Siebzehntes Kapitel.
»Ihre plötzliche unerwartete Ankunft,« sagte mein Onkel Toby zum Doktor Slop — alle drei setzten sich beim Kaminfeuer nieder, als mein Onkel Toby zu sprechen begann — »erinnerte mich augenblicklich an den großen Stevinus, der, wie ich Ihnen sagen muß, mein Leib-Autor ist.« — »So,« unterbrach ihn mein Vater, »so will ich vierzig Dukaten gegen einen Gulden setzen — welchen ich Obadiah geben kann, wenn er zurückkommt —, daß dieser Herr Stevinus ein Ingenieur oder so was ist, oder daß er, es sei auch, was es sei, mittelbar oder unmittelbar von der Fortifikation geschrieben hat.« —
»Das hat er,« versetzte mein Onkel Toby. »Dacht' ich's nicht?« sagte mein Vater. »Ob ich gleich, und sollte mich's das Leben kosten, nicht einsehen kann, was zwischen des Herrn Doktors Slop unerwarteter Ankunft und einer Abhandlung von der Fortifikation für eine Art von Zusammenhang sein kann. Doch hab' ich's gefürchtet. Bruder! wir mögen doch sprechen, wovon wir wollen, oder laß die Gelegenheit noch so weit weg oder unschicklich für dein Thema sein, so mußt du es doch einschieben. Nein, Bruder Toby,« fuhr mein Vater fort. »Nein, wahrhaftig, so voll möchte ich doch auch meinen Kopf nicht von Kurtinen und Hornwerken haben.« — »Das glaub' ich wohl, daß Sie das nicht möchten,« sagte Doktor Slop, indem er einfiel und ganz unmäßig über sein Wortspiel lachte.
Dennis, der kritische Meister, konnte ein Wortspiel oder nur einen Anschein vom Wortspiele nicht herzlicher verabscheuen und hassen als mein Vater. — Er runzelte immer die Stirne, wenn er eins hörte. Aber, wenn man ihn in einer ernsthaften Rede durch eine solche Witzelei unterbrach, pflegte mein Vater zu sagen, das wäre so gut, als wenn man ihm Nasenstüber gäbe. Er wüßte keinen Unterschied.
»Herr Doktor,« sagte mein Onkel Toby zu Slop, »die Kurtinen, wovon mein Bruder Shandy spricht, sind nichts weniger als Bettgardinen; obzwar, ich weiß wohl, du Cange sagt: ›daß nach aller Wahrscheinlichkeit solche ihren Namen von jenen bekommen haben‹. Ebensowenig haben die Hornwerke, wovon er spricht, das geringste mit dem Hörnerkrame zu tun, worüber sie lachen. Sondern Kurtine, Herr Doktor, ist das Wort, welches wir in der Fortifikation gebrauchen, den Teil des Walles damit zu benennen, der zwischen zwei Bastionen liegt und solche zusammenfügt. Die Belagerer wagen es selten, ihre Attacke gerade auf die Kurtinen zu richten, aus dem Grunde, weil sie so gut flankiert sind.« — »Ebenso ist's mit den Gardinen,« sagte Doktor Slop lachend. — »Indessen,« fuhr mein Onkel Toby fort, »um sie völlig zu decken, pflegen wir gewöhnlich Raveline davorzulegen, die wir an der anderen Seite des Grabens anbringen. Der gemeine Mann, der wenig von der Fortifikation versteht, verwechselt das Ravelin und den halben Mond miteinander, obgleich es sehr verschiedene Dinge sind. Nicht in ihrer Bauart oder Figur, denn wir machen solche in allen Stufen einander ähnlich. Sie bestehen aus zwei Facen, die eine Vorspringespitze mit der Brust ausmachen, nicht winkelrecht, sondern wie eine Sehne vom Zirkel.« — »Worin steckt denn der Unterschied?« fragte mein Vater ein wenig beißend. — »In ihrer Lage,« antwortete mein Onkel Toby. »Denn wenn ein Ravelin vor einer Kurtine steht, Bruder, so ist's ein Ravelin, und wenn ein Ravelin vor einer Bastion steht, so ist das Ravelin kein Ravelin, sondern ein halber Mond. Ebenso ist ein halber Mond, solange er vor seiner Bastion steht, ein halber Mond, aber nicht länger. Würde er von der Bastion weggenommen und vor eine Kurtine gesetzt, so wäre es nicht mehr ein halber Mond. Ein halber Mond ist in dem Falle kein halber Mond, es ist weiter nichts als ein Ravelin.« »Ich merke,« sagte mein Vater, »die edle Verteidigungskunst hat ihre schwachen Seiten so gut wie andere.« — »Die Hornwerke,« — nun, Himmel, sei gnädig! seufzte mein Vater — fuhr mein Onkel Toby fort, »die mein Bruder nannte, machen einen wichtigen Teil der Außenwerke. Die französischen Ingenieure nennen solche Ouvrages à Corne, und wir legen sie gemeiniglich an, um solche Stellen zu decken, die wir für Schwächer halten als die übrigen. Sie bestehen aus einer Face und einer Flanke oder halben Bastion; sie sehen recht hübsch aus, und wenn Sie einen Spaziergang machen wollen, so versichere ich Sie, will ich Ihnen eins zeigen, das sich der Mühe verlohnen soll. Es ist wahr, wenn wir sie krönen,« fuhr mein Onkel Toby fort, »so werden sie viel stärker. Aber dann sind sie auch sehr kostbar und nehmen viel Raum weg, so daß sie meiner Meinung nach die besten Dienste tun, die Front eines Lagers zu decken. Das doppelte Zangenwerk aber —« »Bei der Mutter, die uns gebar! Bruder Toby,« sagte mein Vater, der sich nicht länger halten konnte, »du könntest einem Heiligen einen Fluch ablocken. Da hast du uns, ich weiß nicht wie, ganz unter der Hand wieder mitten in deine alte Brühe gepökelt. — Aber dein Kopf ist so voll von diesen verdammten Werken, daß du meine Frau in Nöten kreißen, sie schreien hörst, und doch willst du mir den Operateur fortschleppen.« — »Akkoucheur höre ich lieber, wenn's Ihnen so gefällt,« sagte Doktor Slop. »Nun denn, Akkoucheur! in Gottes Namen! Aber ich wünsche die ganze Kriegsbaukunst mit allen ihren Erfindern über alle Berge; Tausenden hat sie schon das Leben gekostet, und mir wird sie auch noch den Tod bringen. Ich möchte nicht, Bruder Toby, ich möchte nicht mein Gehirn so voller Sappen, Minen, Blenden, Schanzkörbe, Palisaden, Raveline, halben Monde und wie der Plunder alles heißt, haben, und sollte ich Namur und alle Städte in Flandern dazu dafür bekommen.«
Mein Onkel Toby, der die Beleidigungen geduldig ertragen konnte, nicht weil's ihm an Herzhaftigkeit fehlte — ich habe Ihnen gesagt: ›daß er ein Mann war, der Mut hatte‹, und will hier hinzusetzen, daß, wenn sich eine gerechte Gelegenheit darböte, die solchen aufforderte —, ich keinen Mann wüßte, unter dessen Arme ich lieber Schutz suchen möchte. Auch das kam nicht von irgendeiner Gefühllosigkeit oder Stumpfheit seines Verstandes her, denn er fühlte diese Beleidigung meines Vaters so empfindlich, wie ein Mann sie fühlen konnte. Er war von friedfertiger, sanftmütiger Natur, kein zänkisches Sonnenstäubchen war in ihm, alles war an ihm von so gutartiger Mischung, daß meines Onkels Toby Herz kaum zuließ, an einer Fliege Rache zu nehmen. ›Geh‹, sagte er eines Tages beim Essen zu einer häßlichen großen Brummfliege, die ihm um die Nase summte, ihn die ganze Mahlzeit über jämmerlich gequält hatte und die er endlich im Vorbeifliegen haschte, ›ich will dir kein Leids tun,‹ stand vom Stuhle auf und ging mit der Fliege in der Hand durchs Zimmer. ›Ich will dir kein Haar krümmen. Geh,‹ sagte er, indem er das Fenster aufschob und die Hand öffnete, um sie fliegen zu lassen. ›Geh, armes Ding, mach' daß du wegkommst, warum sollt' ich dir Leides tun? Diese Welt hat Raum genug für dich und für mich.‹
Ich war kaum zehn Jahre alt, als dies geschah. Aber, war es, daß die Handlung selbst in diesem mitleidigen Alter mit meinen Nerven mehr im Einklang stand, daß es augenblicklich meinen ganzen Bau in Schwingungen des angenehmsten Gefühls versetzte, oder war es die Art und Weise des Ausdrucks, die dazu beitrug, in welchem Grade oder durch welche geheime Magie der Ton der Stimme und Harmonie der Bewegung einen Weg zu meinem Herzen finden mochten, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß die Lehre des unbegrenzten Wohlwollens, die mich damals mein Onkel Toby lehrte und mir einprägte, seitdem nie aus meinem Gemüte verloschen ist. Und ob ich gleich das, was das Studium der schönen Wissenschaften auf der Universität in diesem Punkte an mir getan hat, nicht verachten oder die Hilfe einer kostbaren Erziehung zu Hause und hernach in der Fremde herabwürdigen will, so denke ich doch oft, daß ich die eine Hälfte meiner Güte des Herzens diesem einen zufälligen Eindruck zu verdanken habe.
Dieses kann Eltern und Hofmeistern statt eines ganzen Bandes über diese Materie dienen.
Diesen Zug in meines Onkels Toby Porträt konnte ich dem Leser nicht vermittels ebendes Instrumentes geben, mit welchem ich die anderen zeichnete. Dem nämlich, das nichts mehr aufnimmt als die bloße steckenpferdische Ähnlichkeit. Dies ist ein Teil seines moralischen Charakters. Mein Vater war in dem Punkte der geduldigen Verträglichkeit, deren ich erwähnt, viel anders beschaffen, wie der Leser schon längst bemerkt haben wird. Er hatte von Natur ein weit schärferes und schnelleres Gefühl, begleitet von ein wenig mürrischer Gemütsart. Obgleich ihn solches nie zu etwas verleitete, das einer Bosheit ähnlich sah, so zeigte sich's doch bei den kleinen Verdrießlichkeiten des Lebens in einer drolligen und witzigen Art von Unwillen. Dabei war er offenherzig und großmütig und ließ sich jederzeit gerne bedeuten. In den kleinen Aufwallungen dieser überflüssigen Säure in den Säften gegen andere, besonders aber gegen seinen Bruder Toby, den er aufrichtig liebte, fühlte er selbst zehnmal mehr Unlust — ausgenommen mit der Geschichte von Tante Dinah oder wenn's auf eine Hypothese ankam —, als er verursachte.
Die Charaktere der beiden Brüder, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, warfen Licht übereinander und erschienen in ihren großen Vorzügen in dieser Geschichte, die über den Stevinus entstand. Ich brauche dem Leser nicht zu sagen, wenn er sich ein Steckenpferd auf der Streu hält, daß eines Mannes Steckenpferd ein so empfindlicher Fleck ist, wie er nur einen an sich hat, und daß diese unverschuldeten Hiebe, die man dem seinigen gab, meinen Onkel nicht unempfindlich ließen. — Nein, wie ich oben sagte, mein Onkel Toby fühlte sie wirklich, und sehr schmerzhaft dazu.
Nun, mein Herr, was sagte er? Wie betrug er sich? O, mein Herr, groß! Denn sobald mein Vater sein Steckenpferd genug gepeitscht hatte, wendete er ohne die geringste Hitze sein Gesicht von Doktor Slop weg, mit dem er gesprochen hatte, und sah meinem Vater in die Augen, mit einer Miene, in der sich soviel Gutherzigkeit, soviel Sanftmut, brüderliche Liebe, so unaussprechliche Zärtlichkeit gegen ihn zeigte, daß es meinem Vater durchs Herz ging. Er stand hastig von seinem Stuhle auf und ergriff meines Onkels Toby beide Hände, als er sprach: »Bruder Toby, ich bitte um Verzeihung! Vergib mir, ich bitte dich, dieses auffahrende Wesen, das mir meine Mutter anerbte.« — »Mein liebster, teuerster Bruder,« antwortete mein Onkel Toby, und richtete sich mit meines Vaters Hilfe vom Stuhle auf, »sprich nicht mehr davon. Ich kann es gerne leiden und wäre es zehnmal mehr, Bruder.« — »Aber es ist ungroßmütig,« erwiderte mein Vater, »irgendeinen Menschen zu beleidigen, einen Bruder noch ärger. Aber einen Bruder zu beleidigen, der so gütig ist, der so wenig reizt, niemals ahndet, es ist schändlich. Wahrhaftig, es ist niederträchtig!« — »Ich kann es gerne leiden, Bruder,« sagte mein Onkel Toby, »wär's auch fünfzigmal mehr gewesen!« — »Überdem,« sagte mein Vater, »was habe ich mich um deinen Zeitvertreib und dein Vergnügen zu bekümmern, es sei denn, daß ich's in meiner Macht hätte, wie ich's nicht habe, ihr Maß zu vermehren.«
»Bruder Shandy,« antwortete mein Onkel Toby, und sah ihm mit vieler Bedeutung ins Angesicht, »hierin irrst du dich sehr! Denn du vermehrst mein Vergnügen ungemein dadurch, daß du in deinem Alter die Shandysche Familie mit Kindern vermehrst.« — »Dadurch, mein Herr,« sagte Doktor Slop, »vermehrt Herr Shandy sein eigenes.« — »Nicht um ein Jota!« sagte mein Vater.