Siebenundsiebzigstes Kapitel.
Das erste, was meinem Vater einfiel, nachdem die Sachen in der Haushaltung ein wenig in Ordnung gebracht waren und Susanna von meiner Mutter grünem Atlasmorgenrock Besitz genommen hatte, war, sich nach dem Beispiele Xenophons ganz gelassen hinzusetzen und eine Tristra pædia oder Erziehungssystem für mich zu schreiben.
Zu dem Ende sammelte er erst seine einzelnen Gedanken, Einfälle und hingeworfenen Ideen und verband sie hernach dergestalt, daß solche ein Erziehungsinstitut für meine Kinder- und Jünglingsjahre ausmachten. Ich war meines Vaters letzter Satz; meinen Bruder Bobby hatte er rein verloren; von mir, nach seiner eigenen Berechnung, schon dreiviertel. Das ist, er war in seinen ersten großen Chancen für mich unglücklich gewesen: meiner Zeugung, meiner Nase und meinem Namen. Es blieb ihm nur noch diese eine. Demzufolge war mein Vater ebenso andächtig darüber her, als es mein Onkel Toby über die Lehre von den Gesetzen der Bewegung gewesen war. Der Unterschied unter beiden war, daß mein Onkel Toby seine ganze Wissenschaft von den Gesetzen der Bewegung aus dem Nikolaus Tartaglia hernahm. Mein Vater spann die seinige bis auf den letzten Faden aus seinem eigenen Gehirn oder haspelte und zwirnte, was alle übrigen Spinner und Spinnerinnen vor ihm gesponnen hatten, daß er beinahe ebendieselbe Arbeit damit hatte.
In ungefähr drei Jahren und etwas darüber war mein Vater mit seinem Werke schon bis auf die Hälfte fertig. Gleich allen anderen Schriftstellern stieß er auf Schwierigkeiten. Er dachte, er würde alles, was er zu sagen hätte, so in die Kürze ziehen können, daß, wenn alles fertig und eingebunden wäre, meine Mutter es aufgerollt in ihrem Besteck tragen könnte. Die Materien wachsen uns unter den Händen. Nun sage ein Mann einmal: komm, ich will einen Duodezband schreiben.
Mein Vater indessen arbeitete daran mit dem mühsamsten Fleiße, ging in jeder Zeile Schritt vor Schritt mit ebender Vorsicht und Behutsamkeit — obgleich ich nicht sagen kann, aus einer ebenso frommen Ursache —, welche Johann de la Casse, der Erzbischof von Benevent, bei der Ausfeilung seiner Galatea anwendete. Wobei Seine Hochwürden Eminenz von Benevent fast vierzig Jahre von dero Leben zubrachten, und als das Ding endlich ans Licht kam, war es nicht über die Hälfte der Dicke eines Taschenkalenders. Wie es der heilige Mann anfing, wenn er nicht den größten Teil seiner Zeit damit hinbrachte, seinen Bart zu kämmen oder mit seinem Kaplan Brett zu spielen, — das könnte einem jeden Sterblichen, dem man das Geheimnis nicht sagte, den Kopf verrücken. Es ist deshalb wohl wert, daß man's der Welt erklärt, wär's auch nur, um die wenigen in derselben aufzumuntern, die nicht sowohl um Brot schreiben wie um Ruhm.
Ich gestehe, wäre Johann de la Casse, der Erzbischof von Benevent, für dessen Andenken — ungeachtet seiner Galatea — ich die höchste Ehrerbietung hege, wäre er, mein Herr, ein magerer Skribent gewesen, von stumpfem Witz, langsamen Begriffen, von verstopftem Kopfe und so mehr, er und seine Galatea möchten meinetwegen bis zu Methusalems Alter miteinander fortgeholpert sein, die Erscheinung wäre keiner Parenthese wert gewesen.
Aber das Gegenteil gerade war die Wahrheit. Johann de la Casse war ein Genie von großen Fähigkeiten und fruchtbarer Phantasie. Und doch, bei allen diesen großen Naturgaben lag er zugleich an einer Kraftlosigkeit danieder, daß er an einem langen Sommertage nicht über anderthalb Zeilen zustande bringen konnte. Dieses Unvermögen Seiner Eminenz kam von einer Meinung, womit Seine Eminenz behaftet waren. Besagte Meinung war nämlich diese: Sooft ein Christ sich hinsetzte, ein Buch zu schreiben, nicht bloß zu seinem eigenen Zeitvertreibe, sondern seine Absicht und sein Zweck mögen sogar bona fide sein, so wären seine ersten Einfälle allemal Versuchungen des Bösen. Dies wäre der Fall mit gewöhnlichen Schriftstellern; wenn aber gar eine Person von ehrwürdigem Charakter und hohem Stande entweder in der Kirche oder im Staate einmal Autor würde, so behauptete er, daß von demselben Augenblicke an, da ein solcher die Feder in die Hand nähme, alle Teufel in der Hölle aus ihren Löchern hervorkämen, um ihn zu verlocken. Das wäre ihre Walpurgisnacht. Jeder Gedanke, der erste und letzte, sei verfänglich, ob scheinbar oder wirklich gut, gleichviel, in was für Gestalt oder Farben er sich der Imagination darstellen möchte: es wäre dennoch ein Streich eines oder des anderen von den Teufeln, der auf ihn gerichtet sei und welcher abpariert werden müßte. — So daß der Stand eines Schriftstellers, er möchte es nun glauben wollen oder nicht, nicht sowohl ein Stand der Feder als des Schwertes sei. Seine Probejahre wären wie die eines jeden Kriegsmannes auf diesem Erdboden. In beiden, bei dem einen wie bei dem anderen, käme es nicht halb soviel auf den Grad des Verstandes als des Widerstandes an.
Meinem Vater behagte diese Theorie des Johann de la Casse, Erzbischofs von Benevent, außerordentlich. Wäre sein Glaube nicht ein wenig dabei in die Enge gekommen, ich glaube, er hätte die besten zehn Äcker von den Shandyschen Gütern darum gegeben, daß er sie selbst erfunden haben möchte. Wie viel oder wenig mein Vater an einen Teufel glaubte, das wird sich erweisen, wenn ich in der Folge dieses Werkes von meines Vaters Meinungen in der Religion sprechen werde. Hier ist's genug, zu sagen, da er von dem buchstäblichen Sinne dieser Lehre nicht die Ehre haben konnte, so begnügte er sich mit dem Allegorischen. Er pflegte oft zu sagen, besonders wenn seine Feder ein wenig stätisch war, es wäre unter dem Schleier des Johann de la Casse parabolischer Vorstellung ebensoviel Sinn, Wahrheit und Wissenschaft verborgen, wie man nur in irgendeiner poetischen Fiktion oder mystischen Erzählung des Altertums fände. — »Vorurteil der Erziehung,« pflegte er zu sagen, »das ist der Satan, und die Menge derselben, welche wir mit der Muttermilch einsaugen, sind alle Teufel. Wir werden von ihnen verfolgt, Bruder Toby, bei unseren Untersuchungen und Ausarbeitungen. Wäre ein Mann dumm genug, ihren Zudringlichkeiten so zahmerweise nachzugeben, was würde aus seinem Buche werden? Nichts!« pflegte er hinzuzusetzen, und warf seine Feder an die Erde, daß es krachte. »Nichts als ein Gemengsel von dem Ammengeklatsche und dem Unsinn der alten Weiber — von beiden Geschlechtern — aus dem ganzen Reiche.«
Dies ist die beste Ursache, die ich von dem langsamen Fortgange, den mein Vater bei seiner Tristra pædia machte, anzugeben entschlossen bin, an welcher er, wie gesagt, drei Jahre und etwas darüber unermüdlich arbeitete und zuletzt kaum — nach seiner eigenen Berechnung — die Hälfte seines Planes ausgeführt hatte. Das Unglück dabei war, daß ich die ganze Zeit über völlig versäumt und meiner Mutter überlassen wurde. Und was fast ebenso schlimm war, durch die Verzögerung wurde der erste Teil des Werkes, an den mein Vater den meisten Fleiß verwendet hatte, völlig unbrauchbar. Jeden Tag wurden eine oder ein paar Seiten unnütz.
Gewiß muß es eine Rute für den Stolz der menschlichen Weisheit geben; da auch die Weisesten unter uns allen sich so übereilen und ewig ihren Zweck, durch die unmäßige Hitze ihn zu erhaschen, verfehlen müssen.
Kurz, mein Vater hielt sich so lange bei seinem Widerstand auf — oder mit anderen Worten —, er förderte sein Werk so ungemein langsam, und ich begann so flink zu leben und zu wachsen, daß, wenn nicht ein Zufall dazwischengekommen wäre — der, wenn wir so weit gelangt sind und es mit Wohlanständigkeit geschehen kann, keinen Augenblick länger vor meinem Leser verheimlicht werden soll —, ich wahrhaftig glaube, ich hätte an meinem Vater vorbei gelebt, und hätte ihm eine Sonnenuhr zeichnen lassen, um solche unter die Erde zu vergraben.