Einundneunzigstes Kapitel.
Wenn der Leser keinen deutlichen Begriff von den anderthalb Ruten Landes hat, welches am Ende von meines Onkels Toby Küchengarten liegt und welches die Szene so mancher seiner süßen Stunden war, so liegt die Schuld nicht an mir, sondern an seiner Imagination. Denn ich hab's ihm doch wahrhaftig so kindisch deutlich beschrieben, daß ich mich fast selbst davor schäme.
Als die Göttin des Schicksals eines Nachmittags einen Blick in die großen Begebenheiten der künftigen Zeiten tat und übersann, zu welchem Zwecke diese kleine Verwicklung durch ein in diamantene Tafeln gegrabenes Dekret bestimmt sei, gab sie der Natur einen Wink. Mehr brauchte sie nicht.
Die Natur warf eine halbe Schaufel voll ihrer bestartigsten Erdmischung darauf, die gerade so viel von zähem Ton enthielt, als nötig war, um die Winkel und Einschnitte der Festung haltbar zu machen, und doch so wenig, daß es nicht an Hacke und Spaten klebte, und daß bei schlechtem Wetter die Werke von so großer Herrlichkeit nicht das Ansehen eines Sudels bekämen.
Mein Onkel kam herunter, wie der Leser belehrt ist, und hatte die Grundrisse von fast allen festen Städten in Italien und Flandern bei sich. — Der Herzog von Marlborough oder die Alliierten mochten also eine Stadt belagern, welche sie wollten, mein Onkel Toby war allemal fertig und bereit.
Seine Weise, eine der natürlichsten von der Welt, war diese: Sobald nur eine Festung eingeschlossen war — und noch früher, wenn der Vorsatz bekannt war —, nahm er den Grundriß derselben zur Hand — die Stadt mochte sein, welche es wollte — und vergrößerte den Maßstab nach dem genauen Umfange seines grünen Spielplatzes. Dann trug er vermittels einer Rolle Bindfaden und einer Anzahl kleiner Pflöcke, die er an den verschiedenen Ecken und Winkeln in die Erde schlagen ließ, alle Linien von seinem Papier auf die Fläche dieses Platzes. Wenn er darauf das Profil des Platzes mit seinen Werken hatte, um die Breite und Tiefe der Gräben, die Abschüssigkeit der Wälle und die genaue Höhe der verschiedenen Brustwehren zu bestimmen, so stellte er den Korporal ans Werk. Und es ging hübsch vonstatten. Die Gutartigkeit des Bodens, die Gutartigkeit des Werkes selbst, und vornehmlich die Gutartigkeit des Gemüts meines Onkels Toby, der vom Morgen bis Abend dabeisaß und mit dem Korporal freundlich von ihren Taten plauderte, ließen der Arbeit weiter nichts als die Zeremonie des Namens.
Wenn auf diese Weise die Festung vollendet und in gehörigen Verteidigungsstand gesetzt worden war, wurde sie eingeschlossen. Mein Onkel Toby und der Korporal fingen an, die erste Parallele zu ziehen. Ich bitte, mich in meiner Geschichte dadurch nicht zu stören, daß man etwa sagen möchte, die erste Parallele sollte wenigstens dreihundert Ruten weit von der Festung entfernt sein, und ich habe nicht einen einzigen Zoll breit dazu freigelassen. Denn mein Onkel Toby nahm sich die Freiheit, in seinem Küchengarten um sich zu greifen, um die Werke auf dem Spielplatze desto größer machen zu können. Aus dieser Ursache ging er gewöhnlich mit seiner ersten und zweiten Parallele zwischen zwei Reihen von Kraut- und Blumenkohl hindurch. Das Bequeme und Unbequeme hierbei soll weitläufig erwogen werden in der Geschichte von meines Onkels Toby und des Korporals Feldzügen, wovon dieses, was ich jetzt schreibe, nur eine Skizze ist, und wenn ich recht mutmaße — aber wie's mit allem Mutmaßen geht! —, mit drei Seiten abgetan sein wird. Die Feldzüge selbst werden ebensoviel Bücher ausmachen. Deswegen besorge ich, es möchte ein zu großes Gewicht von einer Art Materie für ein so lockeres Werk sein wie dieses, wenn ich solche, wie ich einst willens war, fragmentweise hier einschaltete. Nein, es ist besser, ich lasse sie besonders drucken. — Wir wollen's überlegen! — Nehmen Sie unterdessen mit folgender Skizze davon fürlieb.