Hundertvierundvierzigstes Kapitel.
Nun hatte mein Onkel Toby eines Abends seine Pfeife auf den Tisch niedergelegt und zählte in Gedanken an seinen Fingern — beim Daumen anfangend — Madame Wadmanns Vollkommenheiten her. Eine nach der andern: und da es ihm zwei- oder dreimal begegnet war, entweder, weil er eine oder die andere ausgelassen, oder die andere zweimal gezählt, daß er sich jämmerlich verrechnete, ehe er noch bis zu seinem Mittelfinger kam. — »Hör' Er, Trim,« sagte er und nahm seine Pfeife wieder auf, »bring' Er mir Tinte und Feder.« Trim brachte Papier dazu.
»Nehme Er einen Bogen, Trim,« sagte mein Onkel Toby und gab ihm zugleich ein Zeichen mit seiner Pfeife, daß er einen Stuhl nehmen und sich zu ihm an den Tisch niedersetzen sollte. Der Korporal gehorchte, legte das Papier gerade vor sich nieder, nahm eine Feder und tunkte solche in die Tinte.
»Sie besitzt tausend Tugenden, Trim!« sagte mein Onkel Toby.
»Soll ich die aufschreiben, mit Euer Gnaden Wohlnehmen?« fragte der Korporal.
»Sie müssen aber nach ihrem Range gestellt werden,« erwiderte mein Onkel Toby. »Denn, Trim, die, welche mich vor allen anderen am meisten einnimmt und welche mir Bürge für alle übrigen wird, ist ihr mitleidiges Gemüt und die ganz ausnehmende Menschlichkeit ihres Charakters. — Ich beteure es,« fügte mein Onkel Toby hinzu und sah dabei, wie er es beteuerte, oben nach der Gipsdecke, »wäre ich tausendmal ihr Bruder, Trim, sie könnte sich nicht mehr und zärtlicher nach meinem Leiden erkundigen, ob solche gleich vorüber sind.«
Der Korporal tat keine andere Widerrede gegen meines Onkels Toby Beteuerung als einen kurzen Husten. Er tunkte die Feder zum zweitenmal ein. Und mein Onkel Toby zeigte mit dem Ende seiner Pfeife so dicht an den obersten Rand des Bogens auf der linken Ecke, als er nur konnte. — Und der Korporal schrieb dahin das Wort:
»Menschlichkeit« — — — — — — — — — — — —— — — — — —— — — — — —— — — — — —
— wie hier.
»Sag' Er mir doch, Korporal,« sagte mein Onkel Toby, sobald als Trim es getan hatte — »wie oft erkundigt sich wohl Seine Brigitte nach Seiner Wunde an Seiner Kniescheibe, die Er in der Schlacht bei Landen empfing?«
»Sie erkundigt sich, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, gar niemals danach.«
»Das, Korporal,« sagte mein Onkel Toby mit allem Triumphe, den ihm die Güte seines Herzens erlaubte, »das zeigt den Unterschied im Charakter der Herrschaft und des Kammermädchens. Hätte das Kriegsglück mich ebenden Unfall betreffen lassen, so würde Madame Wadmann sich nach allen Umständen dabei wohl hundertmal erkundigt haben.« — »Sie würde sich zehnmal so oft nach Euer Gnaden Wunde am Latzbein erkundigt haben.« — »Der Schmerz ist gleich unausstehlich, Trim. Und das Mitleiden nimmt ebensoviel Anteil an der einen Wunde wie an der andern.«
»Der liebe Gott vergelt's Euer Gnaden!« rief der Korporal. — »Was hat denn das Mitleid eines Frauenzimmers mit der Wunde eines Mannes an seiner Kniescheibe zu schaffen? Wäre Euer Gnaden Kniescheibe in der Schlacht bei Landen in hunderttausend Splitter zerschossen, Madame Wadmann würde sich den Kopf ebensowenig darüber zerbrochen haben wie Brigitte. Und zwar weil,« setzte der Korporal hinzu, indem er leiser, obgleich ganz vernehmlich sprach, als er seinen Grund anführte. —
»Weil das Knie soweit von dem Hauptwerke abliegt, dahingegen, wie Euer Gnaden wissen, das Latzbein dicht an der Kurtine des Ortes liegt.«
Mein Onkel Toby pfiff eine lange Note, aber so leise, daß man es kaum über den Tisch hinüber hören konnte.
Der Korporal war zu weit gegangen, um zurückzuziehen. Er sagte das Übrige in drei Worten.
Mein Onkel Toby legte seine Pfeife so leise auf den Kaminrost, als ob sie aus den ausgefaserten Fäden eines Spinnengewebes gesponnen gewesen.
»Laß uns nach meines Bruders Shandy Hause gehen,« sagte er.