Marie, Marei, Marieken
mit deinen sieben Küken,
was willst du tun?
60"Die alte Kluckenmutter ist tot,
nun frieren die Kinder und finden kein Brot;
ich will sie pflegen."
Marie, Marei, Marieken
mit deinen sieben Küken,
was hast du im Sack?
"Kartoffelmus und Hirsekern,
das essen meine Kinderchen gern,
das streu ich ihnen."
Marie, Marei, Marieken,
gib mir eins von deinen Küken,
du hast noch genug.
"Wenn ich meine Kinder verschenken tät,
müßt ich weinen von früh bis spät,
daß sollst du wissen."
Marie, Marei, Marieken,
Zu Hühnern werden die Küken;
was machst du dann?
"Und werden hübsch bunt und werden groß,
fliegen mir alle um Kopf und Schoß,
hei, alle sieben!"
Marie-Marei will Braten machen,
hat keine Pfanne;
nimmt sie sich die Schiefertafel
von klein Schwester Hanne.
Hat sie eine Pfanne.
Marie-Marei will Braten machen,
hat keine Butter;
borgt sie beim Kanarienvogel
rasch ein bißchen Futter.
Hat sie Butter.
Marie-Marei will Braten machen,
hat keine Kohlen;
vor der Tür blüht roter Mohn,
geht sie den sich holen.
Hat sie Kohlen.
Marie-Marei will Braten machen,
fehlt noch das Gänschen;
nimmt sie sich die Pudelmütze
von klein Bruder Fränzchen.
Hat sies Gänschen.
Essensregeln
Spitzt das Ohr und merkt euch still,
was die gute Sitte will!
Wer die schöne Form erfaßt,
ist ein gern gesehner Gast;
wer sich frech und plump beträgt,
wird ohne Besen hinausgefegt.
—1—
Ein Kind soll nicht vorher von Speisen naschen,
soll Mund und Hände sich sauber waschen,
sich erst setzen, wenn die andern sitzen,
das Mäulchen bei Tisch nicht zum Pfeifen spitzen,
nicht plappern, wenn große Leute sprechen,
das Brot nicht zerkrümeln, zerkneten, nur Bissen abbrechen.
—2—
—3—
Nicht gierig stopfen! langsam essen!
auch keinen Rest auf dem Teller vergessen!
Nicht wie Hunde oder Katzen
schlecken, schlürfen, schnaufen, schmatzen!
Nicht kichern und nicht heimlich fragen,
und immer schön bitte und danke sagen!
—4—
Seid ihr beim Essen und trinkt dazwischen,
sollt ihr zuvor die Lippen wischen.
Kartoffeln und Fisch mit Stahlmessern schneiden,
das wird ein Mensch, der Geschmack hat, vermeiden.
Brot nimmt man zuhilfe, wenn Fischmesser fehlen;
auch Obst soll man nicht mit Stahlklingen schälen.
—6—
Wer stochert in den Zähnen,
nicht unterdrückt das Gähnen,
das Messer in den Mund steckt,
Gabel und Teller ableckt,
zuviel packt auf den Löffel,
gilt als Flegel und Töffel.
Es war einmal ein Kätzchen,
ein allerliebstes Frätzchen.
Es hatte das Mamsellchen
ein seidenweiches Fellchen
und einen Bart ums Schnäuzchen
und Augen wie ein Käuzchen.
Es machte gern den Rücken krumm
und brachte viele Mäuse um,
dann schlich es auf die Ofenbank
und leckte sich die Pfoten blank.
Einst aber, oh das Kätzchen,
was tut das liebe Frätzchen?
Einst stand auf unserm Tische
ein Teller Bratenfische.
Hopp, ist das Kätzchen oben:
die Fische muß ich loben.
So denkt es sich und sitzt und schmaust,
doch Mutterchen kommt angesaust,
und gibt dem Naschmamsellchen
—na warte—eins aufs Fellchen.
Pottkieker
Mutti, Mutti, was ist denn da drin?
"Hoppel-poppel-Appelreis,
mach dich weg, Naseweis,
kann dich hier nicht brauchen,
der Ofen tut rauchen,
muß Spähne suchen,
sonst brennt der Kuchen,
muß Gänse schlachten,
in sechs Wochen ist Weihnachten."
Der Reitersmann
(von Paula und Richard Dehmel)
Schimmel, willst du laufen,
will ich uns was kaufen.
Heißa, lauf nach Mexiko,
da kaufe ich dir Bohnenstroh;
laufe nach der Mongolei,
da kauf ich mir ein Osterei,
hopp!
Eile, Schimmel, eile,
oder du kriegst Keile.
Hoppßa, lauf nach Hindostan,
da kaufe ich mir Marzipan;
laufe nach Kap Morgenrot,
da kauf ich dir ein Dreierbrot,
burr!
(von Paula und Richard Dehmel)
Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd!
Mein Schaukelpferd ist gar nichts wert,
es hat so steife Beine,
es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht,
und macht solch ledernes Gesicht,
und weiß nicht, was ich meine.
Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd,
ein wirklich richtiges Pferd beschert,
dann reit ich über die Brücke,
und reite durch den Kiefernforst
nach Vehlefanz und Haselhorst
und noch fünf große Stücke.
Dann bin ich mitten in der Welt,
da such ich mir ein Haberfeld
und lasse mein Pferdchen grasen.
Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt,
wo der Riese den Regenbogen hält,
und—schick euch 'ne Ansichtspostkarte.
Ich hab einen Helm aus Packpapier,
mit einem Federbusche;
der Wilhelm malt mir 'n Adler drauf
mit schwarz-weiß-roter Tusche.
Einen hölzernen Säbel hab ich auch,
mit einem richtgen Griffe;
wenn nur der Scherenschleifer käm,
daß er ihn endlich schliffe!
Meine Mutter ist 'ne gute Frau,
die schenkt mir einen Dukaten,
dann kauf ich mir ein Schießgewehr,
geh unter die Soldaten.
Der Hauptmann
Ich bin der Hauptmann,
ihr die Soldaten;
immer gehorsam,
das will ich euch raten,
hört ihr!
Eins, zwei, immer hinterher,
eins, zwei, schultert das Gewehr,
marsch!
Eins, zwei, immer hinterher,
eins, zwei, schultert das Gewehr,
marsch!
Abzählreim
Rechts, links, über Eck,
die Henne legt die Eier weg,
legt sie in ein Bündel Stroh,
irgendwie, irgendwo;
kommt der Marder Wagemut,
jagt die Henne von der Brut,
rechts, links, über Eck—
ein Küken hat—er—weg.
Fragefritze und die Plappertasche
(von Paula und Richard Dehmel)
Fritz, ich möcht den Spaten haben.
"Mutterchen, warum?"
Möchte eine Grube graben.
"Mutterchen, warum?"
70Möchte drin ein Bäumchen pflanzen.
"Mutterchen, warum?"
Wird mein Fritze drunter tanzen.
"Mutterchen, warum?"
Wird das Bäumchen Kirschen tragen.
"Mutterchen, warum?"
Ei, du mußt die Spatzen fragen,
die sind nicht so dumm!—
Kommt die kleine Plappertasche:
"Mutterchen, nicht wahr,
ich bin klüger als der Fritze,
bin schon bald sechs Jahr.
"Mutterchen, nicht wahr, der Fritze
ist ein Schaf, o je!
Ich kann schon bis zwanzig zählen
und das A-B-C."
I, du kleine Plappertasche,
laß den Fritz in Ruh.
Plappertasche, wische wasche,
halt das Mäulchen zu.
Übermorgen in vier Wochen
kommt der Weihnachtsmann;
71wenn du dann noch immer plapperst,
was bekommst du dann?
Einen großen Maulkorb!—
Plappermündchen
In Leipzig wohnt ein Bäckermeister,
Hans-back-die-Semmeln-größer heißt er;
Seine Mutter, die Frau Meisterin,
zieht den Teig wer weiß wie dünn,
rollt ihn mit der Mangel aus,
macht sieben bucklige Bretzeln draus,
drei für den Vater,
drei für die Mutter,
eine für unser Plappermündchen,
dann schweigt's vielleicht ein Viertelstündchen.
Puppendoktor
Lieber Doktor Pillermann,
guck dir bloß mein Püppchen an.
Drei Tage hat es nichts gegessen,
hat immer so stumm dagesessen,
es will nicht einmal Zuckerbrot,
die Arme hängen ihr wie tot.
72Ach, lieber Doktor, sag mir ehrlich,
ist diese Krankheit sehr gefährlich?
Madam, Sie ängstigen sich noch krank;
der Puls geht ruhig, Gott sei Dank.
Doch darf sie nicht im Zimmer sitzen,
sie muß zu Bett und tüchtig schwitzen;
drei Kiebitzeier gebt ihr ein,
dann wird es morgen besser sein.
Empfehle mich.
Kleiner Einkauf
Guten Tag, guten Tag, liebe Grünkramfrau,
Gemüse will ich kaufen,
ich bin mit meinem Henkelkorb
extra hergelaufen;
auch schöne frische Eier will ich,
hoffentlich sind sie heute billig.
Die Schoten hier gefallen mir,
zuckersüße Kerne;
auch von den Rübchen möchte ich
ein halbes Liter gerne.
Kohlrüben? lieben wir nicht sehr;
doch zeigen Sie mal die Pflaumen her!
Vaters Geburtstag
Schnell, schnell, Besen,
feg die Stube rein;
wenn Väterchen zum Kaffee kommt,
muß alles sauber sein.
Wisch, wisch, Lappen,
über Stuhl und Schrank;
wenn Väterchen zum Kaffee kommt,
sind sie blitzeblank.
Blüh, blüh, Blume,
blüh recht frisch;
wenn Väterchen zum Kaffee kommt,
Stehst du auf dem Tisch.
Herz-Herz-Muttchen,
schnell das neue Kleid;
74bis Väterchen zum Kaffee kommt,
ist nur noch wenig Zeit.
Tick, tick, Uhrchen,
renn doch nicht so fix;
wenn Väterchen zum Kaffee kommt,
mach ich meinen Knix.
Fertig, alles fertig,
der Kuchen auch ist da;
der Kaffee kommt, der Vater kommt,
mein Verschen kann ich ja:
"Heut ist dein Geburtstag!"
Das Himmelsprinzeßchen
Ich bin das Himmelsprinzeßchen,
habe Flügel von blauem Duft,
ich schlafe im Wolkenbettchen
und bade in Licht und Luft.
Mir gehört die silberne Schaukel
hoch oben im Himmelssaal;
wenn die goldenen Seile schwingen,
blitzt es unten im Tal.
Der alte Wetterriese
donnert und schilt mich aus,
und lache den Brummbart aus.
Die Mirlamein vom Monde
webt meine Kleider und Schuh,
die gute Mutter Sonne
gibt goldne Spangen dazu.
Der liebe Gott hat mich gerne,
ich bin sein liebes Kind;
er nimmt uns auf die Kniee,
mich und den Frühlingswind.
Des Abends sitzen wir stille
bei Mirlamein im Zelt
und spinnen Wünsche und Träume
und streuen sie über die Welt.
Windfreude
Wenn der Wind über Wiesen und Felder rennt,
renn ich mit;
da denk ich, daß ich fliegen kann,
und guck mir lustig die Vögel an,
susewitt, susewitt.
Wenn der Wind durch die Sträucher und Bäume fegt,
feg ich mit;
76die Blütenkätzchen feg ich zu Hauf
und setz mir vom Ahorn ein Nasenhütchen auf,
susewitt, susewitt.
Wenn der Wind durch die Turmlöcher singt und pfeift,
pfeif ich mit;
sein Jodler wird mir gar nicht schwer,
und den Brummbaß lern ich nebenher,
susewitt, susewitt.
Lied vom Monde
Wind, Wind, sause,
der Mond ist nicht zu Hause;
er ist wohl hinter den Berg gegangen,
will vielleicht eine Sternschnuppe fangen,
Wind, Wind, sause.
Stern, Stern, scheine,
der Mond, der ist noch kleine;
er hat die Sichel in der Hand,
er mäht das Gras am Himmelsrand,
Stern, Stern, scheine.
Singe, Vogel, singe,
der Mond ist guter Dinge;
77er steckt den halben Taler raus,
das sieht blank und lustig aus,
singe, Vogel, singe.
Und hell wird's, immer heller;
der Mond, der hat 'nen Teller,
mit allerfeinstem Silbersand,
den streut er über Meer und Land,
und hell wird's, immer heller.
Weihnachtsschnee
Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,
es riecht nach Weihnachtstorten;
Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd
und backt die feinsten Sorten.
Ihr Kinder, sperrt die Augen auf,
sonst nehmt den Operngucker:
die große Himmelsbüchse, seht,
tut Ruprecht ganz voll Zucker.
Er streut—die Kuchen sind schon voll—
er streut—na, das wird munter:
er schüttelt die Büchse und streut und streut
den ganzen Zucker runter.
Knecht Ruprecht in Nöten
Knecht Ruprecht kratzt sich seinen Bart
und rückt zurecht die Brille:
Ihr Engelskinder, lärmt nicht so,
seid mal ein bißchen stille!
Kommt, rückt hübsch artig zu mir ran,
seht euch mal das Bestellbuch an!
Was steht hier auf dem ersten Blatt?
was auf dem zweiten, dritten?
was steht am Ende von dem Buch?
was steht hier in der Mitten?—:
Ach Weihnachtsmann, wir bitten sehr,
Schick uns doch mal das Luftschiff her!
Hans möchte nach Amerika,
und Fritz zu Tante Lotte,
Kurt durch die Luft zu Großpapa,
Marie zum lieben Gotte;
Georg will bloß nach Neuruppin
mit Zeppelin, mit Zeppelin.
79Ach Zeppelin, du Zaubermann,
's ist aus der Haut zu fahren,
das ganze liebe kleine Pack
will bloß noch Luftschiff fahren;
dein Fahrzeug ist ja viel zu klein,
da gehn nicht alle Kinder 'rein.
Ihr Engelskinder, helft mir doch
in meinen Weihnachtsnöten,
baut mir ein Luftschiff riesengroß
mit hunderttaufend Böten,
laßt lustig die Propeller gehn,
da sollt ihr mal die Freude sehn!
Hurra, schreit da die Engelschar,
wir helfen alle, alle.
Nach dreien Tagen, blitzeblank,
stehts Luftschiff in der Halle.
Dank schön, sagt Ruprecht, fährt hinab,
holt alle Jungs und Mädels ab
zur Flugfahrt durch die Welten.
Ob sie sich nicht erkälten?
Frohe Botschaft
Früh, eh ich's konnt begreifen,
hört ich schon etwas pfeifen,
80hört ich Schon etwas brummen,
wie tausend Bienen summen.
Was ist denn los? Ach ja:
der Weihnachtsmann ist da!
Die Raben und die Spatzen,
sie müssen's weiterschwatzen;
in alle Häuser dringt es,
von allen Glocken klingt es.
Was läuten sie? O ja:
der Weihnachtsmann ist da!
Mit seinem braven Esel
zieht er von Thorn bis Wesel;
wo Mädels sind und Buben,
tritt er in ihre Stuben
und langt aus Sack und Taschen
zum Spielen was und Naschen.
Wo habt ihr's her? Na ja:
der Weihnachtsmann war da!
Der liebe Weihnachtsmann
(von Paula und Richard Dehmel)
Wer hat denn, wer hat denn
den Esel so bepackt?
Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht
mit seinem Klappersack.
Mit Nüssen, mit Äpfeln,
mit Spielzeug allerlei,
und Kuchen, ja Kuchen
aus seiner Bäckerei.
Wo bäckt denn, wo bäckt denn
Knecht Ruprecht seine Speis?
In Island, in Island,
drum ist sein Bart so weiß.
Die Rute, die Rute
hat er dabei verbrannt;
heut sind die Kinder artig
im ganzen deutschen Land.
Ach Ruprecht, ach Ruprecht,
du lieber Weihnachtsmann:
komm auch zu mir mit deinem
Sack heran!
Sankt Niklas zieht den Schlafrock aus,
klopft seine lange Pfeife aus
und sagt zur heiligen Kathrein:
Öl mir die Wasserstiefel ein,
bitte hol auch den Knotenstock
vom Boden und den Fuchspelzrock,
die Mütze lege oben drauf,
und schütte dem Esel tüchtig auf,
halt auch sein Sattelzeug bereit;
wir reisen, es ist Weihnachtszeit.
Und daß ich's nicht vergeß, ein Loch
ist vorn im Sack, das stopfe noch!
Ich geh derweil zu Gottes Sohn
und hol mir meine Instruktion.
Die heilige Käthe, sanft und still,
tut alles, was Sankt Niklas will.
Der klopft indes beim Herrgott an,
Sankt Peter hat ihm aufgetan
und sagt: Grüß Gott! wie schaut's denn aus?
und führt ihn ins himmlische Werkstättenhaus.
Da sitzen die Englein an langen Tischen,
ab und zu Feen dazwischen,
83die den kleinsten zeigen, wie's zu machen,
und weben und kleben die niedlichsten Sachen,
hämmern und häkeln, schnitzen und schneidern,
fälteln die Stoffe zu zierlichen Kleidern,
packen die Schachteln, binden sie zu
und haben so glühende Bäckchen wie Du.
Herr Jesus sitzt an seinem Pult
und schreibt mit Liebe und Geduld
eine lange Liste. Potz Element,
wieviel artige Kinder Herr Jesus kennt!
Die sollen die schönen Engelsgaben
zu Weihnachten haben.
Was fertig ist, wird eingesackt
und auf das Eselchen gepackt.
Sankt Niklas zieht sich recht warm an;
Kinder, er ist ein alter Mann,
und es fängt tüchtig an zu schnein,
da muß er schon vorsichtig sein.
So geht es durch die Wälder im Schritt,
manch Tannenbäumchen nimmt er mit;
und wo er wandert, bleibt im Schnee
manch Futterkörnchen für Hase und Reh.
Aus Haus und Hütte strahlt es hell,
84da hebt er dem Esel den Sack vom Fell,
macht leise alle Türen auf,
jubelnd umdrängt ihn der kleine Hauf:
Sankt Niklas, Sankt Niklas,
was hast du gebracht?
was haben die Englein
für uns gemacht?
"Schön Ding, gut Ding,
aus dem himmlischen Haus;
langt in den Sack! holt euch was raus!"
Bescheidene Frage
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
bringst du der flinken Grete was?
Sie ist fast immer artig gewesen,
hat fleißig in ihrer Fibel gelesen,
kann das große H schon ganz richtig schreiben,
wird Ostern gewiß nicht sitzen bleiben;
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
schenkst du ihr was?
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
bringst du dem dicken Peterle was?
Er ist noch zu klein, um zur Schule zu gehn,
aber beten kann er schon wunderschön:
85"Lieber Dott, mach alle Menßen dut,
nimm alle unter deinen Hut'"
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
schenkst du ihm was?
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
bringst du der kleinen Lene was?
Sie gehört der armen Flick-Marie
und hat schon lange ein schlimmes Knie;
zum Spielen kommt sie gar nicht mehr raus,
sieht immer so blaß und ängstlich aus.
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
schenkst du ihr was?
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
ich wünsch mir selber auch noch was:
möcht in der Weihnacht mit dir gehn,
mir all die fröhlichen Kinder besehn,
wie sie tanzen und tuten, knabbern und schlucken
und am strahlenden Christbaum die Wunder angucken.
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas,
schenkst du mir das?
89Dritter Teil
Klänge wachsen auf den Wegen
im Gebüsch, im jungen Grün;
alle meine Melodien
möchte ich mit leisem Segen
abends auf dein Kissen legen.
Wilde Blumen, seltne Früchte:
was der reife Sommer bringt,
möcht ich in dein Zimmer tragen,
sollst mir keine Antwort sagen—
Still—der Traum versinkt—verklingt.
Sonne
Sonne scheint draußen und scheint in die Stube,
unten am Boden kugelt mein Bube,
greift nach den schimmernden, flimmernden Stäubchen;
ich sitze am Fenster und nähe ein Häubchen,
ein ganz kleines Häubchen aus weißem Batist.
Ob's wohl ein Mädel ist?—
Und hat's seine Augen, seinen trotzfrohen Sinn,
dann weiß kein Mensch, wie glücklich ich bin!
Bloß Er—Er—sein liebes Gesicht— —
"Na, Bub? Hast du die Sonne noch nicht?"—
Maria herzt ihr Kindlein
und küßt sein rotes Mündlein;
sie weiß es nicht,
daß einst zu Golgatha
sein Kreuz wird aufgericht't.
Der Wind mit Blumendüften
tut des Kindes Härlein lüften;
nicht weiß der Wind,
daß einst zu Golgatha
unschuldig Blut verrinnt.
Sein Lämmlein kommt gesprungen,
spielt um den holden Jungen;
sieht nicht von fern,
daß man zu Golgatha
einst höhnt den lieben Herrn.
Ihr sorgend Mutterherzen
müßt es fein still verschmerzen;
ihr wißt es nicht,
wann eurem teuren Kindlein
sein Kreuz wird aufgericht't.
Schlafe, mein kleiner Wildling,
du schlankes Reis, schlaf ein;
draußen im Mondschein die Pappel
sieht auf dein Bett herein.
Träume, mein heißer Wildling;
was ballst du die kleine Faust?
Kühl geht der Wind durchs Fenster,
die hohe Pappel braust.
Wachse, mein trotziger Wildling,
wachse dich hoch und frei,
horch auf die herrischen Stürme
und des Adlers stolzen Schrei!
Räche mich, Sohn meiner Wildheit,
räche den Mutterleib,
Schärfe den Dolch und töte,
töte das fremde Weib!
Königskind
—1—
Schlafe ruhig, Königskind;
wie im Traume singt der Wind,
schweigend sitzt der Mond zu Haus,
94gießt die weißen Strahlen aus,
gießt sie über das weite Land,
über Wald und Hügelwand.
Taube gurrt im dunklen Laub,
Käfer surrt und fliegt auf Raub,
Fischlein steht im Wasser still,
weiß nicht, ob es schwimmen will.
Was dir auch das Leben spinnt:
träume, Königskind!
—2—
Ein Vogel flog aus dem Heimatland,
er flog wohl sieben Tage lang
über fremde Wälder und Seen;
da wurden ihm die Flügel lahm,
und als er ans große Wasser kam,
konnt er nicht weiter.
Ein Mägdlein mußte von Hause fort,
in ein fernes Land an fremden Ort,
so bang und alleine.
Die Mutter gab ihr drei Tropfen Blut:
Tochter, liebe Tochter, wahre sie gut,
sonst trifft dich ein Unheil.
—3—
Waldtaube saß gefangen,
Kuruh, das Vögelein,
wohl hinter Gitter und Stangen;
da ließ das Köpflein hangen
Kuruh das Vögelein.
Waldtaube saß am Gitter,
Kuruh, das Vögelein,
da kam ein blauer Ritter,
ein Falke an ihr Gitter:
Kuruh, mein Vögelein.
Und bist du auch gefangen,
Kuruh, mein Vögelein,
meine Liebe zerbricht die Stangen,
zu dir will ich gelangen,
Kuruh, mein Vögelein.
Heimweh
Quellchen geht in den Rauschebach,
Bach geht in den Fluß,
Fluß geht vorbei am Elternhaus,
Mütterchen hört seinen Gruß;
grüße mir, Quellchen, grüße mir fein
Vater und Mutter, vergiß es nicht, nein?
Vater pfeift seinem Hühnerhund,
Mutter sorgt für den Herd,
Schwesterchen gießt ihre Tausendschön,
Bruder zäumt sich sein Pferd;
grüße mir, Quellchen, ich bin so allein,
Bruder und Schwester, vergiß es nicht, nein?
Eia, wir Elfen,
wir kommen und helfen,
eh du's gedacht, Kind, eh du's gedacht.
Wir kommen
im frommen
Geleuchte der Nacht,
Gewänder
und Bänder
vom Monde erdacht;
wir schweben
und heben
im Reigenspiel sacht
die Schleier
zur Feier
der freundlichen Nacht.
Eia, wir reichen
uns schmeichelnd die weichen
Hände im gleichen
lieblichen Takt, im lieblichen Takt.
Wir gleiten
durch Weiten
der wandernden Welt,
wie ziehende
Nebel im Feld;
wir lauschen,
dem Rauschen
der Quellen gesellt,
und schauen
die blauen
Gefilde bestellt.
Eia, wir zeigen
im silbernen Reigen
mit Nicken und Neigen
die Zauber der Welt, die Zauber der Welt.
Wiegenmärchen
Des Mondes Tochter, Mirlamein,
kam in die warme Welt herein,
sie kam aus ihres Vaters Haus
auf einer weißen Fledermaus.
Mirlama, Mirlamein,
schlaf ein.
Da saß Prinzessin Mirlamein
auf einem großen weißen Stein
mitten in blühender Heide
99in ihrem milchweißen Kleide.
Mirlama, Mirlamein,
schlaf ein.
In ihren Händen bleich und fein
hielt sie die Flöte aus Elfenbein;
sie blies—das klang so hell und hold,
als ob ein Engel uns trösten wollt.
Mirlama, Mirlamein,
schlaf ein.
Gleich stecken alle Vögelein
den Kopf in die Flügel und schlummern ein,
die Hirsche und Rehe im tiefen Wald
suchen ihr Lager und schlafen bald.
Mirlama, Mirlamein,
schlaf ein.
Glühwürmchen löscht das Lämpchen aus,
fliegt müde in sein Blätterhaus,
die Tauben gurren im Schlaf kuruh,
mein Kind macht auch die Augen zu.
Mirlama, Mirlamein,
schlaf ein.
Traumballade
Traumkönig geht durch bleiches Land,
rings grüßen ihn verstohlen
die braunen Nachtviolen;
Marlenchen geht an seiner Hand,
Marlenchen, jung Marlenchen.
Traumkönig geht an den Rosmarinstrauch,
da brennen die Lebenskerzen,
sie brennen mit roten Herzen;
Marlenchen fühlt ihren heißen Hauch,
Marlenchen, jung Marlenchen.
Traumkönig geht am See entlang,
die Wasserelfen singen
ein Lied von kühlen Dingen;
Marlenchen überkommt es bang,
Marlenchen, jung Marlenchen.
Mutter Hule
(nach einer alten Volksdichtung)
Die alte Mutter Hule
kann reisen ohne Geld:
sie setzt sich auf den Gänserich
und reitet durch die Welt.
Die alte Mutter Hule,
die hat im Wald ein Haus;
der Uhu sitzt als Wächter davor,
läßt niemand 'rein und 'raus.
Frau Hulens Sohn heißt Michel,
der ist nicht grad, nicht krumm;
am Sonntag ist er manchmal klug
und Montags manchmal dumm.
Sie schickte ihn zum Markte,
da kauft er sich 'ne Gans;
die flatterte und schnatterte
und wippte mit dem Schwanz.
wie liebten sie sich gleich!
Sie fraßen zusammen aus einem Napf
und schwammen in einem Teich.
Des Morgens in der Frühe
fand Michel ein großes Ei;
das hatte die liebe Gans gelegt,
der Gänserich stand dabei.
Der Michel lief zur Hule:
guck, was ich dir gebracht,
ein goldnes Ei. Die Hule sagt:
das hast du brav gemacht.
Der Michel trug's zu Markte,
drei Dukaten wollt er haben;
der Jud wollt bloß die Hälfte geben,
da schmiß er ihn in'n Graben.
Er ging am Schloß vorüber,
da stand ein Fräulein lilienschön;
dem Michel schwoll das Herze,
er blieb ein bißchen bei ihr stehn.
Der Jude und ein Ritter
fielen über Michel her
da schrie der Michel sehr.
Die alte Mutter Hule
flog über Prag und Wien,
verwandelt ihren Michel schnell
in einen Harlekin.
Und auch das Fräulein rührte sie
mit ihrem Flederwisch,
da stand ein Kolombinchen da
mit Backen rot und frisch.
Wo blieb das goldne Ei, huchjee?
Das rollte weit ins Meer.
Der Michel zog die Stiefel aus
und sockte hinterher.
Die alte Mutter Hule
sattelt hui die große Gans
und flog damit zum roten Mond,
denn da war Fastnachtstanz.
Ein Singsang vom Rheine
Herr Steuermann, Herr Steuermann,
leg an der Brück von Köllen an!
Ein Schifflein kommt gefahren
104wohl über den grünen Rhein.
Was hat das Schiff geladen?
Ei, roten Wein,
ei, weißen Wein,
den hat das Schiff geladen.
Zu Köllen an der Brücke,
da tagt der hohe Rat am Rhein.
Was wollen die Herren trinken?
Ei, roten Wein,
ei, weißen Wein,
den wollen die Herren trinken.
Ein Schifflein kommt gefahren
wohl über den grünen Rhein.
Was hat das Schiff geladen?
Ei, blonde Jüngferlein,
ei, braune Jüngferlein,
die hat das Schiff geladen.
Zu Köllen an der Brücke,
da tagt der hohe Rat am Rhein.
Wen wollen die Herren küssen?
Ei, blonde Jüngferlein,
ei, braune Jüngferlein,
die wollen die Herren küssen.
Badeballade
Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß
badeten im Teiche,
strampelten, tauchten,
plantschten und fauchten;
—hell lachte die alte Eiche.
Murrian Knurr, der Pudelhund,
kam vorbei am Teiche,
erhob ein Geschrei: Herbei! Polizei!
da baden zwei, nackend und frei!
—hell lachte die alte Eiche.
Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß
sprangen aus dem Teiche,
faßten Murrian am Kopf, an Schwanz und Zopf,
seiften ihn ein, trotz Bellen und Schrein,
—hell lachte die alte Eiche.
Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß
baden wieder im Teiche,
hampeln und strampeln, spritzen und tauchen,
patschen und plantschen, prusten und fauchen,
—hell lacht die alte Eiche.
(nach Schwinds Bildern)
Ein Kätzlein ging einst jagen,
welch schöne Katz, welch feine Katz;
an einer Kirchhofsmauer,
da lag sie auf der Lauer
und fing sich einen Ratz.
"Ach Kätzlein, laß mich leben,
du schöne Katz, du feine Katz;
will dienen deinem Willen,
jed Wünschlein dir erfüllen
als dein getreuer Schatz."
Das Kätzlein ließ sich rühren,
die schöne Katz, die feine Katz;
sie ließ die Ratte leben,
tat ihr ein Laternchen geben,
zu leuchten bei der Hatz.
"Ich tu dir wacker helfen,
du schöne Katz, du feine Katz;
brauchst bloß die Öhrlein spitzen,
da laufen aus Spalt und Ritzen
Langschwänze auf den Platz."
107Der Ratz ward groß und größer—
"Du schöne Katz, du feine Katz,
wir wollen beid spazieren,
am Arm will ich dich führen
als dein getreuer Schatz.
Dein Schwänzlein will ich kämmen,
ei schöne Katz, ei feine Katz!"
Er rupft sie zum Erbarmen,
kein Mauen hilft der armen,
vor Schmerz tut sie 'nen Satz.
Hätt ich dich doch gefressen,
ich gute Katz, ich feine Katz;
ein Untier bist du worden,
wirst mich gewiß noch morden,
du Ungetüm von Ratz.
Er sprang ihr auf den Rücken:
"Hei, Schöne Katz, hei, feine Katz,
jetzt habe ich zu sagen,
mußt mich als Reiter tragen
auch ohne Zaum und Latz.
Der Esel und die Löwenhaut
(nach der Fabel von Hans Sachs)
Ein Müllersmann aus Oberwesel
hatt 'nen gewitzten jungen Esel;
der weidete auf grünem Gras
und dachte sich so dies und das,
wollt für sein Leben gern auf Erden
was Bessers als ein Esel werden.
Da fand er—und sein Herz schlug schnell—
ein unversehrtes Löwenfell.
Er kriecht hinein, es paßt ihm gut,
er fühlt auch gleich des Löwen Mut
und denkt mit innerstem Behagen:
nun brauchst du nicht mehr Säcke tragen.
Stolz trabt er durch den Wald daher,
tut ganz, als ob ein Leu er wär,
schüttelt die Mähne, schlägt mit dem Schweif
und setzt die Tatzen breit und steif.
Das Häslein spitzt das lange Ohr,
109die Sache kommt ihm kitzlig vor,
es springt hinweg; das Rehlein auch.
Wie freut sich da der eitle Gauch!
Und als der Müller, der ihn sieht
von weitem, auch erschrocken flieht,
kann er vor Wonne kaum sich fassen,
muß laut sein I-A tönen lassen.
Da merkt der Müller, wen er hat,
prügelt den Esel mürb und matt
und schimpft ihn aus: du dummes Vieh!
zum Löwen wird ein Esel nie;
du hast mich mit dem Fell genarrt,
das sollst du büßen, Esel, wart!
und schlägt und pufft ihn immer mehr.
Der Esel hängt die Ohren sehr,
als so sein Meister ihn verbläut;
sein Hochmut hat ihn recht gereut,
wollt fürder Säcke tapfer tragen,
nie mehr nach Löwenhäuten fragen.
Ein Spatzengespräch
Ich war in Fez durch die Buden gewandelt
und hatte einen Ring erhandelt
110mit einem seltsam geschliffenen Stein;
sollte der Ring König Salomos sein.
Wer ihn besäße, verstünde sofort
zahlreicher Tiere Geberde und Wort,
könnte das Gras beim Wachsen belauschen,
hörte Musik aus den Quellen rauschen,
verstünde die Sprache von Baum und Stein,
müßte aber ein Sonntagskind sein.
Nun, ich war zu meinem Frommen
Beim Glockenläuten auf die Welt gekommen,
nahm meinen Ring, bezahlte bar,
und—war jetzt klüger, als ich war.
Fröhlich ging ich zur Stadt hinaus,
wußte da ein einsames Bauernhaus,
warf mich glatt in die Frühlingsruh,
kaute Halme und pfiff dazu,
dachte an dies und dachte an das,
wie so gedeihlich aus Ernst und Spaß
die Welt sich verbastelt zum Gottgetriebe,
dachte an Glauben, dachte an Liebe,
und wie hellauf über Zacken und Kanten,
trotz Pflichten, Gesetzen und alten Tanten,
das Leben in neue Blüten schießt,
in die der Saft der Zeit sich ergießt.
111Dachte und dachte, eiferbeflissen,
glaubte den Weg aller Wege zu wissen,
genau der Länge nach und der Breite,
der die Welt zum Heile geleite;
dachte— —was man so buntes denkt,
wenn über einem die Sonne hängt.
Neben mir blühte lichtblauer Flieder;
ein Spatzenpärlein ließ sich drin nieder,
die plusterten zärtlich die dicken Hälschen,
zogen sich Federchen aus den Pelzchen,
sahen recht verliebt darein,
mußten wohl jung verheiratet sein.
Doch das Schweigen währte nicht lange,
bald war eine Unterhaltung im Gange;
ja, mein Ring kam mir trefflich zustatten,
deutlich verstand ich das Plaudern der Gatten
und durfte mit Vergnügen ermessen,
sie hatten höhere Interessen.
"Männe," sagte das Spatzenfrauchen
und rückte näher an ihr Grauchen,
"du bist so klug vom vielen Reisen,
könntst mich ein wenig unterweisen.
Sag mir doch, was die Menschen wollen,
112wenn sie die Erde in dicken Schollen
aufwerfen; nie kriegen sie genug
von ihrem Getue mit Spaten und Pflug."
"Hm," sagte der Spatzmann mit Bedacht,
nachdem er ein Weilchen nachgedacht,
"Hm, in der Erde gibt's schöne Dinge,
Zum Beispiel Käfer und Engerlinge,
die werden sie brauchen zu Schmaus und Festen
und werden damit ihre Jungen mästen.
Auch Körner graben sie sehr gescheit
in den Boden ein; und wenn's friert und schneit,
und es ist Futtermangel im Haus,
graben sie alle wieder aus."
"Du bist doch der gescheiteste Spatz,"
sagte die Spätzin, "mein trautester Schatz.
Doch noch was andres wollt ich dich fragen,
du kannst mir sicherlich auch sagen,
warum die Sonne morgens aufsteht
und abends wieder untergeht;
ich habe mir seit vielen Wochen
umsonst darüber den Kopf zerbrochen."
Der Spatz putzt sich den Schnabel und spricht:
"Kleines Närrchen, das weißt du nicht?
Wie sollten wir Vögel anders wissen,
113wann wir morgens ausfliegen müssen?
Die Sonne ist da, um uns zu wecken
und abends uns wieder ins Nest zu stecken."
"Ja, ja, nun wird mir alles klar,"
sagte das Weibchen; "ganz offenbar
hast du da recht. Doch in der Nacht
der Mond? für wen ist der gemacht?"
"Der Mond? Ach, nenn mir den Falschen nicht;
der hält es mit dem Katzengezücht,
lockt Marder und Eulen auf unsre Brut,
drum hass' ich ihn mit aller Wut."
Und zornig sträubt der kleine Mann
die Federn und sieht sein Weibchen an.
Das drängt sich an ihn, zärtlich, dicht,
glättet ihm die Daunen an Hals und Gesicht
und flüstert erschrocken: "Du hast ja recht,
der meint es gewiß mit uns Vögeln schlecht;
nie nenn ich ihn wieder. Doch sag mir, du Bester,
ob nicht auch in der Menschen Nester
die Sonne Licht und Wärme bringt,
daß alles früh aufsteht und singt?"
"Nein, Kind, für uns ist die Sonne gemacht,
uns bringt sie Tag, uns bringt sie Nacht.
114Die Menschen haben in ihren Zimmern
ihre eignen Sonnen, ich sah sie flimmern.
Als ich mal nachts, aus dem Schlaf geschreckt,
an ein Fenster stieß, hab ich's entdeckt:
sie machen bloß knips, dann haben sie Licht,
die brauchen unsre Sonne nicht."
Das Spatzenfrauchen schien ganz beglückt
von so viel Klugheit und sah entzückt
ihr Männchen an: "Du bist ein Genie,
und weißt auch sicher, warum und wie
die Menschen in ihren Steinhäusern kleben
und nicht so frei wie wir Vögel leben?"
Das Spätzchen guckte ein wenig ins Land,
hatte aber die Antwort schnell bei der Hand:
"Vor Mardern und Eulen und Katzengetier
sind sie in den Häusern viel sichrer als wir,
und, was der wichtigste Grund von allen,
kein Junges kann aus dem Neste fallen.
Ja, ja, die Menschen haben Geist,
sind auch den Vögeln gefällig meist,
haben sie doch von Land zu Land
lauter feste Drähte gespannt,
damit unsre Wandrer scharenweise
115sich ausruhn können auf der Reise.
Auch Versammlungen werden von Jungen und Alten
im Herbste darauf abgehalten;
wir sind ihnen wirklich zu Dank verpflichtet,
so praktisch haben sie's eingerichtet."
"Glaub's schon, die Menschen sind recht klug,
aber noch immer nicht klug genug,"
sagte das Weibchen; "was würden sie geben,
könnten sie frei in den Lüften schweben,
doch sind sie zu ungeschickt zum Fliegen
und werden niemals Flügel kriegen."
"Bloß mit den dicken seidenen Bällen
steigen sie manchmal tausend Ellen,"
lachte das Männchen; "was nur die tollen
Leute bei uns in den Lüften wollen?
Jetzt baun sie sogar allerhand Gestelle
und rasen herum mit Windesschnelle.
Auch der Dompfaff lachte neulich
und meinte, er fände die Dinger abscheulich;
sinnlos wär dies Gefliege und Rattern,
kein Mücklein könnt man dabei ergattern.
Ernsthaft sitzen sie in dem Kahn
und gucken die Welt durch Röhren an;
116es ist wirklich lachhaft mitanzusehn.
Komm, Schatz, wir wollen zu Bette gehn;
für heute hast du genug profitiert,
morgen wird wieder ein Stündchen doziert."
Eine Weile noch plusterte da was rum,
dann waren die Plappermäulchen stumm.
Ich aber ging übers stille Feld;
so malt sich in Spatzenköpfen die Welt,
dacht ich und lächelte überlegen.
Da hört ich's in den Lüften sich regen,
eine alte Esche rief mir zu:
"Wieviel ist der Spatz denn beschränkter als du?
Seid ihr Menschen nicht auch allesamt
zu solchen unwissenden Tierlein verdammt,
die das große Warum und das ewige Wie
mit ihrer täppischen Kindsphantasie
zu begreifen suchen? Dürft ihr vertraun
dem Funken in euch und aufwärts schaun?
Sind eure stolzesten Grübler und eifrigsten Späher
der Gottheit nur um ein Strichelchen näher?"
So sprach die Esche. Ich sah in die Weiten,
sacht fühlt' ich den Ring mir vom Finger gleiten,
scheu blickt' ich hin—er war verschwunden,
und niemals hab ich ihn wiedergefunden.