Fünfundsechzigstes Kapitel.
Und ein Kapitel soll es haben, und zwar ein Kapitel, das sich gewaschen hat. — Also nehmen Sie sich in acht!
Es ist entweder Plato oder Plutarch, oder Seneka oder Xenophon, oder Epiktet oder Theophrast, oder Lucian — oder jemand anders vielleicht aus neueren Zeiten — Cordan oder Buddeus, oder Petrach oder Stella —, es kann auch wohl ein Gottesgelehrter oder Kirchenvater sein, welcher behauptet, daß es ein unwiderstehlicher und natürlicher Hang ist, den Verlust unserer Freunde oder Kinder zu beweinen. Seneka — dies weiß ich zuverlässig — sagt uns irgendwo, daß dergleichen Betrübnisse sich am besten durch diesen besonderen Kanal ausleeren. Demzufolge finden wir, daß David um seinen Sohn Absalom weinte, Adrian um seinen Sohn Antinous, Niobe um ihre Kinder, und daß Apollodorus und Krito beide um Sokrates Tränen vergossen, bevor er starb.
Mein Vater behandelte seine Betrübnis auf eine andere Manier, und zwar ganz verschieden von den meisten Menschen unter den Alten oder Neueren; denn er weinte sie nicht etwa weg, wie die Hebräer und Lateiner, verschlief sie nicht wie die Lappländer, erhing sie nicht wie die Engländer und ersäufte sie nicht wie die Deutschen, noch fluchte, verdammte, bannte, reimte oder pfiff er sie weg.
Er ward ihrer indessen doch los.
Wollen Euer Hochwohlgeboren mir erlauben, daß ich hier eine Historie einschalte?
Als Tullius seiner Tochter Tullia beraubt wurde, nahm er sich's anfangs sehr zu Herzen. Er hörte auf die Stimme der Natur, und nach dieser modulierte er seine eigene. — O meine Tullia! Meine Tochter! Mein Kind! Noch, noch, noch bist du's! warst es, o meine Tullia! Meine Tullia! Mich dünkt, ich sehe meine Tullia, ich höre meine Tullia, ich spreche mit meiner Tullia. — Allein sobald er sich im Zeughause der Philosophie umsah und bedachte, was sich über die Veranlassung für vortreffliche Sachen sagen ließen — kein Mensch auf der Welt vermag sich's vorzustellen —, sagte der große Redner, wie glücklich, wie fröhlich es ihn machte.
Mein Vater dachte ebenso hoch von seiner Beredsamkeit wie Marcus Tullius Cicero nur immer von seiner. Und wenn ich nicht ganz und gar falsch berichtet bin, mit ebensoviel Grund. Es war wirklich seine Stärke — und seine Schwäche dazu. Seine Stärke, denn er war beredt von Natur. Seine Schwäche, denn sie spielte ihm stündlich Streiche. Wenn ein Vorfall in seinem Leben ihm nur Anlaß gab, seine Gaben zu zeigen oder etwas Kluges, Witziges oder Satirisches zu sagen — ein systematisches Unglück ausgenommen —, so hatte er, was er wollte. Ein Glück, welches meines Vaters Zunge fesselte, und ein Unglück, welches solche auf eine gute Art in freien Gang setzte, waren ihm ziemlich gleich willkommen. Zuweilen gar das Unglück am angenehmsten; denn wenn zum Beispiel das Vergnügen des Redehaltens sich wie zehn, und der Verdruß des Unglücks nur wie fünf verhielt, gewann mein Vater Hundert auf Hundert, und befand sich folglich so wohl dabei, als wenn ihn gar nichts überkommen wäre.
Aus diesem Knäuel entwickelt sich alles, was sonst in meines Vaters häuslichem Charakter zusammenhängend scheinen möchte. Nämlich, daß bei den Gelegenheiten zum Ärger, die die Nachlässigkeit oder Tölpelei des Gesindes oder andere in einer Haushaltung unvermeidliche Verdrießlichkeiten hervorbrachten, sein Zorn oder vielmehr die Dauer desselben niemals das war, was man vermutete.
Mein Vater hatte eine kleine Stute, die er sehr liebte; dieser hatte er einen sehr schönen arabischen Hengst zugegeben, um ein Füllen für seinen eigenen Sattel von ihr zu erzielen. Er war lebhaft in allen seinen Projekten; also sprach er täglich von dem Füllen wie von einem wirklich vorhandenen Dinge, das schon geworfen, gezähmt, gezäumt und zum Reiten gesattelt vor seiner Türe stände, das er nur besteigen dürfte. Durch ein oder zwei Versehen des Obadiah kam es, daß aus meines Vaters Erwartung nichts anderes wurde als ein Maulesel, und zwar in seiner Art so häßlich, wie nur einer, der einen Esel zum Vater hat, sein kann.
Meine Mutter und mein Onkel Toby meinten nicht anders, als mein Vater würde Obadiah den bittersten Dampf antun und das bittere Leben würde kein Ende nehmen. — »Nun seh Er einmal, Schäker,« rief mein Vater und wies auf den Maulesel, »was er gemacht hat!« — »Das habe ich nicht getan,« sagte Obadiah. — »Woher kann ich das wissen?« versetzte mein Vater.
Triumph über diese witzige Antwort schwamm in meines Vaters Auge. Das attische Salz brachte Wasser hinein. Und somit hörte Obadiah kein Wort weiter darüber.
Nun laßt uns zurückkehren zu meines Bruders Tode.
Die Philosophie hat auf jede Sache einen hübschen Spruch. Auf den Tod hat sie eine ganze Schnur voll; das Unglück war nur, daß sie alle auf einmal auf meines Vaters Kopf losstürzten und es schwer war, sie so aneinanderzureihen, daß ein hübsches beschauliches Ganzes daraus wurde. Er nahm sie also, wie sie kamen.
»Es ist ein unvermeidliches Geschick. Das erste Gesetz im allgemeinen Gesetzbuche. Es ist eine unwiderrufliche Parlamentsakte, mein lieber Bruder: alles muß sterben. «
»Wenn mein Sohn nicht hätte sterben können, das wäre Ursache zum Verwundern gewesen, nicht, daß er gestorben ist. Monarchen und Prinzen tanzen mit uns in einem Reigen.
Sterben ist der große, der Nation schuldige Zoll und Tribut. Gräber und Monumente, die unser Gedächtnis verewigen sollten, bezahlen solche selbst, und die stolzeste Pyramide unter allen, die Reichtum und Kunst errichtet, hat ihre Spitze verloren und liegt dort in großen Trümmern in entferntem Anblicke des Wanderers.« Mein Vater fand, daß es ihm sehr gut tat, und fuhr fort: »Ganze Reiche und Länder, und Flecken und Städte, haben sie nicht ihre Perioden? Denn wenn die Prinzipia und Kräfte, welche sie zuerst gründeten und zusammenfügten, ihre verschiedenen Evolutionen bewirkt haben, so fallen sie zusammen.« — »Bruder Walther,« sagte mein Onkel Toby bei dem Worte Evolutionen und legte seine Pfeife nieder. — »Revolutionen wollte ich sagen,« unterbrach ihn mein Vater, »wahrhaftig, Revolutionen wollte ich sagen, Bruder Toby; Evolutionen ist Unsinn.« — »Unsinn ist's doch auch nicht,« sagte mein Onkel Toby. — »Aber ist's nicht Unsinn, den Faden eines solchen Gesprächs über eine solche Veranlassung zu zerreißen?« rief mein Vater. »Höre, lieber Toby,« fuhr mein Vater fort und faßte ihn bei der Hand, »höre, höre, ich bitte dich, unterbrich mich nicht in dieser Krisis!« — Mein Onkel Toby nahm seine Pfeife in seinen Mund.
»Wo ist Troja und Mykenä, und Theben und Delos, und Persopolis und Agrigent?« fuhr mein Vater fort, wobei er sein Buch von den Postrassen wieder aufnahm, das er niedergelegt hatte. »Wo, mein Bruder Toby, wo sind Ninive und Babylon, und Cizicum und Mitileno geblieben? Die schönsten Städte, über welche jemals die Sonne aufgegangen, sind jetzt nicht mehr da. Die Namen sind nur noch übrig, und diese — denn viele davon werden falsch buchstabiert - zerstäuben auch schon wie Wurmmehl und werden mit der Zeit vergessen und mit allen anderen Dingen in eine ewige Nacht gehüllt werden. Die Welt selbst, Bruder Toby, muß, muß ein Ende nehmen.
Auf der Rückkehr aus Asien, da ich von Ägina nach Megara segelte« — wann mag das wohl gewesen sein, dachte mein Onkel Toby —, »begann ich das Land umher zu beschauen. Ägina lag hinter mir, Megara vor mir, Pyräus zu meiner Rechten, Korinth zur Linken. Was für blühende Städte, nun liegen sie auf der Erde im Staube! Ach, ach! sagte ich zu mir selbst, daß einen Mann die Ruhe seiner Seele stören kann über den Verlust eines Kindes, wenn so gewaltige Trümmer so fürchterlich vor seinem Anblicke liegen. Bedenke, sagte ich abermals zu mir selbst, bedenke, du bist ein Mensch!«
Nun sehen Sie, mein Onkel Toby wußte nicht, daß dieser letzte Paragraph ein Auszug aus Servius Sulpicius' Trostschreiben an den Cicero war. Der ehrliche Mann war ebensowenig in den Fragmenten wie in den ganzen Stücken der Altertümer bewandert. Und da mein Vater, als er noch Anteil am Handel hatte, drei bis vier Reisen nach der Levante gemacht und einmal ganze anderthalb Jahre sich zu Zanthen aufgehalten hatte, so kam mein Onkel Toby natürlich auf den Gedanken, mein Vater müsse einstmals einen Abstecher durch den Archipelagus nach Asien gemacht haben, und daß dieser ganze Segeleikram, mit Ägina hinten, Megara vorne und Pyräus zur Rechten usw. nichts anderes sei, als der wahre Weg und Lauf der Reise und der Betrachtungen meines Vaters.
Es war ganz in seiner Manier; mancher Kritikus würde wohl zwei Stockwerke höher auf noch schlechterem Grund gebaut haben. — »Sage mir doch, Bruder,« sagte mein Onkel Toby und legte das Ende seiner Pfeife auf meines Vaters Hand, als eine freundschaftliche behende Art des Indieredefallens, wobei er jedoch wartete, bis sein Bruder einen Punkt machte, »in welchem Jahre unseres Herrn war das?« — »In keinem Jahre unseres Herrn,« versetzte mein Vater. — »Das ist unmöglich!« rief mein Onkel Toby. — »Du Taubenkopf,« sagte mein Vater, »es war vierzig Jahre vor Christi Geburt.«
Meinem Onkel Toby blieb nur unter zwei Dingen die Wahl: entweder zu glauben, sein Bruder sei der ewige Jude oder der Verlust seines Sohnes habe ihm das Gehirn verrückt. »Gott im Himmel und auf Erden möge ihn beschützen und genesen lassen!« sagte mein Onkel Toby, indem er mit Tränen in den Augen still in seinem Herzen für meinen Vater betete.
Mein Vater brachte die Tränen gehörig in Rechnung und fuhr frisch mit seiner Rede fort.
»Es gibt keine so große Ungleichheit, Bruder Toby, zwischen Gutem und Bösem, wie sich die Welt einbildet« — diese Art zu beginnen, war, beiläufig gesagt, eben nicht sehr tüchtig, meinem Onkel Toby seinen Argwohn zu benehmen —; »Arbeit, Sorgen, Betrübnis, Krankheit, Not und Mangel sind Brühen über das Leben.« — »Wünsche wohl zu bekommen!« sagte mein Onkel Toby bei sich selbst.
»Mein Sohn ist tot! — Desto besser. Eine Schande wär's, in einem solchen Sturme nur einen Anker zu haben.
Allein er hat uns verlassen und kehrt nicht wieder! Mag's! Er ist nur den Händen seines Barbiers entronnen, ehe ihm sein Haar ausfiel. Er ist nur von einer Mahlzeit aufgestanden, ehe er den Magen überladen hat, von einem Gelage, ehe er trunken worden.
Die Thrazier weinten, wenn ein Kind geboren wurde« — »und wir waren auch nicht weit davon,« sagte mein Onkel Toby —, »und schmausten und lebten fröhlich, wenn ein Mensch aus der Welt ging; und das mit Recht. Der Tod öffnet die Pforte des Nachruhms und schließt die Pforte des Neides hinter sich zu. Er entledigt den Gefangenen von seinen Ketten und gibt das Werk des Tagelöhners den Händen eines anderen.
Zeige mir den Mann, der weiß, was das Leben ist, der es fürchtet, und ich zeige dir einen Gefangenen, der seine Freiheit scheut.
Ist es nicht besser, mein lieber Bruder Toby — denn merke dir, unsere Lüste sind eigentliche Gebrechen —, ist es nicht besser, gar keinen Hunger zu haben, als zu essen? Keinen Durst, als eine Mixtur zu nehmen, um ihn zu stillen?
Der Tod ist nichts Grauenvolles, Bruder Toby, in seinen Blicken, als was er vom Ächzen und den Zuckungen borgt, und von dem Nasenschneuzen und Augenwischen mit den Gardinenzipfeln in dem Krankenzimmer eines Sterbenden. Nimm ihm das, was bleibt er?« — »Er ist besser in der Schlacht als auf dem Bette,« sagte mein Onkel Toby. — »Nimm ihm seine Bahre, seine feierliche Stille, seinen schwarzen Flor, seine Federbüsche, Sargschilde und andere solche mechanische Hilfsmittel, was bleibt er? Besser in der Schlacht?« fuhr mein Vater lächelnd fort, denn meinen Bruder Bobby hatte er rein vergessen. »Nirgends ist er furchtbar. Denn sieh nur, Bruder Toby: wenn wir sind, so ist der Tod nicht; und ist der Tod, so sind wir nicht.« — Mein Onkel Toby legte seine Pfeife nieder, um den Satz nachzudenken. Meines Vaters Beredsamkeit war zu reißend, um auf einen Menschen zu warten, fortströmte sie, und zog meines Onkel Tobys Ideen mit sich dahin.
»Deswegen ist es,« fuhr mein Vater fort, »der Mühe wert zu bemerken, wie wenig Schrecken die Annäherung des Todes großen Männern verursacht hat. Vespasianus starb scherzend auf seinem Nachtstuhle, Galba mit einem Sittenspruche, Septimus Severus machte eben eine Depesche, Tiberius machte jemandem etwas weis, und Cäsar Augustus ein Kompliment.« — »Ich hoffe, es war ein aufrichtiges,« sagte mein Onkel Toby.
»Es war an seine Gemahlin,« sagte mein Vater.