Siebentes Kapitel.
Eher wollte ich mich unterstehen, das schwerste Problem in der Geometrie zu lösen, als auf mich zu nehmen, zu erklären, wie ein Mann von meines Vaters vielem und richtigem Verstande, belesen, und zwar kritisch in philosophischen Sachen, dabei weise in politischen Anschlägen und in der Polemik, wie er sehen wird, gar nicht unwissend, fähig sein konnte, eine Meinung in seinem Kopfe zu unterhalten, die soweit von allen gewöhnlichen abwich, daß ich besorge, der Leser, wenn ich ihm solche sage, wofern er nur wenig cholerischen Temperaments ist, werde den Augenblick das Buch beiseite werfen. Ist er sanguinisch, so wird er herzlich darüber lachen, und ist er von der ernsthaften und strengeren Gattung, so wird er solche beim ersten Anblicke, ohne Gnade, als phantastisch und ausschweifend verdammen. Es ist seine Meinung, über die Wahl und Beilegung der Taufnamen, worauf nach seiner Ansicht weit mehr ankäme, als solche Leute, die nur oberflächlich denken, zu begreifen fähig wären. — Seine Meinung in diesem Punkte war, daß es eine sonderbare Art von magischer Kraft gäbe, welche gute oder böse Namen, wie er sie nannte, unserm Charakter und unserer Aufführung unwiderstehlich eindrückten.
Cervantes' Held konnte seinen Punkt nicht ernsthafter behaupten, noch es ernstlicher meinen oder mehr erzählen von der Macht der Zauberer, die seine Taten mit Schande befleckten, oder von dem Namen seiner Dulcinea, der sie mit Ehre bekrönte, als mein Vater von den Namen Trismegistus oder Archimedes auf der einen Seite oder von Nyky und Simkin auf der anderen vorzubringen hatte. Wie manche Cäsars und Pompejen, pflegte er zu sagen, sind durch bloßen Einfluß der Namen ihrer unwürdig geworden! Und wie manche gibt es, fügte er hinzu, die ungemein viel Gutes in der Welt gestiftet haben möchten, wäre ihr Charakter und Mut nicht gänzlich unterdrückt worden.
Ich seh's Ihnen deutlich an den Augen an, oder wie es sonst traf, sagte wohl mein Vater, daß Sie dieser meiner Meinung nicht von Herzen beitreten, welche für diejenigen, fügte er hinzu, die sie nicht sorgfältig bis auf den Grund gesichtet haben — ich gestehe es —, mehr das Ansehen einer Grille als eines geprüften Satzes haben mag. Dennoch, mein lieber Herr, wenn ich mir nicht zuviel einbilde, Ihren Charakter zu kennen, so bin ich moralisch gewiß, ich würde nicht wagen, Ihnen eine Sache vorzulegen, nicht als einem, der Teil am Streit nimmt, sondern als einem Richter, auf dessen Einsichten und unparteiische Entscheidung ich mich bei meiner Appellation in dieser Sache sicher verlassen kann. — Sie sind eine, von vielen eingeschränkten Vorurteilen der Erziehung so freie Person wie wenige Menschen, und wenn ich's wagen darf, noch tiefer in Sie zu dringen, von einer Großmut des Geistes, die es verschmäht, eine Meinung bloß deswegen zu verwerfen, weil ihr Anhänger fehlen. Ihren Sohn! Ihren geliebten Sohn, von dessen sanftem und aufgeräumtem Naturell Sie soviel zu erwarten haben, Ihr Fritzchen, mein Herr! wollten Sie ihn um alles in der Welt wohl Judas haben taufen lassen? Möchten Sie wohl, lieber Freund, fuhr er fort, indem er ihm mit der sanftesten Art seine Hand auf die Brust legte, — und mit dem Schmeichelnden und unwiderstehlichen Piano der Stimme, welche das Argumentum ad hominem seiner Natur nach erheischt, möchten Sie, mein Herr, wenn ein Jude den Namen für Ihren Sohn vorgeschlagen und Ihnen dabei seine Geldsäcke angeboten hätte, möchten Sie wohl in eine solche Entweihung Ihres Sohnes gewilligt haben? O, mein Gott, sagte er dann, wenn ich Ihr Gemüt recht kenne, ist Ihnen das unmöglich. Sie hatten das Anerbieten mit Füßen getreten. Mit Abscheu hätten Sie die Versuchung an den Kopf des Versuchers geworfen.
Ihre Seelengröße bei dieser Tat, die ich ebenso wie die uneigennützige Verachtung des Geldes bewundere, die Sie bei diesem ganzen Vorfalle an den Tag legen, ist wirklich edel, und wodurch sie solches noch mehr wird, ist das Prinzip, woraus sie entspringt: Wirkungen der Liebe eines Vaters, nach der Wahrheit und Überzeugung von ebendieser Hypothesis, nämlich: wäre Ihr Sohn Judas getauft worden, die habsüchtige und verräterische Idee, die von dem Namen so unzertrennlich ist, würde ihn sein ganzes Leben durch wie ein Schatten verfolgt und ihn zuletzt, trotz Ihrem Beispiele, Herr, zu einem Schabhals und Schurken gemacht haben.
Ich habe noch keinen Menschen gekannt, der auf ein solches Argument zu antworten vermochte. — Wirklich, aber auch von meinem Vater die Wahrheit zu sagen: — er war unwiderstehlich, beides im Verstehen und Disputieren. Er war zum Redner geboren. Überredung hing an seinen Lippen, und die Elemente der Logik und Rhetorik waren dergestalt durch ihn verwebt, und ganz besonders wußte er so schnell und Schlau die Schwachheiten und Leidenschaften seiner Gegner aufzufinden, daß die Natur selbst ihr Votum geben würde: dieser Mann ist beredt. Kurz, mein Vater mochte recht oder unrecht haben, es war in beiden Fällen viel gewagt, ihn anzugreifen. Und dennoch, es ist wunderbar, hatte er niemals weder den Cicero noch Quintilian de oratore noch Isokrates noch Aristoteles oder Longinus unter den Alten, noch den Vossius noch Scioppius noch Ramus noch Farnabius unter den Neueren gelesen, und was noch mehr zum Erstaunen ist, so war in seinem ganzen Leben kein Strahl oder Funke von Subtilität dadurch in seine Seele gebracht worden, daß er etwa ein Kollegium über irgendeinen niederländischen Logiker oder Kommentator gehört hätte. Er wußte nicht einmal, worin der Unterschied zwischen einem Argument ad ignorantiam und ad hominem bestünde —, so daß ich mich recht gut erinnere, als er mit mir hingereist war, mich im Jesuiterkollegio zu N. einschreiben zu lassen, wie mein würdiger Lehrer und zwei oder drei andere Mitglieder dieser gelehrten Sozietät sich höchlich wunderten, daß ein Mann, der nicht einmal die Namen seiner Werkzeuge kannte, dennoch so behende damit arbeiten könnte.
Damit so gut, als er nur immer konnte, zu arbeiten, dazu ward mein Vater indessen unaufhörlich gezwungen; denn er hatte wohl tausend kleine skeptische Ideen von der komischen Gattung zu verfechten, — wovon die meisten, wie ich fest glaube, sich anfangs bloß als sonderbare Einfälle und als vive la bagatelle einschlichen. Mit ihnen mochte er dann wohl eine halbe Stunde oder so seinen Spaß treiben, und nachdem er seinen Witz an ihnen geschärft hatte, sie bis auf ein andermal abtreten lassen.
Ich führe dieses nicht bloß als eine Hypothese oder Mutmaßung über das Emporkommen und die Einnistung von meines Vaters sonderbaren Meinungen an, sondern als eine Warnung für den gelehrten Leser gegen die unvorsichtige Aufnahme solcher Gäste, welche, nachdem sie einige Jahre lang in unserem Gehirn haben ungehindert und frei aus und ein gehen dürfen, endlich gar als Einheimische betrachtet sein wollen. Einige Zeit arbeiten sie, als Spielten sie nur Pfand; aber gemeiniglich wird wie bei einem verliebten Paare aus Pfandwechseln Handwechseln.
Ob das mit meines Vaters sonderbaren Meinungen der Fall war, oder ob endlich sein Witz seinem Verstande einen blauen Dunst vormachte, — oder wiefern er in einigen seiner Meinungen, so sonderbar sie schienen, völlig recht haben mochte, das soll der Leser an Ort und Stelle entscheiden. Hier behaupte ich weiter nichts, als daß es mit dieser einen über den Einfluß der Taufnamen sein ganzer Ernst war. Er war systematisch und gleich allen Systematikern hätte er Himmel und Erde bewegt und jedes Ding in der Schöpfung gereckt und gezerrt, um es seiner Hypothese anzupassen. Kurz, ich sage es noch einmal, es war sein Ernst, und demzufolge konnte er alle Geduld verlieren, wenn er Leute, besonders Leute von Stande sah, die es hätten besser wissen sollen, die sich ebensowenig oder noch weniger darum bekümmerten, wie ihr Kind genannt werden sollte, als um die Wahl eines Namens für ihren Schoßhund, ob Ponto oder Cupido.
Das, sagte er, stünde sehr schlecht. Wenn einmal ein schlechter Name mit Unrecht und Unbedacht gegeben worden, so ginge es nicht, wie in dem Falle, da eines Mannes guter Leumund verunglimpft worden, der wieder verglimpft werden könnte. Da wäre es möglich, daß der, wenn nicht bei Lebzeiten des Mannes, wenigstens nach seinem Tode wieder gerettet würde. Bei dem andern aber, sagte er, ließe sich das geschehene Übel niemals wieder gutmachen. —
Es war merkwürdig, daß, obgleich mein Vater, dieser Meinung gemäß, wie ich Ihnen gesagt habe, gegen gewisse Namen die stärkste Zuneigung oder Abneigung hatte, es dennoch Namen gab, weiche auf der Wagschale vor ihm so eben schwebten, daß sie ihm völlig gleichgültig waren. Jack, Dick und Tom waren in dieser Klasse. Diese nannte mein Vater neutrale Namen und behauptete von ihnen ohne Satire, daß es von Anbeginn der Welt her wenigstens ebenso viele Schurken und Narren gegeben wie gute und kluge Männer, die solche Namen ohne Unterschied geführt hätten. Indem sie so als gleiche Kräfte in entgegengesetzter Richtung aufeinander wirkten, hoben sie nach seiner Meinung ihre Wirkungen wechselweise auf, aus welcher Ursache er, wie er oft erklärte, keinen Kirschkern für die Wahl unter diesen hingeben möchte. Bob, so hieß mein Bruder, war ein anderer von dieser neutralen Gattung von Taufnamen, welche weder auf die eine noch andere Seite wenig wirkten; und da sich mein Vater zu Epsom befand, als er ihm gegeben ward, so dankte er oft dem Himmel, daß es kein schlimmerer wäre. Andreas kam ihm fast vor wie eine negative Größe in der Algebra. Er sei schlechter, sagte er, als nichts. Der Name Wilhelm war bei ihm in hohem Ansehen, Numps wieder weniger und Ruprecht, sagte er, sei gar des Teufels.
Allein, unter allen Namen in der weiten Welt hatte er den unbezwinglichsten Widerwillen gegen Tristram. — Von keinem Dinge auf dem Erdboden hatte er einen niedrigeren und verächtlicheren Begriff, indem er glaubte, er könne unmöglich in rerum natura etwas anderes hervorbringen, als was höchst gemein und elend wäre. Ja, mitten in einem Disput über den Punkt, worin er nicht selten ganz von ungefähr verwickelt wurde, brach er oft voll Feuer plötzlich ab, stieg eine Terze und zuweilen eine ganze Quinte über den Grundton seiner Rede hinauf und fragte seinen Gegner kategorisch, ob er's auf sich nehmen wolle, zu sagen, er habe sich jemals erinnert, habe jemals gelesen oder habe jemals erzählen gehört von einem Menschen, der Tristram geheißen, daß er etwas Großes oder Andenkenswertes verrichtet? — Nein, pflegte er zu sagen, Tristram! 's ist eine Unmöglichkeit!
Was konnte meinem Vater mehr fehlen, als ein Buch zu schreiben, um diese seine Meinung der Weit mitzuteilen? Sehr wenig Genuß bringt es dem spekulativen Kopfe, seine Meinung allein zu haben, wenn er sie nicht zu Markte bringen darf. Gerade das war's, was mein Vater tat; denn im Jahre 1716, zwei Jahre vor meiner Geburt, machte er sich darüber her und schrieb ausführliche Dissertationen über das einzige Wort Tristram, worin er der Welt mit vieler Aufrichtigkeit und Bescheidenheit die Gründe seines großen Abscheus gegen diesen Namen vor Augen legte.
Wenn diese Erzählung mit dem Titelblatte verglichen wird, wird dann nicht der gutherzige Leser meinen Vater von Herzen bedauern? Wird es ihn nicht schmerzen, sehen zu müssen, wie einem ordentlichen, gutgesinnten Manne, der zwar sonderbare, aber doch unschädliche Meinungen hegt, dergestalt von Widerwärtigkeiten mitgespielt worden ist, und wenn er ihn auf dem Schauplatze erblickt, wo ihm alle seine kleinen Systeme und Wünsche über den Haufen geworfen und vereitelt werden, wenn er einen Troß von Zufällen beständig auf ihn zustürmen sieht, und zwar auf eine so abgemessene und grausame Weise, als ob's ausdrücklich darauf angelegt wäre, seine Spekulationen zu verspotten? mit einem Worte: wenn er so einen Mann in seinen alten Tagen, die nicht für Kummer und Sorgen gemacht sind, zehnmal täglich an seinen Schmerz erinnert sieht, wie er zehnmal an einem Tage sein vom Himmel erflehtes Kind Tristram rufen muß? — Melancholischer zweisilbiger Klang, der in seinen Ohren mit Claasklump oder jedem andern Spottnamen unter der Sonne im Einklang steht! — Bei seiner Asche schwöre ich's! hat jemals ein boshafter Geist sich ein Vergnügen oder Geschäft daraus gemacht, die Vorsätze eines Sterblichen zu vereiteln, so muß es hier gewesen sein, und wäre es nicht notwendig, daß ich erst geboren sein müßte, ehe ich getauft werden kann, ich gäbe den Augenblick dem Leser Nachricht davon.