Das 132. Kapitel.
Da Jungfer Brigitte die Türe öffnete, ehe der Korporal noch einmal recht geklopft hatte, so war zwischen dem und der Einführung meines Onkels Toby ins Besuchszimmer die Zeit so kurz, daß Madame Wadmann nur ebensoviel Zeit hatte, hinter dem Vorhange wegzuwischen, eine Bibel auf den Tisch zu legen und ein paar Schritte gegen die Türe zu gehen, um ihn zu empfangen.
Mein Onkel Toby begrüßte Madame Wadmann nach der Weise, wie im Jahre unseres Herrn eintausendsiebenhundertunddreizehn das Frauenzimmer von Mannspersonen begrüßt ward. Darauf machte er rechtsum, ging in einem Gliede mit ihr zum Kanapee und in drei kleinen Worten, doch nicht, bevor er sich gesetzt hatte, auch nicht, nachdem er sich gesetzt hatte, sondern indem er sich setzte, sagte er ihr, er liebte sie.
Madame Wadmann sah natürlicherweise nieder auf eine Naht, die sie in ihrer Schürze aufgetrennt hatte, und erwartete alle Augenblicke, daß mein Onkel weitergehen würde. Allein, da er keine Gabe zur Amplifikation hatte, und Liebe dazu noch eine Sache war, mit der er unter allen am wenigsten meisterlich umzugehen wußte, so ließ er's, nachdem er Madame Wadmann einmal gesagt hatte, daß er sie liebte, damit gut sein und ließ die Sache durch sich selbst wirken.
Mein Vater hatte beständig seine herzliche Freude über dies System meines Onkels Toby, wie er's fälschlich nannte, und pflegte oft zu sagen, hätte sein Bruder zu diesem Prozesse nur noch das Feuer von einer Pfeife Tabak setzen können, er hätte damit flugs, wenn nur irgend etwas Wahres an einem spanischen Sprichworte wäre, seinen Weg zu den Herzen der Hälfte von allen Weibern auf der Erdkugel gefunden.
Mein Onkel Toby verstand niemals, was mein Vater damit sagen wollte. Ebensowenig will ich voreilig sein und mehr daraus schließen als die Verwerfung eines Irrtums, in welchem der große Haufen in der Welt steckt. — Aber die Franzosen, Mann für Mann, glauben fast eben so himmelfest daran wie an die körperliche Gegenwart, daß von Liebe reden Liebe sei.
Nach diesem Rezept möchte ich ebensogut eine Blutwurst machen wollen.
Laß uns weitergehen. Madame Wadmann saß in der Erwartung, daß er es täte, bis fast auf den ersten Pulsschlag der Minute, in der das Stillschweigen von einer Seite oder der anderen gewöhnlich unanständig wird. Dann rückte sie ein wenig näher zu ihm. Und indem sie ihre Augen aufhob, errötete sie ein wenig, nahm den Ausforderungshandschuh oder, wenn Sie das lieber hören, das Gespräch auf und fing die Unterredung mit meinem Onkel Toby folgendermaßen an:
»Die Sorgen und die Beschwerlichkeiten des Ehestandes,« sagte Madame Wadmann, »sind sehr groß.« — »Das sind sie, glaube ich,« sagte mein Onkel Toby. — »Wenn also eine Person,« fuhr Madame Wadmann fort, »so ruhig leben kann wie Sie, so glücklich, Herr Kapitän, durch sich selbst, durch Ihre Freunde und durch Ihren Zeitvertreib, so wundere ich mich, was Sie für Ursachen haben können, sich in diesen neuen Stand zu begeben.«
»Sie stehen,« sagte mein Onkel Toby, »alle in dem Buch geschrieben, woraus der Prediger bei der Trauung vorliest.«
Bis dahin ging mein Onkel Toby mit Behutsamkeit, blieb auf seiner Tiefe und ließ Madame Wadmann über dem Abgrunde segeln nach ihrem eigenen Gefallen.
»Was die Kinder anbelangt,« sagte Madame Wadmann, »obgleich vielleicht ein hauptsächlicher Zweck der Einsetzung der Ehe und ein natürlicher Wunsch, wie ich glaube, aller Eheleute, so wissen wir gar wohl, daß sie gewisse Sorgen und sehr ungewisse Freuden machen! Und, mein lieber Herr Kapitän, was hat man für das Herzeleid, was für Vergeltung für die manchen zärtlichen, unruhigen Bekümmernisse einer leidenden wehrlosen Mutter, die sie auf die Welt bringen muß?« — »Ich bekenne,« sagte mein Onkel Toby, von mitleidigem Gefühl ergriffen, »ich kenne keine, es sei denn das Vergnügen, womit es dem lieben Gott gefallen hat —.«
»Ein Wischiwaschi,« sagte sie.