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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 59: Achtundfünfzigstes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Achtundfünfzigstes Kapitel.

Sie haben ganz recht, Herr, hier fehlt ein ganzes Kapitel, und daraus entsteht in dem Buche eine Lücke von zehn Seiten. Und doch ist der Buchbinder weder ein Dummkopf, noch ein Schelm, noch ein Tölpel. Auch ist das Buch um keinen Tüttel unvollkommener — dadurch wenigstens nicht! Vielmehr ist das Buch dadurch, daß das Kapitel fehlt, besser und vollkommener, als wenn's da wäre, wie ich solches Euer Hochwürden auf folgende Weise demonstriere. — Nebenbei möchte es eine Frage sein, ob nicht der Versuch eben so glücklich mit verschiedenen anderen Kapiteln angestellt werden könnte. Aber wie Euer Hochwürden zugeben werden, das Versuchanstellen über Kapitel geht ins Unendliche. Wir haben schon genug davon, und so mag's hierbei beruhen.

Allein bevor ich meine Demonstration beginne, lassen Sie mich Ihnen nur noch sagen: das Kapitel, welches ich ausgerissen habe und an welchem Sie sonst, statt diesem, eben gelegen haben würden, war die Beschreibung des Rittes meines Vaters, meines Onkel Tobys, Trims und Obadiahs zu der Visitation zu ***.

»Wir wollen in der Kutsche hinfahren,« sagte mein Vater. »Hör' Er, ist das Wappen geändert, Obadiah?« — Es würde meiner Erzählung viel Vorteil getan haben, wenn ich es damit angefangen hätte, Ihnen zu sagen, daß damals, als meiner Mutter Wappen zu dem Shandyschen gefügt und die Kutsche bei meines Vaters Verheiratung von neuem angemalt ward, es sich so gefügt hatte, daß der Kutschenmaler, es sei nun, daß er alles mit der linken Hand gemacht hatte wie Turpilius, der Römer, oder Hans Holbein von Basel, oder daß der Fehler mehr an seinem Kopfe als an seiner Hand lag, oder war's gar der unglückliche, schiefe Gang, welchen alles, was unsere Familie betraf, zu nehmen geneigt war. Genug, es fügte sich so zu unserer Kränkung, daß anstatt des Bandes, welches wir seit Heinrichs VIII. Zeiten mit Ehren führten, durch eine von diesen Fatalitäten ein Riemen quer durch das ganze Schild des Shandyschen Wappens gezogen wurde. Kaum sollte man es glauben, daß das Gemüt eines so vernünftigen Mannes wie mein Vater war, sich soviel aus einer solchen Kleinigkeit machen könne. Der Name Kutsche — gleichviel wessen — oder Kutscher, oder Kutschpferd, oder Kutscherlohn konnte niemals in seiner Gegenwart ausgesprochen werden, ohne daß er sich über dieses schändliche Malzeichen der Seitenabkunft auf seinen Kutschtüren beklagte. Er konnte niemals ein- oder aussteigen, er mußte erst die Wappen begucken. Er tat dann allemal ein Gelübde, das sollte doch das letztemal sein, daß er seinen Fuß hineinsetzte, bis aus dem Riemen ein Band gemacht würde. Aber es ging eben wie mit dem Türknarren. Es war eins von den vielen Dingen, von denen auf den Tafeln des Verhängnisses geschrieben war: es sollte immer vom Ändern und Bessern gesprochen, und — wie in weiseren Familien als der unserigen — nie was daraus werden.

»Hat der Maler das Wappen an der Kutsche übergebürstet? sage ich,« sagte mein Vater. — »Die Kutsche inwendig und die Sitzkissen habe ich rein ausgebürstet,« antwortete Obadiah, »der Maler hat nichts gebürstet.« — »Wir wollen reiten,« sagte mein Vater zu Yorick. — »Von allen Dingen in der Welt, die Politik ausgenommen, ist die Heraldik den Geistlichen am wenigsten bekannt,« sagte Yorick. — »Das tut nichts,« sagte mein Vater. »Ich möchte doch nicht gerne mit einer solchen Sau in meinem Wappenschilde aufziehen.« — »Was ist's denn, ob der breite Strich rechts oder links durchs Schild geht,« sagte mein Onkel Toby. — »Wenn dir Band oder Riemen gleich ist, so kannst du mit Tante Dinah und dem Riemen im Wappen zu der Visitation fahren, wenn du Lust hast.« —

Mein armer Onkel Toby wurde rot im Gesicht. Mein Vater ärgerte sich über sich selbst. »Nein, mein lieber Bruder Toby,« sagte mein Vater und änderte den Ton. »Sieh nur, wenn ich lange auf den dumpfigen Kutschpolstern säße, da könnte ich wieder das Hüftweh an den Hals bekommen wie vorigen Dezember, Januar und Februar. Tue mir's also zum Gefallen und reite meiner Frau ihr Pferd. Und da Sie doch predigen sollen, lieber Yorick, so tun Sie wohl am besten, daß Sie vorausreiten und mich mit meinem Bruder Toby langsam nachfolgen lassen.«

Das Kapitel nun, das ich gezwungen war, auszureißen, war die Beschreibung dieser Kavalkade, bei welcher Korporal Trim und Kutscher Obadiah auf zwei Kutschpferden in einem Gliede langsam als Patrouille voranritten, derweile mein Onkel Toby in seiner gestickten Montierung und Knotenperücke mit meinem Vater Rang und Reihe hielt in tiefen Wegen und Untersuchungen über den Vorzug der Lehr- und Wehrkunst, die die Oberhand gewinnen könnte.

Das Gemälde dieser Reise, da ich sie wieder ansehe, hebt sich so weit über den Stil und die Manier alles übrigen, was ich vermochte in diesem Buche zu malen, daß es nicht darin bleiben konnte, ohne jeden anderen Auftritt zu verdunkeln und das nötige Ebenmaß — im Guten oder Schlechten — zwischen Kapitel und Kapitel zu stören, aus dem die richtige und harmonische Proportion eines ganzen Werkes entsteht. Ich selbst habe freilich das Handwerk noch nicht lange getrieben, um laut mitzusprechen. Aber, so meine ich, ein Buch schreiben ist in der Welt nichts weiter, als einen Gesang so vor sich hin in den Bart singen. — Wenn Sie nur in der Melodie bleiben, Madame, Sie mögen hoch oder tief anfangen.

Das ist, wenn Euer Hochwürden nicht ungütig vermerken wollen, die Ursache, warum einige der flachsten und schlechtesten Werke (mein Onkel Toby horchte bei dem Worte Werke schon hoch auf, ob nicht mehr von Fortifikationen vorkommen würde, als ihm Yorick eines Abends dieses sagte) so guten Abgang finden.