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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 61: Sechzigstes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Sechzigstes Kapitel.

»Blitz!« — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

— — — »B—tz!« rief Phutatorius halb leise, aber doch so laut, daß es überall gehört wurde, und das Seltsame dabei war, daß es mit einer Miene im Gesicht und mit einem Tone in der Stimme ausgesprochen wurde, die etwas zwischen einem Erstaunen und einem körperlichen Schmerz anzeigte.

Einer oder zwei, die sehr helle Ohren hatten, und das verschmolzene Verhältnis der beiden Töne ebenso deutlich unterscheiden konnten wie eine Terzie oder Quinte oder jeden anderen Klang in der Musik, wußten am allerwenigsten, was sie daraus machen sollten. Der Akkord an sich war gut, gehörte aber zu einer weitentlegenen Tonart. Kurz, mit aller ihrer Gelehrsamkeit saßen sie da!

Andere, welche nichts von musikalischen Verhältnissen wußten und bloß ihr Ohr auf den Sinn des Wortes wendeten, dachten, Phutatorius, der ein wenig cholerischen Temperaments war, wollte Didius das Schwert aus der Hand nehmen, um Yorick tüchtig eins auf die Krone zu geben. Und das verzweifelte Wörtlein B—tz wäre die Einleitung zu einer Rede, die eine unsanfte Behandlung ankündigte, so daß meines Onkels Toby gutes Herz schon Angst für ihn hatte, was der arme Yorick nicht würde aushalten müssen. Als man aber sah, daß Phutatorius schwieg, ohne Lust zu zeigen oder einen Versuch zu machen fortzufahren, so fing eine dritte Partie an zu glauben, daß es nichts weiter gewesen sei als ein unfreiwilliges Atemschöpfen, so ganz von selbst und von ungefähr in einem Bettelfluch zusammengefahren wäre, ohne die Eigenschaft oder Sünde desselben zu haben.

Andere, und besonders einer oder zwei, welche dicht bei ihm saßen, betrachteten es hingegen als einen wirklichen und wesentlichen Fluch, der mit Fleiß und Bedacht gegen Yorick ausgestoßen worden, gegen den er bekanntermaßen nicht gut gesinnt war. Welch besagter Fluch, nach meines Vaters Schlüssen darüber, schon in dem Augenblicke ganz geprickelt und prall in Herrn Phutatorius' Gallenblase obenauf geschwommen, und also natürlicherweise und nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge bei dem ersten Zurückfluß des Blutes hervorgerufen werden mußte, der in Phutatorius' rechter Herzkammer durch den überraschenden Stoß, den eine so sonderbare Predigertheorie ihm beibrachte, entstand.

Wie witzig wir doch über mißverstandene Begebnisse philosophieren können!

Es war keine Seele, die sich nicht in ihren Gedanken über das einsilbige Wort, das dem Phutatorius entfahren, beschäftigte, die es nicht für bekannt annahm und daraus als aus einem Vordersatz folgerte: daß nämlich Phutatorius in seinen Gedanken mit dem Zwist beschäftigt sei, der zwischen Didius und Yorick entstanden. Und freilich, da er erst den einen und dann den anderen mit der Miene eines Mannes ansah, der darauf achtet, was in der Gesellschaft vorgeht, so hatte man nicht anders denken können. In der Tat aber wußte Phutatorius kein Wort von allem, was vorging. Seine Gedanken und seine Aufmerksamkeit waren gänzlich auf das gerichtet, was eben in dem Augenblicke in der Gegend seiner Pluderhosen, und zwar an einer Stelle in denselben vorging, die er vor bösen Zufällen zu bewachen die höchste Ursache hatte. Deswegen, obgleich er das aufmerksamste Gesicht von der Welt machte und allmählich jeden Nerv und jeden Muskel in seinem Gericht so scharf angezogen hatte, wie das Instrument es nur aushalten wollte, um, wie man dafür hielt, dem Yorick, der ihm gegenübersaß, eine derbe Antwort zu versetzen, so war doch, wie ich sage, kein Yorick in irgendeinem von den Gemächern von Phutatorius' Gehirn anzutreffen. Die wahre Ursache seiner Ausrufung lag wenigstens etliche Fuß tiefer.

Ich will mich bemühen, Ihnen dieses mit aller ersinnlichen Züchtigkeit zu erklären.

Sie müssen sich also berichten lassen, daß Gastripheres, der kurz vorher, ehe man sich zu Tische setzte, ein wenig in die Küche ging, um zu sehen, wie es darin stände, auf der Anrichtebank einen Korb mit schönen Kastanien erblickte und befohlen hatte, daß sie ein paar hundert davon braten und solche gleich zum Nachtisch heiß aufsetzen sollten. Gastripheres gab seinem Befehle dadurch noch einen größeren Nachdruck, daß er sagte, Didius und besonders Phutatorius wären Liebhaber davon.

Ungefähr zwei Minuten vorher, ehe mein Onkel Toby Yoricks Rede unterbrach, wurden Gastripheres Kastanien hereingebracht. Und da es dem Aufwärter noch im frischen Andenken war, daß Phutatorius sie so gerne möchte, so setzte er solche dicht vor ihm hin, auf einem Teller in einem sauberen, damastnen Tellertuch.

Lag es nun an der physischen Unmöglichkeit, daß nicht ein halbes Dutzend Hände zugleich in das Tellertuch fahren konnten, ohne daß die eine oder die andere Kastanie, von mehr Feuer und Rinde als die übrigen, in Bewegung geriet, oder — kurz, so war's: eine rollte über den Tisch und herunter. Und da Phutatorius mit auseinandergesperrten Knien daruntersaß, so fiel solche senkrecht in die ganz eigene Öffnung in Phutatorius' Beinkleidern, für welche ich, zur Schande unserer Sprache oder auch meines Gedächtnisses sei es gesagt, kein keusches Wort finden kann. Sie müssen sich damit begnügen, wenn ich sage, es war die ganz eigene Öffnung, welche, den strengen Wohlstandsgesetzen in allen hübschen Gesellschaften zufolge, gleich dem Tempel des Janus — in Friedenszeiten wenigstens — völlig geschlossen sein sollen.

Die Verabsäumung dieser Vorsicht — welches zugleich dem Phutatorius und allen Menschenkindern eine Warnung sein mag — hatte dem Zufall eine Pforte geöffnet.

Alles, was mir als Geschichtschreiber obliegt, ist, das Begebnis darzustellen und es dem Leser glaublich zu machen, daß der Hiatus in Phutatorius' Beinkleidern geräumig genug war, die Kastanie aufzunehmen, und daß die Kastanie auf eine oder die andere Weise senkrecht und zischend heiß hineinfiel, ohne daß Phutatorius oder sonst jemand es gewahr wurde.

Die natürliche Wärme, die die Kastanie verbreitete, war die ersten zwanzig bis fünfundzwanzig Sekunden nicht unangenehm und tat weiter nichts, als Phutatorius' Aufmerksamkeit auf die Stelle zu richten. Wie aber die Hitze gradweise zunahm und in einigen Sekunden mehr über den Punkt der angenehmen Empfindungen hinausging und darauf mit aller Eile in das Gebiet der Schmerzen drang, tummelte sich Phutatorius' Seele mit allen seinen Ideen, seinen Gedanken, einer Aufmerksamkeit, seiner Imagination, seinem Verstande, seinen Entschließungen, seinen Überlegungen, seinem Urteile, seinem Gedächtnisse, seiner Phantasie, mit zehn Bataillonen Lebensgeistern über Hals und Kopf durch verschiedene Wege und Steige hinunter nach dem Orte, dem die Gefahr drohte, und ließen alle seine oberen Plätze, wie Sie sich vorstellen können, so leer, wie mein Geldbeutel ist.

Nach den besten Berichten, die ihm alle diese Boten zurückzubringen vermochten, war Phutatorius nicht imstande, das Geheimnis einzusehen, das unten vorging. Er hatte keine Art von Vermutung, was zum Henker es wohl sein möchte. Indessen, da er nicht wußte, wie die wahre Ursache ausfallen möchte, hielt er es für das klügste, es womöglich wie ein Stoiker zu ertragen, was er auch mit Hilfe einiger Zuckungen im Gesicht und einigem Maulspitzen glücklich durchgesetzt hätte, wenn nur seine Einbildung aus dem Spiele geblieben wäre. — Aber bei Dingen von dieser Art ist die Brunst der Einbildung unbezähmlich; es hob sich plötzlich ein Gedanke in seinem Gemüt, daß, obgleich es einem Schmerz von glühender Hitze ähnlich sei, es dennoch ebensogut ein Biß wie ein Brand sein könnte, und wenn dem so, auch wohl eine Eidechse oder Otter oder ein anderes häßliches Ungeziefer heraufgekrochen sein könnte, das seine Zähne — der gräßliche Gedanke daran und ein frischer Schmerz, den ihm in diesem Augenblick die Kastanie verursachte, überfielen Phutatorius mit einem plötzlichen Schrecken, und in der ersten Überrumpelung und Bestürzung brachte es ihn — wie es wohl den besten Generälen auf der Welt ergangen ist — gänzlich aus seiner Fassung. Die Wirkung davon war, daß er gleich aufsprang, und im Aufspringen stieß er die Silbe aus, über die schon soviel gesprochen ist, mit dem Ausrufungszeichen dahinter, das, obgleich nicht so völlig geistig anständig, doch immer noch so wenig war, wie nur ein Mensch bei solcher Gelegenheit sagen konnte, und das auch, nebenbei bemerkt — geistig wohlanständig oder nicht — Phutatorius ebensowenig wie die Veranlassung desselben in seiner Gewalt hatte.

Obgleich dies nun beim Erzählen einige Zeit weggenommen hat, so dauerte doch der ganze Vorgang selbst wenig mehr Zeit, als Phutatorius brauchte, die Kastanie hervorzulangen und solche mit Heftigkeit auf den Fußboden zu werfen, — und Yorick von seinem Stuhle aufzustehen und die Kastanie aufzuheben.

Es ist der Mühe wert, zu bemerken, was für mächtigen Einfluß geringfügige Umstände auf das Gemüt haben, von was für einem unglaublichen Gewicht sie bei der Bildung und Richtung unserer Meinungen sowohl von Menschen als Sachen sind, — daß Kleinigkeiten, so leicht wie die Luft, einen Glauben in die Seele führen und ihn darin so tief einpflanzen können, daß keine Batterie von Demonstrationen stark genug ist, ihn herauszukanonieren.

Yorick, sagte ich, nahm die Kastanie auf, die Phutatorius im Zorn niedergeworfen hatte. Die Tat war unerheblich; ich schäme mich, Grund und Ursache davon anzugeben. Er tat es aus keiner anderen Ursache, als weil er dachte, die Kastanie sei trotz der Begebenheit noch ebenso gut als vorher, und eine gute Kastanie sei immer des Aufnehmens wert. Dieser Umstand aber, so geringfügig er war, wirkte in Phutatorius' Kopf ganz anders. Er betrachtete Yoricks Handlung, da er vom Stuhle aufstand und die Kastanie aufnahm, als ein deutliches Geständnis seinerseits, daß die Kastanie eigentlich ihm gehöre, und folglich, daß es der Eigner der Kastanie und sonst niemand gewesen sein müßte, der ihm damit einen solchen Possen gespielt habe. Was ihn in dieser Meinung sehr bestärkte, war dies: die Tafel war länglich und sehr schmal, und Yorick, der dem Phutatorius gerade gegenübersaß, hatte die schönste Gelegenheit, die Kastanie hineinzustecken —, folglich mußte er es getan haben. Ein mehr als bloß argwöhnischer Blick, den Phutatorius jetzt auf Yorick warf, zeigte diese Meinung zu klar an. Da man natürlicherweise voraussetzte, daß Phutatorius mehr von der Sache wüßte als sonst jemand, so wurde seine Meinung die allgemeine, und aus einer von allen bisher angeführten sehr verschiedenen Ursache hielt man es in kurzer Zeit für völlig ausgemacht.

Dieses, wie der Leser von Anfang bis Ende gesehen hat, war so grundlos wie die Träume der Philosophie. Yorick war freilich, wie Shakespeare von seinem Urahnen sagte, ein Mann, der Kurzweil trieb; aber seine Kurzweil war mit etwas vermischt, das ihn sowohl von diesem als manchen anderen beleidigenden Possen abhielt, die man ihm unverdienterweise aufpackte. Aber all sein Leben lang hatte er das Unglück, daß man ihm tausend Dinge zur Last legte, die er gesagt oder getan haben sollte, deren seine Natur — oder meine Hochachtung blendet mich — unfähig war. Alles, was ich an ihm tadle, oder vielmehr, weswegen ich ihn bald tadle, bald liebe, war seine eigene Gemütsart, die ihm niemals gestattete, sich Mühe zu geben, der Welt aus ihrem Traume zu helfen, so sehr es auch in seiner Gewalt stand. Bei jeder üblen Nachrede von der Art machte er's gerade eben so, wie bei der Geschichte mit seinem mageren Klepper. Er hätte es zu seiner Ehre an den Tag legen können, aber sein Sinn war darüber erhaben. Überdem sah er auf den Erfinder, Verbreiter und gläubigen Hörer solcher boshaften und ehrenrührigen Sagereien verächtlich herab. Er konnte sich nicht so tief herablassen, ihnen seine Geschichte zu erzählen, und so erwartete er's von der Zeit und Wahrheit, daß die es für ihn tun würden.

Diese heroische Gesinnung zog ihm mancherlei Unbequemlichkeiten zu. Bei der gegenwärtigen Geschichte folgte darauf eine rachsüchtige Feindschaft des Phutatorius, der, wie Yorick eben mit seiner Kastanie fertig war, zum zweiten Male vom Stuhle aufstand, um es ihm zu verstehen zu geben, welches er freilich nur mit einem Lächeln tat und den Worten, er wolle darauf bedacht sein, ihm die Gefälligkeit nicht zu vergessen. Allein, Sie müssen zwei Dinge sorgfältig unterscheiden und in Ihrem Herzen bewahren.

Das Lächeln galt der Gesellschaft.

Die Drohung galt Yorick.