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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 72: Einundsiebzigstes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Einundsiebzigstes Kapitel.

Ob Susanna dadurch, daß sie die Hand zu plötzlich von Trims Schulter zog (da sich ihre Leidenschaft so schnell herumwarf) die Kette seiner Betrachtungen ein wenig unterbrach, oder ob der Korporal zu argwöhnen begann, daß er dem Magister ins Gehege geraten, und mehr wie ein Prediger als in seiner eigenen Person redete, oder ob — — — — — — Oder ob —, denn in allen solchen Fällen kann ein erfindungsreiches Genie mit Freuden ein paar Seiten mit Voraussetzungen anfüllen. — Was von all diesem die Ursache war, das mag der scharfsinnige Sonstjemand ausmachen. — Soviel ist wenigstens gewiß, der Korporal fuhr mit seiner Standrede also fort:

»Für mein Teil kann ich sagen, daß ich, außen vor der Türe, mir nichts aus dem Leben mache, nicht das!« — setzte der Korporal hinzu und machte ein Schnippchen mit den Fingern. Aber mit einem Anstande, den kein anderer als der Korporal der Empfindung hätte geben können. »In einer Schlacht achte ich den Tod nicht das ... Laß ihn mich nur nicht wie eine feige Memme überrumpeln, wie den armen Paul Gibbins, da er seine Flinte auswusch. — Was ist er denn? Ein Klapp des Hahns an den Pfannendeckel, ein Puff mit dem Bajonett ein Zoll tief hier oder da, das ist alles. Sieh das Glied hinab, rechts. Sieh! da liegt Jakob! Gut! 's ist so gut, als ob er Rittmeister geworden wäre. — Nein, 's ist Dirk. Nun, so ist's für Jakob ebensogut. Laß fallen, was fällt, wir avancieren. In der Hitze des Treffens fühlt man sogar die Wunde nicht, wenn er kommt. Das beste ist, man sieht ihm in die Augen. Der Mann, welcher flieht, ist in zehnmal größerer Gefahr als der, der ihm in den Rachen marschiert. Ich habe ihm wohl hundertmal,« setzte der Korporal hinzu, »in die Fresse gesehen und ich weiß, was er ist. Nichts, gar nichts ist er, Obadiah, im Felde!« — »Ja, aber im Hause ist er sehr graulich,« sagte Obadiah. — »Ich scher' mich nicht darum, ich,« sagte Jonathan, »wenn ich auf dem Kutschbock sitze.« — »Im Bette, meine ich, muß es wohl am natürlichsten sein,« sagte Susanna. — »Und könnte ich ihm aus dem Wege, wenn ich in das elendeste Kalbsfell kröche, daraus jemals ein Schnappsack gemacht ist, so tät' ich's da,« sagte Trim.

»Natürlich ist natürlich,« sagte Jonathan. — »Und deswegen,« rief Susanna, »bedaure ich meine Madame so herzlich. Sie wird es in ihrem Leben nicht überwinden.« — »Und ich, ich bedaure den Kapitän am meisten in der ganzen Familie,« antwortete Trim. »Madame wird sich das Herz erleichtern durch Weinen, und der alte Herr durch sein Sprechen darüber, aber mein armer Herr wird alles stillschweigend bei sich behalten. Ich werde ihn einen ganzen Monat lang im Bette seufzen hören, wie er um den Leutnant Le Fever tat. —›O, Euer Gnaden müssen nicht kläglich seufzen,‹ sagte ich dann zu ihm, wenn ich neben ihm lag. — ›Ich kann nicht dafür, Trim,‹ sagte dann der Kapitän. ›'s ist ein so melancholischer Zufall, ich kann's nicht aus dem Kopfe kriegen.‹ —›Euer Gnaden fürchten sich ja selbst vor dem Tode nicht.‹ — ›Ich hoffe,‹ pflegte er dann zu sagen, ›ich fürchte mich vor nichts, als was Böses zu tun. — Gut so!‹ pflegte er hinzuzusetzen, ›es gehe, wie es gehe, für Le Fevers Knaben will ich sorgen.‹ Und damit, wie mit einem schmerzlindernden Tranke, fiel Seine Gnaden in Schlaf.«

»Ich mag Trims Historien vom Kapitän gerne hören,« sagte Susanna. — »'s ist ein so gutherziger Herr,« sagte Obadiah, »als jemals Atem holte.« — »Das sollt' ich meinen,« sagte der Korporal, »und so brav obendrein, als jemals vor einer Division aufmarschiert ist. — 's war niemals ein besserer Offizier in des Königs Armee oder ein besserer Mann in Gottes weiter Welt. Er ging auf die Mündung einer Kanone los, und wenn er auch die glühende Lunte schon am Zündloch sähe. Und doch hat er dabei ein so weiches Herz wie ein Kind, gegen andere Leute. Er könnte keinem jungen Hühnchen was zuleide tun.« — »Ja, lieber wollt' ich so einen Herrn,« sagte Jonathan, »das Jahr für fünfunddreißig Taler Lohn fahren als viele andere für vierzig.« — »Dank, Jonathan, für die fünf Taler. Ebensogut, Jonathan,« sagte der Korporal, und schüttelte ihm die Hand, »als ob du mir das bare Geld in die Hand gezählt hättest. — Ich, bis an mein letztes Ende wollte ich ihm aus Liebe dienen. — Er handelt an mir wie ein Freund und Bruder. Und wenn ich's gewiß wüßte, daß mein armer Bruder Thomas tot wäre,« fuhr der Korporal fort und zog sein Schnupftuch aus der Tasche »und hätte ich fünftausend Taler im Vermögen, ich vermachte es dem Kapitän bis auf den letzten Groschen.« — Trim konnte sich bei diesem testatorischen Beweise von seiner Zuneigung gegen den Kapitän der Tränen nicht erwehren. — Die ganze Küche ward gerührt. — »Komm' Er, hört Er, und erzähle uns die Geschichte von dem armen Leutnant,« sagte Susanna. »Von Herzen gern,« antwortete der Korporal.

Susanna, die Köchin, Jonathan, Obadiah und der Korporal Trim machten einen Kreis um das Feuer, und so bald das Küchenmädchen die Küchentüre zugemacht hatte, fing der Korporal an.