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Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy cover

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Chapter 8: Sechstes Kapitel.
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About This Book

A playful, digressive first-person narrator tells his life and opinions through a series of nonlinear episodes that repeatedly detour into anecdotes, philosophical asides, and comic observation. The narration famously delays the account of the narrator's own birth while dwelling on family relationships, foibles, and cherished obsessions, using irony, self-commentary, and typographical tricks to undermine conventional storytelling. Episodes blend sentiment and satire, shift between intimate recollection and broad reflection, and repeatedly return to themes of memory, affection, human absurdity, and the unstable nature of narrative itself.

Sechstes Kapitel.

Der hypothekarische Gläubiger und der hypothekarische Schuldner denken über die Länge der Zeit in Geldsachen nicht verschiedener als der Spötter und der Ausgespottete über die Länge des Gedächtnisses. Doch hierin geht das Gleichnis unter ihnen, wie die Scholasten es nennen, auf allen vieren, was, im Vorbeigehen anzumerken, auf einem oder zweien Füßen mehr ist, als sich einige der besten im Homer rühmen können. Der eine trägt eine Summe, der andere ein Gelächter auf Kosten eines Dritten davon und denkt nicht weiter daran. — In beiden Fällen gleichwohl laufen die Interessen in die Höhe. Der festgesetzte oder zufällige Zahlungstag dient nur gerade dazu, die Sache nicht völlig ins Vergessen kommen zu lassen, bis endlich, zu einer bösen Stunde, der Gläubiger zu beiden kommt, auf der Stelle sein Kapital mit den vollen Interessen bis auf den letzten Tag fordert und beide die Gültigkeit ihrer Obligationen in ihrer ganzen Ausdehnung fühlen läßt.

Da der Leser (ich kann die Wenns nicht leiden) eine gründliche Kenntnis der menschlichen Natur hat, so brauche ich nichts mehr zu sagen, um ihn zu überzeugen, daß mein Held es nicht lange so forttreiben konnte, ohne eine oder die andere kleine Erfahrung zu machen. Die Wahrheit zu gestehen, hatte er sich üppigerweise in eine Menge kleiner Buchschulden von diesem Schlage verwickelt, welche er, ungeachtet Eugenius' häufiger Warnung, zu sehr auf die leichte Achsel nahm. Er meinte, da er keine einzige davon aus böser Absicht gemacht, sondern vielmehr aus sehr redlichem Herzen und aus bloßer aufgeräumter Gemütsart, so würden sie sich alle bei Gelegenheit von selbst tilgen.

Eugenius wollte ihm das niemals zugeben und sagte oft zu ihm, daß man ihm ein oder des andern Tages die Rechnungen gewiß einschicken würde, und zwar, fügte er oft mit einem traurigen, ahnungsvollen Tone hinzu, wird man weder Pfennig noch Heller vergessen, worauf Yorick nach seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit des Herzens mit einem: »Warum nicht gar?« zu antworten pflegte, und fiel das Gespräch im freien Felde vor, mit einem Linksumkehrt, einem Vor- oder Seitensprunge statt der Antwort. War er aber beim geselligen Kamine, in einer Ecke hinter einem Tische und ein paar Lehnstühlen eingeschlossen, wo der arme Sünder stichhalten mußte und nicht so leicht davonwischen konnte, — dann fuhr Eugenius mit seiner Klugheit in ungefähr folgenden Worten fort, die aber ein wenig besser zusammengefügt waren:

»Glaube mir, lieber Yorick, diese deine unvorsichtige Scherzhaftigkeit wird dich früher oder später in solche Schlingen verwickeln, aus welchen dich kein Nachwitz wird losmachen können. — Bei diesen Angriffen seh' ich's zu oft, daß der Mann, über den gelacht wird, sich in dem Lichte einer beleidigten Person betrachtet, mit allen den Rechten, die ihm in einer solchen Lage zustehen. Und wenn du ihn ebenfalls in diesem Lichte betrachtest und seine Freunde, seine Angehörigen, seine Verwandten und Bundesgenossen zusammenrechnest und die vielen Rekruten mit in die Glieder stellst, die sich aus Besorgnis einer gemeinschaftlichen Gefahr in seinem Dienst werden anwerben lassen, dann ist es keine übertriebene Rechnung, wenn man sagt, für jede zehn spitzige Einfälle hast du dir hundert Feinde erkauft, du willst es nicht glauben, bis du so weit gekommen bist, daß dir das aufgerührte Wespennest um die Ohren summt und dich halbtot gestochen hat.

Ich kann von dem Manne, den ich hochachte, nicht argwöhnen, daß ihn der kleinste Sporn von Milzsucht oder menschenfeindlicher Absicht zu diesen Angriffen reize. Ich glaube und bin überzeugt, sie sind unschuldig und bloß als Scherz gemeint. Aber bedenke es wohl, lieber Junge, Narren können den Unterschied nicht einsehen, und — Buben wollen nicht. Du weißt nicht, was es heißt, den einen zu zerren oder mit dem andern zu tändeln! Wo sie sich jemals zu gemeinsamer Verteidigung zusammentun, so, glaube mir, werden sie den Krieg gegen dich auf eine solche Art führen, mein liebster Freund, daß du seiner und deines Lebens dazu herzlich satt werden wirst.

Die Rachsucht wird aus einem giftigen Winkel ein ehrenrühriges Märchen gegen dich richten, welches weder Unschuld des Herzens noch Unsträflichkeit des Wandels abwehren wird. Die Glückseligkeit deines Hauses wird erschüttert, dein guter Leumund, worauf sie ruht, allenthalben verwundet, deine Redlichkeit in Zweifel gezogen, deine Taten belogen, dein Witz vergessen, deine Gelehrsamkeit mit Füßen getreten, und, um dir den letzten Auftritt deines Trauerspiels vor die Augen zu bringen: Grausamkeit und Feigheit, zwei Zwillings-Raufbolde, die als Mietlinge der Bosheit im Finstern schleichen, werden zugleich deine Schwachheiten und Irrtümer bestürmen. — Der beste von uns, mein teuerster Kumpan, gibt hier Blößen. Und glaube, glaube mir, Yorick, wenn es einmal, eine besondere Lust zu büßen, beschlossen ist, daß ein hilfloses unschuldiges Tier geopfert werden soll, so ist es leicht, in jedem grünen Gebüsche, wohin es sich verirret hat, genug trockenes Reisholz zum Feuer zu finden, worauf es verbrannt werde.«

Yorick hörte diese traurige prophetische Rede fast niemals vorsagen, oder es stahl sich eine Träne aus seinem Auge, welche ein versprechender Blick begleitete, daß er fürs künftige entschlossen sei, seinen Klepper mit mehr Mäßigung zu reiten. — Aber, leider! zu spät! — Eine große Verschwörung tat sich zusammen, noch ehe sie zum erstenmal geweissagt war. Der ganze Plan zum Angriff ward, gerade wie Eugenius vorhergesagt, auf einmal zur Ausführung gebracht. Mit so wenig Schonung von Seiten der Verbündeten und so wenig Argwohn von Seiten Yoricks von dem, was gegen ihn geschmiedet wurde, daß, als der gutherzige Mann dachte, seine sichere Amtsbeförderung stände in voller Reife, sie ihn an der Herzwurzel angegriffen hatten. So fiel er, wie mancher würdige Mann vor ihm gefallen war.

Yorick betrug sich anfangs eine Zeitlang mit aller ersinnlichen Tapferkeit, bis er, der Anzahl über und endlich des Elends des Krieges überdrüssig, am meisten aber der ungroßmütigen Art, womit er geführt wurde, satt, das Schwert aus der Hand legte. Ob er gleich dem Anschein nach bis auf den letzten Augenblick den Mut nicht sinken ließ, starb er dennoch, wie man überall überzeugt war, vor Kummer und Gram.

Was den Eugenius zu ebender Meinung brachte, war folgendes:

Wenige Stunden, ehe Yorick seinen Geist aufgab, ging Eugenius zu ihm, in der Absicht, ihn noch einmal zu sehen und den letzten Abschied von ihm zu nehmen. Wie er Yoricks Vorhang aufzog und ihn fragte, wie er sich befinde, sah ihm Yorick ins Gesicht, faßte ihn bei der Hand, und nachdem er ihm für so manchen Beweis seiner Freundschaft gedankt hatte, wofür, wenn es ihr Schicksal wollte, daß sie sich künftig wieder antreffen sollten, er ihm immer mehr und mehr danken wollte, und sagte zu ihm, in ein paar Stunden würde er seinen Feinden auf ewig das Nachsehen lassen. — »Das hoffe ich nicht,« antwortete Eugenius mit dem zärtlichsten Tone, in dem jemals ein Mann gesprochen hat, wobei ihm die Tränen die Wange herabrollten. »Das hoffe ich nicht, Yorick,« sagte er. Yorick antwortete mit einem in die Höhe gerichteten Blicke und mit einem sanften Drucke, den er Eugenius' Hand gab, und mit sonst nichts. Aber es ging Eugenius durchs Herz. — »Komm, komm, Yorick,« erwiderte Eugenius, indem er sich die Augen wischte und sich wie ein Mann zu fassen suchte, »sei wohlgemut, mein lieber Bruder. Laß nicht allen Mut und Standhaftigkeit in dieser Stunde der Prüfung sinken, wo du ihrer am meisten bedarfst. Wer weiß, was für Hilfe noch vorhanden ist und was Gottes Macht noch für dich zu tun vermag?« — Yorick legte seine Hand auf sein Herz und schüttelte sanft den Kopf. »Ich muß dir sagen,« fuhr Eugenius fort und weinte bitterlich, als er die Worte sprach, »ich weiß nicht, wie ich's aushalten soll, mich von dir zu trennen, Yorick, und möchte gern meiner Hoffnung schmeicheln, daß noch genug von dir übrig sei, einen Bischof daraus zu machen, und daß ich das noch erleben werde.« — »Ich bitte dich, Eugenius,« erwiderte Yorick, und nahm, so gut er konnte, mit seiner linken Hand die Schlafmütze vom Kopfe, weil er seine rechte noch immer fest in Eugenius' seiner liegen hatte, »ich bitte dich, siehe mein Haupt an!« — »Ich seh' nicht, daß es ihm etwas schadet!« versetzte Eugenius. »Ach, mein Freund,« sagte Yorick, »so muß ich dir sagen, daß es so zerschlagen, so mißhandelt ist von den Streichen, welche mir so unsanft im Finstern versetzt wurden, daß ich mit Sancho-Pansa sagen möchte, wenn ich wieder aufkäme: ›und sollten denn auch Bischofshüte vom Himmel regnen, so dicht wie Hagel, es würde doch keiner darauf passen‹.« — Yoricks letzter Atem schwebte auf seinen zitternden Lippen, in völliger Bereitschaft zu entfliehen, als er dieses hervorbrachte. Dennoch brachte er's mit einem eigentümlichen Tone hervor, und wie er's sprach, konnte Eugenius einen Strom sanften Feuers bemerken, das sich auf einen Augenblick in seinen Augen entzündet hatte. Schwaches Gemälde von jenen Blitzen des Witzes, welche, wie Shakespeare von Yoricks Ahnherrn sagt, gewohnt waren, den Tisch zu lautem Gelächter zu zwingen.

Eugenius ward hierdurch überzeugt, daß der Gram seines Freundes Herz gebrochen habe; er drückte ihm die Hand — ging leise aus dem Zimmer und weinte, wie er ging. Yorick folgte ihm mit den Augen bis zur Türe. Darauf schloß er sie — und öffnete sie nie wieder.

Er liegt begraben in einer Ecke seines Kirchhofes, in dem Kirchdorfe unter einem kunstlosen, platten Marmorstein, den sein Freund Eugenius mit Erlaubnis seiner Exekutores über sein Grab legte, mit nicht mehr als diesen drei Worten einer Inschrift, welche als Grab- und Klageschrift dient:

»Ach, armer Yorick«

Zehnmal des Tages hat Yoricks Geist den Trost, seine Gedächtnisschrift mit einer solchen Mannigfaltigkeit von klagenden Tönen lesen zu hören, welche Mitleid und Hochachtung für ihn anzeigen. Da ein Fußsteig über den Kirchhof, dicht an der Seite des Grabes vorbeiführt, so geht kein Fußgänger vorüber, der nicht einen Augenblick verweilt, einen Blick daraufwirft und im Weitergehen seufzt: Ach armer Yorick!