Einunddreißigstes Kapitel.
Obgleich der Stoß, den mein Onkel Toby das Jahr nach der Scheidung von Dünkirchen in seiner Affäre mit der Witwe Wadmann erlitt, ihn in dem Vorsatze bestärkt hatte, niemals wieder an das schöne Geschlecht, noch an irgend etwas, das dazu gehörte, zu denken, so hatte doch Korporal Trim kein solches Bündnis mit sich selbst gemacht. In der Tat war bei meines Onkels Toby Begebenheit ein sonderbarer und unbegreiflicher Zusammenfluß von Umständen, die ihn unvermerkt leiteten, die schöne und starke Zitadelle von einem Weib zu belagern. Trims Begebenheit war kein Zusammenfluß von irgend etwas in der Welt, als von ihm und Brigitten in der Küche. Doch war, die Wahrheit zu sagen, die Liebe und Ehrerbietung, die er gegen seinen Herrn hegte, so groß, und so gern ahmte er ihn in allem, was er tat, nach, daß hätte mein Onkel Toby sein Genie und seine Zeit darauf verwendet, Spitzen zu klöppeln, ich bin versichert, der ehrliche Korporal hätte seine Waffen niedergelegt und wäre seinem Beispiel mit Vergnügen gefolgt. Jedesmal, wenn also mein Onkel Toby sich bei der Herrschaft setzte, nahm Trim flugs seinen Posten bei der Kammerjungfer.
Nach einer ganzen Kette von Angriffen und Verteidigungen während neun ganzer Monate, die meines Onkels Toby Belagerung dauerte, wovon alle Umstände am gehörigen Ort aufs treulichste erzählt werden sollen, hielt es mein ehrlicher Onkel Toby für ratsam, seine Truppen zurückzuziehen und die Belagerung mit einigem Verdrusse aufzuheben.
Korporal Trim, wie gesagt, hatte kein solches Bündnis, weder mit sich selbst noch mit andern, gemacht. Da ihm die Treue seines Herzens indessen nicht erlaubte, in einem Hause aus und ein zu gehen, das sein Herr mit Widerwillen verlassen hatte, so begnügte er sich damit, daß er seinen Teil der Belagerung in eine Blockade verwandelte. Das heißt, er hielt andere entfernt. Denn ob er gleich hernach niemals in ihr Haus ging, ward er doch auch seiner Brigitte niemals im Dorfe ansichtig, ohne daß er ihr zunickte, zulächelte, winkte oder sie freundlich ansah. Und wenn's die Gelegenheit gab, faßte er sie bei der Hand oder fragte sie ganz verliebt, wie's ihr ginge. Oder er schenkte ihr ein Band, oder zuweilen, doch niemals, als wenn's mit Dekorum geschehen konnte, gab er ihr — —
Genau in dieser Lage befanden sich die Sachen fünf Jahre hindurch, vom Jahre 1713 an, da Dünkirchen geschleift wurde, bis gegen das Ende des Feldzugs meines Onkels Toby, 1718, ungefähr sechs oder sieben Wochen vor der Zeit, von der ich spreche. Als Trim, nach seiner Gewohnheit, nachdem er meinen Onkel Toby zu Bett gebracht hatte, an einem mondhellen Abend hinunterging, um zuzusehen, ob in seiner Fortifikation noch alles richtig stünde, spionierte er auf der Wiese, die von dem Spielplatze mit grünen Hecken abgesondert war, seine Brigitta aus.
Da der Korporal glaubte, es sei in der ganzen Welt nichts so sehenswürdig wie die herrlichen Werke, die er und mein Onkel Toby miteinander gemacht hatten, so nahm er sie höflich und mutig bei der Hand und führte sie hinein. Dies geschah nicht so heimlich, daß es nicht die plapperhafte Trompete der Fama so lange von Ohr zu Ohr herumgetragen hätte, bis es endlich wohl an meinen Vater gelangen mußte, zugleich mit dem ungünstigen Umstande, daß meines Onkels Toby hübsche Zugbrücke, die nach holländischer Manier gebaut und bemalt war und ganz über den Graben reichte, in ebender Nacht zerbrochen und, der Himmel weiß wie, in tausend Stücke zersplittert worden war. Mein Vater, wie Sie bemerkt haben, hatte eben nicht viel Hochachtung für meines Onkels Toby Steckenpferd. Er hielt es für das lächerlichste Hotthott, das nur jemals ein Kavalier geritten, und konnte niemals daran denken, mein Onkel mußte ihm denn eben damit in die Quere reiten, ohne zu lächeln. Es konnte also niemals lahm werden oder ihm sonst ein Zufall zustoßen, oder es kitzelte meines Vaters Gedanken über die Maßen. Allein dies hier war ein Zufall, der seinem Herzen sanfter tat als alle, die ihm noch begegnet waren, und er wußte sich eine Freude damit zu machen, so oft er wollte. — »Gut, und nicht allzugut, lieber Toby,« pflegte er zu sagen, »erzähle uns doch, wie ging's denn mit der Brücke eigentlich zu?« — »Wie kannst du mich nur so damit zerren,« pflegte wohl mein Onkel Toby zu antworten. — »Ich habe es ja wohl zwanzigmal schon erzählt, Wort für Wort, wie ich's von Trim weiß!« — »Nun, wie war's denn, Korporal?« rief dann mein Vater und wendete sich an Trim. — »Es war ein reines Unglück, wenn's Euer Gnaden verzeihen, ich zeigte Brigitte unsere Befestigungen. Und als ich so zu nahe an den Rand des Grabens kam, rutschte ich unglücklicherweise hinein.« — »Ei, hübsch, Trim!« rief dann mein Vater, wobei er schalkhaft lächelte und mit dem Kopfe nickte, ohne ihn zu unterbrechen. »Und da ich mit Euer Gnaden Wohlnehmen die Brigitte fest in meinen Armen hielt, zog ich sie so mit mir, und da fiel sie rücklings über, gegen die Brücke.« — »Und da Trim mit seinem Fuße,« rief mein Onkel Toby und nahm ihm die Historie vorm Maule weg, »in die Verschanzung geriet, taumelte er auch gegen die Brücke. — Es war ein großes Glück,« pflegte mein Onkel hinzuzusetzen, »daß der arme Mensch kein Bein brach.« — »Ja wohl, ja wohl!« pflegte mein Vater zu sagen. »Ein Bein ist leicht gebrochen, Bruder! besonders in solchen Fällen!« — »Und also brach die Brücke, die, mit Euer Gnaden Erlaubnis, nur dünn gemacht war, zwischen uns entzwei und ging in tausend Stücke.«
Mein Onkel Toby versuchte es niemals, sich gegen den Angriff dieses Spotts mit etwas anderem zu wehren, als daß er noch einmal so geschwind aus seiner Tabakspfeife dampfte, wodurch er eines Abends eine so dicke Wolke machte, daß mein Vater, der ein wenig zur Schwindsucht geneigt war, darüber einen erschrecklichen Anfall von Husten bekam. Mein Onkel Toby sprang auf, ohne der Schmerzen an seinem Latzbeine zu achten, und mit unendlichem Mitleid stand er bei seines Bruders Stuhl, klopfte ihm mit einer Hand den Rücken und hielt ihm mit der andern den Kopf. Und von Zeit zu Zeit wischte er ihm die Augen mit einem reinen holländisch-leinenen Tuche, das er aus der Tasche zog. Die herzlich liebevolle Art, womit mein Onkel Toby diese kleinen Dienste leistete, durchdrang meinen Vater bis in sein innerstes Eingeweide über den Verdruß, den er ihm eben gemacht hatte. Eher soll man mir das Gehirn mit einem Mauerbrecher oder gleichviel womit ausstoßen, sagte mein Vater zu sich selbst, ehe ich dieser ehrlichen Seele wieder spotte.