Hundertsechsundvierzigstes Kapitel.
»Daß für die Erhaltung eines so großen, erhabenen und göttlichen Wesens, wie der Mensch ist, Anstalten und Vorkehrungen gemacht werden müssen, das bin ich sehr entfernt zu leugnen. Die Philosophie aber sagt von jeder Sache ihre Meinung frei heraus. Und deswegen denke und behaupte ich, es sei ein Jammer, daß es durch eine Leidenschaft geschehen sollte, welche die Seelenkräfte nieder- und alle Weisheit, Betrachtungen und Wirkungen der Seele zurückhält. — Eine Leidenschaft, mein Schatz,« fuhr mein Vater fort und wendete sich an meine Mutter, »welche den Weisen mit den Törichten zusammen paaret und sie gleich macht, und uns aus unseren Höhlen und Schlupfwinkeln mehr als Satire und vierfüßige Tiere hervorgehen läßt, denn als Menschen.
»Ich weiß es, daß man sagen wird,« fuhr mein Vater fort, »daß sie, an sich selbst und ohne Nebenabsicht betrachtet, so gut wie Hunger, Durst oder Schlaf eine Sache sei, die weder gut noch böse, noch schändlich oder dergleichen sei. — Warum denn aber sträubte sich die Delikatesse des Diogenes und Platos so heftig dagegen? Und warum löschen wir, wenn wir darauf denken, einen Menschen zu pflanzen, das Licht aus? Und aus was für Ursache ist es, daß alles Dahingehörige — die Zurüstungen — die Werkzeuge und was nur dabei erforderlich ist, als Sachen angesehen werden, die man keinem reinen Gemüte durch Sprache, Übersetzung oder Umschreibung von irgendeiner Art verständlich machen dürfe? —
»Die Handlung, einen Menschen zu töten oder zu vernichten,« fuhr mein Vater fort und erhub seine Stimme, wobei er sich an meinen Onkel Toby wendete, »ist, wie du siehst, rühmlich. Und die Waffen, womit wir sie verrichten, sind ehrenvoll. Wir marschieren damit auf unseren Schultern, wir prunken damit an unseren Hüften, wir vergolden sie, wir schnitzeln sie, wir legen sie aus, wir besetzen sie mit Edelsteinen. Ja, wenn's auch nur eine lumpige Kanone ist, so gießen wir einen Zierat auf ihre Traube.«
Mein Onkel Toby legte seine Pfeife nieder, um für ein besseres Beiwort zu bitten. Und Yorick machte sich fertig, die ganze Hypothese über den Haufen zu kanonieren. —
Als Obadiah mitten ins Zimmer mit einer Klage hereinbrach, die um ein unmittelbares Gehör schrie.
Die Sache war diese:
Mein Vater war, entweder nach einer lang hergebrachten Gewohnheit oder als Inhaber des großen Zehntens verpflichtet, einen Bullen für die Gemeinde zu halten, und Obadiah hatte den vorigen Sommer eines Tages seine Kuh zu einem kurzen Morgenbesuche zu ihm geführt. Ich sage, eines Tages, weil es der Zufall so mit sich brachte, daß es an ebendem Tage war, an welchem er mit meines Vaters Hausmagd verheiratet wurde. So daß die Rechnungen von einer Zeit an liefen. Deshalb also, da Obadiahs Ehefrau niederkam, dankte Obadiah Gott.
»Nun,« sagte Obadiah, »krieg' ich auch ein Kalb.« Und Obadiah ging täglich hin, nach seiner Kuh zu sehen.
»Sie wird den Montag kalben, oder Dienstag, oder Mittwoch spätestens.«
Die Kuh kalbte nicht. »Nein, vor künftiger Woche wird sie nicht kalben.« — Die Kuh schob es entsetzlich lang auf. Bis am Ende der sechs Wochen Obadiahs Verdacht — wie der Verdacht eines guten Mannes — auf den Bullen fiel.
Nun war die Gemeinde sehr stark, und meines Vaters Bulle, die Wahrheit von ihm zu sagen, seinem Geschäft gar nicht gewachsen, er hatte sich aber, auf eine oder die andere Art in die Bedienung geschlichen. — Und weil er seine Sache mit einem steifen Amtsgesichte verrichtete, so hatte mein Vater eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten gefaßt.
»Die meisten Hauswirte glauben, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte Obadiah, »daß die Schuld an dem Bullen liegt.« —
»Aber kann nicht auch eine Kuh unfruchtbar sein?« erwiderte mein Vater und wendete sich an den Doktor Slop.
»Das kommt nicht vor,« sagte Doktor Slop. »Aber Obadiah seine Frau kann sehr leicht zu früh gekommen sein. Sage Er doch, hat das Kind Haare auf seinem Kopfe?« setzte Doktor Slop hinzu. —
»Es ist ebenso haarig, wie ich selbst,« sagte Obadiah.
Obadiah war in drei Wochen nicht barbiert worden. — »Hu—u—u!« rief mein Vater, und begann seine Rede mit einer pfeifenden Ausrufung: »da haben wir's, Bruder Toby! Da könnte mein armer Bulle, der so gut ist, wie ein Bulle bei Kühen sein kann und in züchtigeren Zeiten für die Europa selbst gut genug gewesen wäre, ginge er nur auf zwei Beinen, vors Ehegericht geschleppt werden und seinen guten Namen einbüßen. Welcher für einen Dorfbullen, Bruder Toby, ebensoviel wert ist wie das Leben.«
»Du liebe Zeit,« sagte meine Mutter, »worüber macht ihr denn solchen Lärm?«
»Sie geißeln den toten Hahn, weil die Henne ein Windei gelegt hat,« sagte Yorick. Es war ein hübsches Geschichtchen!