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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 119: Hundertneunzehntes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Hundertneunzehntes Kapitel.

»Die Schmerzen an meinem Knie,« fuhr der Korporal fort, »waren an und für sich schon erschrecklich groß; und beim Rumpeln des Karrens, bei dem entsetzlich ausgefahrenen Wege, welche das Übel immer ärger machten, wollte mir die Seele aus dem Leibe fahren. Und so war das viele verlorene Blut und der Mangel an Pflege und ein Fieber, das ich noch dazu ankommen fühlte —« der arme Mensch, sagte mein Onkel Toby —; »alles das zusammen war, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, zuviel für mich.«

»Ich klagte mein Elend einem jungen Frauenzimmerchen in einem Bauernhause, vor dem unser Karren, der der letzte in dem Zuge war, stillgehalten hatte. Sie hatten mir hereingeholfen, und das Frauenzimmerchen hatte ein Glas Herzstärkung aus der Tasche hervorgelangt und tröpfelte es auf ein Stückchen Zucker. Und als sie sah, daß es mir guttat, hatte sie mir's zum zweiten- und drittenmal eingegeben. Und so sagte ich ihr, mit Euer Gnaden Erlaubnis, was ich für einen Jammer hatte. Und sagte ihr, daß es mir so unausstehlich wäre, daß ich lieber auf dem Bette liegen — und wendete meinen Kopf nach einem, das in der Ecke der Stube stand — und sterben wollte als weiterfahren. Und als sie sich die Mühe gab, mich dahin zu führen, kriegte ich 'ne Ohnmacht in ihren Armen. — Es war so 'ne gute Seele, wie Euer Gnaden,« sagte der Korporal und wischte sich die Augen, »hören werden.«

»Ich hätte gedacht, die Liebe wäre was Lustiges,« sagte mein Onkel Toby.

»Es ist so was Ernsthaftes zuweilen, mit Euer Gnaden Erlaubnis, als nur was von der Welt.

»Auf das Zureden des Frauenzimmerchens,« fuhr der Korporal fort, »fuhr der Karren mit der blessierten Mannschaft ohne mich weiter. Sie hatte ihnen versichert, ich würde daran sterben, wenn ich wieder auf den Karren käme. Und als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich in einem stillen, ruhigen Bauernhause, und war sonst kein Mensch mit mir drinnen als das Frauenzimmerchen und der Bauer und seine Frau. Ich lag quer überm Bett in der Ecke der Stube, mit meinem Bein auf dem Stuhle, und das Frauenzimmerchen saß bei mir und hielt ihren Zipfel vom Schnupftuche, den sie in Essig getaucht hatte, mit einer Hand vor meiner Nase und rieb mir mit der andern die Schläfe.

»Ich hielt sie erst für die Tochter des Bauern (denn es war kein Krug) und hatte ihr deswegen einen kleinen Beutel mit achtzehn Gulden hingegeben, welche mir mein armer Bruder Thomas (hier wischte Trim seine Augen) mit einem Rekruten zum Andenken geschickt hatte, als er eben nach Lissabon gehen wollte.

»Ich habe Euer Gnaden die klägliche Historie noch kein Mal erzählt.« Hier wischte sich Trim zum dritten Male die Augen.

»Das Frauenzimmerchen rief den alten Mann und seine Frau her in die Stube und wies ihnen das Geld, daß sie mir ein Bett geben sollten und die kleine Pflege, die ich nötig hätte, bis ich erst ins Hospital gebracht werden könnte. Gut so, mein guter Freund, sagte sie und knüpfte den Beutel zu, — ich will seine Ausgeberin sein. Aber da ich damit allein wohl nicht genug zu tun habe, so will ich auch seine Wärterin sein.

»Nach der Manier, womit sie das sagte, und nach ihrer Tracht, die ich nun ein bißchen genauer examinierte, dachte ich wohl, daß das Frauenzimmerchen wohl nicht des Bauern Tochter sein könnte.

»Sie ging schwarz vom Kopfe bis zu den Füßen und hatte ihre Haare unter einer weißleinenen Haube, die ihr ganz dicht am Kopfe lag. Es war, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, eine von der Art Nonnen, die es in Brabant soviel gibt und die sie frei herumgehen lassen.« — »Aus seiner Beschreibung, Trim, sollte ich schließen, daß es eine junge Begyne gewesen, von denen man sonst nirgends welche findet, als in den Niederlanden, und in Amsterdam auch. Sie sind darin von Nonnen unterschieden, daß sie ihr Kloster verlassen können, wenn sie heiraten wollen. Sie besuchen die Kranken und pflegen sie nach ihrem Gelübde. Ich wollte aber lieber, sie täten's aus gutem Herzen.«

»Sie hat mir oft gesagt, sie tät's aus Liebe zum Heilande. Das wollte mir nicht recht gefallen.« — »Ich glaube, Trim, wir haben beide unrecht,« sagte mein Onkel Toby. »Wir wollen den Pfarrer Yorick darum fragen, wenn er heute abend nach meines Bruders Hause kommt. Erinnere Er mich nur daran.«

»Die junge Begyne,« fuhr der Korporal fort, »hatte kaum das Wort ausgesagt, daß sie meine Krankenwärterin sein wollte, als sie wie der Wind hinging, ihren Dienst anzutreten und was für mich zurechtzumachen. Es währte nicht lange — ob schon es mich lange dünkte —, so kam sie wieder und hatte Flanell und dergleichen geholt. Und als sie mir mein Knie ein paar gute Stunden lang gekühlt und dergleichen und mir einen kleinen Napf Hafersuppe zu essen gegeben hatte, wünschte sie mir wohl zu schlafen und versprach des Morgens früh wiederzukommen. — Aber, Euer Gnaden, sie wünschte mir was, das ich nicht haben konnte. Mein Fieber wurde die Nacht sehr stark. Ihre Gestalt richtete großes Unheil in meinem Kopfe an. Ich tat die ganze Nacht nichts, als daß ich immer die Welt in zwei Stücken schnitt, um ihr eine Hälfte abzugeben. Und alle Augenblicke weinte ich wieder, daß ich nichts hatte, als einen Tornister und achtzehn Gulden, mit ihr zu teilen.

»Die ganze Nacht stand die hübsche Begyne wie ein Engel vor meinem Bette, zog den Vorhang weg und gab mir was ein. — Und ich wachte erst aus meinen Träumen dadurch auf, daß sie kam, wie sie versprochen hatte und mir wirklich eingab. Es ist gewißlich wahr, sie kam fast gar nicht von mir weg, und ich war so daran gewöhnt, von ihren Händen mein Leben zu nehmen, daß mir ganz bange ums Herz wurde und bleich im Gesicht, wenn sie nur aus der Türe ging. Und dabei doch,« fuhr der Korporal fort und machte eine der sonderbarsten Anmerkungen darüber,

»war's keine Liebe.

Es war an einem Sonntagnachmittag.
Der alte Mann und seine Frau waren ausgegangen.
Es war im ganzen Hause alles mausestill.
Auf dem Hofe krähte weder Huhn noch Hahn,
Als die hübsche Begyne kam und mich besuchte.

»Meine Wunde war nun auf gutem Wege der Besserung. Die Geschwulst hatte sich schon seit einiger Zeit gelegt, aber es folgte darauf sowohl über als unter dem Knie ein so unerträgliches Jucken, daß ich die ganze Nacht hatte kein Auge davor zutun können.

»Laß Er mich sehen, sagte sie, und kniete gerade vor meinem Knie auf die Erde nieder und begriff die Stelle unten daran.

»Es muß nur ein bißchen gerieben werden, sagte die Begyne. Damit legte sie das Bettlaken darüber und fing an, mit ihrem vordersten Finger hin und her zu reiben unter dem Flanell herum, das über dem Verband gebunden war.

»In fünf oder sechs Minuten fühlte ich schon ein bißchen von der Spitze ihres Fingers — und bald darauf streckte sie ihn auch aus und rieb mit zwei Fingern eine lange Weile so rund herum; da fiel mir's ein, daß ich verliebt werden würde. Ich wurde ganz rot im Gesicht, als ich sah was sie für eine weiße Hand hatte. Ja, Euer Gnaden, ich werde eine so schneeweiße Hand nicht wieder zu sehen kriegen, solange ich lebe.«

»An der Stelle nicht,« sagte mein Onkel Toby.

Es war zwar für den Korporal die ernsthafteste Verzweiflung von der Welt, er konnte aber doch nicht unterlassen zu schmunzeln.

»Als die junge Begyne sah,« fuhr der Korporal fort, »daß es gewaltig half, nachdem sie ein Weilchen mit zwei Fingern gerieben hatte, fing sie endlich an, mit dreien zu reiben, bis sie endlich nach und nach auch den vierten dazunahm und nun mit der ganzen Hand rieb. Ich will, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, kein Wort wieder von schneeweißen Händen sagen — aber sie war so weich, so weich, weicher als Atlas.«

»Höre Er, Trim, lobe Er sie, soviel als Er will,« sagte mein Onkel Toby, »ich werde seine Erzählung mit desto größerem Vergnügen hören.« — Der Korporal dankte seinem Herrn ohne alle Verstellung. Da er aber nichts weiter von der Hand der Begyne zu sagen hatte als ebendasselbe noch einmal, so ging er weiter, zu ihrer Wirkung.

»Die schöne Begyne,« sagte der Korporal, »rieb immer, immer weg mit ihrer ganzen Hand unter meinem Knie, bis ich besorgte, ihr Eifer würde sie müde machen. Ich wollte noch wohl tausendmal mehr tun, sagte sie, aus Liebe zum Heilande. Und wie sie das sagte, fuhr sie über den Flanell herüber nach der Stelle über dem Knie, worüber ich auch geklagt hatte, und rieb sie ebenfalls.

»Nun merkte ich, daß ich anfing verliebt zu werden.

»Als sie das Reiben, Reiben, Reiben so forttrieb, so fühlte ich, mit Euer Gnaden Erlaubnis, daß es unter ihrer Hand anfing und sich durch alle meine Glieder ausstreckte.

»Je mehr sie rieb und je längere Züge sie tat, je mehr zündete sich das Feuer in meinen Adern an, bis endlich meine Verliebtheit auf den höchsten Gipfel stieg — ich ergriff ihre Hand —«

»Und Er drückte sie an seine Lippen, Trim,« sagte mein Onkel Toby.

Ob es mit des Korporals Verliebtheit genau so ablief, wie mein Onkel Toby es beschrieb, das ist keine wesentliche Sache. Genug, daß sie alles das Wesentliche aller verliebten Romane in sich enthielt, welche von Anbeginn der Welt her geschrieben sind.