WeRead Powered by ReaderPub
Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 37: Fünfunddreißigstes Kapitel.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Ich will mich bei langen Beweisen nicht aufhalten. Es ist erwiesen, und ich bin davon überzeugt, Madame, so lebhaft als möglich, daß beides, Mann und Weib Schmerzen oder Kummer, und, soviel ich weiß, auch Vergnügen, in einer horizontalen Lage am besten ertragen.

Sobald mein Vater auf seine Kammer kam, warf er sich der Quere nach über das Bett, mit dem heftigsten Unmut, der sich nur denken läßt. Dabei aber in der kläglichsten Stellung eines von Kummer niedergeschlagenen Mannes, über den jemals das Mitleid eine Träne geweint hat. Seine rechte flache Hand empfing, wie er aufs Bett fiel, seinen Vorderkopf, bedeckte größtenteils seine beiden Augen. Dann sank er sachte nieder mit dem Kopfe (sein Ellenbogen wich hinterwärts), bis er mit der Nase das Kopfkissen berührte. Seine linke Hand hing schlaff über den Bettrand, die Faust kam auf den Henkel eines Kammertopfes zu liegen, der unter dem Bettschurze hervorguckte. Sein rechtes Bein, das linke hatte er an den Leib gezogen, hing halb über den Bettrand, mit dem Schienbeine auf der Kante des Bretts. Er fühlte es nicht. Ein tiefer eingewurzelter Kummer nahm seinen Sitz auf jedem Zuge seines Gesichts. Einmal seufzte er, seine Brust hob sich oft, sprach aber kein Wort.

Ein alter, auf Tapetenart gestickter Stuhl, mit abgebleichten, verwitterten Fransen besetzt, stand am Kopfe des Bettes der Seite gegenüber, wo meines Vaters Haupt hing. Mein Onkel Toby setzte sich hinein.

Ehe eine Betrübnis ganz verdaut ist, kommt das Trösten immer zu früh, und ist sie verdaut, kommt's zu spät. Sie sehen also, Madame, daß zwischen beiden Grenzen eine fast haarfeine Linie liegt, die ein Tröster zu fassen wissen muß. Mein Onkel Toby griff beständig entweder diesseits oder jenseits fehl und pflegte oft zu sagen, er glaubte, daß er ebensoleicht die Meereslänge erwischen könnte. Deshalb zog er, als er sich in den Stuhl setzte, den Vorhang ein wenig weiter zu, und, wie er immer für jedermann eine Träne bereit hatte, zog er ein weißes Taschentuch hervor, holte einen tiefen Seufzer und — sagte kein Wort.