Dreiundsechzigstes Kapitel.
Ob mein Vater gleich von den Subtilitäten dieser Unterredung mächtig gekitzelt ward, so ging's doch damit wie mit der Salbe auf einem gebrochenen Knochen. Sobald er zu Hause angekommen, fiel die Last seiner Betrübnis desto schwerer auf ihn zurück. Wie's immer zu gehen pflegt, wenn der Stab, worauf wir uns lehnten, ausweicht. Er geriet ins Nachdenken, ging häufig nach dem Fischteiche, ließ eine Krempe von seinem Hute nieder, seufzte öfters, fuhr niemand mehr hitzig an. Und da die schnellen Anwandlungen des Zorns, die einen Menschen so auffahren lassen, so sehr die Ausdünstung und Verdauung befördern, wie Hippokrates sagt, so wäre er gewiß aus Mangel daran krank geworden, wenn nicht noch eben zu rechter Zeit seine Gedanken davon abgekehrt und seine Gesundheit durch einen frischen Troß von Unruhen erlöst worden wäre, die ihm meine Tante Dinah mit einem Vermächtnis von fünf- bis sechstausend Talern hinterließ.
Mein Vater hatte kaum den Brief gelesen, als er die Sache gleich beim rechten Zipfel faßte und seinen Kopf ängstete und plagte, wie er's am besten zur Ehre der Familie anlegen sollte. Wohl hundertundfünfzig wundersame Projekte nisteten sich, eins nach dem andern, in sein Gehirn. Er wollte dies tun und das — und das andere. — Er wollte nach Rom, es dem Papste abprozessieren, wollte Aktien kaufen, John Hobson sein Landgut abfeilschen, er wollte einen neuen Giebel vor seinem Hause heraufziehen und einen neuen Flügel dranbauen. An dieser Seite des Baches stand eine hübsche Wassermühle, und er wollte jenseits, gerade gegenüber, eine Windmühle bauen, der hübschen Symmetrie wegen. Vor allen Dingen aber in der Welt wollte er das große Ochsenmoor bestellen und meinen Bruder Bobby auf Reisen schicken.
Da aber die Summe endlich war, und folglich nicht alles ausrichten konnte und in der Tat sehr wenig von all diesem gehörig und gut, so schienen von allen Projekten, die sich bei dieser Gelegenheit darboten, die beiden letzten den tiefsten Eindruck zu machen. Er würde sich auch gewiß zu beiden zugleich entschlossen haben, wenn's nicht der kleine, eben erwähnte Umstand gehindert hätte, der ihn allerdings in die Notwendigkeit versetzte, sich entweder für das eine oder das andere zu erklären.
Dies war nicht so leicht geschehen; denn so gewiß es ist, daß mein Vater schon längst sein Herz auf diesen wesentlichen Teil der Erziehung meines Bruders eingestellt und wie ein kluger Mann beschlossen hatte, ihn von dem ersten Gelde, das ihm von der zweiten Dividende der Mississippiaktien einliefe, seine Reise antreten zu lassen, so hatte doch das Ochsenmoor, ein hübscher, großer, brachliegender, dem Shandyschen Gute zugehöriger Anger, fast ebenso alte Rechte und Ansprüche. Er hatte schon lange und ernstlich darauf gesonnen, es unter Pflug und Egge zu bringen.
Da ihn aber bisher noch kein solcher Zusammenfluß von Dingen gedrängt, auszumachen, welches von beiden das älteste oder beste Recht hätte, so hatte er sich wie ein weiser Mann enthalten, sich in eine kritische Untersuchung darüber einzulassen. Dergestalt also, daß, nachdem alle übrigen Projekte bei dieser Krise den Laufpaß erhalten, die beiden alten, das Ochsenmoor und mein Bruder darüber wieder unter sich stritten — sie waren einander dergestalt gewachsen, daß sie manchen nicht geringen Kampf im Kopfe des alten Herrn veranlaßten —, welches zuerst in Gang gebracht werden sollte.
Die Leute haben gut lachen, die Sache war so:
Es war beständig in der Familie Brauch gewesen und war durch die Verjährung gleichsam ein Recht geworden, daß der älteste Sohn, bevor er heiratete, in fremde Gebiete freien Ein-, Aus- und Zugang haben mußte. Nicht nur um durch die Leibesübung und häufige Veränderung der Luft ein eigenes persönliches Gebiet zu verbessern, sondern auch zum reinen Vergnügen seiner Phantasie. Daß man ihm, weil er sagen konnte, ich bin gereist, eine bunte Feder mehr in den Schwanz setzte. — Tantum valet, pflegte mein Vater zu sagen, quantum sonat.
Da dieses nun ein vernünftiger und also ein allerchristlicher Brauch war — wenn man ihn ohne Warum und Weswegen aufsetzte — und dadurch das erste Exempel gegeben würde, daß ein Shandyscher Erbe nicht in einer Postchaise durch Europa kutschiert worden, und zwar bloß deswegen, weil er noch ein Knabe war, so hieß das ärger mit ihm umspringen, als mit einem Heiden und Türken.
Auf der anderen Seite war der Fall des Ochsenmoores ebenso dringend.
Den ersten Kaufschilling nicht mitgerechnet, der achthundert Louisdor betrug, hatte es der Familie schon vor fünfzehn Jahren noch andere achthundert an Prozeßkosten gefressen. Der Himmel weiß, wie manchen Ärger und Verdruß man dadurch hatte.
Überdem war es seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein beständiges Eigentumsstück der Shandyschen Familie, und ob es gleich groß und breit vor dem Hause lag und man an einer Seite die Wassermühle sah und an der anderen die projektierte Windmühle sehen sollte, von der oben gesprochen worden — und aus allen diesen Gründen das begründetste Recht vor allen ändern Grundstücken auf die Pflege und Fürsorge der Familie zu haben schien: — so war es dennoch durch ein unbegreifliches Schicksal, dem sowohl die Menschen, wie der Grund, den sie betreten, unterworfen sind, — die ganze Zeit her schändlich übersehen worden. Es hatte, die Wahrheit zu gestehen, dadurch so sehr gelitten, daß dem Manne, sagte Obadiah, der wüßte, was Land wäre, und darüber ritte und sähe, in welchen kläglichen Umständen es läge, das Herz im Leibe darüber bluten müßte.
Indessen, da weder der Ankauf dieses Grundstücks, noch seine Lage, so gut sie auch war, meines Vaters Werk waren, so hatte er gemeint, daß es ihn eigentlich nichts anginge. Bis vor fünfzehn Jahren der oben erwähnte verdammte Grenzprozeß losbrach, der als meines Vaters eigentümliche Tat und Handlung zugleich alle anderen Gründe zu seinem Besten aufweckte. Nachdem er sie alle aufgezählt hatte, fand er, daß er nicht nur des Nutzens, sondern auch der Ehre wegen verpflichtet sei, etwas dafür zu tun, und daß es jetzt Zeit sei oder niemals.
Es muß ein Unglück dazu geschlagen sein, daß die Gründe auf beiden Seiten so völlig gleichwiegend waren. Denn ob mein Vater sie unter allen Umständen und in allerlei Gemütsverfassungen abwog — manche kummervolle Stunde in sehr tiefen und abstrakten Gedanken darüber hinbrachte, heute Bücher von der Landwirtschaft, morgen Reisebeschreibungen las, alle Leidenschaften beiseitesetzte, die Gründe auf beiden Seiten mit allen ihren Umständen beleuchtete, täglich mit meinem Onkel Toby darüber Rat pflog, mit Yorick darüber philosophierte und über die ganze Sache, das Ochsenmoor betreffend, mit Obadiah sich besprach, so ergab sich doch in all der Zeit nichts, was so stark für das eine sprach, das sich nicht auch ganz genau auf das andere anwenden ließ, oder doch wenigstens durch eine oder die andere Rücksicht, von gleichem Gewicht, die Schalen gleichschwebend hielt.
Soviel war unstreitig gewiß, wenn das Ochsenmoor in gute Hände geriet und gehörig bearbeitet würde, so müßte es ein ganz anderes Ansehen in der Welt haben, als es der Fall war oder in seiner jetzigen Verfassung jemals tun konnte. Das war aber auch, Obadiah mochte sagen, was er wollte, alles haarklein von meinem Bruder Bobby wahr.
In Ansehung des Einträglichen, gestehe ich, schien der Streit dem ersten Augenblicke nach nicht so unentschieden unter den beiden; denn so oft mein Vater Feder und Tinte zur Hand nahm und sich darüber her machte, zu berechnen, was die Ausgaben für Aufbrechen, Ausbrennen, Einhägen usw. des Ochsenmoors betrügen, und dagegen den sicheren Profit, den es ihm wieder bringen müßte, so war der letzte, auf die Art, wie er das Exempel ansetzte, so unglaublich überwiegend, daß man hätte schwören sollen, das Ochsenmoor müßte die Oberhand behalten. Denn es war klar, er müßte gleich das erste Jahr über hundert Last Rapssamen ziehen, die Last zu hundert Taler gerechnet. Hierauf das zweite Jahr eine vortreffliche Weizenernte. Das Jahr darauf, um es nur gering anzuschlagen, hundert, nach aller Wahrscheinlichkeit aber hundertfünfzig, wo nicht zweihundert Wispel Bohnen und Erbsen, nicht zu gedenken der unendlichen Menge Kartoffeln. — Aber dann klopfte der Gedanke, daß er derweile meinen Bruder auferzöge wie ein Schwein, das sie fressen sollte, wieder in seinem Kopfe an und ließ den lieben alten Herrn in solcher Unentschlossenheit, daß er, wie er oft meinem Onkel Toby erklärte, ebensowenig wußte, was er tun sollte wie sein Absatz.
Kein Mensch als er, der es gefühlt hat, kann sich vorstellen, was für eine Not es ist, wenn ein Mann von zwei Projekten von gleicher Stärke gezerrt wird, die ihn beide gleich hartnäckig in entgegenstehender Richtung ziehen und reißen. Denn, nicht zu gedenken der Verwüstung, die solches natürlicherweise in dem ganzen feineren Systeme der Nerven anrichten muß, welche, wie Sie wissen, die Lebensgeister und subtileren Säfte vom Herzen nach dem Haupte und so weiter führen: — so ist es nicht zu sagen, in was für einem hohen Grade ein so widersinniges Reiben schon auf die gröberen und solideren Teile wirkt, indem es, sooft es vorwärts geht oder rückwärts, allemal das Fett eines Mannes schmilzt und seine Kräfte schwächt.
Mein Vater wäre diesem Übel erlegen, so gewiß als er dem mit meinem Taufnamen erlag, wäre er nicht aus diesem eben so erlöset, wie aus jenem: durch ein frisches Übel, das Unglück von meines Bruders Bobby Tod.
Was ist des Menschen Leben! Ist's nicht bald hier, bald dort? Aus einer Sorge in die andere? Eine Ursache des Verdrusses zugeknöpft, eine andere wieder auf!