Fixfax der arge Kobold spricht:
die Langeweile bekommt mir nicht,
ich will in lustigen Abenteuern
den alten Koboldruhm erneuern,
denn geht's den Menschen allzu glatt,
wird ihre Seele stumpf und matt.
Drum will ich sie in diesen Tagen
ein wenig necken, ein wenig plagen;
ein Kobold will doch auch mal lachen,
sich über die Menschlein lustig machen,
die den Kern aller Dinge glauben zu kennen
und sich so leicht die Finger verbrennen.
Drum, Fixfax, auf zu keckem Wagen,
stör ein bißchen ihr Wohlbehagen,
brauchst sie ja nicht ins Unglück zu hetzen,
ihnen bloß ein paar sanfte Püffe versetzen.
Erster Streich
Ei, wie strömen Wohlgerüche
aus Frau Puffkes Wirtschaftsküche,
denn für hungrige Soldaten
will sie grad ein Ferkel braten;
alles ist schon gut bereit
118und die Essenszeit nicht weit.
Fixfax nun, das muntre Mätzchen,
klettert hurtig wie ein Kätzchen
hoch hinauf zu Schornsteins Rand,
setzt sich listig und gewandt
mitten auf das Loch da, schwapp,
und nun zieht der Rauch nicht ab;
rückwärts strömt er in die Küche,
weg sind alle Wohlgerüche,
und Frau Puffke steht und hustet,
krebsrot im Gesicht, und prustet,
kann dem dicken Rauch nicht wehren,
sich die Sache nicht erklären.
Rennt zum Schornsteinfeger Krause,
aber der ist nicht zu Hause;
niemand weiß, wo Krause schweift,
und Frau Puffke steht und keift,
denn die Uhr läuft immer weiter.
Endlich kommt er mit der Leiter,
um den Schaden zu ergründen,
doch er kann durchaus nichts finden;
denn der Fixfax, wohlbedacht,
hat sich aus dem Staub gemacht,
und Herr Krause mit dem Besen
brummt, die Sonne sei's gewesen.
119Vier Uhr schlug's, als die Soldaten
endlich kriegten ihren Braten.
Zweiter Streich
Vor dem Spiegel, kerzengrad,
steht Herr Amtsvorsteher Plath;
tadellos und mit Geschmack
sitzt die Hose und der Frack,
ausgezeichnet auch die glatte
blütenweiße Taftkrawatte,
Kragen, Vorhemd, comme il faut,
und Herr Plath ist seelenfroh.
Langt noch sorglich aus dem Schrank
den Zylinder blitzeblank;
nimmt dann Stock und Handschuh munter,
steigt voll Stolz die Treppe runter,
denn er ist heut eingeladen
Zum Empfang bei ihrer Gnaden
der Prinzessin Schneckenstein,
und das hebt ihm Brust und Bein.
Fixfax aber dachte gleich:
wart, dir spiel ich einen Streich.
Auf den Taubenboden geht er
und nach losen Federn späht er,
sammelt allen Flaum ins Säckchen,
120bläst verschmitzt das ganze Päckchen
über Plathens neuen Frack
und auf seinen Chapeau-claque.
Plath sieht ganz befiedert aus,
doch er ahnt nichts von dem Graus,
steuert durch die Nacht geschwind,
denkt bloß: was für'n arger Wind!
tritt mit Würde in den Saal,
Alle lachen—o Skandal!
Bis er endlich sich besieht
und geknickt von dannen flieht.
Draußen denkt er ärgerlich:
So ein Pech, das hab nur ich!
Dritter Streich
Auf des Sofas weichem Grunde
schlummert sanft mit offnem Munde
Pastor Pfannkuch. Nur die Fliegen
summen sich was zum Vergnügen,
sonst ist's muckstill. Fast erledigt
liegt der Text der Sonntagspredigt
auf dem Schreibtisch. Sonnenfleckchen
spielen in den Zimmereckchen;
nichts bedroht den tiefen Frieden,
121der dem frommen Mann beschieden.
Doch da stiehlt sich in die Stube
Fixfax, dieser lose Bube,
kichert, fängt ein Dutzend Fliegen,
die sind hier sehr rasch zu kriegen,
tunkt sie in das Tintenfaß,
bis sie gänzlich schwarz und naß,
läßt sie dann gleich wieder fliegen
und entfernt sich mit Vergnügen.
Nach 'nem Weilchen, ach Herrjee,
kommt Frau Pastor mit dem Tee,
ruft voll Abscheu, Schreck und Graus:
Berthold! Mensch, wie siehst du aus!
bist ja wie'n Idiot beschmiert,
Backen, Nase, schwarz karriert!
Himmel, auch die neue Predigt
ist beschmudelt und beschädigt,
und auf meinen weißen Deckchen
grinsen lauter Tintenfleckchen!
Mann, wie hast du das getan?
Und sie sehn sich grübelnd an...
Spuk
(nach alten Mustern)
Der Bauer schläft im Hirsekraut;
wer fährt dem Bauer sein Heu nach Haus?
Der rote Mond guckt übern Strauch,
der Bauer schläft und wacht nicht auf.
Wer fährt dem Bauer sein Heu nach Haus?
Aus ihrem Loche lugt die Maus,
der Fuchs schleicht sacht aus seinem Bau;
der Bauer träumt und wacht nicht auf.
Der Mond scheint hell und hoch herauf,
der Marder schleicht durchs fahle Laub,
die Eulen huschen schwarz und grau;
der Bauer stöhnt, doch wacht nicht auf.
Husch, horch: Wer trippelt und trappelt zu Hauf?
Wer spannt die müden Gäule aus?
Die Gäule wissen den Weg nach Haus;
der Bauer schläft im Hirsekraut.
123Wer kichert in des Wagens Bauch?
Wohin rollen die Räder ohne Ruck, ohne Laut?
Wer hält sie an am Garten, am Zaun?
Wer fuhr dem Bauer sein Heu nach Haus?
Der kommt verstört beim Morgengraun:
O Frau, mein Heu! O Frau, mein Traum!
Die Frau führt lachend ihn zum Zaun,
da zupft die Ziege vom Wagen das Kraut.
"Schlaf andermal nicht und sei nicht faul,
wenn der Vollmond steigt übern Berg herauf;
die Kobolde fuhren dein Heu nach Haus,
jetzt geh und leg ihnen Speck und Kraut."
Der Märchenkönig und sein Töchterlein
Herbei, ihr kleinen Wichte,
Kobold, Alraun und Wurzelmann,
schafft hunderttausend Lichte
und putzt damit die Bäume an!
Bis in die höchsten Spitzen
soll Licht bei Lichtlein blitzen.
Der Mond und alle Sterne
sind doch bloß blasser Himmelsschaum;
mein Töchterlein will gerne
124den ganzen Wald zum Weihnachtsbaum.
Drum macht, wie ich euch sage,
die Nacht zum hellen Tage!
Der Märchenkönig spricht's. Im Nu
geht's an ein Lichterkneten;
kein einziger sieht müßig zu,
gönnt kaum sich Zeit zum Beten.
Und als die Heilige Nacht heran,
zünden sie alle Kerzen an.
Hei, war das ein Gestrahle,
ein Leuchten, flimmern, überhell,
als brach mit einem Male
von Fels zu Fels ein Feuerquell.
Auf Zweig und Äste blicken
die Bäume mit Entzücken.
Der Meister führt sein Töchterlein
durch diese Weihnachtspracht.
Sie schreitet wie im Sonnenschein,
fühlt Kälte nicht noch Nacht,
und flüstert traumverloren:
Die Liebe ward geboren.
Weihnachtsgang
Es war zur lieben Weihnachtszeit,
die Wälder lagen tief verschneit,
im Acker schlief in guter Ruh
das Korn und träumte dem Frühling zu,
die Winternachmittagssonne stand
wie ein gelber Fleck an weißer Wand—
da schritt ich hinaus in die blinkende Weite
und summte ein Lied mir zum Geleite.
Wie ich so ging auf stillen Wegen,
kam mir ein seltsamer Zug entgegen.
Ein Eselchen ganz vollgesackt
mit Schachteln und allerhand Kram bepackt,
Schritt langsam durch die Felderruh;
Sein Führer rief ihm bisweilen zu,
es war ein Alter in weißem Haar,
mit Runzelgesicht und sonderbar
126altmodischem Pelzwerk, sonst gut bei Kräften,
die Füße staken in hohen Schäften
und kamen munter mit Hott und Hüh
grad auf mich zu samt dem Eselsvieh.
Potz Blitz, fällt mir auf einmal ein,
das muß doch der Gottesknecht Ruprecht sein.
Ich blicke scharf in das bärtge Gesicht:
"Grüß Gott, mein Alter, kennst du mich nicht?
Ich hab doch oft dein Loblied gesungen,
und all die Mädels und all die Jungen,
die noch an Mutters Rockzipfel hängen
oder sich auf den Schulbänken drängen,
kennen dich wie ihre großen Zehen,
doch hat wohl noch niemand dich draußen gesehen.
Sonst kamst du immer auf heimlichen Wegen
uns erst in der heimlichen Stube entgegen
mit Sack und Pack und netten Geschenken;
was soll ich, Weihnachtsmann, von dir denken?
Da stehst du nun mit Haut und Haar,
bist nicht ein bißchen unsichtbar,
wie es dir zukommt."—"So ist meine Art,"
brummte der Alte und strich sich den Bart,
"ich denke mir gern Überraschungen aus,
für diesmal mach ich's außerm Haus;
komm mit, da sollst du was erleben,
127das wird ein Extra-Vergnügen geben."
"Topp," rief ich, "Alter, ich bin dabei,
ich höre gern lustiges Kindergeschrei."
So schritten wir rüstig zur Stadt. Am Tor
langte Ruprecht ein hölzernes Pfeifchen hervor
und blies. Wie konnte der Alte pfeifen!
Jetzt lernt ich den Rattenfänger begreifen:
aus allen Straßen, aus Tür und Tor
—mir klingt der Lärm noch immer im Ohr—
mit Jubeln und Lachen, in bunten Haufen
kamen wohl hundert Kinder gelaufen.
Sie tanzten um Ruprecht, bettelten, baten,
eins um 'ne Kutsche, eins um Soldaten,
eins um ein Püppchen, eins um ein Büchlein,
eins um ein Rößlein, eins um ein Tüchlein,
und Ruprecht langte in seinen Sack
und gab, was es wünschte, dem kleinen Pack.
Ja, jedes Kind durfte etwas erlangen;
aber die übermütigen Rangen
schrien durcheinander und wollten mehr,
kletterten über das Eselchen her,
zupften den Ruprecht an Bart und Kragen,
wollten ihm gar die Säcke wegtragen.
Da wurde es aber dem Alten zu bunt,
128er nahm sein Zauberpfeifchen, und—
schrill kam ein Ton. Wie erschraken sie doch.
Sie wurden ganz kleinlaut, man hörte nur noch:
"Komm, Fritzchen—Hans, laß doch—nicht schreien, Marie—
Knecht Ruprecht wird böse—seht ihr nicht wie?!"
Und sie stellten sich artig um ihn herum
und waren wie die Mäuschen stumm.
Er kommandierte: "Linksum, kehrt,
nun geht nach Hause, wie sich's gehört!"
Da faßten die Großen die Kleinen an:
"Grüß Gott und schönen Dank auch, Herr Weihnachtsmann."
Und wieder tönte die Schalmei,
die Kinder trabten zwei zu zwei
und sangen lustig die Weise mit,
und fern und ferner klang ihr Schritt;
mein Blick verfolgte den kleinen Schwarm.
Wie sind ihre Bäckchen vor Freude warm—
so dacht ich—und Freude ist der Saft,
den wir auf unsrer Wanderschaft
durchs Leben aus frohen Kindertagen
ins graue Alter mit hinübertragen
als verjüngendes Elixier;
129ein gut Teil davon verdanken wir dir,
du alter bärtiger Gottgeselle!
Ich sah mich um—leer war die Stelle,
nur fern in der dämmernden Abendluft
verschwebte ein Wölkchen wie Weihrauchduft,
und durch die feiernde Stille drang
der erste hohe Glockenklang.
Weihnachtsbesuch
Ländliche Straßen, dicht beschneit.
Knirschen, Geläut,
ein Schlitten;
inmitten
sitzen drei kleine Leut
bis zu den Öhrchen vermummt.
Es singt und summt
von Weihnachtsglocken;
ein paar neugierige Flocken
lassen vom Wind sich herüberwehn,
wollen durchaus das Mädelchen sehn
mit den roten Kältebäckchen
und den goldbraunen Zottellöckchen
und das Bübchen daneben,
das sich eben
130das immer tropfende Näschen putzt.
Großäugig, verdutzt,
bis zum Mäulchen zugedeckt,
im Wollmützchen fast versteckt,
sitzt das Kleinste auf Mutters Schoß.
"Kutscher, ein bißchen los,
es wird kalt;
Sie wissen doch, drüben zum Förster am Wald."
Der Alte schmunzelt und knallt
mit der Peitsche, hüh, hott—
die Gäule bleiben bei ihrem Trott.
... Von drüben her Lichter,
Zwei altliebe Gesichter
hinter den Scheiben:
"Wo sie nur bleiben?
Ist schon die fünfte Stunde!"
Da knurren die Hunde,
bellen, wollen hinaus;
Großmutter läuft vors Haus.
Da:—Knirschen, Geläut,
ein Schlitten,
inmitten
sitzen vier liebe Leut.
Wie das Altchen sich freut!
Unter Lachen und Weinen
131wickelt sie aus den Tüchern die Kleinen,
küßt die Tochter, nimmt ihr das Jüngste vom Knie:
"Ein prächtiges Kindchen! Gott schütz es, Marie!"
Neben ihr sprudelt ein Zünglein:
"Großmutter, komm doch 'rein!
Großmutter, sind die Hühner noch wach?
Großmutter, Vater kommt morgen nach,
er läßt schön grüßen."
... Auf bedächtigen Füßen,
als ging ihn die Sache nichts an,
kommt auch der Förster langsam heran.
"Na?
Seid ihr endlich da?"
Gleich läuft der Fritz auf ihn zu:
"Großvater, Du,
guck mal drüben den roten Fleck!
och, Großvater, nu is die Sonne weg."
"Die Sonne? Hm, laß man; drin is noch eine,
'ne ganze feine,
die wird uns bald blinken—
nu aber, bitte, kommt Kaffee trinken."
... Der Platz wird leer,
schneestill und stumm.
Der alte Kutscher lenkt langsam um,
nickt vor sich her,
und brummelt für sich:
"Der oll Förster hett's gaud, manch enner hett's nich."
König Kuchen und Königin Schokolade
Bei König Kuchen und Königin Schokoladen
war ich mit Linchen heut Nacht in Gnaden
zu Gaste geladen.
Ein prachtvolles Fuhrwerk, tripp, tripp, trapp,
holte uns stolz von Hause ab.
Vorn stampften zwei schneeweiße Vollblutjucker
aus feinem biegsamen Lederzucker,
auf dem Kutschbock der dicke Mohr
kam uns marzipanisch vor,
und neben ihm der fette Mops
war ganz gefüllt mit englischen Drops.
Die Kutsche, aus weißem Zuckerkant,
erstrahlte hell wie Diamant;
sie ging auf zierlichen Süßholzrädern,
aus Vanille waren die Deichsel, die Federn,
dicke Polster aus Traubenrosinen
sollten uns als Sitze dienen,
133aber in den Bätterteig-Wagentaschen
gab es allerhand Gutes zum Naschen.
Ein allerliebster Praliné-Page
dienerte neben der Equipage
in einem rot kandierten Frack
und öffnete uns den Wagenschlag.
Wir stiegen ein und fuhren im Nu
durch Rußland und Asien nach China zu.
Bald kamen wir in jenes Land,
wo König Kuchen, der Süße genannt,
unumschränkt herrscht in seinen Reichen
mit seiner Fürstin ohnegleichen,
der herrlichen Königin Schokolade,
die uns zum Fest befohlen in Gnade.
Das goldgelb glacierte Ballfesthaus
sah wie ein riesiger Napfkuchen aus,
umgeben von einem Spritzkuchengitter;
als Wache davor zwei braune Ritter
aus Pfefferkuchen mit Gußfiligran,
die hatten Knackmandel-Harnische an.
Als Führer dienten mir und Linchen
zwei allerliebste Thorner Kathrinchen;
sie verbeugten sich höflich als wir kamen,
und sagten: bitte, meine Damen.
134Ach, Kinder, wie das Herz mir lacht,
denk ich zurück an all die Pracht!
Die Wände waren von Makronen,
verbrämt mit Schokoladenbohnen,
aus grünen Bonbons die glatten Dielen,
daß wir nachher beim Tanz fast fielen,
die Säulen aus mächtigen Baumkuchentorten
von den allerhöchsten und edelsten Sorten,
die Tische aus marmoriertem Konfekt,
mit drolligen Lutschfigürchen bedeckt,
die Stühle Fäßchen mit Gelees,
mit Eingemachtem und Knusperknees;
rings auf appetitlichen Zimmetstaffeln
lagen Biskuits und Keks und Waffeln.
Im Hintergrunde ein Gletschersee,
mit Vanille-Eisbergen und Schlagsahnen-Schnee,
entsandte in doppelter Kaskade
Zitronen- und Himbeer-Limonade;
und hoch über allem, im glanzvollen Saal,
strahlte eine Sonne aus Zucker-Opal.
In der Mitte aber stand ein Thron,
gebaut aus Bretzeln mit blauem Mohn,
darauf saß liebreich in ihrer Gnade
die herrliche Königin Schokolade.
135Sie harrte huldvoll, bis die Schar
der Kinder ganz versammelt war,
die sie aus kalter und warmer Zone
herbefohlen zu ihrem Throne,
um ihnen mit königlichen Händen
von ihren süßen Kleinodien zu spenden;
ihr hoher Gemahl, der König Kuchen,
hatte Mühe, sie auszusuchen.
Da waren Kinder aus Deutschland und Spanien,
aus Frankreich, Chile, Mesopotamien,
Kinder von Kaffern und Hottentotten,
von Persern, Eskimos und Schotten,
Kinder aus Süden und Kinder aus Norden
von den feinsten Familien und den wildesten Horden,
denn alle Kinder zu allen Zeiten
essen gerne Süßigkeiten.
An der Königin Seite, im leckeren Grase
machte Männchen ein stattlicher Osterhase,
und als die Kinder versammelt waren,
ordnete er die bunten Scharen;
rechts gingen die Mädchen, links die Knaben,
so wollt es der König Kuchen haben,
und jedes Kind in jeder Reih
bekam ein prächtiges Osterei,
136die Mädchen blaue, rote die Jungen,
dann ist das Häschen davongesprungen.
Nun fing die Kapelle zu spielen an,
vorn geigte ein Nürnberger Lebkuchenmann;
ich sag euch, es war 'ne Musik für Kenner,
und waren doch alles gebackene Männer,
mit Rosinenaugen und Mandelnasen,
und konnten so lieblich flöten und blasen.
Es wurde getanzt, gespielt, gelacht,
damit verging die schöne Nacht.
Zuguterletzt, nicht zu vergessen,
wurde alles aufgegessen,
artig gedankt und Abschied genommen;
wir fuhren heim, wie wir gekommen,
und erwachten in unserm Bett—
Kinder, Kinder, wie war das nett!—
Der erste Mai
Nein, Kinder, immer kann man nicht dichten,
immer weiß man nicht neue Geschichten;
oft sind die Märchengeister stumm,
als wären sie wer weiß wie dumm,
und alle Wände grinsen mich an,
137als hätt ich ihnen was angetan.
So war's auch neulich. Bei mir zu Haus
sah alles öde und langweilig aus,
da bin ich in den Abend geschlendert;
der Himmel hing rosenrot umbändert,
die Wolken türmten sich wie ein Tor,
plötzlich stand ich grade davor
und sah hinein in das Himmelsschloß.
"Na, Petrus, was ist denn hier oben los?"
fragt ich; "hier sieht's ja munter aus."
Da schmunzelt der alte Wächter vom Haus
und sagt mir—aber ihr dürft nicht lachen—:
Im Himmel wäre groß Reinemachen,
die Jungfrau Maria tät revidieren
und die himmlischen Scharen zum Scheuerfest führen.
Die kleinsten Englein müßten ran,
kriegten große Schürzen an,
dürfte keins spielen und müßig bleiben,
müßten fegen und wischen, seifen und reiben.
Da würden die Sterne blitzblank geputzt,
den kleinen Kometen die Schwänzchen gestutzt,
der Himmel mit Wunderblau lackiert,
der Regenbogen neu ausstaffiert;
dem Vollmond würde, wie er sich auch steift,
mal gründlich wieder die Glatze geseift,
138und damit am klaren Firmament
die liebe Sonne schön leuchten könnt,
würden die Wolken fest ausgedrückt
und hinter den Horizont geschickt.
Wenn alles fertig, wüschen sich
die Englein die Flügel säuberlich—
denn morgen sei ja der erste Mai— —
Ich fragte, was an dem Tage sei,
da blitzte mich Petrus an und sprach:
"Na, weißt du, das ist doch wirklich 'ne Schmach;
da sieht man wieder, wie wenig ihr wißt,
nicht mal, wann Gottes Geburtstag ist."
Na, Kinder, ich machte ein dummes Gesicht;
das wußt ich bei aller Gelehrsamkeit nicht.
Doch nun wurde mir auf einmal klar:
Darum putzt sich die Erde Jahr für Jahr
mit Blumen und Kräutern im bunten Gemisch,
darum grünen die Hecken, die Bäume so frisch,
darum üben die Vögel die Festmelodie,
und Bienen und Grillen begleiten sie,
darum wird dem Menschen die Freude so groß,
als säß er dem lieben Gott im Schoß,
wenn der Maiwind kommt über Berg und Tal—
nun begriff ich den Frühling mit einem Mal.
Und ich fragte Petrus aus froher Seele:
139Erlaubst du, daß ich das weiter erzähle?
"Immerzu," sagte der und strich sich den Magen;
"kannst den neugierigen Leuten gleich noch sagen,
daß an Gottes Geburtstag, dem ersten Mai,
auch der Tanztag für Teufel und Hexen sei.
Sonst dürfen sie, zu Aller Segen,
sich keinen Schritt ohne Leine bewegen;
doch an dem Tage sind sie frei,
—da macht die Bande genug Geschrei,"
entfuhr es brummend dem alten Knaben—
"doch Gott ist der Herr und will es so haben.
Er sieht in hoher heiliger Ruh
dem tollen Blocksbergvergnügen zu;
und treibt es einer zu arg von der Sippe,
kommt er sofort wieder an die Strippe.
Nun aber leb wohl, ich wünsch gute Nacht,
um neun wird der Himmel zugemacht."
Langsam schloß sich das Wolkentor;
ich ging, ein Liedchen klang mir im Ohr.
Zu Haus in heimlicher Abendruh
nickt ich den Sternen fröhlich zu
und betete: Ich bin nur ein Zwerg,
und die herrliche Welt, sie ist dein Werk,
o Gott; du hast alles, nichts kann man dir schenken,
140nur deiner in Freude und Demut gedenken.
So nimm dieses Liedchen, ich hab es erdacht
in dieser Frühlings-Geburstagsnacht.
Wetterwunsch
Scheine, Sonne, scheine,
die Wäsch hängt auf der Leine;
unsre Hemden, unsre Socken,
mach sie uns bis Sonntag trocken,
scheine, Sonne, scheine!
Rausche, rausche, Regen,
gib uns deinen Segen,
wasch die armen Sünder rein,
gib uns Brot und gib uns Wein,
rausche, rausche, Regen!
Zu best ist allerwegen
Sonnenschein und Regen;
auch der Wind muß pfeifen,
soll die Ernte reifen.
Regen, Wind und Sonnenschein
mögen bei unserm Hause sein!
Pink, pank, Hammerschlag,
der Nagel hat 'nen Kopf;
und wenn er keine Spitze hat,
ist er ein armer Tropf.
Mein Hämmerlein du,
schlag zu, schlag zu!
Pink, pank, Hammerschlag,
hast du der Nägel zehn
und nagelst du ein Särglein zu,
ist's um einen geschehn.
Mein Feuerlein du,
blas zu, blas zu!
Im Sonnenschein
(nach einer alten Fabel)
Kribbel-krabbel-Käfer
läuft hinab zum See,
er kommt vom grünen Hügel,
hell leuchten seine Flügel
im Sonnenschein.
Kommt der Fisch geschwommen,
Sperrt das Fischmaul auf,
der Käfer drin verschwunden
im Sonnenschein.
Überm See der Reiher
sieht, wies Fischlein schnappt,
nimmt seinen spitzen Schnabel
und spießt es auf die Gabel
im Sonnenschein.
Wie nun stolz der Reiher
seine Kreise zieht
mit leuchtendem Gefieder,
knallt ihn der Jäger nieder
im Sonnenschein.
Wanderlied
Sonnenlichter,
Frühlingswichter
spielen auf der dunkeln Wand.
Prüfend öffne ich das Fenster;
seht die Wolken, die Gespenster
lösen sich am Himmelsrand.
Holla, Jungen,
aufgesprungen,
143schnell das Ränzel aus dem Spind!
Kommt, wir wandern durch die feuchten
Saaten; wie Smaragden leuchten
Halm an Halm im Morgenwind.
Feste Schritte,
Männersitte;
wie die Ferne lockt und wirbt!
Und wir lassen sie im Schreiten
achtlos oft vorübergleiten,
bis sie hinter uns erstirbt.
Hohe Ziele,
nicht zum Spiele;
immer steiler wächst der Paß.
Aber oben wolln wir rasten
nach der Arbeit, nach dem Fasten;
Jungens, trinkt, ich komm euch was!
Hoch im Blauen
selig Schauen,
unter uns der Erde Glück!
Doch es zieht mit tausend Armen
immer wieder zu den warmen
Menschenstätten uns zurück.
147Vierter Teil
Hinüber, hinein!
über Wipfel und Stein!
die Herzen zu baden
im Goldsonnenschein!
Auf schwierigen Pfaden
zu lichten Gnaden!
über Wipfel und Stein,
hinunter, hinein!
Allerlei Rätsel
(Die Lösungen stehen im Verzeichnis der Überschriften)
—1—
Ich habe Flügel—rate, Kind—
doch flieg ich nur im Kreise;
und singen tu ich, wenn der Wind
mir vorpfeift, laut und leise.
Was ihr den Feldern abgewinnt,
kau ich auf meine Weise;
doch was mir durch die Kehle rinnt,
das mundet euch als Speise.
—2—
Standen vier weiße Ritterchen
auf einem roten Gitterchen,
150die machten alles klitzeklein
und warfen es in ein Loch hinein.
Als das die andern Ritter sahn,
zogen sie neue Harnische an,
kamen aus ihren Burgen herbei,
stellten sich tapfer in die Reih
und machten hack
und sagten knack
und warfen alles in einen Sack.
—3—
Die erste frißt,
der zweite ißt,
das dritte wird gefressen;
das ganze wird zu Pökelfleisch
und Erbsenbrei gegessen.
—4—
Mein erstes ist ein Hund,
mein zweites ist ein Junge,
mein ganzes ist ein Dieb,
kein Hundejunge!
—5—
—6—
Wenn das R am Anfang steht,
liebt man es nicht sauer;
wenn es bis ans Ende rutscht,
hüt dich vor dem Hauer!
Wenn das R am Anfang steht,
ist's ein Heldenname;
wenn es bis ans Ende rutscht,
wird's ein Waldbaumsame.
Wenn das R am Anfang steht,
sind es böse Leute;
wenn es bis ans Ende rutscht,
gerbt man seine Häute.
Wenn das R am Anfang steht,
ist es eine Schale;
wenn es bis ans Ende rutscht,
wird's ein Orientale.
—7—
Wächst einer alten Dame
ein Buckel kleinster Sorte,
verwandelt sie sich augenblicks
in ein Stück Mandeltorte.
Doch nimmst du ihr den Rücken,
auf dem der Buckel wächst,
hast du die alte Dame
zur trocknen Frucht verhext.
—8—
Ich stand begehrlich am Worte,
umgekehrt wuchs es nicht weit;
ein arges Diebsgelüste
besiegte die Redlichkeit.
Ich stahl das umgekehrte,
kein Argus achtete drauf;
Schmunzelnd enteilt' ich dem Worte
und aß es umgekehrt auf.
—9—
—10—
Es läuft und hat keine Beine,
es gibt viele und doch nur eine.
Wer zuviel hat, kann's nicht verschenken;
wer zu wenig hat, muß es beschränken.
Bald geht es langsam, bald schnell;
mal ist es dunkel, mal hell.
—11—
Christkindchen lag im Stalle
und hörte die ersten schrein;
die zweiten tragen wir alle
zur Weihnachtszeit am Bein.
—12—
Sind es die Stiefel, halten sie 'ne Weile;
wird es der Junge, kriegt er halt Keile.
—13—
Der Vater will's das Fritzchen
(die erste Silbe betont)—
jedoch die Mutter bittet,
da ward der Schelm verschont.
154Sie sprach: Du mußt dir's, Liebster,
(die dritte Silbe betont)—
denn Nachsicht mit den Kleinen
wird oft von Herzen belohnt.
Denk doch, wie du's dem Jungen
an Einsicht bist und Geist;
du mußt was andres dasselbe,
das ihn sich bessern heißt.
—14—
Klärchen nähte an dem ersten
und war ganz die beiden zweiten,
denn sie durfte Sonntag reiten,
Leutnant Kurt wollt sie begleiten;
ihre Augen wurden groß,
müßig lag die Hand im Schoß.
Mutter näht am andern Fenster,
sah's und runzelte die Brauen:
Höre, Kind, Luftschlösser bauen
taugt nicht viel für fleißige Frauen,
weil man leicht die Pflicht vergißt
und zu sehr das Ganze ist.
—15—
Mariechen war's. Mit meinem Kuchen
stand ich nun da und dem Bukett.
155Wo soll ich bloß das Mädel suchen?
Wenn sie doch nur geschrieben hätt!
Ja ja, ich hab sie es seit Jahren;
ich gebe zu, das war recht dumm.
Nein, welch ein rücksichtslos Gebaren!
Und schwer geärgert kehrt' ich um.
—16—
Froh singt ihr Lied am Sommertag
die eins-zwei früh und spat.
Die drei wünscht jeder Jüngling sich;
doch bricht er ab, ist's schad.
Das Ganze war ein König, der
lustig und unverschämt
die stolze Prinzeß, die ihn nicht wollt,
bestraft hat und gezähmt.
—17—
In eins-zwei-drei lebt ganz gemütlich
Herr Müller mit Herrn Schulze friedlich;
bis Müller einst, wer hätt's gedacht,
Anspruch auf Schulzes zwei-drei macht.
Da hörte man ein bös Geschrei:
So denk doch eins, mein Herr eins-zwei!
Ich muß stets alles zwei bezahlen,
156kann nicht mit zuviel zwei-drei prahlen;
kommst du noch mal mir drum ins Haus,
ist's mit der guten eins-zwei-drei aus.
—18—
Er geht in sich, um sich zu pflegen,
und ist in sich um sich verlegen.
—19—
Rate, Freund, es ist nicht schwer:
Wer's hat, hat, was er hatte, nicht mehr.
Wer's aber ist, den äfft des Teufels Brut;
man sperrt ihn ein und fürchtet seine Wut.
—20—
Wer es hat, der ist betrübt;
aber froh und stolz, wer's gibt.
—21—
Das Wort pflegt zu erhöhn
den Glanz des Edelsteins;
solang man es bewahrt,
ist man der Herr des Seins.
—22—
—23—
Wenn es von Freund und Liebchen kommt,
oder von dir verfaßt,
so liebst du wohl das erste Wort;
sonst ist es dir verhaßt.
Das zweite Wort, so klug wir sind,
machen wir Menschen viel;
und was dich reut, oft andre freut
im schadenfrohen Spiel.
Der Schluß: gefürchtet und geneckt,
teils boshaft und teils dumm,
geht er als Geist des Widerspruchs
in Schrift und Mären um.
Die drei vereint: wir stehn verdutzt,
wie Zufalls Koboldmacht
das Wort entstellt, den Sinn verdreht—
man ärgert sich und lacht.
—24—
—25—
Auf der höchsten Berge Rücken
ist es immer leicht zu finden,
wo die kleinen Gletscherbäche
schäumend sich zu Tale winden.
Tausch die Silben—ach, verlegen
steh ich vor gemischten Dingen,
Chemiker und Apotheker
mögen dir die Lösung bringen.
—26—
Ich hab keine Hände und kann doch tragen,
hab keine Flinte und kann doch jagen;
kann klettern und schwere Lasten heben
und bin doch ein zartes, hinfälliges Leben.
—27—
Viel Glieder hab ich, die einander gleichen.
Ich helf auf des Verbrechens dunklem Pfade,
doch himmelshell führ ich empor zur Gnade;
manch hohen Stand kannst du mit mir erreichen.
—28—
Getrieben werd ich, doch ich treibe wieder;
mir folgen arbeitsam viel erzne Glieder.
Seit Jahrmillionen geh ich auf und nieder,
bald sanft, bald wild, doch niemals ohne Brüder.
Hitze und Kälte trag ich, hin und wider;
übt mich der Knabe, stärkt er seine Glieder.
Die Luft durcheil ich ohne jed' Gefieder;
den Augen bring ich Schau, den Ohren Lieder.
—29—
Stets bin ich eines Leuchtenden Trabant,
teils nah, teils fern ihm, wie's der Himmel will.
Bescheiden bin ich selten, niemals still;
ja, Schweigen ist mir gänzlich unbekannt.
Ein Wort füg an, das keiner gern empfängt
und das die Kinder schreckt von Alters her;
doch ohne es fällt manche Arbeit schwer,
weil's feste Massen auseinander drängt.
—30—
Ich bin nur klein, doch banne ich die Welt
in meinen Kreis bis hoch ins Sternenzelt;
dem Vorbild der Natur einst nachgeschafft
vertiefte ich den Blick der Forschungskraft.
Ein Wort füg an, das sich der Mensch gesetzt
zur Ordnung gegen den, der sie verletzt;
der Fromme fühlt es oft von Gott gesandt,
ans Letzte, Jüngste denkt er furchtgebannt,
an Weltkrieg, Hungersnot und Aufruhrleid—
da ist das Ganze eine Seltenheit.
—31—
Die erste Silbe führt die krause Schar,
die uns vertraut seit unsrer Klippschulzeit.
Die zweite tönt durch Weiten hell und klar,
ruft bald zur Ruhe, bald zu wildem Streit.
Und wenn der tapfre Krieger
sein junges Leben gab,
fällt ihm vielleicht der Schatten
des Ganzen auf sein Grab.
161—32—
Ein deutscher Meister war es, gottgesandt,
der jenes edle Tonstück uns geschenkt;
der Vogel übt's, der seine Flügel lenkt—
dir wünsch ich es, mein deutsches Vaterland.
Was allen Flügelwesen wohlbekannt,
was jedes Blatt, das aus der Hülle bricht,
ersehnt; was man von Kraft und Tugend spricht—
das wünsch ich dir, mein deutsches Vaterland.
Ein Flüßchen, an der Schieferberge Rand,
sehr vielen ist sein Name leerer Schall,
ein kleines Wort, doch wir ersehnen's all—
wünsch ich dir auch, mein deutsches Vaterland.
Auch ihn, der tief verabscheut Mord und Brand,
den Engel, der auf Morgenwiesen geht,
doch oft verhüllten Hauptes abseits steht—
ihn sende Gott dir, o mein Vaterland!
—33—
—34—
Wir sind's mit Stamm und Vaterland,
mit Menschen, die uns lieb und blutsverwandt,
mit jeder Arbeit, die der Seele wert;
der Reiter rühmt: wir sind's, ich und mein Pferd.
Doch wer es ist, trägt eine schwere Last,
er ist sich selbst ein mißgeschickter Gast;
Statt Liebe blüht ihm Mitleid, und im Schwarm
gesunder Jugend fühlt er doppelt Harm.
—35—
Wir sind's gewiß in vielen Dingen
in einem sind wir's nimmermehr;
die sind's, die wir zu Grabe bringen,
und eben die sind's bald nicht mehr.
Drum, weil wir leben,
sind wir's eben
an Wesen wie Gesicht;
drum, weil wir leben,
sind wir's eben
zur Zeit noch nicht.
163—36—
Nennst du das Ganze, tönt es uns entgegen
von Sommernächten, wo des Mondes Horn
verschwärmten Pärchen winkt auf lauschigen Wegen,
und wo aus seinem wundersamen Born
das Märchen auftaucht und in tiefem Sinnen
uns anschaut, und verträumte Bäche rinnen.
Teilst du das Wort, stellt dir zuerst sich dar
die Stadt, die wir mit Ehrfurcht gern beschauen,
die Heiden einst wie Christen heilig war,
wo Pilger heut und Kenner sich erbauen;
ein Teil der Stadt ist noch des Wortes Rest
und hält den Glanz vergangner Zeiten fest.