WeRead Powered by ReaderPub
Das Lied vom blöden Ritter cover

Das Lied vom blöden Ritter

Chapter 1: Das Lied vom blöden Ritter.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Ein unbeholfener, blasser Ritter lebt zurückgezogen und träumt von Nähe. In der Mitternacht erscheint ihm eine schillernde Geliebte in schaumiger Gewandung; sie umarmt ihn, und er wird in einen kristallinen Wasserpalast versetzt, wo Musik, tanzende Jungfrauen und rauschende Glücksgefühle ihn umgeben. Die Verwandlung ebenso wie die Feier lösen sich abrupt, als die Kerzen verlöschen, und er sitzt wieder allein in seiner düsteren Stube. Das Gedicht kontrastiert äußerliche Ungeschicktheit mit innerer Sehnsucht und thematisiert Traum, Verwandlung und die Flüchtigkeit nächtlicher Illusionen.

The Project Gutenberg eBook of Das Lied vom blöden Ritter

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Das Lied vom blöden Ritter

Author: Heinrich Heine

Release date: May 25, 2012 [eBook #39792]

Language: German

Credits: Produced by Dianna Adair, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LIED VOM BLÖDEN RITTER ***

Das Lied vom blöden Ritter.

Es war wohl ein Ritter trübselig und stumm,
Mit hohlen schneeweißen Wangen;
Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,
In dumpfen Träumen befangen.
Er war so hölzern und täppisch und links,
Die Blümlein und Mägdlein die kicherten rings,
Wenn er stolpernd vorbey gegangen.

Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus;
Er hatt' sich vor Menschen verkrochen.
Da streckte er sehnend die Arme aus,
Doch hat er kein Wörtlein gesprochen.
Kam aber die Mitternachtstunde heran,
Ein seltsames Singen und Klingen begann,
An die Thüre da hört er es pochen.

Da kommt seine Liebste geschlichen herein,
Im rauschenden Wellenschaumkleide.
Sie blüht und glüht wie ein Röselein,
Ihr Schleyer ist eitel Geschmeide.
Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt,
Die Auegelein winken mit süßer Gewalt, –
In die Arme sinken sich beide.

Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht,
Der Hölzerne steht jetzt in Feuer;
Der Blasse erröthet, der Träumer erwacht,
Der Blöde wird kühner und freyer.
Sie aber sie hat ihn gar schalkhaft geneckt,
Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt,
Mit dem weißen, demantenen Schleyer.

In einen kristallenen Wasserpalast
Ist plötzlich gezaubert der Ritter.
Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast,
Vor alle dem Glanz und Geflitter.
Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut
Der Ritter ist Bräut'gam, die Nixe ist Braut;
Ihre Jungfraun die spielen die Zither.

Sie spielen und singen; es tanzen herein
Viel winzige Mädchen und Bübchen.
Der Ritter der will sich zu Tode freu'n,
Und fester umschlingt er sein Liebchen, –
Da löschen auf einmal die Kerzen aus,
Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus,
In dem düstern Poetenstübchen.

H. Heine.

Jugendgedicht, nach Heines eigenhändiger Niederschrift im Besitz der Königlichen Bibliothek zu Berlin.

Originalgetreue Abbildung des Gedichts, von Heine selbst geschrieben