Vierundsechzigstes Kapitel.
Als mein Vater den Brief empfing, der ihm die traurige Nachricht von meines Bruders Bobby Tode gab, saß er eben über der Berechnung der Kosten der Extrapost für ihn von Calais nach Paris und so weiter nach Lyon.
Es war eine unglückliche Reise. Mein Vater mußte jeden Schritt noch einmal durchreisen und seine Berechnung von vorne wieder anfangen, als er bereits fast bis ans Ende gelangt war. Denn Obadiah machte die Türe auf, ihm zu sagen, es sei keine Hefe mehr im Hause, und ihn zu fragen, ob er nicht morgen früh das große Kutschpferd nehmen und hinreiten sollte, welche zu holen. »Meinethalben, Obadiah,« sagte mein Vater und ließ sich in seiner Reise nicht irremachen, »nehme Er das Kutschpferd und damit gut!« — »Aber es hat ein Eisen verloren, das arme Tier!« sagte Obadiah. — »Das arme Tier,« sagte mein Onkel Toby und wiederholte die Schwingungen der Note wie eine rein gestimmte Saite. — »So nehme Er den Schottländer,« sagte mein Vater hastig. — »Der ist so gedrückt, daß er um alles in der Welt keinen Sattel leiden kann,« sagte Obadiah. — »Mit dem Pferde ist auch immer was; so nehme Er den Patrioten,« rief mein Vater, »und mache Er die Türe zu.« — »Patriot ist verkauft,« sagte Obadiah. — »Da seh' mir einer!« schrie mein Vater und machte eine Pause und sah meinem Onkel Toby ins Gesicht, als ob die Sache sich nicht wirklich so verhalten könnte. — »Euer Gnaden befahlen mir ja im letzten April, daß ich ihn verkaufen sollte,« sagte Obadiah. — »Nun, so mag Er zu Fuß gehen,« rief mein Vater. — »Ich gehe auch lieber, als ich reite,« sagte Obadiah und machte die Türe zu.
»Was für ein Geplage!« schrie mein Vater und fuhr mit seiner Berechnung fort. — »Aber die Wege stehen unter Wasser,« sagte Obadiah und machte die Türe wieder auf.
Bis auf diesen Augenblick hatte mein Vater mit einer Karte von Sanson und einem Buche von den Postrassen vor sich seine Hand auf den Knauf des Zirkels gehalten, mit einer Spitze auf Nevers, als die letzte Station, welche er bezahlt hatte, — in der Absicht, von da mit seiner Reise und Berechnung weiterzugehen, sobald Obadiah aus der Türe wäre. — Dieser zweite Überfall von Obadiah aber, indem er die Türe öffnete und das ganze Land unter Wasser setzte, war zu arg. — Er ließ den Zirkel fahren — oder vielmehr er warf ihn mit einer vermischten Bewegung von Zufall und Zorn auf den Tisch. Nunmehr blieb ihm nichts weiter übrig, als — wie manche andere — eben so klug wieder nach Calais zurückzugehen, wie er von dort abgereist war.
Als der Brief ins Zimmer gebracht wurde, welcher die Nachricht von meines Bruders Tode enthielt, war mein Vater mit seiner Reise schon abermals so weit gekommen, daß der Zirkel nur noch einen Schritt tun durfte, so war er wieder auf der nämlichen Station zu Nevers. — »Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Sanson,« drückte die Zirkelspitze durch Nevers in den Tisch und nickte meinem Onkel Toby zu, um zu sehen, was der Brief sagte. »Zweimal an einem Abend vor einem so lumpigen Städtchen als Nevers wieder umzukehren, ist für einen englischen Herrn und seinen Sohn zu viel, Herr Sanson. Ist's nicht wahr, Toby?« fügte mein Vater mit einem scherzhaften Tone hinzu. — »Es müßte denn eine Garnison darin liegen,« sagte mein Onkel Toby. — »Alsdann bin ich ein Geck,« sagte mein Vater lächelnd und bei sich selbst, »solange ich lebe.« — Damit nickte er zum zweiten Male, und indem er seinen Zirkel auf Nevers mit der einen und sein Buch von den Postrassen mit der anderen Hand hielt, halb rechnend und halb zuhörend, lehnte er sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch. Mein Onkel Toby überlas leise den Brief. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
»Er ist abgereist,« sagte mein Onkel Toby. — »Wohin, wer?« rief mein Vater. — »Mein Neffe,« sagte mein Onkel Toby. — »Was, ohne Urlaub, ohne Geld und ohne Wechsel? Ohne Hofmeister?« rief mein Vater mit Erstaunen. — »Nein, er ist gestorben, mein lieber Bruder,« sagte mein Onkel Toby. — »Und nicht krank gewesen?« schrie mein Vater wieder. — »Das kann ich nicht sagen,« sagte mein Onkel Toby mit leiser Stimme und holte dabei einen tiefen Seufzer aus dem Grunde seines Herzens. »Er ist krank genug gewesen, armer Knabe, dafür bin ich Bürge, denn er ist gestorben!«
Als der Agrippina der Tod ihres Sohnes bekannt gemacht wurde, erzählt Tacitus, konnte sie die Heftigkeit ihres Schmerzes nicht mäßigen und habe ihre Beschäftigung abgebrochen. — Mein Vater steckte seinen Zirkel noch fester in Nevers hinein. — Was für Verschiedenheiten! Seins war freilich ein Rechnungsgeschäft. Agrippinas muß ein ganz anderes Geschäft gewesen sein, wie könnte man sonst Schlüsse aus der Historie ziehen wollen?
Was mein Vater weiter tat, das verdient nach meiner Meinung ein eigenes Kapitel.