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Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. cover

Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Chapter 14: Zwölftes Kapitel.
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About This Book

A pair of young merchants' sons embark with scientific mentors on a multi‑year global voyage aboard a newly built Hamburg steamer devoted to natural history. The account traces coastal and inland journeys in West Africa, island voyages through the Indian and Pacific Oceans, and a visit to Australia, interspersed with hands‑on scientific exercises, specimen collecting, and field photography. Episodes range from hunting, fishing, storms, and shipwrecks to encounters with diverse peoples, tribal conflicts, and rescues, alongside frequent confrontations with large and dangerous wildlife. The narrative emphasizes exploration, practical natural‑history work, interpersonal solidarity, and survival, closing with a return passage via the Suez and reunion at home.

Zwölftes Kapitel.

Wie ein Kranz von wutentbrannten Raubtieren mit drohend offenem Todesrachen umgab die Brandung das verhältnismäßig kleine Eiland, haushohe Wogen, schillernd in grün und blau, sprangen an kahlen Klippen hinauf, nirgends zeigte sich ein Hafen, nirgends war vom Schiff aus Wald und wohlthuendes Grün zu sehen, nur Bergspitzen ragten hoch über den Wolkenrand hinaus, leichte Rauchwolken auf einzelnen Punkten zeigten die thätigen Vulkane, grau und düster zogen sich Felsketten nach allen Seiten.

Es war verabredet worden, weder hier auf Lombock, wo gar keine bemerkenswerten Tiere leben, noch später auf Celebes weitere Touren in das Innere zu unternehmen. Tiere und Pflanzen sind auf den Sundainseln, wenn man Java und Borneo gesehen hat, mit sehr unbedeutenden Ausnahmen alle einander gleich, die großen Vierfüßler fehlen namentlich auf Celebes und der Gruppe der „kleinen Sundainseln“ gänzlich, die Erzeugnisse des Bodens sind dieselben, wenn auch in etwas abweichenden Arten der Baumwolle, der Farbehölzer u. s. w. Die Annahme des englischen Naturforschers Wallace, daß alle diese zerstreuten Erdflecke zusammen in vorgeschichtlicher Zeit ein Weltteil gewesen, erhält dadurch eine entschiedene Bestätigung.

Nachdem das Schiff auf einer sehr schlechten, offenen Reede vor Anker gegangen, begaben sich alle, die an Bord entbehrlich waren, zum Ufer, ohne jedoch daselbst irgend eine Spur von Menschen oder Menschenwohnungen zu entdecken. Im Gegensatz der entzückend schönen Landschaften Javas und namentlich Borneos war hier die Küste sandig, pflanzenarm und von niederem, reizlosen Buschwerk stellenweise bedeckt. Der vulkanische Ursprung zeigte sich auf jedem Schritt; die hohen Felsmauern, welche das ganze Land umgaben, fielen nach innen keineswegs ab, sondern bildeten eine breite Hochebene, die in der Weise eines Deiches unabsehbar dahin lief. Zahllose Käfer belebten den Sand, Schmetterlinge wiegten sich auf den Büschen, und stellenweise kletterten große Krebse über das steile Ufer schleunigst in das Meer zurück oder ließen sich ohne weiteres hineinfallen. In einiger Entfernung zeigte sich der Wald, weshalb die Reisenden dorthin ihre Schritte lenkten und auch bald des sonderbaren Anblicks, um den sie überhaupt einzig und allein hierher gekommen, teilhaftig wurden. Die grünen Wipfel standen äußerst undicht; aller Orten lagen zwischen den schlanken Stämmen der Fächerpalmen die gestürzten, fünfzig und mehr Meter hohen Baumriesen, oder starrten die grauen Überreste abgestorbener Exemplare, deren lebende, im besten Gedeihen befindliche Brüder ein ganz seltsames Aussehen zeigten. Die Palmen von Lombock, eine der höchsten Arten, blühen nämlich nur ein einziges Mal, werfen im Augenblick der Entstehung dieser Blüte sämtliche Blätter ab und tragen auf kahlem Stamm Früchte. Sind diese reif, so stirbt der Baum.

Dieses Bild von Zerstörung war eigentümlich, aber durchaus ohne allen landschaftlichen Reiz und von herbstlicher Grundfarbe. Hier oder da stand eine Palme im vollen Schmuck ihrer grünen, fächerförmigen Blätter; dann folgte eine mit kleinen unansehnlichen, ja kaum erkennbaren Blütenbüscheln auf dem nackten Holz; dann eine mit langen Ähren, in denen die glatten, grünen, ovalen Früchte wie Pflaumen bei einander lagen und zwischen diesen das Heer gestorbener Stämme, deren Holz in weniger als einem Jahr zu Staub zerfällt.

Die Früchte schmeckten erfrischend, waren aber sehr schwer zu erlangen und wurden außerdem verteidigt von einer Menge großer Kakadus, deren weißes Gefieder von allen Zweigen glänzte. Holm erlangte durch die Geschicklichkeit der im Klettern geübten Matrosen einige Blüten und Blätter des merkwürdigen Baumes, den die Erde nur an dieser einen kleinen Stelle trägt; dann wurde, nachdem der Hauptzweck so schnell erreicht, das nächste Dorf aufgesucht. Wald schien die Insel nicht besonders viel zu haben, nur ödes, häßliches Buschwerk versperrte den Weg; nach einigen Stunden fortgesetzten Vordringens dagegen zeigten sich Baumwollenfelder und in einer sumpfigen Niederung üppiger Reisbau, die gewohnten Baumarten, Schlinggewächse, Affen, Papageien und Insekten aller Art. Zerstreute Gebäude auf Pfählen, etwa fünf bis sieben Familien fassend, lagen unregelmäßig zwischen den Äckern, die weißen Turbane und die blaugestreiften Lendentücher verrieten die Bekenner des Islam.

Unsere Freunde lagerten an einer schattigen Stelle, entzündeten ein Feuer und begannen die vom Schiff mitgebrachten Vorräte zuzubereiten, wobei sich der Kreis ihrer Zuschauer mehr und mehr verdichtete. Hierher nach Lombock kam sehr selten ein Schiff, viel weniger aber die Besatzung desselben in die Dörfer der Malaien; es war ersichtlich, daß die meisten dieser halbnackten Wilden nie weiße Menschen, nie Schußwaffen oder überhaupt Spuren der Zivilisation kennen gelernt hatten; sie hielten sich in respektvoller Entfernung, die Kinder flüchteten bei jeder Anrede erschreckend zu den Müttern, und selbst die Männer zeigten eine Scheu, welche nur ganz Wilde den Europäern gegenüber an den Tag legen.

Hier auf Lombock konnten wieder wie in Westafrika kleine Spiegel, Knöpfe und Perlen als Geschenke dienen; am meisten aber belustigte die Art und Weise, in welcher unsere Freunde ihre Mahlzeit verzehrten, das gelbe zusehende Völkchen, und als endlich einige Männer nach langem Ermuntern und Bitten an der Tafel auf Gottes grüner Erde mit Platz nahmen und sich von den vorhandenen Lebensmitteln vorsetzen ließen, da wagten es die übrigen, langsam näher zu kommen. Die Messer schienen den Leuten bekannt, nicht aber die Gabeln, vor deren Berührung sie sich kopfschüttelnd zurückzogen; ebensowenig die Löffel. Das Fleisch spießten sie mit einem spitzen Holzstäbchen, und den Reis warfen sie mittels dreier Finger in die Luft, um ihn dann geschickt mit den Lippen wieder einzufangen.

Die Matrosen kannten das schon; den Knaben dagegen war es ganz neu, weshalb denn auch beide Parteien, die Wilden und die Weißen, einander beim Essen neugierig beobachteten und nicht selten laut lachten, wenn z. B. die Aufmerksamkeit des Speisenden abgelenkt war und ihm die Reisportion anstatt auf die Lippen, vielmehr auf die Nase fiel, oder wenn die jungen Leute versuchten, das malaiische System nachzuahmen und durchaus den halbflüssigen Reis zwischen ihren Fingern nicht halten konnten.

Es war im ganzen ein gutmütiges, gastfreies, wenngleich scheues Volk, das von Lombock; erst nach längerem Verweilen der Fremden gelang es, die Leutchen einigermaßen vertraulich zu machen und sie zum Sprechen zu bringen, wobei freilich das gegenseitige Verständnis nicht besonders weit hinaus ging, denn auf der ganzen Küste gab es keinen englisch redenden Eingebornen; das was die Matrosen durch häufigen Aufenthalt in Batavia und Surabaja von der malaiischen Mundart erlernt hatten, blieb das einzige Mittel zur Unterhaltung. Der Radscha von Lombock war der holländischen Regierung von Java tributpflichtig; er mußte für den Baumwollen- und Reisertrag der Insel alljährlich eine bedeutende Steuer zahlen und verkaufte seine Waren an einige Holländer und Amerikaner, die weiterhin an der Küste ihre Faktoreien besaßen; sonst aber wohnten von den „Menschen mit weißen Gesichtern“ auf dem Eiland keine, und ebensowenig kamen jemals Fremde hierher, um das Innere zu durchforschen. Alle Einwohner bauten Baumwolle und Reis.

Holm fragte nach Raubtieren, er beschrieb ihre Größe, er zeichnete auf ein Blatt Papier die Gestalt eines Leoparden, eines Büffels, aber keiner der neugierig beobachtenden Eingebornen hatte ein solches Geschöpf jemals gesehen, Hirsche dagegen waren vorhanden und auch der Orang-Utang, — die Malaien machten ihm eine Faust, als sie das Bild sahen. „Er stiehlt unsere jungen Mädchen,“ sagten sie, „und nimmt die geängstigten mit sich in seine unerreichbaren Felsenschlupfwinkel; unsere Knaben zerdrückt er an seiner Brust wie Strohhalme.“

Auch Pferde kannten die harmlosen Leutchen nicht, wohl aber schöne Ziegen und Schafe; ebenso kletterten auf allen Zweigen die Papageien und Kakadus, deren lautes „Arra! Arra!“ in der Umgegend widerhallte. Die grüne Art schien hier sehr zahm, sie flog, wie bei uns das Sperlingsvölkchen, ganz nahe heran, um womöglich von der Mahlzeit ihren Teil zu erhalten, und als einmal Hans ein Stück Schiffszwieback nahm und es einem der Vögel zuwarf, da entstand eine höchst lebhafte Balgerei.

Nachdem alles in Augenschein genommen, wurde der Rückzug zum Schiff angetreten, unter dem Geleit sämtlicher Wilden, die nie ein solches Fahrzeug kennen gelernt hatten. Was sie besaßen, war eine sogenannte Prau, ein flaches, schlechtes Boot, mit dem sie oft von einer der zerstreuten kleinen Inseln zur anderen fuhren.

Nur die Kecksten wagten es, mit an Bord zu gehen; wie Kinder betasteten und bewunderten sie jeden Gegenstand, die Wanduhr hielten sie sogar für göttlichen Ursprunges, und als Franz in der Kajütte anfing, das Piano zu spielen, da verstummten die harmlosen Hörer vor lauter Staunen. Auf den Zehenspitzen schlich sich einer heran und dicht hinter den Stuhl des Knaben, der seine Absicht schon ahnte. „Vierhändig?“ sagte er zum Ergötzen der anderen in deutscher Sprache.

Der Malaie nickte. Behutsam den Zeigefinger ausstreckend vollführte er einen plötzlichen, heftigen Schlag gegen eine Taste, und als der Ton hell erklang, sah er triumphierend seine Landsleute an. Der Geist hatte für ihn gesprochen.

„Gib acht,“ lächelte Franz, „jetzt werden sie alle ihre Kunst probieren wollen.“

Und so geschah es wirklich. Der eine wagte nur mit spitzen Fingern das Instrument zu berühren, der andere legte die ganze Hand darauf, der dritte fuhr langsam von oben bis unten über alle Tasten und lachte vor Vergnügen über die „verschiedenen Stimmen, die ihm geantwortet hatten.“ Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer, der den Bock einnehmen und mit beiden Händen spielen wollte, wie er es von Franz gesehen; dieser rötliche, in Adams Staatsanzug erschienene, aber dabei mit Bogen und Köcher wohlbewaffnete Jüngling mußte sehr genau beachtet haben, was vorging, denn er ahmte vollständig die Handbewegungen des jungen Weißen nach, schlug auch energisch auf die Tasten, vollführte aber dabei natürlich einen solchen Höllenlärm, daß sich unsere Freunde am liebsten die Ohren zugehalten hätten. Franz lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen: so urkomisch war das Bild des entzückten, emsig hämmernden Malaien.

Und dann kam bei Wein und allerlei Geschenken, unter denen namentlich blanke Knöpfe sehr begehrt waren, der Abschied, den Papa Witt mittels einiger Kanonenschüsse verherrlichte. Zuerst erschraken die Wilden, so daß einige unter ihnen laut aufschrien, andere sich köpflings über Bord ins Wasser stürzten, dann aber überzeugten sie sich, daß ihnen kein Schade geschehen war und kamen wieder, um den Geist nochmals reden zu hören. Als die letzten an Land gesetzt waren und das Schiff seine Fahrt begann, da stürzte sich der ganze Stamm, Männer und Frauen, ohne weiteres in das Meer und gab dem langsam dahingleitenden Koloß, noch eine Strecke schwimmend und laute Zurufe ausstoßend, das Geleit; erst als der Dampfer seine volle Kraft entfaltete, blieben sie natürlich im Kielwasser desselben weit zurück.

S. 330.

Das Klavier und die Eingebornen von Lombock.
„Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer der den Bock einnehmen und mit beiden Händen spielen wollte.“

Die Weißen waren von diesem Besuch unter den harmlosen Naturkindern sehr befriedigt; sie wollten bei den Alfuren auf Nordcelebes ebenso verfahren oder doch höchstens eine einzige Nacht am Lande bleiben, zumal man dort keineswegs diese kindliche Unbekanntschaft mit den zivilisierten Völkern der Welt mehr voraussetzen konnte, die Alfuren vielmehr wegen ihres schlechten, hinterlistigen und durch den Umgang mit ihren weißen Unterdrückern mißtrauisch gewordenen Charakters berüchtigt waren.

„Wir dürfen dorthin gar nichts mitnehmen,“ erklärte Papa Witt, „wir müssen in unseren Kleidern schlafen und die Waffen in der Hand behalten, denn alle diese schwarzen Kerle stehlen wie die Raben, haben Ungeziefer und sind zu jeder Schandthat fähig, säbeln auch ebenso wie die Dajaks mit großer Vorliebe anderer Leute Köpfe herunter, ohne jeglichen Unterschied der Farbe, die weißen sowohl als die gelben. Führer können wir nicht brauchen, sie würden uns vielleicht in den nächstbesten Hinterhalt locken und ermorden.“

„Sind Sie dagewesen, Alter?“ fragte Holm.

„Ich? Wo wären wir beide nicht gewesen, der Kapitän und ich? Wer so seine dreißig und mehr Jahre auf der See ‚schwalkt‘, der hat am Ende alle Küsten der Erde gesehen. Ich sage Ihnen, da bei den Schmutzmenschen in Menehasse ist nichts Erfreuliches zu holen.“

„Einerlei, Papa! haben wir nun nach einander alle möglichen westafrikanischen Negersorten, die Hottentotten, Buschmänner und Kaffern, die Malagaschen, Singhalesen, Javanen, Dajaks und Malaien von Lombock gesehen, dann dürfen schließlich auch die Alfuren nicht fehlen. Zwei oder drei Tage auf Celebes machen nichts aus.“

„Zwei oder drei Tage!“ knurrte der Alte. „Und darum einen ganzen Breitengrad segeln, ohne Sinn und Verstand im Zickzack, es ist zum Tollwerden. Mit Naturforschern reise ich all mein Lebtage nicht wieder. Die gebahnten Straßen sind ihnen ein Greuel, den sicheren Handelshäfen gehen sie weit aus dem Wege und landen da, wo rechtes Diebsgesindel wohnt, und wo das Schiff kaum eine Stelle findet, um seine Anker auszuwerfen. — Nun, da ihr doch einmal nicht zu bessern seid, will ich euch in der Bucht von Lomini eine Stelle zeigen, wo ihr mit dem Boot über die Spitzen eines unterseeischen Waldes dahinfahren und eine kleine Pflanzung von lauter Algen ansehen könnt. Es ist lange her, seit ich hier war, — wir begruben damals im Meer einen Kameraden, der von den Alfuren ermordet wurde, — mitten in der Nacht, denn der Kapitän hatte uns verboten, an Land zu gehen, aber wir wollten natürlich unseren Genossen nicht ohne Seemannsehren dem nassen Grabe überliefern und machten daher die Sache heimlich. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?“

„Gewiß!“ nickte der. „Damals waren wir junge schlanke Leichtmatrosen, unternehmungslustige Hamburger Schlingel, die zu fünfen das Schiff verließen, um mit den Eingebornen Händel zu suchen. Einer von uns wagte sich im besten blauen Anzug, mit Uhr und Kette allein in ein solches verdammtes Wohnhaus hinein, noch dazu mit der Harmonika, spielend wie ein Neapolitaner, tanzend und aller Thorheiten voll, der arme Junge! — Als wir ihn nach stundenlangem, ängstlichen Suchen wiederfanden, da war er bis auf die Haut entkleidet und des Kopfes beraubt. Aus Furcht vor Strafe fuhren wir weit in die Bucht hinein und versenkten ihn da, der Kapitän hat niemals erfahren, wo wir in jener Nacht gewesen, und wohin der fehlende Leichtmatrose gekommen.“

„Hört ihr’s?“ ermahnte Doktor Bolten. „Also vorsichtig, solchen Menschen gegenüber. Hier und in den Australischen Inselgruppen können wir keine weiten Landreisen unternehmen; es kommen zu wenig Weiße hin, als daß die Eingebornen wie in Afrika und auf Madagaskar oder Java an eine Bestrafung ihrer Mordthaten denken sollten. Celebes hat, so viel ich weiß, nicht einmal einen namhaften Hafen?“

„Nur Makassar!“ nickte der Kapitän. „Dahin aber kommen wir nicht. Unser Weg führt uns zu den Orang-Badju, welche in einer stillen Bai auf dem Wasser leben und zwischen ihren Pfahlbauten nur in Booten verkehren, und zu den Alfuren nach Menehasse.“

„Und wann gelangen wir etwa dorthin?“ fragten neugierig die jungen Leute. Der Gedanke an ein Dorf auf dem Meer hatte ihr Interesse im höchsten Maße erweckt.

„In acht bis zwölf Tagen,“ war die Antwort.

Das schien zwar vorerst eine lange Zeit, aber Borneo hatte hinreichendes Material geliefert, das präpariert werden mußte, und so war nicht zu fürchten, daß Langeweile ihren Aufenthalt an Bord nehmen würde.

Einige der geschossenen Vögel mußten abgebalgt werden und anderseits galt es, die an Ort und Stelle gewonnenen Häute tüchtig mit Arsenikseife einzureiben, denn in etlichen zeigten sich schon zerstörende Maden und Würmer. Auf Borneo hatte Holm den Baya erlegt, den berühmtesten aller Webervögel, der aus Grashalmen ein Nest zusammenflechtet, das aussieht wie die Retorte des Chemikers. Meistens hängt er sein Nest an die Palmen an, in Birma aber, wo dieser Vogel auch vorkommt, nistet er an den Häusern und Hütten, ohne Furcht vor den Menschen zu äußern, und oft sieht man dort an den Wohnungen der Eingebornen zwanzig bis dreißig solcher Nester hängen.

„Ähnlich wie bei uns die Nester der Schwalben,“ warf Hans ein, „denen niemand etwas zuleide thut und die sogar auf dem Flur der Bauernhäuser sich friedlich ansiedeln.“

„Merkwürdig ist noch der Umstand, daß dieser Vogel Lehmklumpen in sein Nest einträgt, die oft ein Gewicht von hundert Gramm haben,“ sagte Holm, „und deren Zweck zu sein scheint, das Nest im Gleichgewicht zu halten, wenn der Wind heftig daherweht.“

Prachtdrosseln waren in mehreren Arten erlegt; darunter der Pulih, dessen Oberseite metallisch grün, Schwanz und Flügel schwarz, Spitzen der Flügel und des Schwanzes mattblau, Kehle rosenrot, Oberbrust gelblich, Unterbauch scharlachrot ist. Der nur auf Borneo lebende seltene Kellenschnabel war von Franz geschossen worden, der ihn auch eigenhändig abbalgte und einseifte. Von Taubenarten war man so glücklich gewesen, die reizende Sperbertaube und die prachtvolle Mähnentaube zu schießen, die in den glänzendsten Farben prangt. Der Kopf, der Hals und die ganze Unterseite sowie die Schwingen sind schwarzgrün, die Federn der Unterseite kornblumenblau gesäumt und die langen, mähnenartigen Federn des Halses grasgrün und goldschimmernd. Das Auge ist licht rotbraun. Auch hatte Hans glücklicherweise ein Exemplar des Maleo erlegt, ein Buschhuhn, das ähnlich wie der Strauß seine Eier in den Sand legt und von der Sonnenwärme ausbrüten läßt.

An gefangenen Buschhühnern hat man das Brutgeschäft genau beobachten können. Das männliche Buschhuhn beginnt beim Herannahen der Brutzeit innerhalb seines Geheges alle nur irgendwie vorhandenen Pflanzenstoffe zusammenzuscharren, indem es dieselben mit dem Fuße nach hinten wirft, und zwar immer einen Fuß voll auf einmal. Da es seine Arbeit stets am äußeren Rande des Geheges anfängt, so wird die Masse nach innen in den Kreis geworfen und allgemach zum Haufen aufgetürmt. Sobald dieser eine Höhe von etwas über einen Meter erreicht hat, machen sich beide Vögel daran, ihn zu ebnen, und wenn dies geschehen, höhlen sie im Mittelpunkte eine Vertiefung aus. In letzterer werden zu bestimmten Zeiten die Eier niedergelegt und ungefähr vierzig Zentimeter unter dem Gipfel in einem Kreise geordnet. Die verfaulenden organischen Stoffe entwickeln nun, in ähnlicher Weise wie im Mistbeet, eine nicht unbeträchtliche Wärme. Das Männchen beaufsichtigt den Hergang der Entwickelung und namentlich den Zustand der Wärme des natürlichen Brütofens sehr sorgfältig. Es bedeckt gewöhnlich die Eier und läßt nur eine runde Öffnung, durch welche die den in der Brut befindlichen Eiern unumgänglich notwendige Luft nach unten gelangt und durch welche eine übermäßig gesteigerte Wärme gemildert wird. Bei heißem Wetter aber nimmt es zwei- oder dreimal täglich fast die ganze Decke weg, damit die Eier nicht zu heiß werden.

Diese Mitteilung interessierte die Knaben in hohem Grade, und sie bedauerten nur, daß die Verhältnisse es nicht gestatteten, brutfähige Eier des Maleo nach Hamburg zu senden, damit im dortigen zoologischen Garten Beobachtungen an diesen Verwandten des Buschhuhns gemacht werden könnten.

„Ich sehe immer mehr ein,“ bemerkte Franz, „wie ungemein schwer es ist, einen zoologischen Garten mit seltenen Tieren zu versehen. Wenn auch der Fang, trotz der vielen Gefahren und Schwierigkeiten gelingt, so kommt hinterher noch erst der Transport der Tiere, durch Wüsten und unwegsame Gegenden, über Meer und über Land, bis sie den Ort ihrer Bestimmung erreichen. Wie viele Tiere sterben unterwegs aus Mangel an geeignetem Futter und weil es ihnen an allem fehlt, was ihnen sonst zum Gedeihen notwendig ist.“

„Und doch,“ unterbrach Holm ihn lächelnd, „besuchen viele Menschen die zoologischen Gärten nur — um ein Konzert zu hören oder ihren neuen Anzug bewundern zu lassen. Doch das soll uns jetzt nicht viel kümmern. Wir haben hier eine Anzahl schöner Schmetterlingsraupen, die präpariert werden müssen.“

„Legen wir sie in Spiritus?“ fragte Hans.

„Nein,“ erwiderte Holm, „im Spiritus verlieren sie zum Teil ihre Farbe und zuweilen auch ihre Form. Wir müssen sie in Mumien umwandeln und zwar dadurch, daß wir sie mit Tabakssaft töten und dann in gelinder Hitze rasch trocknen.“

Er nahm eine der eingefangenen Raupen und tötete sie mit einem Tropfen Tabakssaft, wie er die Knaben gelehrt hatte die Schmetterlinge zu töten. Dann spießte er die Raupe vorsichtig auf einen feinen Eisendraht, der mit Nickelmetall überzogen war, damit er nicht verroste, und über dem Feuer einer Spiritusflamme wurde die Raupe hierauf unter fortwährendem Drehen und Wenden langsam getrocknet, bis sie keine Feuchtigkeit mehr enthielt und fast zerbrechlich geworden war.

„Das ist eine Arbeit für mich,“ rief Doktor Bolten, „sie erfordert keine größere Geschicklichkeit, als ich mir zutrauen darf.“

„Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie mit den rauhhaarigen und borstigen Raupen der Flamme nicht zu nahe kommen,“ rief Holm lachend, „denn abgesengte Exemplare haben keinen Wert mehr für uns.“

„Ich will meine Sache schon gut machen,“ antwortete Doktor Bolten. „Während Franz und Hans ihre Journale vervollständigen, werde ich Raupenmumien präparieren, denn mit meinen Aufzeichnungen bin ich fertig.“

„Gut,“ sagte Holm, „hier ist eine recht große fette Raupe, nun zeigen Sie einmal ihre Geschicklichkeit.“

Der Doktor tötete und spießte die Raupe und brachte sie über die Flamme. „Seht ihr,“ rief er, „ich verstehe mich ausgezeichnet auf solche Sachen!“

Kaum aber hatte er sich dieses frühzeitige Lob erteilt, als die Raupe anfing sich dick aufzublähen. Dann aber sagte sie laut „Paff“ und war auseinandergeplatzt.

„Was ist das?“ fragte der Doktor und machte eine bestürzte Miene.

„Sie haben die Raupe der Flamme zu nahe gebracht, teuerster Doktor,“ antwortete Holm. „Sie hätten bedenken müssen, daß eine Raupe kein Bratapfel ist.“

Alle lachten, auch der Doktor stimmte mit ein. „Von jetzt an werde ich vorsichtiger sein,“ sagte er. „Jedenfalls hat ein mißlungener Versuch das Gute, daß man aus ihm lernt, wie man es nicht zu machen hat.“

Die getrockneten Raupen wurden in Watte gehüllt und gut in Blechdosen verpackt. Reichliche Mengen von Kampfer wurden dazwischen gelegt, um zerstörende Insekten von ihnen fernzuhalten.

So vergingen die Tage auf dem Schiffe in voller Beschäftigung, bis an einem schönen Morgen die massigen Umrisse eines weit hinausreichenden Vorgebirges in blauer Ferne aus dem Wasser auftauchten; die langgestreckte, skelettartige Form von Celebes zeigte einen ihrer Arme, das Kap Rivers; ein ungeheurer Höhenzug trug rauschenden Wald und thätige, von Wolken umwirbelte Vulkane; darunter aber in stiller enger Bucht, gleichsam an die Brust des Felsens geschmiegt, lag das Pfahldorf.

Die Bauten unserer ersten Eltern, die Uranfänge aller Menschenwohnungen, die nächsten, natürlichsten Schutzmittel gegen wilde Tiere! — ein sonderbarer Anblick, so Hütte an Hütte auf muschelbedeckten, von Schnecken und Austern bewohnten Pfählen, unter denen das seichte Wasser kaum zwei Meter tief dahinfloß. Selbstverständlich konnte der Dampfer nicht bis in die Nähe gelangen, aber er setzte Boote aus, und die ganze kleine Gesellschaft fuhr in die schmalen Straßen zwischen den Häusern hinein. Fahrzeug nach Fahrzeug kam ihnen entgegen: Fische, Krebse, Austern, Schneckenhäuser und hundert kleine, zierliche Arbeiten aus Muscheln, Schildpatt, Korallen und Perlen wurden zum Kauf angeboten; die Menschen zeigten sich als eine Mischlingsrasse, sowohl den Malaien als den Chinesen verwandt, waren hell und hübsch, und in ihrem Auftreten äußerst bescheiden und friedliebend. Aber wie arm, wie eng schienen diese Hütten! Das Boot von der „Hammonia“ steuerte hindurch, die jungen Leute kauften von jedem Händler etwas, sahen bei Gelegenheit in jede Thür hinein und entdeckten dort immer nur ein Blätter- und Mattenlager, Fischgerät, einen rohen Tisch und ein paar Decken; gekocht wurde draußen in den Booten. Überall war es lebendig, überall wimmelte es in chinesischer Überfüllung von Kindern und Erwachsenen; nur eine schmale Fahrstraße lief zwischen den engbewohnten Bienenkörben dahin, Seitengänge zweigten sich ab, manche Familie schien sogar nur das offene Boot als Heimstätte zu besitzen und hinter einer vom Mast flatternden Decke auf bloßen Brettern zu schlafen.

Wie doch die Orang-Badju auf den Gedanken kamen, so ihr ganzes Dasein in dieser Bai zu verbringen? Meilen und abermals Meilen standen ihnen auf der schönen fruchtbaren Insel offen, unbegrenzte Ebenen lieferten Weideplätze und Ackerland, unbegrenzte Wälder den Schutz und die Früchte ihrer Riesenstämme; aber das handeltreibende Völkchen zog es vor, abgeschnitten von allen Schönheiten der Natur, aller Freiheit der Bewegung und des Verkehrs, hier auf dem Wasser in feuchten, unbequemen Käfigen sein Dasein zu verbringen, wahrscheinlich ohne jemals selbst die Möglichkeit einer Änderung ins Auge gefaßt zu haben. „Derartige Niederlassungen in Buchten und schmalen Wasserstraßen gibt es hier herum viele,“ sagte der Kapitän. „Die Leute sind Fischer und treiben Tauschhandel mit allen benachbarten Küsten.“

„Aber im Sturm,“ fragte Hans, „wie machen sie es im Sturm?“

„Dann schlagen vielleicht die Wellen zur Thür hinein, spülen Kinder und Greise mit sich weg oder reißen die ganze Hütte in ihren Schoß hinab, daran läßt sich eben nichts ändern. In China hat man ja engbevölkerte, schwimmende Städte, die oft über Nacht meilenweit stromab getrieben werden, von denen im Orkan ein Dritteil aller Bewohner zu Grunde geht; — es bleiben immer noch mehr als genug Menschen übrig. Die Familienliebe, die Zärtlichkeit der Eltern für ihre Kinder ist wenig entwickelt, da wo es großen Massen am Notwendigsten fehlt; in den unteren Schichten des Volkes verkauft der Chinese mit Vergnügen seine Sprößlinge für billiges Entgelt, verschenkt sie auch wohl gar, um nur die hungrigen Mäuler loszuwerden. Ich glaube, die Orang-Badju machen es nicht besser.“

Wirklich sollte Holm mit dieser Vermutung recht behalten. Mehr als ein gelber, verschmitzt blickender Fischer kam in seinem Boote heran und deutete vertraulich blinzelnd auf einen größeren oder kleineren Jungen, den er mit sich führte. Ob nicht der fremde Herr einen Schiffsjungen brauche, einen Diener oder sonst einen Knecht irgend einer Art; ganz wohlfeil sei er zu haben, für geringe Bezahlung, er sei ein so geschicktes, anstelliges Kind, so klug und so sanft wie ein Mädchen, der Herr möge ihn nur erst einmal mitnehmen!

Und wenn dann der Kapitän den Kopf schüttelte, bot der brave Vater seinen Sohn ganz umsonst an, meistens wurde erst eine entschiedene Drohung notwendig, ehe die beharrliche Verfolgung ein Ende nahm.

Etwas weiter hin, außerhalb des Gebietes der Pfahlbauer, begann dann an der Küste im seichten Wasser die Algenfischerei, zuerst mittels der herabgelassenen Lampe, die ohne Schleppnetz oder eine andere Vorrichtung zum Fang nur als Beleuchtungsmittel diente. Während das blaue, bewegliche Element auf hohem Meer bis zu zehn und zwölf Meter Tiefe ganz durchsichtig bleibt, ist diese Eigenschaft an der Küste selbst nicht mehr bis zu einem Meter vorhanden, die Strahlen der Laterne waren also erforderlich, um dem tauchenden Matrosen den Weg zu zeigen. In einen Taucheranzug gehüllt, wurde der Mann hinabgelassen, nachdem der Schlauch der Luftpumpe wohl gefüllt, und dann die Laterne nachgesandt. Das Wasser war vielleicht sechs Meter tief, einige Augenblicke hätten genügt, um auf das leiseste Zeichen hin den Taucher an die Oberfläche zu bringen, die Sache konnte daher ganz ungefährlich genannt werden und machte hauptsächlich den Knaben großes Vergnügen.

Auch die Orang-Badju kamen auf ihren Booten von allen Seiten heran, vielleicht bei dem Erblicken des Tauchers an Zauberei denkend, vielleicht in der stillen Hoffnung, den Schatz, welchen nach ihrer Ansicht die Weißen aus dem Meere hervorholen wollten, ohne viele Mühe an sich zu bringen, jedenfalls aber voll Erwartung, im tiefsten Schweigen und in dichtgedrängter Menge. Eine förmliche Flotte umgab das große Boot von der „Hammonia“, und als sich der Grund des Wassers zu erhellen begann, da stiegen zu den „Empong“ oder Göttern der Insel doch allerlei Stoßgebete empor. Sie selbst kannten nicht einmal ein Mittel, am Abend die trockene Luft zu beleuchten, diese Weißen dagegen verstanden es, sogar das Wasser anzuzünden. — —

Ein Gemurmel durchlief die Menge. Den Zauber sollten die Weißgesichter herausgeben, — einer verständigte sich mit dem anderen durch Blicke; um jeden Preis mußte man das Feuer, welches tief unter dem Wasser brannte, besitzen.

Unsere Freunde hatten inzwischen ein reiches Lager von Algen entdeckt. Was auf hohem Meere vielleicht eben so schön und mannigfaltig vorhanden war, das ließ sich doch nur sehr selten und meistens in zerrissenen oder abgestorbenen Exemplaren einsammeln; hier aber wuchs es nahe der suchenden Hand in üppigster Vielgestaltung; manche ganz neue Art sah Holm zum erstenmale, manche bekannte, lang vermißte fand er endlich wohlerhalten vor, während die jungen Leute und der Doktor in ein wahres Zauberland zu blicken glaubten.

Die Welt da unten glich der des Märchens, es war der Palast und der Wald des verwünschten, in einen Frosch verwandelten Königssohnes; allerlei kriechendes, sonderbares Getier bildete die Dienerschaft, das Bett war von grünen, ganz kleinen, aber üppig dicht neben einander stehenden Pflänzchen, und zur Wache thronten an beiden Seiten große Krebse mit weit heraustretenden Augen. Das waren die wie Samt aussehenden Konserven, die dichten Teppiche, auf denen sich Würmer mit roten Ringeln und Federbüschen am Kopf behaglich dehnten; aus ihrer Mitte heraus wuchs der Meersalat mit breiten, grünen Blättern und zuweilen hier oder da die rosa und scharlach gefärbten Irideen in der Pracht ihrer riesigen, mantelförmig gefalteten Blätter, dann der gewöhnliche, olivenfarbene Tang und die seltsamen, netzförmig durchbrochenen Thalassiephyllen und Agaven. Diese letzteren bildeten in des Zauberprinzen Königreich schon die großen Baumarten; sie sahen aus wie ein tropischer Wald und schillerten zuweilen sogar auf einer und derselben Blattfläche in allen Farben. Gelb, grün, rot und blau in Verbindung mit sämtlichen Zwischenstufen dieser verschiedenen Grundtöne, dehnten sich die meterlangen und ebenso breiten, von Gestalt unförmlichen Blätter unter dem Wasser, gestickten Maschen gleich, ganz glattfest, knorpelig oder wie Gallerte, je nach ihrer besonderen Eigenart, tief unter dem Schatten der großen Riesen des Wasserwaldes. Diese letzteren waren die Laminarien mit ihren zehn Meter langen, dem Auge unübersehbaren, wie breite wellige Bänder dahinflatternden Blättern, die Makrocystisarten mit birnenförmigen Blasen, die langgestielten Alarien, deren Stamm von einem schmalen Blattbüschel wie von einer Manschette umfaßt, in das einzige riesige, auf hohem Meer bis zu zwölf, hier freilich nur bis zu fünf Metern anwachsende Blatt auslief. Erst fadenförmig, dann stärker und stärker werdend, endete dieses Blatt als plumpe, runde Keule, auf der ein ganzer Büschel langer, schmaler Blattstreifen sich nach allen Seiten ausbreitet. Zwischen und unter den genannten großen Gattungen wuchsen zahllose, purpurne Florideen, und endlich und zuletzt erschienen als die Blumen dieser weitgedehnten Busch- und Baumanlagen die schönen zarten Seerosen aller Farben, von den kleinsten, die wie Fingerhüte an jeder vorspringenden Klippe hafteten, bis zu den größten, deren Umfang den der Rose weit hinter sich ließ, von weiß bis dunkelrot, violett und hochgelb in allen Schattierungen.

Das ganze Bild im schwankenden Licht der Laterne hatte etwas wunderbar Phantastisches, Märchenhaftes; die Gestalt des Tauchers, vom Wasser vergrößert und auseinandergezogen, erschien wie die eines Riesen, der raublustig einbricht in das stille Reich und ganze Wälder, ganze Fluren auf einen Griff verwüstet. Wenn die große Hand solch unterseeische Pflanze erfaßte und in den mitgebrachten Sack steckte oder zum Boukett, dessen letzte Ausläufer zehn Schritt weiter hin im Wasser lagen, zusammenraffte, dann flüchteten Krebse und Käfer, Schnecken und Muscheln nach allen Seiten. Die Seerosen wurden verschont; man hatte sie oft genug gesehen und wußte ja, daß ihnen die freie Luft sofort tödlich war; ebenso die kleinen Krebse und Muscheln.

Die Winde am Deck begann zu arbeiten, langsam erschien auf der Oberfläche des Meeres der Taucher mit dem Sack voll Algen, und vorsichtig wurde ihm dieser, sowie das gesammelte Boukett der größeren Pflanzen aus der Hand genommen. Holm zog die langen Blätter an sich wie Schätze, die ihm der nächste Hauch entführen könnte; er ließ die Laternen aufwinden und gab Befehl, so schnell als möglich zum Schiff zurückzukehren; dann aber, als seine Blicke der feindlichen Haltung aller dieser Wilden begegneten, stutzte er. Was bedeutete das?

Der vorderste Gelbe streckte die Hand aus. „Das Feuer, welches unter dem Wasser brennt,“ sagte er in englischer Sprache, „wir wollen es haben.“

„Die Laterne?“ rief erschreckend der junge Gelehrte. „Das ist unmöglich, ich kann mir während dieser ganzen Reise keine zweite verschaffen und muß sie behalten!“

Der Orang schüttelte den Kopf. „Sie soll uns Fische und Krebse zeigen, wir wollen sie auf alle Fälle haben.“

Der Kapitän erhob sich vom Sitz. Bisher war ihm bei dem interessanten Schauspiel da unten nicht in den Sinn gekommen, die Boote der Eingebornen zu beobachten, er sah erst jetzt die nahende Gefahr. „Ich gebe euch eine solche Laterne, Leute!“ rief er mit hallender Stimme. „Kommt zum Schiff, und ihr sollt sie haben.“

Die Orang-Badju flüsterten. An ihrer Haltung ließ sich leicht erkennen, daß sie dem Versprechen nicht trauten, sie antworteten mit einer neuen energischen Forderung.

Der Kapitän übersah die augenblickliche Lage. Vom Schiff wenigstens fünfhundert Schritte entfernt, von einer gedrängten Anzahl bewaffneter Männer umgeben, war die Lage der kleinen Schar so ungünstig wie nur möglich. Alle diese Orang-Badju hatten Bogen und Pfeile, schwere mit Eisenspitzen versehene Harpunen und nicht selten auch noch lange Spieße; wenn sie sich ernstlich gegen das Boot der „Hammonia“ kehrten, so war dasselbe verloren.

„Die Gewehre in Anschlag!“ kommandierte er. „Keinen Schuß, ehe ich das Zeichen gebe.“

Dann trug der Wind den Schall der Signalpfeife über das Wasser dahin; jedenfalls aber mußte an Bord die Bedrängnis der Gefährten schon bemerkt worden sein, denn im selben Augenblick stießen die beiden letzten Boote voll bewaffneter Matrosen vom Schiffe ab, und an Deck brummte die Kanone. Eine Kugel flog über alle diese Pfahlbauten hinweg weit in das grüne Ufer hinein, riß die Krone eines Baumes fort und brachte so den Wilden von der verheerenden Macht des Geschosses einen ungeahnten Begriff bei. Sie stutzten, vergaßen im Augenblick die gewohnte, für ihre Absichten so durchaus notwendige Vorsicht und ermöglichten es dadurch dem Kapitän, mittels schneller Bewegung des Steuers aus dem umgebenden Kreise heraus und an die Seite ihrer Fahrzeuge zu gelangen.

Ohne weiteren Befehl legten sich die Matrosen mit vereinten Kräften in die Riemen, das Boot schoß wie eine Möwe über die blaue Flut dahin, — die List der Weißen schien gelungen.

Aber nur sekundenlang währte die Überraschung der Orang-Badju, dann brach von ihren Lippen ein Wutgeheul gleich dem Toben wilder Tiere los, überall schwirrten Pfeile durch die Luft, ja sogar Harpunen wurden geworfen, und wieder einmal erhielten unsere Freunde verschiedene nicht unerhebliche Wunden; sie selbst aber schossen nur auf die leichten Fahrzeuge, nie auf die Eingebornen, deren Wut sich vergrößerte, je mehr Vorsprung ihre Feinde gewannen. Hier oder dort sank eines der schlechten Boote; die Matrosen vom Dampfer vereinigten ihre Kräfte mit denen der Kameraden, und um endlich die Sache gründlich zu behandeln, schlug eine zweite Kanonenkugel derartig ins Meer, daß die Mehrzahl der Wilden von dem gewaltigen Spritzwasser, welches sie überschüttete, zu Boden oder häufig gar über Bord geworfen wurde. Es war eine Szene bodenlosester Verwirrung und des Aufruhrs sondergleichen. Hochgehende Schaumwellen, schwimmende Wilde, leer treibende und versinkende Kanots, dazu Spieße, Ruder, Pfeile und Harpunen, alles nickend und tanzend, wie die Wogen kamen und gingen. Inmitten dieses Trödelmarktes auf den Wellen drangen die Boote mit den Matrosen weit genug vor, um sich erfolgreich zwischen beide Parteien zu werfen; man schoß auch hier nicht, aber dennoch hielten die Kugelbüchsen und vor allen Dingen die Schiffskanone den ganzen Schwarm der Orang-Badju dermaßen in Respekt, daß kein weiterer Versuch zu Feindseligkeiten gewagt wurde. Wie im schweigenden Einverständnis hatte man allerseits das Leben der Wilden verschont und doch seine Zwecke erreicht; Papa Witt nickte grimmig, als die kleine Expedition blutend und mit bleichen Gesichtern wieder an Bord kam. „Die gelben Hunde!“ sagte er. „Wär’s nicht unchristlich gedacht, ich möchte wohl ein paar Vollkugeln in das Dorf hineinschicken und die Banditen unter ihren eigenen Dächern begraben.“

Dann aber verband er mit des Kapitäns Hilfe die verschiedenen schmerzenden Glieder und legte Salben auf das von den Pfeilen zerrissene Fleisch; erst nachdem der erste Schreck überwunden, konnten die jungen Leute ihre Erinnerungen sammeln und sich alle Einzelheiten des kleinen Abenteuers ins Gedächtnis rufen. Das war so schnell, so überraschend gekommen, sie wußten selbst nicht recht wie. Nur daß die Wilden geglaubt hatten, diese Lampe sei ein Zauber, der das unter dem Wasser Befindliche zu entdecken und zu heben vermöge, schien klar; kein Wunder also, daß sie lebhaft wünschten, für ihre Fischerei und ihren Perlenfang den Fetisch zu besitzen.

Als das Schiff am Ausgang der Bai vorüberfuhr, hielten sich die Gelben sämtlich versteckt, wahrscheinlich aus Furcht, eine dieser entsetzlichen großen Kugeln in ihr Dorf einschlagen zu sehen. Die Fahrzeuge waren an Pfählen befestigt, alles Treiben ruhte, alle diese Wasserstraßen voll Kinder und Frauen, diese Boote voll handelnder Männer schienen plötzlich ausgestorben, dafür aber gewann, nachdem Kap Rivers umschifft worden, die Landschaft des Ufers einen immer anziehenderen Charakter. Auf weiten, freien, von üppigstem Graswuchs bedeckten Ebenen weideten zahllose Herden von kräftig gebauten Büffeln, Antilopen und namentlich auch kleinen, äußerst feurigen wilden Pferden, die ersten, welche die Reisenden in freiem Zustande angetroffen. Es gab ein hübsches Bild, die gewaltigen, plumpen Büffel und die leichtfüßigen Pferde so über das ebene Land dahingaloppieren zu sehen, zwischen ihnen schlanke Antilopen und den Annang, ein Mittelding des Rinder- und Antilopengeschlechtes, über ihnen auf allen Bäumen die schönsten, farbenprächtigsten Vögel, namentlich den Tropikvogel mit seiner wunderbaren, gebogenen, einzeln dastehenden Schwanzfeder und verschiedene Arten des Paradiesvogels, ebenso die großen samtglänzenden Schmetterlinge der Tropen.

Wäre nicht die Hitze beinahe unerträglich und dadurch die Schmerzhaftigkeit der Wunden bedeutend verstärkt gewesen, so hätten die Reisenden an manchem Punkt dieser einsamen Nordküste von Celebes schon angelegt und die friedlichen Wälder streifend durchforscht; so aber gab es viel zu leiden, Franz hatte sogar Fieber, und der Malagasche hinkte wie ein Stelzfuß; die Wunden waren noch nicht völlig geheilt, als einige Boote die Abenteurer an dem nördlichen Punkt der Insel, in Menehasse, an Land setzten. Absichtlich hatte man eine ganz versteckte, unbewohnte Ecke gewählt; hoch und steil ragte in scharfer Biegung das Ufer bis in die Wellen hinaus; eine schmale enge Bucht, am Felsen dahinlaufend und langsam im Grün des Bodens verschwindend, führte durch schattiges Dunkel auf einer Seite in den etwas versumpften dichten Wald und auf der anderen zum sandigen, der Sonne preisgegebenen Strande.

Diesmal war alles, was das Schiff entbehren konnte, mitgenommen worden, um die Alfuren von Feindseligkeiten zurückzuschrecken; auf Führer verzichtete man, Häuser wollte man nicht besuchen und auch nicht Tauschhandel anbahnen, sondern einzig und allein Pflanzen und Tiere sammeln. Zwei Tage und Nächte waren für diese gefährliche Expedition bestimmt, und jeder einzelne Mann trug Waffen für zwei. So ausgerüstet, verproviantiert und mit Munition und Wolldecken reichlich versehen, schlugen die kecken Abenteurer zunächst den Weg ein, der sie in das kühlere, schattige Innere des Waldes führte. Welch eine Labung nach der langen, brennend heißen Fahrt durch die Celebessee! Mit welchem Entzücken ließen die jungen Leute den stäubenden Wasserfall über sich dahinströmen; mit welchem Hochgenuß verzehrten sie die Beeren, deren reiche Fülle auf jedem Schritt zum Pflücken einlud! Hier brachte der Wind unter den undurchdringlichen Laubkronen die ersehnte Kühlung, hier lockte das dichte Moos des Bodens zum Ausruhen, der Gesang in den Zweigen, der Duft der Blumen zum Träumen auf weichem Blätterlager. Das Fleisch war gebraten vom Schiff mitgenommen, eine tüchtige Portion Brot und Cakes steckte in den leinenen Taschen, Käse und Rum befanden sich wohlverpackt daneben, ebenso gekochte Eier in Unzahl; man brauchte also für den Magen nicht zu sorgen, sondern konnte sich ganz den Neigungen überlassen.

Papa Witt war an Bord geblieben, nach langem Widerstand zwar, aber doch endlich besiegt. Die jungen Leute wollten ihn nicht mit sich nehmen, um unbehindert ihre Streifpartie hierhin und dorthin ausdehnen zu können, wobei ihnen der Alte im Wege gewesen wäre. „Es geht über Stock und Stein,“ hatte Holm gesagt, „die höchsten Berge hinauf und die tiefsten Schluchten hinunter, — wollen Sie das wagen, Steuermann?“

Und er wagte es nicht, aber er schärfte noch allen ein, sich vor den Alfuren zu hüten, besonders den Matrosen, deren Neigung für Reibereien und kleine Ausschreitungen er aus Erfahrung kannte. „Ihr geht in kein Haus hinein, Jungens,“ befahl er, „oder ich lasse euch im nächsten Hafen für Ungehorsam in aller Form bestrafen. Und noch eins — die Handharmonika bleibt hier auf dem Schiff!“

Sein ernster Blick suchte den des Kapitäns. „Ist mir’s doch, als sei es gestern gewesen, wo wir unseren Kameraden ohne Kopf wiederfanden,“ sagte er heimlich schauernd. „Gleich hier hinter der Ecke liegt das Dorf, — ich erkenne die Bucht und die scharfe Biegung; da hat sich in allen den Jahren nichts verändert, Kapitän. Wissen Sie was? — Wir verbieten kurz und gut den ganzen unklugen Zug in das Land der Halsabschneider. Ich will’s vertreten vor dem Chef, wenn wir nach Hause kommen.“

Dazu wollte aber der Kapitän sich nicht verstehen, obwohl ihn selbst der Anblick der bekannten Bucht weit tiefer erschüttert hatte, als er es dem alten Gefährten gegenüber äußerte. Weiterhin gab es keine Stelle mehr, wo Boote ungesehen die Landung zu bewerkstelligen vermochten; er schlug sich daher die Besorgnis, welche auch ihn heimlich beherrschte, so gut es anging, aus dem Sinn, und fügte nur noch den Ermahnungen des Steuermanns die seinigen hinzu; dann hatte er die kleine Gesellschaft ziehen lassen.

Tiefe Stille lag auf dem Walde, kein Mensch und kein Tier kreuzte den Pfad, nur seltsame, nie gesehene Vögel saßen auf allen Zweigen. Offenbar wurden diese hübschen Geschöpfe selten oder nie gejagt, denn ihre Zutraulichkeit ging so weit, daß sie sich zuweilen mit ausgestreckter Hand ergreifen oder sich eine Hanfschlinge über den Kopf werfen ließen. Einen derselben sahen die Knaben, als er an sumpfiger Stelle Schlamm mit dem Schnabel aufhäufte und dann davonflog. Es war ein niedriger Hügel entstanden; Franz untersuchte ihn sofort und entdeckte zu seinem Erstaunen unter einer zähen, leichten Schlammschicht fünf Eier, die jedenfalls dort von der Sonnenwärme ausgebrütet werden sollten. Eine genauere Durchforschung der Umgegend brachte noch dreißig oder vierzig weitere derartige Erdnester an das Tageslicht, zum Teil unter Schlamm, zum Teil unter Gras und Blättern verborgen, blaue und weiße, grüne und gesprenkelte Eier zeigend, aber sämtlich in einer Vertiefung des Bodens gelegen; nirgends zeigten sich Spuren einer brütenden Mutter. Natürlich wurden nur so viele Eier genommen, als verschiedene Arten vorhanden waren und immer auch nur eins aus jedem Neste; die Vögel schienen sich indessen um ihre Nachkommenschaft sehr wenig Sorgen zu machen, sie flogen davon und ließen die Weißen in ihrem Thun unbehelligt.

Von Strecke zu Strecke wurde der Wald sumpfiger und unwegsamer. Ausgedehnte stehende schwärzliche Gewässer, von mannshohem Schilf umkränzt, lagen unter dem ewigen Schatten der Bäume, große Krokodile dehnten sich an den Ufern, Schlangen glitten über den Fußboden dahin, und zuweilen tönte in der Ferne ein Brechen und Knacken, als wenn von flüchtenden Tieren das Unterholz gewaltsam beiseite gedrängt werde. Dann horchten die Weißen; aber der Klang verhallte, und es zeigte sich nichts; die Herde mußte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung genommen haben.

„Das sind wilde Schweine,“ behauptete Rua-Roa, „ich kenne ihre Art.“

Holm schüttelte den Kopf. „Die gibt es hier nicht,“ antwortete er. „Aber ja doch, ja,“ setzte er plötzlich hinzu, „wie konnte ich denn den Hirscheber, den Babirussa, vergessen! Wir müssen ihn unter allen Umständen schießen, wenigstens aber zu Gesicht bekommen.“

„Das wird nicht leicht sein,“ versetzte der Malagasche. „Nur erfahrene Schweinsjäger vermögen es, das Tier zu erlegen; in meiner Heimat sind sie hochgeehrt und gehen in jedem Hause aus und ein, als sei es das ihrige.“

„Verstehst du selbst denn nicht ein wenig von der Jagd, Junge?“

Rua-Roa schüttelte den Kopf. „Die Hovas sind keine Jäger, Herr! Aber wenn mich nicht alles täuscht, so werden diese Schweine von Eingebornen gejagt. Da sind sie wieder!“

Diesmal erklang das Grunzen und das Brechen der Zweige aus größerer Nähe, man hörte einen Augenblick lang auch Menschenstimmen, dann den Aufschrei eines Tieres, und alles war wieder still. Die Weißen sahen sich an, — Alfuren hinter den nächsten Gebüschen!

Holm legte den Finger auf den Mund. „Still, vielleicht kommen wir noch unbemerkt davon!“

Niemand rührte sich; es war, als behaupte eine Anzahl Versteinerter den Platz unter den Bäumen, nur der Wind flüsterte, und die Insekten schwirrten, — der Instinkt der Wilden hatte trotzdem die Gegenwart der Fremden entdeckt. Aus den Zweigen hervor sah ein rotes, von schwarzem Haar umgebenes Gesicht, dunkle, tiefleuchtende Augen sendeten spähende Blicke über die Gruppe der Weißen dahin, und dann sprach der Mann nach rückwärts zu seinen Genossen einige wenige Worte, worauf zwölf bis sechzehn Alfuren erschienen, sämtlich nackt, vollbewaffnet und von einem Schmutz, einer Verkommenheit der Erscheinung, wie man sie selbst bei den Urbewohnern Ceylons nicht wahrgenommen hatte. Alle diese Männer waren klein, schmächtig, von ungesunder Hautfarbe, mager und nicht selten mit einem Gesichtsausschlag behaftet; um die Lenden trugen sie den bekannten, zerfaserten Grasgürtel, sonst aber nichts als nur Waffen, einige von ihnen gingen auch ganz ohne alle Bekleidung einher.

Holm und die übrigen grüßten höflich, nur einer der Matrosen, ein blutjunger Mensch, sagte auf deutsch: „Das Lumpenzeug! sechs davon nehme ich allein auf mich!“

Der vorderste Alfure sah ihn an; es war ein langer, verborgenen Haß sprühender Blick. Hatte der Ton den Inhalt verraten? — —

„Di meen ick, Döskopp!“ setzte nickend und lachend der junge Hamburger hinzu.

Holm verbot mit kurzen barschen Worten dergleichen Scherze, auch die übrigen stimmten ihm bei, so daß die Alfuren aufhorchten, der Matrose jedoch allerlei Gegenreden in den Bart brummte. Der Auftritt ging schnell vorüber, aber er hatte genügt, in dem Herzen des jungen Menschen einen eigensinnigen Trotz wachzurufen und anderseits die Alfuren aufmerksam zu machen. Sie versicherten, ein schlechtes Englisch sprechend, daß den Weißen bei ihrer Jagd im Walde keinerlei Hindernis erwachsen würde und stellten ihr Dorf mit allem, was sie besaßen, den Gästen zur Verfügung. Holm dankte ebenso höflich; dann wurden kleine Geschenke verteilt und von den Wilden das eben erlegte Tier herbeigeholt, um es den Fremden als Gegenleistung anzubieten.

Darauf trennte man sich, nachdem die Alfuren noch versichert, daß in einer Bucht nahe bei ihrem Dorfe heute abend Trepang gefangen werden würde, und daß dazu die Weißen höflichst eingeladen seien!

Holm hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich des Hirschebers zu bemächtigen und das seltene Tier nach allen Richtungen zu besehen und auszumessen. Dieses große, vollausgewachsene männliche Exemplar zeigte die Länge von anderthalb Metern und war etwas über einen halben Meter hoch; es hatte die rauhen Borsten des gemeinen Schweines, aber dabei die melancholischen, sprechenden Augen des Hirschgeschlechtes; die hauerartigen Eckzähne durchbohrten an beiden Seiten die Oberlippe.