Achtunddreißigstes Kapitel.
»Welch ein unbilliges Leibgedinge, mein Schatz, das wir aus unserem kleinen Gute zahlen müssen!« sagte meine Großmutter zu meinem Großvater.
»Mein Vater,« erwiderte mein Großvater, »mein Kind, hatte ebensowenig Nase, den Tüpfel ausgenommen, wie mir hier auf der Hand sitzt.«
Nun müssen Sie wissen, daß meine Urgroßmutter meinen Urgroßvater zwölf Jahre überlebte, und ihr also mein Großvater die ganze Zeit über immer halbjährlich — alle Ostern und Michaelis — ihre hundertundfünfzig Pistolen Witwengehalt auszahlen mußte.
Niemand war williger und bereiter, seine Schulden abzutragen, als mein Vater. Bis an volle Hundert pflegte er die Pistolen wurfweise mit der Miene hinzuschießen, die großmütige Seelen, und auch nur die großmütigen Seelen, beim Geben und Bezahlen zu machen pflegen und die gleichsam sagt: ich geb's gern. Sobald er aber an die folgenden Fünfzig kam, stieß er gewöhnlich ein lautes Hm! aus, rieb sich dabei ganz gemächlich mit dem flachen Zeigefinger an der Nase, schob die Hand ganz bedächtig unter die Perücke, besah jedes Goldstück, ehe er's weggab, auf beiden Seiten, und zählte selten die Fünfzig zu Ende, ohne sein Schnupftuch zur Hand zu nehmen und den Angstschweiß von der Stirne zu wischen.
Behüte mich, gütiger Himmel, vor solchen Verfolgungsgeistern, welche keine Nachsicht mit dergleichen Bewegungen, die in uns vorgehen, haben können. Nie, o nie, laß mich in einem Gezelte mit denen liegen, die den Bogen immer so hoch spannen und kein Mitleiden mit der Macht der Erziehung und mit dem überwiegenden Einflusse der von unseren Voreltern geerbten Meinungen haben wollen.
Schon bis ins dritte Glied wenigstens hatte der Glaube an das Glück der langen Nasen nach und nach Wurzel in unserer Familie geschlagen. Das Hörensagen war ganz auf seiner Seite, und alle halbe Jahre kam das Geldausgeben dazu, um ihn zu bestärken, dergestalt, daß meines Vaters grillenhafter Kopf weit entfernt war, sich von diesem wie von fast allen seinen übrigen sonderbaren Sätzen die Ehre allein anmaßen zu können. Denn man konnte sagen, daß er ihn zum großen Teil mit der Muttermilch eingesogen hatte. Indessen tat er das seinige dazu. Wenn seine Erziehung den Irrtum — falls es einer war — pflanzte, so begoß ihn mein Vater und wartete und pflegte ihn bis zur völligen Reife.
Er beteuerte oft, wenn er seine Gedanken über diesen Punkt äußerte, daß er nicht begreife, wie die größte Familie in der Welt eine ununterbrochene Folge von sechs oder sieben kurzen Nasen gutmachen könnte. Und aus dem entgegenstehenden Grunde, pflegte er hinzuzusetzen, müßte es eine der unerklärbarsten Erscheinungen im bürgerlichen Leben sein, daß dieselbe Anzahl tüchtiger langer Nasen, in gerader Linie vererbt, einen Menschen nicht zu den höchsten Ehrenstaffeln erhebe und emporschwinge. Mit Selbstgefälligkeit rühmte er's oft, daß die Shandys unter Heinrichs VIII. Regierung sehr hoch im Range gewesen und ihre Erhebung keinen Staatskniffen zu danken gehabt, sondern nur, sagte er, diesem Glücksumstande. Allein, pflegte er hinzuzufügen, das Rad habe sich gleich wie bei anderen Familien bis zu dem Schlag von meines Urgroßvaters Nase gedreht. Und sie wären niemals wieder in die Höhe gekommen. Jawohl, es war ein Treffaß! rief er dann und schüttelte dabei den Kopf. Und ein so häßliches, als nur jemals Trumpf geworden ist.