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Das liebe Nest

Chapter 198: Personen:
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About This Book

A collection of short lyrical poems and verses for young readers, written in simple rhythms and playful language. Pieces portray domestic routines—bathing, dressing, meals, and sleep—using sensory detail and gentle humor. Nature and animals are personified as companions in small vignettes that spark imaginative play. A recurring toddler figure moves through everyday adventures and dreams, shifting between real moments and fanciful travels. Mischief and tender comfort alternate throughout, offering soothing lullabies, lively play songs, and whimsical sketches that gently reassure and amuse.

Ohne Zepter, ohne Krone

herrsche ich auf dieser Erde,

buntes Spiel vor meinem Throne

zaubert stets mein Wort: Es werde!

Noch zwei Zeichen: Alles wich,

Pracht und Buntheit sind verschwunden,

und in künftigen dunklen Stunden

werden es auch du und ich.

—38—

Mein Strom ergießt sich sickernd durch die Welt,

ich dring in Haus und Hütte, Schloß und Zelt.

Seitdem der Mensch Urkunden aufbewahrt,

sind Geist und Wille durch mich offenbart.

Ich schüre Gluten, wirke Herzeleid,

tief wird durch mich verdammt und hoch gebenedeit.

Versöhnung bring ich und entfache Streit,

zeig manchen töricht, manchen grundgescheit.

Doch sitzt du in mir, fühlst du dich geknickt;

vielleicht, daß dir durch mich die Rettung glückt.

—39—

—40—

—41—

Als ich noch klein war, war ich recht beschaulich;

mein Leben ging so lind wie Frühlingswellen,

und zaghaft flossen meines Geistes Quellen,

eng, doch erbaulich.

Ich wuchs und wuchs, es schwollen meine Adern,

sie dehnten sich wie meine Machtgedanken;

mein Schaffenswille türmte ohne Schranken

Quadern auf Quadern.

Den Künsten schuf ich manche Pflegestätte,

ich half der Wissenschaft zu vollem Wirken,

und Geist und Arbeit gaben den Bezirken

die feste Kette.

Doch Ruh und Frieden mußten weiterziehen;

und meine Kinder lassen gern sich locken

von grünen Wäldern, sanften Herdenglocken,

mir zu entfliehen.

167—42—

Mein erstes Wort, im engen Raum genährt,

strebt weit hinaus, daß es die Welt regiere;

wir stäken noch im Dämmersinn der Tiere,

hätte nicht Gott dem Menschen es gewährt.

Mein zweites hat der Kaiser und der König,

und ist es auch zumeist; fast jeder strebt

es irgendwie zu sein, solang er lebt,

und wer es ist, dem scheint es oft zu wenig.

Der, der das Ganze ist, wirft manchen Blitz

anfeuernd ins Gespräch und ins Gerede,

ein wohlgelittner Schalk selbst in der Fehde;

man lobt den Scharfsinn, freut sich an dem Witz.

—43—

—44—

Mein Reich ist unbegrenzt; bis in die fernste Zone

flieg ich hinaus. Selbst hin zu Gottes Throne

bahn ich den Weg mir aus der engen Zelle,

in der ich ward. Ich liebe Klarheit, Helle.

Dem Willen beigesellt, der Kind mir und Berater,

bin ich—ich sag es stolz—der größten Taten Vater.

Ein neues Wort schließ an: Es ist des Künstlers Ziel,

dir zu vermitteln fremder Geister Spiel,

das er mit seinem Lebensblute tränkt

und eigne Kraft den fremden Seelen schenkt.

Erschrocken sieht's der Arzt, fragt: wie? woher?

Manch Leben bliebe heil, wenn ich nicht wär.

Vereine beide Worte: Welch ein Wissen

von Mensch zu Mensch! In fremdes Sein gerissen

stehn wir vor unbegreiflich zarten Dingen,

die unsrer Seele dunkle Träume bringen,

und fühlen scheu des Geistes Doppelwesen.

Du großes Rätsel, wer wird je dich lösen?

169

Polterabendgedicht

für ein kleines Mädchen

(mit einer Schlüssel-Atrappe)

Ich bin eine kleine Sternschnuppe

und rutschte herab vom Himmel

und fiel aus der großen Milchstraße

grad hier in das Gewimmel.

Verwundert fragt' ich die Leute:

Wo kommt ihr denn alle her?

Da sagten sie mir, daß heute

hier Polterabend wär.

Die Ehen schließt man im Himmel,

und Donnergepolter gibt's auch;

da bin ich ja wie zu Hause

und bring meine Gabe auch.

Nehmt hier den Zauberschlüssel,

vom Sirius bracht ich ihn mit

in meiner Sternentasche,

als ich herunter glitt.

Stets häng er zu euern Häupten,

und zieht es euch hinauf,

schließt er zu jeder Stunde

den ganzen Himmel auf.

170

Hochzeitsgedicht

(mit einem Frühlingsblumenstrauß)

Neujahrsspiel

Das alte Jahr

(tritt in grauem Mantel ein)

Januar

(in dickem Pelz, mit Schlittschuhen und Schellen)

Februar

(in Karnevalskostüm mit Pritsche)

Grüß Gott! Ich heiße Februar,

gleiche dem Bruder fast aufs Haar,

nur trage ich gern ein Maskenröckchen,

an meiner Kappe klingeln Glöckchen.

Weil ich im Spiel und Tanzen tüchtig,

schelten sie mich vergnügungssüchtig,

spotten und lachen hinter mir her,

weil ich zu kurz geraten wär,

rufen: "Prinz Karneval,

Narren gibt's überall!"

Doch meinen Punsch und Pfannekuchen

möchten Narren wie Weise versuchen.

März

(in Landstreichertracht, mit einem Veilchensträußchen)

April

(in Wandervogeltracht mit Zupfgeige)

Grüß Gott! Ich bin der lustge April,

der immer tut, was er grade will.

Mal liebe ich's naß, mal liebe ich's trocken,

die Zugvögel tu ich nach Hause locken.

Schneewassergüsse

schwellen die Flüsse,

ich aber streif durch den Wiesengrund,

öffne der Obstblüte lieblichen Mund

und nicke den närrischen Träumern zu;

mit denen steh ich auf du und du,

schickt sie nur immer! ich lehre sie lachen

und sich aus den Plagen der Welt nichts machen.

Mai

(in Bauerntracht mit Maiglöckchenstrauß)

Juni

(in Gärtnertracht, mit Gießkanne und Rosenstrauß)

Juli

(in Schäfertracht, mit Kornblumenstrauß)

Grüß Gott! Erlaubt mir, daß ich sitze,

ich bin der Juli; spürt ihr die Hitze?

Kaum weiß ich, was ich noch schaffen soll,

die Ähren sind zum Bersten voll;

reif sind die Beeren, die blauen und roten,

saftig sind Möhren und Bohnen und Schoten.

So habe ich ziemlich wenig zu tun,

darf mich ein bißchen im Schatten ruhn.

Duftender Lindenbaum,

rausche den Sommertraum!

Seht ihr die Wolke? fühlt ihr die Schwüle?

Bald bringt Gewitter Regen und Kühle.

August

(in Schnittertracht, mit Sichel und Harke)

September

(im Touristenkostüm)

Grüß Gott! Ich bin der September, ich ziere

mit rotem Weinlaub eure Spaliere.

Dem Wandrer lachen auf allen Wegen

köstlich die reifenden Früchte entgegen,

die gelben und blauen. Ich liebe die Ferne,

am Ufer der Meere träume ich gerne,

wo die Welle beginnt,

wo die Welle zerrinnt,

wo die Brandung braust und überschäumt

und ein Zugvogelschwarm den Himmel säumt;

da lieg ich und grüble und suche vergebens

den Sinn des Sterbens, den Sinn des Lebens.

178Oktober

(in Winzertracht mit Weinglas und Flasche)

Grüß Gott! Ich bin der Bruder Oktober;

die Nase glänzt mir wie Zinnober,

das kommt vom Gucken ins Gläschen. Vor Zeiten

lehrt ich die Menschen Wein bereiten;

der wurde bald ihr Lieblingsgetränke,

jetzt krigt man ihn in jeder Schänke.

Kommt mit zum Wein,

ich lade euch ein!

Seht, wie die Wälder sich buntselig färben,

sie wissen: ein Schlaf nur ist alles Sterben.

So kommt und sinnt und fragt nicht viel;

"das Leben ist des Lebens Ziel!"

November

(in Jägertracht mit Gewehr)

Dezember

(in beflittertem Pelz, mit kleinem Weihnachtsbäumchen)

Grüß Gott! Ich bin der Dezember und flechte

zu kurzen Tagen die langen Nächte.

Karg ist die Sonne in meinem Gezelt,

doch bring ich ins Haus eine schimmernde Welt.

Wenn im Ofen die Bratäpfel schmoren,

flüstert es leise von Mündern zu Ohren,

gibt es ein Reden, ein Kichern und Necken,

ein Fragen und Freuen, Pakete verstecken,

ein "bitte, Mama", ein "sag doch, Papa,

ists Christkindel denn noch nicht da?"

Wenn am Heiligen Abend der Tannenbaum brennt,

bin ich in meinem Element;

hell sind die Kerzen,

warm sind die Herzen,

uns kümmert nicht Kälte noch Regen noch Wind.

Und denen, die arm und traurig sind,

und wo die Not sonst die Freude verbannt,

geben wir gern mit Herz und Hand.

180Das Jahr

(läßt den grauen Mantel allmählich fallen, steht dann in hellem Festgewand)

Chor der Monate

Seid friedensstark, seid liebesklar,

das wünscht der Monate bunte Schaar!

Prosit Neujahr!

Nun reicht euch zur Wende

des Jahres die Hände

und grüßt euch mit Neigen

und schlingt einen Reigen!

Spiel auf, Musik, begleite sie,

des Jahres Schluß sei Harmonie!

Räuber und Prinzessin

Eine Kartoffelkomödie

Einführung

Habt ihr schon mal was von der Kartoffelkomödie gehört? Nein? So will ich euch erzählen, was das ist.

Die Kartoffelkomödie ist ein Theaterstück, das statt mit Puppen mit Kartoffeln gespielt wird. Ihr bittet um ein Paar glatte, nicht zu große Kartoffeln, bohrt mit dem Messer in jede ein rundes Loch, so daß ihr euern Zeigefinger bis zum ersten Glied hineinstecken könnt, und die Hauptsache ist fertig. Ein paar mit Stecknadeln angepiekte Hemdknöpfchen als Augen, ein Stückchen Rübe als Mund, und eins als Nase, bilden das Gesicht. Ein farbiger Puppenlappen wird oben mit 182einer Schnur zusammengezogen und um den Zeigefinger gebunden, nachdem zwei kleine Löcher für Daumen und Mittelfinger hineingeschnitten sind. Ihr werdet euch wundern, wie fein man die Finger als Arme und Hände benutzen kann.

Natürlich muß man sich in der Kleidung ein bißchen nach den Personen des Stückes richten. In unsrer Komödie, die ich nach einer älteren Vorlage ausgebaut habe, bekommt der König eine Krone von Goldpapier und ein rotes oder grünes Gewand, das ihr auch etwas mit Goldstreifen besetzen könnt. Pumpfia trägt am besten einen kleinen Schleier mit einem Streifchen Silberpapier um den Kopf, Jagomir einen großen braunen oder grauen Hut mit einer roten Feder, der Kanzler einen schwarzen Zylinder. Natürlich wird all das aus Papier gemacht. Die Kleider könnt ihr euch selbst ausdenken, jeder Flicken ist dazu brauchbar.

Wenn ihr das Stück aufführen wollt, ist es am bequemsten, ihr spannt irgendeine Decke oder ein Tuch in einen offenen Türrahmen, und zwar so hoch, daß ihr bequem mit den Händen hinauflangen könnt; eure Köpfe dürfen natürlich ebenso wenig zu sehen sein wie eure Füße. Einen Vorhang braucht man nicht; die Puppen verschwinden einfach hinter dem Tuch und kommen auch wieder so zum Vorschein. Jedes Kind kann zwei Puppen spielen, mit jeder Hand eine; bei einer muß es dann seine Stimme etwas verstellen.

So, nun versucht mal euer Heil! Es wird euch viel Spaß machen; und den Zuschauern auch.

Personen:

König Pflaumenmus.

Prinzessin Pumpfia.

Der Kanzler.

Der Räuber Jagomir.

183Erste Szene.

Der König tritt auf, vom Kanzler begleitet.

König:

Der Sommerabend ist so schön,

da muß man doch spazieren gehn.

Die Rosen duften süß, hazieh!

Die Nachtigall singt türütü—

—wie schmerzt mein linker großer Zeh,

und auch der rechte tut schon weh.

Den Schuster häng mir an den Galgen,

(Kanzler verbeugt sich)

denn er gehört zu den Kanallgen.

(König schnüffelt in die Luft)

Wie duftet's hier nach Bratkartoffeln,

da krigt man wirklich Appetit.

Geh, Kanzler, hol mir die Pantoffeln,

und bring die Abendzeitung mit.

(Kanzler verbeugt sich und will gehn)

Halt! hemme noch den eiligen Lauf

und setz mir erst die Brille auf.

(Kanzler tut's, dann ab.)

Ein König muß sich informieren,

es könnt doch was im Land passieren.

(Kanzler kommt mit der Zeitung und den Pantoffeln zurück.)

184Kanzler:

Hier, König, bringe ich die Zeitung,

die allerneuste Meinungsleitung.

Auch Schlupfschuh hier aus Woll' und Watte,

wie Majestät befohlen hatte;

und frage untertänigst an,

ob ich noch sonstwie dienen kann.

König:

Nun ja, rück mir die Krone grade;

denn fiel sie runter, wär's doch schade.

(Kanzler rückt die Krone zurecht.)

Was steht denn hier im Tageblatt?

Prinz Kasimir kommt in die Stadt?

Da wird er uns gewiß besuchen.

He, Kanzler, haben wir noch Kuchen?

Kanzler:

Herr, nicht 'ne einzige Butterschrippe.

König:

Na, häng nicht gleich die Unterlippe;

hol Streußelkuchen vom Konditor,

auch Vollmilch, einen halben Litor.

Kanzler:

Ach, Herr, von Geld ist keine Spur.

185König:

Das schad't nix, Kanzler; pumpe nur.

Wir Könige lassen uns nicht lumpen,

und sollten wir die Welt auspumpen.

Geh jetzt und sorge für mein Land

mit Militär und mit Verstand!

(Kanzler verneigt sich, tritt vor.)

Kanzler:

Was hat ein Kanzler doch für Sorgen;

wo soll ich bloß schon wieder borgen?

Wer schafft mir von der Deutschen Bank

den Schlüssel zu dem Kassenschrank?

Reichskanzler sein ist wirklich schwer;

ich dachte nicht, daß es so wär.

Ich annonciere in der "Quelle",

vielleicht krieg ich 'ne andre Stelle.

(Kanzler ab.)

König (lesend):

Den Streik, den soll der Kuckuck holen!

Wir haben so schon keine Kohlen,

mein Thronsaal wird tagtäglich kälter,

und ich—ich werde immer älter.

Auf diese Bank will ich mich legen,

ein Stündchen süßer Ruhe pflegen.

(Legt sich hin und schnarcht.)

186Zweite Szene.

Pumpfia, König.

Pumpfia:

Wo bist du denn, mein Väterchen,

mein süßer Pumps, mein Käterchen?

König:

Wer stört mir meine Ruh im Grase?

Ach, Du bist's, kleine Stumpelnase.

Pumpfia:

Papa, ich bring dein Leibgericht,

Bratkartoffeln! riechst du's nicht?

Ich briet sie selbst, ist das nicht nett?

mit Liebe und mit Hammelfett;

und machte Klopse dir zulieb,

vom Fleisch, das gestern übrig blieb.

König (essend)

Ich danke dir, mein Herzensmops,

für die Kartoffeln und den Klops.

Pumpfia:

König:

So liebe mich, mein süßes Kind!

Heiraten geht nicht so geschwind.

Pumpfia:

Ach doch, Papa, 's geht ganz bequem.

Wenn doch ein Prinz, ein trauter, käm!

(weint stärker.)

König:

Mein Pümpfchen, tröste dich bis morgen,

da will ich dir 'nen Mann besorgen.

Pumpfia

(fällt ihm um den Hals):

Du guter einziger Papa,

ich sag gewiß zu allen ja.

König:

Leb wohl, ich muß zur Konferenz;

es ist nicht gut, wenn ich die schwänz.

(König ab.)

188Dritte Szene.

Pumpfia, nachher Jagomir.

Pumpfia:

Ich arme Pumpfia und Prinzessin,

ach könnt ich doch mein Leid vergessen!

allein, o leider ganz allein,

in diesem holden Mondenschein!

Kein Jüngling liebt mich nur ein bißchen,

kein Prinz gibt mir ein holdes Küßchen.

Mein Herz ist leer, mein Kopf ist dumm,

ich fall vor lauter Sehnsucht um—

(fällt um.)

Jagomir (tritt auf):

Ich stahl mir heimlich hier herein,

hier wird doch was zu mausen sein?

(Schnüffelnd)

Nee, wo mit Hammelfett gebraten,

da regnet's sicher nich Dukaten.

(Er erblickt Pumpfia )

'ne Dame? Ei, wie wunderschön;

die muß ich mal genau besehn.

(Er tut's.)

Ich nehme mir den Hochgenuß

und geb ihr einen süßen Kuß.

(Er tut's.)

189Pumpfia (erwachend):

Was ist das für ein schöner Mann?

Ich wag's und red ihn lieblich an.

Wer seid Ihr, herrlicher Genoß?

Wie kamt Ihr her in dieses Schloß?

Ich bin durch Euern Gruß beglückt;

hat Euch ein Engel hergeschickt?

Jagomir:

'n Engel? Nee, das war der Robert;

der hat das Ding hier ausbaldowert.

Pumpfia:

Ist alles gleich; du bist mein Schätzchen,

mein süßer Freund, mein Busenlätzchen.

Jagomir:

Aber—was wird dein Vater sagen?

Pumpfia:

Ach was, wer wird den Alten fragen.

Jagomir (küßt sie):

Mein honigsüßer Sirupstengel,

mein Marzipan, mein Zuckerengel!

Pumpfia:

Welch Geist, welch Witz, welch hoher Held!

Pumpfia geht mit dir durch die Welt!

190Jagomir:

Mein Schätzchen, hast du auch Moneten?

Pumpfia:

Die sind hier weniger vertreten;

an diese Frage rühre nich,

geliebter Freund, entführe mich.

Jagomir:

Na, denn man zu, du süße Hummel!

(Beiseite)

Verflixt, das wird 'n schöner Rummel.

Vierte Szene.

König, die Vorigen.

König:

Prinzessin Pumpfia, Kasimir,

wo seid ihr kleinen Schäker ihr?

Ihr wollt euch wohl vor mir verstecken?

Na wart't, ich werd euch gleich entdecken.

Jagomir (beiseite):

König:

Mein Vaterherz hüpft froh und warm:

mein Pümpfchen in des Prinzen Arm.

Mein hoher Gast, Prinz Kasimir,

wie findet meine Tochter Ihr?

Jagomir:

Das Mädel hier? Na, himmlisch süß,

wie'n Engelken im Paradies.

König:

Na, nimm se dir se denn se doch,

und spanne sie ins Ehejoch;

dann kocht dir deine kleine Braut

Erbsen mit Speck und Sauerkraut.

Jagomir:

Ach ja, und dann Kartoffelklöße

mit einer süßen Pflaumensöße.

(Umarmung.)

Pumpfia:

Wenn man in deinen Armen ruht,

dann kocht sich's gleich noch mal so gut.

192König:

Ich bin gerührt wie Quetschkartoffeln,

verlier vor Rührung die Pantoffeln.

(Er tut's; die Pantoffeln fallen in den Zuschauerraum.)

Fünfte Szene.

Kanzler, die Vorigen.

Kanzler:

Der Brief kommt eben von der Post,

der fünfundzwanzig Pfennige kost't.

König:

Wie oft schon hab ich deklariert,

ich nehme nichts mehr unfrankiert.

Kommt mir noch mal so'n Ding ins Haus,

dann fliegt es gleich zum Fenster raus.

(Er öffnet den Umschlag)

Laß sehn, was steht in diesem Brief.

Jagomir (beiseite):

Na, geht die Sache doch noch schief?

König (liest):

Jagomir (stolz):

Ich bin der Räuber Jagomir!

König:

Ein Räuber? Hu, das ist ein Graus,

der reißt mir die Gedärme aus!

Gewiß, er wird mich massakrieren

und mir mein Pümpfchen dann entführen.

(Er weint.)

Pumpfia:

Was mich betrifft, ich halte still,

wenn er nur dich verschonen will.

Jagomir:

Ich schon ihn gern, und auch sein Geld—

(beiseite): das er nicht hat!

Ich bin ein edler Räuberheld.

Pumpfia:

Mein süßer Schuft, mein Wonneheld,

mit dir stehl ich die ganze Welt.

(Umarmung.)

Jagomir:

König:

Na, dann leb wohl, mein teures Kind!

Hier hast du noch ein Angebind

(gibt ihr einen Zweimarkschein)

und außerdem noch meinen Segen.

Pumpfia:

Den kannst du uns auf Zinsen legen.

(Beide ab.)

König:

Nun sind sie weg, o Schmerz, o Graus,

ich weine mir ein Auge aus.

(Er tut es, wirft den Augenknopf unter die Zuschauer.)

O Kasimir, Prinz Kasimir,

warum warst du nicht eher hier!

Wirr ist mein Herz, wirr ist mein Kopf;

die Welt, die ist ein Wackeltopf.

Nur eins ist unverrückt und wahr,

nur eins wie meine Pleite klar:

Hoch herrschen über Raum und Zeit

die Frechheit und die Dreistigkeit.

(Vorhang.)

195

Kasperle und der Krieg

Ein Stückchen fürs Kasperltheater

Kasperle (allein, singt):

Bummvallera

ist nicht da;

wo ist Bummvallerallerallera?

(Er gähnt.) Ach, ist die Welt langweilig! Vor lauter Langerweile hab ich schon ein paarmal meine Finger gezählt; aber komisch, es kommt immer was andres raus. (Er zählt an seinen Händen): 1, 2, 3, 5, 7, 8, 10, 12, 14, 15—na ja, nun sind's wieder 15. Na, noch mal: 1, 2, 3, 5, 7, 9, 10, 12, 13, 14—komisch, nu sind's wieder 14. Mal hat der Mensch 15 und mal 14 Finger; und dabei sehn sie immer egal aus. (Es klopft.) Ei, da kommt Besuch. Immer 'rein, meine Herrschaften, immer 'rein! (Polizist kommt.)

Polizist:

Bist du der Kasper?

Kasperle:

Was? Kasper? Herr Kasper heißt es, geehrter Herr Kasper heißt es, wertgeschätzter Herr Kasper heißt es, Sie oller Helmaffe Sie, Sie untertänigster Rasselsäbel!

Polizist:

Mann, seien Sie mal etwas höflicher zur königlichen Polizei!

196Kasperle:

Höflich? Hi hi, höflich? Mit Höflichkeit fängt man nicht mal 'nen Floh. Oder soll man etwa sagen: bitte, Herr Floh, seien Sie so gut, Herr Floh?

Polizist:

Kasper, du bist ein Esel!

Kasperle:

'n Esel? Was Sie sagen! Ist 'n nettes Tierchen, so'n Esel, hihi; klettert auf die höchsten Stellen und fällt nicht runter. Hihi, möcht schon solch Tierchen sein.

Polizist:

Lirum, larum, Kasper, du mußt jetzt in den Krieg; darum bin ich hergekommen.

Kasperle:

Krieg? Was ist denn das? Kriecht man da rum, in dem Krieg? Ich bin doch kein Kriechtier!

Polizist:

Du dummer Kasper, du dammliger, der Krieg sind Schlachten mit Bomben und Kanonen.

Kasperle:

Schlachten? Ei, das kenn ich, da gibt's frische Wurst; Blut- und Leberwurst, hihi, das schmeckt aber fein!—Und Bomben? 197wissen Sie, die backt meine Omama mir immer zu Weihnachten; die kenn ich auch. Und Kanonen? ja, die stehn noch vom Großvater selig her auf'm Kramboden; der war Sie nämlich Mistbauer, und brauchte so'ne dicken hohen Schmierstiebeln. Also, dann kenn ich ja den Krieg; muß 'ne lustige Sache sein.

Polizist:

Na warte man, du Frechdachs, wirst es schon merken, wenn's dir man erst um die Ohren knallt.

Kasperle:

Knallen tut's da? O jemine! Wissen Sie, Herr Kriegsminister, gegen Knallen hab ich von Kind auf 'ne Idiokratie.

Polizist:

Idiosynkrasie meinst du wohl, dummer Kasper.

Kasperle:

Nee, Herr Rasselsäbel, Sinn ist da nicht drin; sonst wär's ja keine Idiotokratie. (Er singt):

Die Welt, die haut sich tot wie nie,

tot wie nie, tot wie nie,

und füttert das Meer mit Korn und Vieh,

Korn und Vieh, Korn und Vieh;

das ist doch Idiotokratie, Tokratie, Tokratie,

Idiotokratie!

198Polizist:

Halt deinen dummen Schnabel, Kasper, das verstehst du nicht; das ist die hohe Diplomatie. Sage mir lieber, wie dein Vater heißt, Kasper.

Kasperle:

Das kann ich Ihnen durchaus nicht sagen, Sie neugieriger Iltis, alldieweil ich das selber nicht weiß. Ich glaube, ich hatte gar keinen Vater.

Polizist:

Und deine Mutter?

Kasperle:

'ne Mutter? 'ne Mutter hab ich auch nicht gehabt. Bloß 'ne Großmutter und 'ne Urmama; die haben mich zusammen zur Welt gebracht.

Polizist:

Du bist 'n Ochse, Kasper, oder 'n Frechdachs; jeder Mensch hat doch 'ne Mutter.

Kasperle:

'n Ochse? das wär was, ei der Daus! Was wär ich da wert bei den heutigen Fleischpreisen? wir wollen mal zusammen rechnen, Herr Kriegsminister. Also: ich wiege 150 Pfund, das Pfund kostet jetzt 8 Mark 50. Erst also 100 mal 8 Mark 50—hängen wir einfach zwei Nullen an, das macht 85000 Mark; 199und dann noch 50 mal 8 Mark 50, das ist mir zu schwer, das kann ich nicht rechnen. Wissen Sie's vielleicht, Herr Kriegsrat?

Polizist:

Na, das sind ungefähr 4000 Mark, Kasperle; es ist ja auch schon lange her, daß ich in der Schule war.

Kasperle:

Also, ich hatte 85000 Mark; und Ihre 4000 Mark dazu, macht 100000 Mark. Sehn Sie, Herr Kriegsminister, soviel ist der Kasper werf, wenn er ein Ochse ist; hihi, was sagen Sie nun, Herr Oberkanonenrat? Was mag man da erst wert sein, Sie, wenn man ein fettes Schwein ist! Wissen Sie was: wir wollen beide Bauern werden und fette Schweine zusammen ausbrüten. (Er singt):