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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 141: Hundertneununddreißigstes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Hundertneununddreißigstes Kapitel.

Es ist für einen völlig Fremden, der von London nach Edinburg reist, sehr natürlich, ehe er ausreiset, zu fragen, wieviel Meilen es bis York ist. Welches ungefähr die Hälfte des Weges ausmacht. Auch wundert sich niemand darüber, wenn er in seinen Fragen fortfährt und sich nach der Stadt, Einrichtung, den Zünften usw. erkundigt.

Ebenso natürlich war es für Madame Wadmann, deren erster Ehemann beständig das Hüftweh gehabt hatte, daß sie zu erfahren wünschte, wie weit es von der Hüfte bis zum Latzbeine sei. Und wieviel sie ungefähr mehr oder weniger, als Frau, in ihrem Gemüte, von dem einen oder dem anderen Falle zu leiden haben möchte.

Sie hatte also Drakes Anatomie von einem Ende zum andern durchgelesen.

Sie hatte gleichfalls mit ihrem eigenen Verstande darüber philosophiert, Theorema festgesetzt, Folgerungen daraus gezogen, und — war zu keinem Schlusse gekommen.

Um die Sache deutlich zu erfahren, hatte sie den Doktor Slop zweimal gefragt, ob wohl der gute Kapitän Shandy jemals von seiner Wunde hergestellt werden könnte.

»Er ist hergestellt,« sagte Doktor Slop beidemal.

»Wie, völlig?«

»Völlig, Madame.«

»Aber was verstehen Sie unter der Herstellung eigentlich?« sagte Madame Wadmann.

Doktor Slop war der ärgste Stümper unter der Sonne im Definieren. Also konnte Madame Wadmann nicht erfahren, was sie wissen wollte. Kurz, es gab keinen Weg, es herauszubringen, sie würde denn meinen Onkel Toby selbst fragen.

Es gibt bei Erkundigungen dieser Art einen so menschenfreundlichen Ton, der den Verdacht in Schlaf singt. — Und halb bin ich überzeugt, die Schlange in ihrem Gespräche mit Mutter Eva mußte ihm ziemlich nahekommen. Denn die weibliche Neigung, sich betrügen zu lassen, konnte doch so stark nicht sein, daß sie sonst so verwegen gewesen sein würde, mit dem Teufel selbst zu kosen. Aber es gibt einen menschenfreundlichen Ton, wie soll ich ihn beschreiben? — Es ist ein Ton, der die Wahrheit mit einem Gewande bedeckt und dem Frager ein Recht gibt, ebenso unanständig darüber zu sein wie Ihr Wundarzt.

»War es ohne alle Gnade?

»War es erträglicher im Bette?

»Konnte er dabei auf beiden Seiten gleich gut liegen?

»Konnte er dabei noch zu Pferde sitzen?

»War die Bewegung dabei schädlich? usf.« wurden so zärtlich ausgesprochen und dergestalt auf meines Onkels Toby Herz gerichtet, daß jedes Item davon zehnmal tiefer in dasselbe sank, als die Schmerzen selbst. — Als aber Madame rund um Namur herumging, um an meines Onkels Toby Wunde am Latzbeine zu gelangen, und ihn dahin brachte, die Spitze der äußersten Konterskarpe zu attackieren, pelemele mit den Holländern, mit dem Degen in der Faust, die Kontergarde St. Roch einzunehmen — und alsdann mit rührenden Tönen sein Ohr erfüllte, ihn blutend bei der Hand nahm und aus der Schußlinie führte, sich ihre Augen wischte, als er in sein Zelt getragen wurde — Himmel! Erde! See! — alles ward emporgerichtet. — Die Quellen der Natur stiegen über ihre natürliche Höhe hinauf. — Ein Engel des Mitleids saß ihm zur Seite auf dem Sofa. Sein Herz glühte von Feuer. Und hätte er tausend Herzen gehabt, er hätte sie alle an Madame Wadmann verloren.

»Und in welcher Gegend, lieber Herr Kapitän,« fragte Madame Wadmann ein wenig aufdringlich, »empfingen Sie diese häßliche Wunde?« — Als sie diese Frage tat, warf Madame Wadmann einen Seitenblick auf den Hüftengurt von meines Onkels Toby rotplüschenen Beinkleidern, indem sie natürlicherweise als die kürzeste Antwort erwartete, mein Onkel Toby würde seinen Zeigefinger auf die Stelle legen. — Es fiel anders aus. Denn, da mein Onkel Toby seine Wunde vor dem St. Nikolaustore bekommen hatte, in einer von den Traversen der vorspringenden Spitze der halben Bastion Sankt Roch gegenüber, so konnte er allemal eine Nadel auf die eigentliche Stelle stecken, wo er stand, als ihn der Stein traf. Dieses traf augenblicklich meines Onkels Toby Sensorium. Und zugleich damit die große Karte von der Stadt und Zitadelle von Namur und ihren Gegenden, welche er sich gekauft und mit Hilfe des Korporals während seiner langwierigen Krankheit auf ein Brett geklebt hatte. Sie hatte seitdem beständig mit anderem militärischen Poltergeräte in einer Dachkammer gelegen, und also ward der Korporal dahin detachiert, sie herzuholen.

Mein Onkel Toby maß mit Madame Wadmanns Scheren dreißig Ruten ab, von der äußersten Spitze vor dem St. Nikolaustore, und legte mit einer so jüngferlichen Bescheidenheit ihren Finger auf die Stelle, daß die Göttin der Wohlanständigkeit, wenn sie damals vorhanden — wo nicht, so war's ihr Schatten —, ihren Kopf schüttelte und indem sie mit einem Finger vor ihren Augen hin und her fuhr, ihr verbot, den Irrtum aufzudecken.

Unglückliche Madame Wadmann! —

Denn durch nichts kann ich diesem Kapitel ein lebhaftes Ende geben, wie durch eine Apostrophe an dich! — Aber mein Herz sagt mir, daß in einer so kritischen Lage eine Apostrophe nur ein verstecktes Höhnen sei, und lieber, ehe ich ein in Nöten steckendes Frauenzimmer verhöhnen wollte, laß das Kapitel dahinfahren zum Meister Hämmerling! Wenn sich nur ein verdammter Kunstrichter in Lohn und Brot die Mühe geben will, es mitzunehmen.