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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 28: Sechsundzwanzigstes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

»Es ist zwei Stunden und zehn Minuten, und länger nicht,« schrie mein Vater, wobei er auf die Uhr sah, »seitdem Doktor Slop und Obadiah angekommen sind. Und ich weiß nicht, Bruder Toby, wie es zugeht, aber meinen Gedanken kommt's fast wie hundert Jahre vor.«

Da, mein Herr, nehmen Sie, ich bitte, meine Kappe. Ja, die Schelle nur auch, und meine Pantalonsschuhe dazu.

Nun sehen Sie, mein Herr, es steht alles zu Ihrem Dienst. Und es soll Ihnen geschenkt sein, wenn Sie mir alle Ihre Aufmerksamkeit für dieses Kapitel leihen wollen.

Obgleich mein Vater sagte, er wüßte nicht, wie es zuginge, so wußte er doch recht gut, wie es zuging. Und den Augenblick, da er es sagte, war er schon in seinem Sinne entschlossen, meinem Onkel Toby eine metaphysische Dissertation über die Dauer und ihre simplen Modifikationen zu halten, um ihm die Sache klarzumachen und ihm zu beweisen, durch welchen Mechanismus und Maßstab im Gehirn es geschehen, daß die schnell abwechselnde Folge ihrer Ideen und das beständige Überhüpfen ihres Gespräches von einer Sache zur anderen, seitdem Doktor Slop zu ihnen ins Zimmer gekommen, eine so kurze Zeit zu einer so unbegreiflichen Länge habe ausdehnen können. — »Ich weiß nicht, wie es zugeht,« sagte mein Vater, »aber es kommt mir vor wie hundert Jahre.«

»Das kommt bloß von der Folge unserer Ideen,« sagte mein Onkel Toby.

Mein Vater hatte mit allen Philosophen den Kitzel gemein, über alles, was ihm vorkam, zu philosophieren und das Warum zu beweisen. Er versprach sich also ein unendliches Vergnügen von seiner Dissertation über die Sukzession der Ideen, und dachte meilenweit nicht daran, daß mein Onkel Toby ihm Solche vorm Maule wegnehmen würde, der gewöhnlich — die ehrliche Seele! — jedes Ding so nahm, wie es vorkam, und unter allen Menschen in der Welt sein Gehirn am wenigsten mit abstraktem Denken marterte. Die Ideen von Zeit und Raum, oder wie wir zu diesen Ideen kommen, oder aus was für Stoff solche geschnitten sind, oder ob sie uns angeboren sind, oder ob wir solche hernach erst aufsammeln, oder ob wir das tun, wenn wir noch im Kinderröckchen gehen, oder erst, wenn wir Beinkleider bekommen haben, nebst tausend anderen Untersuchungen und gelehrten Fragen über das Unendliche, die vorherbestimmte Harmonie, den freien Willen, die unbedingte Notwendigkeit und dergleichen, über deren verzweifelte und unauflösbare Theorien so mancher feine Kopf vor die Hunde gegangen ist, taten meines Onkels Toby Kopfe nicht den geringsten Schaden. Mein Vater wußte das und erstaunte daher nicht weniger über seine Antwort, als er darüber betroffen war.

»Weißt du denn die Theorie von den Ideen?« versetzte mein Vater.

»Gar nicht,« sagte mein Onkel.

»Du hast aber doch einige Ideen,« sagte mein Vater, »von dem, worüber du sprichst.«

»Ebensowenig wie mein Pferd,« versetzte mein Onkel Toby.

»O lieber Himmel,« rief mein Vater, wobei er die Augen gen Himmel richtete und seine beiden Hände zusammenschlug, »in deiner unschuldigen Unwissenheit, Bruder Toby, liegt eine solche Würde, daß es fast schade ist, dich herauszureißen. Ich will dir aber sagen: um richtig zu verstehen, was die Zeit ist, ohne welches wir niemals das begreifen können, was man unendlich nennt, weil die eine ein Teil des anderen ist, müssen wir sorgfältig untersuchen, was das für eine Idee sei, die wir von der Dauer haben, bis wir genaue Rechenschaft geben können, wie wir dazu gelangt sind.« — »Wem in der Welt geht das was an?« sagte mein Onkel Toby. — »Denn wenn du deine Augen auf das Innere deiner Gedanken richtest,« fuhr mein Vater fort, »und solche aufmerksam beobachtest, so wirst du gewahr werden, Bruder, daß, derweile du und ich hier sprechen und denken und unsere Pfeife rauchen, oder wir auf eine andere Art nach und nach Ideen in unsere Seelen bekommen, wir uns bewußt sind, daß wir da sind. Und wenn wir die Dauer oder die Währung unseres eigenen Daseins oder eines jeden anderen Dinges nach dem Maßstabe der Ideen in unserer Seele schätzen und messen, so folgt aus diesem Vorsatze —« — »Du machst, daß mir der Kopf schwindelt,« rief mein Onkel Toby.

»Nun ist, wir mögen es bemerken oder nicht,« fuhr mein Vater fort, »in dem Kopfe eines jeden gesunden Menschen eine regelmäßige Folge der Ideen einer oder der anderen Art, welche aufeinander folgen wie —« — »ein Artilleriezug?« sagte mein Onkel. — »Warum nicht gar Leichenzug!« sagte mein Vater leise. »Welche in unserer Seele in gewissen Abständen aufeinander folgen wie die Bilder in der inwendigen Seite einer Laterne, die von der Wärme eines Lichts gedreht werden.« — »Ich versichere dich,« sagte mein Onkel Toby, »meine drehen sich wie eine Rauchfahne.« — »Wenn das ist, Bruder Toby, so habe ich dir über diese Materie weiter nichts zu sagen,« versetzte mein Vater.