
»Da gebe ich keinen roten Heller um, ob ich das weiß, oder nicht,« sagte mein Onkel Toby.
»Ja, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, eine Historie kriegt doch so ein besser Ausgehen danach.«
»Es ist Seine Historie, Trim, schmücke Er sie aus nach Seinem eigenen Gutdünken und verlege Er sie, auf welches Jahr Er will,« sagte mein Onkel Toby und sah ihn spaßhaft an. »Verleg' Er sie, auf welches Jahr Er nur Lust hat. Ich bin's von Herzen zufrieden.«
Der Korporal verneigte sich; denn, von jedem Jahrhunderte und von jedem einzelnen Jahr dieses Jahrhunderts, vom Anbeginn der Schöpfung bis zur Sündflut, und von der Sündflut bis zu Abrahams Geburt, durch alle Wallfahrten der Leben der Erzväter bis auf den Ausgang der Kinder Israel aus Ägypten — und alle Dynastien, Olympiaden, Urbiconditas und andere merkwürdige Epochen der verschiedenen Völkerschaften auf dem Erdboden, bis zu Christi Geburt, und von da an bis auf den eigentlichen Augenblick, in welchem Trim seine Historie erzählte —, dieses weite Meer der Zeit, mit allen seinen Abgründen, hatte mein Onkel Toby seiner Wahl überlassen. Aber wie die Bescheidenheit das kaum mit einem Finger zu berühren pflegt, was ihr die Freigebigkeit mit beiden offenen Händen darbeut, so begnügte sich der Korporal mit dem schlechtesten Jahre aus dem ganzen Bausch, welches, um die Herren Kameralisten, Projektisten und Lottologisten abzuhalten, daß sie sich durchs Zanken darüber nicht das Fleisch von den Knochen nagen — ob das Jahr nicht allemal das letzt zurückgelegte Jahr des zuletzt abgelegten Kalenders sei — ich Ihnen deutlich sagen muß: aus anderen, ganz anderen Ursachen aber, als Sie denken.
Es war das Jahr, das ihm am nächsten war, zu sagen, das Jahr unseres Herrn siebzehnhundertundzwölfe. Weil in diesem Jahr der Herzog von Ormond in Flandern sein Wesen trieb, nahm es der Korporal und trat damit von neuem seine Reise nach Böhmen an.
Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern.
Fortsetzung.
»Es war im Jahre unseres Herrn eintausendsiebenhundertundzwölf, mit Euer Gnaden Wohlnehmen —«
»Die Wahrheit zu sagen, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »würde mir jedes andere Jahr lieber gewesen sein, nicht nur des üblen Kleckses wegen, den dieses Jahr in unserer Geschichte von England macht. Weil unsere Völker aus dem Felde geführt wurden und man sich weigerte, die Belagerung von Ovesnoy zu decken, ungeachtet Fagel die Werke mit solcher unglaublicher Herzhaftigkeit fortführte, — sondern auch seiner eigenen Historie wegen, Trim. Weil, wenn darin — wie ich aus einigen Worten, die Ihm entfallen sind, schließen muß — wenn Riesen, oder, wie Er es nennt, Hünen darin vorkommen.«
»Nur ein einziger, mit Euer Gnaden Wohlnehmen.«
»Das ist so gut wie zwanzig,« sagte mein Onkel Toby. »Er hätte ihn einige sieben- oder achthundert Jahre zurück aus dem Schusse bringen sollen, sowohl wegen der Kunstrichter als anderer Leute. Deswegen möchte ich Ihm wohl raten, wenn Er es jemals wieder erzählt —«
»Wenn ich nur so lange lebe, daß ich einmal damit zu Ende komme, so will ich's,« sagte Trim, »in meinem Leben nicht wieder erzählen, weder einem Manne, noch einer Frau, noch einem Kinde.« — »Nun, nun!« sagte mein Onkel Toby. Aber mit einer so zuredenden Stimme sagte er's, daß der Korporal mit mehr Freudigkeit fortfuhr als zuvor.
Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern.
Fortsetzung.
»Es war einmal, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte der Korporal, erhob dabei seine Stimme und rieb sich freudig die Hände, wie er begann, »ein König von Böhmen —«
»Laß Er das Jahr nur aus, Trim,« sagte mein Onkel Toby, indem er sich vorne überbückte und seine Hand vertraulich auf des Korporals Schulter legte, um seiner Unterbrechung das Unangenehme zu benehmen. — »Laß Er's nur ganz aus, Trim. Eine Historie kann recht gut sein, ohne solche Genauigkeit, man müßte es denn ganz sicher wissen.«
»Sicher wissen!« sagte der Korporal und schüttelte den Kopf.
»Richtig,« antwortete mein Onkel Toby. »Es ist so leicht nicht, für jemand, der nicht tiefer studiert hat, wie Er und ich, der selten weiter vor sich hin sieht als aufs Ende seiner Muskete oder weiter hinter sich als nach seinem Schnappsacke, und also von solchen Dingen nicht viel versteht.«
»Jawohl, jawohl, Euer Gnaden,« sagte der Korporal, der sowohl durch die Art wie durch das, was mein Onkel sagte, hingerissen ward, »er hat wohl sonst was zu tun. Ist er nicht in einer Schlacht oder auf dem Marsche oder in Garnison auf der Wache, so hat er, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, sein Gewehr zu putzen, sein Lederzeug zu kollern und zu wichsen, seine großen und kleinen Montierungsstücke unter der Nadel zu halten, sein Haar zu kräuseln und zu pudern, daß er immer so schmuck ist wie auf der Parade. Was hat ein Soldat nötig,« setzte der Korporal hinzu, »daß er sich um die Geographie bekümmert, Euer Gnaden.«
»Chronologie will Er sagen, Trim,« sagte mein Onkel Toby. »Denn die Geographie, sieht Er, die kann er nicht entbehren. Er muß mit jedem Lande und mit seinen Grenzen genau bekannt sein, wohin ihn sein Beruf führt. Er sollte jede Stadt, jeden Flecken, jedes Dorf und jede Meierei kennen, mit den Heerstraßen, Fußsteigen und Hohlwegen, die dahin gehen. Er sollte über keinen Fluß oder Bach kommen oder er sollte gleich beim ersten Anblick zu sagen wissen, wie er heißt, in was für einem Gebirge er entspringt, was er für einen Lauf nimmt, wo er schiffbar ist, wo man durchwaten kann und wo er zu tief ist. Er sollte die Fruchtbarkeit eines jeden Tales ebenso gut wissen, wie der Bauer, der es bepflügt, und sollte es beschreiben, oder, wenn's begehrt wird, imstande sein, eine richtige Karte aufnehmen zu können, von allen Planen, Defileen, Werken, Anhöhen, Waldungen, Morästen, wo seine Armee durch- oder vorbeimarschieren muß. Er sollte ihre Produkte, ihre Pflanzen, ihre Mineralien, ihre Wasser, ihre Art Vieh, ihre Witterung, ihre Winde, ihre Hitze und Kälte, ihre Einwohner, ihre Gebräuche, ihre Sprache, Sitten und sogar ihre Religion kennen.«
»Wäre es sonst wohl begreiflich, Korporal,« fuhr mein Onkel Toby fort und richtete sich in seinem Schilderhause in die Höhe, wie er bei diesem Teile seiner Rede warm wurde, »daß Marlborough seine Armee von den Ufern der Maas bis Belburg führen konnte? Von Belburg nach Kerpenord — konnte der Korporal nicht länger sitzen —. Von Kerpenord, Trim, nach Kalsacken, von Kalsacken nach Neudorf, von Neudorf nach Landenburg, von Landenburg nach Mildenheim, von Mildenheim nach Elchingen, von Elchingen nach Gingen, von Gingen nach Balmerchofen, von Balmerchofen nach Schellenberg. Wo er die feindlichen Werke überfiel, sich eine Passage über die Donau erzwang, über den Lechfluß setzte, mit seinem Heere bis ins Herz des Deutschen Reiches drang, an der Spitze desselben durch Freiburg, Hohenwert und Schönefeld marschierte, bis zu dem Schlachtfelde bei Blenheim und Höchstädt? — So groß er war, Korporal, er hätte keinen Fußbreit avancieren oder den Marsch von einem einzigen Tage anordnen können, ohne Hilfe der Geographie.
»Die Chronologie aber, das gesteh' ich, Trim,« fuhr mein Onkel Toby fort und setzte sich wieder ganz kalt in seinem Schilderhause nieder, »die scheint unter allen anderen eine Wissenschaft zu sein, deren ein Soldat am ersten entraten könnte. Wenn's nicht wegen der Einsichten wäre, die sie ihm eines Tages erteilen muß, wenn er ausmachen will, um welche Zeit das Pulver erfunden worden, dessen greuliche Verwüstung, da es wie der Donner alles vor sich niederreißet, eine neue Zeitrechnung für unsere Kriegskunst beginnt. Es hat die Natur des Angreifens und des Verteidigens sowohl zur See als zu Lande so durchgängig verändert und hat dabei soviel Kunst und Geschicklichkeit erweckt, daß die Welt darüber, den eigentlichen Zeitpunkt der Entdeckung auszumachen, nicht zu genau, noch zu forschbegierig sein kann: Zu wissen, welch großer Mann der Erfinder war und was für Veranlassung ihn darauf führte.«
»Ich bin weit entfernt,« fuhr mein Onkel Toby fort, »das zu bestreiten, worin die Geschichtschreiber übereinstimmen, daß im Jahre 1380, unter der Regierung Wenzeslaus', ein Sohn Karls IV., ein gewisser Mönch namens Schwarz den Venetianern in ihrem Kriege mit den Genuesern den Gebrauch des Pulvers angab. Aber das ist gewiß, der erste war er nicht. Weil, wenn wir dem Don Pedro, Bischof von Leon, Glauben beimessen dürfen.« —
»Wie kamen denn, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, Mönche und Bischöfe dazu, daß sie ihre Nase so oft ins Pulver steckten?« — »Gott weiß es,« sagte mein Onkel Toby. — »Seine Vorsehung weiß alles zum besten zu lenken, und er behauptet in seiner Chronik vom König Alphonsus, welcher Toledo eroberte, daß im Jahre 1343, volle dreißig Jahre früher, das Geheimnis des Pulvers ganz bekannt gewesen und mit Nutzen gebraucht sei, von Mauren und Christen, nicht nur in ihren Seetreffen um diese Zeit und bei vielen anderen von ihren merkwürdigen Belagerungen in Spanien und in der Barbarei. Der ganzen Welt ist es bekannt, daß der Mönch Bacon ausdrücklich darüber geschrieben und der Welt großmütigerweise das Rezept gegeben hat, wie man es machen kann, schon länger als hundertundfünfzig Jahre vorher, ehe Schwarz geboren war. Und jeder weiß auch, daß die Chinesen,« fügte mein Onkel Toby hinzu, »uns mit unserer Rechnung noch mehr in Verlegenheit setzen, indem sie sich der Erfindung sogar noch einige hundert Jahre vor ihm rühmen.«
»Das Chinesenvolk ist wohl ein ganzes Lügenpack, glaub' ich,« schrie Trim.
»Sie mögen wohl in dieser Sache,« sagte mein Onkel Toby, »ein wenig irre sein, wie es für mich ganz deutlich erhellet aus dem elenden Zustande, worin sich gegenwärtig ihre Kriegsbaukunst befindet, welche in der Welt in weiter nichts begeht als in einem Graben mit einem Walle von Ziegelsteinen ohne Flanken. Und, was sie uns für eine Bastion, an jeder Ecke desselben, geben wollen, ist ein Ding, das lebhaftig aussieht, wie — —« »Wie eins von meinen sieben Schlössern, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte Trim.
Obgleich mein Onkel Toby um ein Gleichnis in der äußersten Verlegenheit war, so lehnte er doch Trims Anerbieten in ganz höflicher Weise ab, bis Trim sagte, er habe doch noch ein ganzes halbes Dutzend in Böhmen, damit er nichts anzufangen wüßte, und mein Onkel Toby über den lustigen Spaß des Korporals so vergnügt wurde, daß er seine Dissertation über das Schießpulver abbrach — und den Korporal bat, er möchte nur stracks mit seiner Historie vom Könige von Böhmen und seinen sieben Schlössern fortfahren.
Die Historie des Königs von Böhmen und seinen sieben Schlössern.
Fortsetzung.
»Dieser unglückliche König von Böhmen,« sagte Trim — »War er also unglücklich?« rief mein Onkel Toby. Denn er war in seine Dissertation über das Schießpulver und andere Kriegshändel so verwickelt gewesen, daß, obgleich er von dem Korporal verlangt hatte, er sollte fortfahren, dennoch seine häufigen Unterbrechungen ihm nicht mehr stark genug im Andenken waren, um das Beiwort nicht zu erklären. »War er also unglücklich, Trim?« sagte mein Onkel Toby mit gerührter Stimme.
Der Korporal, nachdem er erst das Wort mit allen gleichbedeutenden zu allen Henkern gewünscht hatte, begann den Augenblick, die hauptsächlichsten Begebenheiten seines Königs von Böhmen in Gedanken durchzulaufen. Aus einer jeden derselben aber erhellte, daß er einer der glücklichsten Menschen war, die jemals in der Welt gelebt haben. Das brachte den Korporal zum Stocken; denn er wollte nicht gerne das Beiwort zurücknehmen — und noch weniger es erklären — am allerwenigsten aber seine Historie drehen und winden — wie systematische Historiker — um sie seinem System anzupassen. Er blickte also meinem Onkel Toby ins Angesicht um Beistand. Da er aber sah, daß das gerade die Sache wäre, die mein Onkel Toby von ihm erwartete, fuhr er nach einigen Hms! und Jas fort:
»Der König von Böhmen,« versetzte der Korporal, »war mit Euer Gnaden Wohlnehmen, als wenn ich so sagen wollte, unglücklich darin, daß er große Lust und Vergnügen an der Schiffahrt fand und an allen Arten von Seesachen —, und da es sich nun begab, daß in dem ganzen böhmischen Königreiche keine Stadt mit einem Seehafen war —«
»Ich glaub's wohl! wie hätte das auch zugehen sollen, Trim?« rief mein Onkel Toby. »Da Böhmen allenthalben festes Land ist, so konnte es sich nicht anders begeben.« — »Es hätte doch wohl,« sagte Trim, »wenn's Gottes Wille gewesen wäre.« —
Mein Onkel Toby sprach niemals von dem Wesen und den Eigenschaften Gottes außer mit der ehrfurchtsvollsten und zurückhaltendsten Behutsamkeit.
»Ich glaube nicht,« erwiderte mein Onkel Toby nach einigem Nachdenken. »Denn da es festes Land ist, wie ich gesagt habe, und Schlesien und Mähren gegen Osten, die Lausitz und Obersachsen gegen Norden, das Fränkische gegen Westen und Bayern gegen Süden gelegen hat, so hätte Böhmen nicht an die See gerückt werden können, oder es wäre nicht mehr Böhmen geblieben. Ebensowenig konnte auf der andern Seite die See nach Böhmen kommen, ohne einen großen Teil von Deutschland zu überschwemmen und Millionen von armen Einwohnern zu verschlingen, die sich dagegen nicht schützen können.« — »Sünd' und Schande!« schrie Trim. »Welches,« setzte mein Onkel Toby mit Sanftmut hinzu, »einen solchen Mangel an Barmherzigkeit in Ihm anzeigen würde, der der Menschen Vater ist, daß ich glaube, Trim, die Sache konnte sich auf keinerlei Art und Weise begeben.«
Der Korporal machte die Verbeugung der unverstellten Überzeugung und fuhr fort:
»Da es sich nun an einem schönen Sommerabend begab, daß der König von Böhmen mit seiner Königin und Hofleuten ausging« — »Ha! ja! da ist das Wort begab recht, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »denn der König von Böhmen konnte mit seiner Königin ausgehen oder es unterlassen. Das war eine zufällige Sache und konnte sich begeben, je nachdem es der Zufall mit sich brachte.«
»Der König William hatte den Glauben, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, daß alles schon so für uns in der Welt vorher bestimmt wäre. Das ging so weit, daß er oft zu seinen Soldaten zu sagen pflegte, daß eine jedwede Kugel ein Billett hätte.« — »Es war ein großer Mann,« sagte mein Onkel Toby. — »Und ich glaube noch bis auf diese Stunde,« fuhr der Korporal fort, »daß der Schuß, der mich in der Schlacht bei Landen zum Invaliden machte, ganz allein darum auf mein Knie gezielt wurde, damit ich aus seinem Dienste heraus und in Euer Gnaden Dienste kommen mußte, worin ich es soviel besser auf meine alten Tage haben sollte.« »Ehrlicher Trim,« sagte mein Onkel Toby, »es soll niemals anders ausgelegt werden können.«
Die Herzen, sowohl des Herrn als des Dieners, waren zu schneller Ergießung gleich stark geneigt. — Es erfolgte ein kurzes Stillschweigen.
»Und noch dazu,« sagte der Korporal und nahm das Wort wieder, aber mit heitererem Gesichte und Tone, »wäre es nicht dieser einzige Schuß gewesen, ich wäre Ihnen, Euer Gnaden, in meinem Leben nicht verliebt worden.« —
»So? ist Er einmal verliebt gewesen, Trim?« sagte mein Onkel Toby lächelnd.
»Ja, was wollte ich nicht!« versetzte der Korporal. »Bis über Kopf und Ohren! mit Euer Gnaden Wohlnehmen.«
»Ei, sag' Er mir doch, wann, wo und wie das zuging? Ich habe ja noch kein Wort davon gehört,« sagte mein Onkel Toby. »Ich wollte doch wohl sagen, daß es das ganze Regiment bis auf den Steckenknecht gewußt hätte.« — »So ist's hohe Zeit, daß ich's auch erfahre,« sagte mein Onkel Toby. — »Euer Gnaden,« sagte der Korporal, »werden sich noch wohl mit Unlust an die greuliche Verwüstung und Konfusion unseres Lagers und unserer Armee nach der Affäre bei Landen erinnern. Da war an kein Kommando mehr zu denken. Ein jeder mochte zusehen, wie er sich rettete. Und hätten's nicht die Regimenter von Windham, Lumley und Galway getan, welche noch die Retirade über die Brücke zu Neerspeeken deckten, so hätte der König selbst kaum darüber kommen können. — Sie setzten ihm, wie Euer Gnaden wissen, an allen Seiten hart zu.«
»Der tapfere Herr!« schrie mein Onkel Toby, von seinem Enthusiasmus ergriffen. »Diesen Augenblick, da alles vorbei ist, sehe ich ihn noch an mir vorbeireiten, Korporal, nach dem linken Flügel, um den Rest der engländischen Kavallerie herbeizuführen, um den rechten zu unterstützen und den Lorbeer von Luxemburgs Stirne zu reißen, wenn's noch möglich wäre. Ich sehe ihn, wie eben der Knoten von seiner Schärpe abgeschossen ist und wie er dem Galwayischen Regimente neuen Mut einspricht. Er reitet vor der Linie hinauf. Nun wendet er sich um und greift an ihrer Spitze den Conti an. Brav! brav wahrhaftig,« rief mein Onkel Toby. »Er verdient eine Krone! — so gewiß wie ein Dieb den Strick,« jauchzte Trim.
Mein Onkel Toby kannte des Korporals Treue als Untertan. — Sonst war die Vergleichung gar nicht nach seinem Sinne. Sie gefiel dem Korporal selbst auch nicht so ganz, sobald er sie gemacht hatte. — Aber sie war heraus. Er konnte also nichts weiter dabei tun, als nur fortfahren.
»Da der Haufen der Verwundeten erstaunlich groß war und niemand Zeit hatte, an was anderes zu denken als seine eigene Sicherheit —« — »Aber Talmash,« sagte mein Onkel Toby, »führte doch die Infanterie mit großer Klugheit ab.« — »Ich aber ward auf dem Felde liegen gelassen,« sagte der Korporal. »Das ward Er; armer Mensch!« versetzte mein Onkel Toby. — »So, daß es den andern Tag Mittag wurde,« fuhr der Korporal fort, »ehe ich ausgewechselt und mit dreizehn oder vierzehn andern auf den Karren geladen wurde, der uns nach unserem Hospital bringen sollte.
»Es ist, mit Euer Gnaden Erlaubnis, kein Glied am ganzen Leibe, wo eine Wunde mehr unausstehliche Schmerzen macht als am Knie.« —
»Das Latzbein ausgenommen,« sagte mein Onkel Toby. — »Wenn's Euer Gnaden nicht übelnehmen wollen, so glaub' ich, daß, nach meiner Meinung, das Knie das schmerzlichste sein muß. Denn da sind soviel Sehnen und soviel andere, wie heißt es? herum her.«
»Ebendeswegen,« sagte mein Onkel Toby, »kommt's, daß das Latzbein unendlich empfindlicher ist. Da liegen nicht nur ebensoviel Sehnen und andere, wie es heißt? — denn ich kenne ihre Namen ebensowenig wie Er — umher, sondern auch — —«
Madame Wadmann, die die ganze Zeit über in ihrer Laube gewesen, hielt geschwind den Atem an, zog die Nadel aus ihrer Kappe unterm Kinn, schlug sie in die Höhe und stellte sich auf die Zehen eines Fußes.
Der Streit ward freundschaftlich und mit gleichem Nachdruck zwischen meinem Onkel Toby und Korporal Trim eine Zeitlang fortgesetzt. Bis sich endlich Trim besann, daß er öfters über meines Onkels Toby Leiden geweint, über sein eigenes aber nie eine Träne vergossen habe, und deswegen nachzugeben dachte, was ihm aber mein Onkel Toby nicht gestatten wollte. »Das beweist nichts, Trim,« sagte er, »als die Güte seines Herzens.«
Daher also, ob die Pein einer Wunde am Latzbein (Caeteris paribus) größer ist als die Pein einer Wunde am Knie, oder —
Ob die Pein einer Wunde am Knie nicht größer ist als die Pein einer Wunde am Latzbein? — eine Sache ist, die bis auf den heutigen Tag unentschieden bleibt.