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Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. cover

Das Naturforscherschiff / oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Chapter 6: Viertes Kapitel.
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About This Book

A pair of young merchants' sons embark with scientific mentors on a multi‑year global voyage aboard a newly built Hamburg steamer devoted to natural history. The account traces coastal and inland journeys in West Africa, island voyages through the Indian and Pacific Oceans, and a visit to Australia, interspersed with hands‑on scientific exercises, specimen collecting, and field photography. Episodes range from hunting, fishing, storms, and shipwrecks to encounters with diverse peoples, tribal conflicts, and rescues, alongside frequent confrontations with large and dangerous wildlife. The narrative emphasizes exploration, practical natural‑history work, interpersonal solidarity, and survival, closing with a return passage via the Suez and reunion at home.

S. 71.

Hans unter dem Löwen.
„Die eine Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich ...“

Helle, goldene Sonnenstrahlen umspielten Blätter und Blumen, buntfarbige Vögel schossen überall singend und pfeifend durch das Gewirre, Käfer und Schmetterlinge bevölkerten die Luft, zuweilen zeigte sich am Rand der Lichtung eine scheue, flüchtige Kudu-Antilope, ein Papagei ließ sein mißtönendes Kreischen hören, oder eine kleine, schillernde Schlange kroch durch das Gras; aller Streit aber, aller Krieg und Kampf schien aus der Natur verbannt. Die hohen Farne, bei uns nur Gräser, in den Tropen aber Bäume, bogen im Wind die federartigen, hellgrünen Wipfel; Stechpalmen strebten kerzengerade empor; Blätter wie grüne, faltenreiche Mäntel hingen in ungeheurer Breite von Rankengewächsen herab; spitze dunkle, säbelförmige Pfeile bohrten sich dazwischen, und Hunderte von weißen, roten und violetten Orchideen umzogen und verflochten wie ebenso viele grüne Arme das Ganze. Dazu murmelte das Wasser und rauschte der Wind, kurz es war eine wundervolle Stille, welche auf die jungen Leute beinahe einschläfernd wirkte. Mitten in der freien Lichtung lag der tote Löwe, dessen Körper bereits anfing verschiedenen Tiergattungen zum Schmause zu dienen. Namentlich ein großer, brauner Käfer erschien in starker Anzahl und ebenso, verlockt von der tiefen, mittäglichen Stille, eine Rattenart mit spitzem Zahn und raublustigem Blick.

Holm stand auf. „Das verbitte ich mir,“ rief er scherzend den ungeladenen Gästen zu. „Kommt wieder und laßt’s euch wohlschmecken, wenn ich die Haut in Sicherheit gebracht habe!“

Noch waren seine Worte nicht verhallt, als plötzlich ein lauter mehrstimmiger Ruf die Einsamkeit durchdrang. Wie „hierher!“ oder „Hilfe!“ klang es, und noch einmal, aber kürzer, weniger laut, wiederholte sich der Ton, dann wurde alles still. Die beiden Zurückgebliebenen aber behielten keine Zeit, über das Gehörte ihre Ansichten auszutauschen. Ein Schauspiel, das sie von allen am wenigsten erwartet haben mochten, fesselte plötzlich Augen und Ohren. Aus dem Walde her kamen im Laufschritt ganze Horden nackter, schwarzer Beninkrieger, zum Teil kämpfend, fliehend, mit einem Geheul, das Wut und Todesangst ausdrückte, verfolgt von ebenso vielen bewaffneten Bonnyleuten, die offenbar den Sieg behalten hatten und jetzt den letzten Überrest ihrer entspringenden Feinde in Sicherheit zu bringen suchten. Jeder Sklave ist dem Häuptling Tauschware, ganz so wie Elfenbein, Felle oder lebende wilde Tiere; je schlechter also die Jagdbeute gewesen, desto eifriger wird der Feldzug gegen einen benachbarten, schwächeren Stamm betrieben, nur um bei den reichen Häuptlingen im Inneren oder gar bei gewissenlosen weißen Unterhändlern an der Küste mit den lebenden Handelsgegenständen ein gutes Geschäft zu machen. Die Bonnyleute trugen sämtlich den hohen Federkopfputz, den Streifen Bastgeflecht oder Kattun um die Hüften, den hölzernen, reichgeschnitzten Schild und den Spieß oder Speer von Eichenholz mit Metallspitze. Sie stutzten zwar bei dem unerwarteten Erblicken der beiden Weißen, nahmen aber von denselben weiter keine Notiz, sondern setzten Kampf und Verfolgung ununterbrochen fort. Als das ganze Getümmel von schwarzen und braunen Gestalten gleich einer Windsbraut vorübergestürmt war, lagen Sträuche und Gräser zertreten am Boden, die Ranken hingen geknickt und zerrissen herab, und mitten im Wege krümmte sich sterbend ein von mehreren Lanzenstichen durchbohrter Neger. Holm, obgleich tödlich erschrocken und wegen der Reisegefährten in begreiflicher Unruhe, beugte sich dennoch zu dem armen Schelm herab und versuchte es, seine Schmerzen zu lindern, aber schon nach wenigen Minuten war alles vorüber, der Körper dehnte sich noch einmal lang aus, und die zuckenden Hände fielen matt ins Gras. Nur aus der Ferne schallten Stimmen und ein lebhaftes Krachen der brechenden Baumstämme herüber, hier am Flußufer herrschte wieder die frühere Stille.

Hans sah unruhig in das Auge seines älteren Freundes. „Wo doch Franz und die anderen bleiben?“ sagte er zweifelnd.

Holm setzte eine kleine Pfeife an die Lippen. Der schrille Ton scheuchte die umherfliegenden Vögel, aber eine Antwort brachte er nicht. Auch ein paar Schüsse, nach verschiedenen Richtungen abgefeuert, blieben ohne Erfolg. Eine Viertelstunde des peinlichsten Wartens verging den beiden jungen Leuten, mehr und mehr stieg die innere Furcht, welche einer dem andern zu verbergen strebte, dann aber kam der Augenblick, wo gegenseitiges Aussprechen nicht länger zu umgehen war. „Jetzt müssen wir eine kleine Robinsonade durchleben, Hänschen,“ sagte in erkünstelt sorglosem Tone der Gelehrte. „Wahrscheinlich sind unsere Gefährten durch die Bonnyleute fürs erste gänzlich von uns abgeschnitten worden.“

„Wie wäre das möglich?“ rief Hans. „Ich denke, daß man sie getötet hat wie diesen armen Schwarzen hier, und — du glaubst das auch, Karl.“

„O, fällt mir gar nicht ein,“ beteuerte Holm. „Die Führer mögen gefangen genommen sein, und eben weil sie dadurch schutzlos wurden, haben sich der Doktor und Franz verirrt.“

„Wollen wir denn diesen Ort verlassen, Karl?“

„Noch nicht, mein Junge. Vielleicht gelingt es uns doch, durch irgend ein Zeichen die beiden Verlorenen zu uns zurückzuführen, und überdies — wie sollten wir uns am Tage in der pfadlosen, meilenweiten Waldwildnis bis zum nächsten Dorfe oder gar bis an die Küste durchbringen?“

Hans erschrak. „Aber Karl, wenn das am Tage unmöglich ist, so sehe ich wahrhaftig doch kein Mittel, es während der Nacht auszuführen?“

„Ich desto besser, Hänschen. Die Sterne müssen mir ebensowohl im Urwalde als Wegweiser dienen können wie auf dem Meer. Einen Kompaß führe ich auch bei mir, — um die Heimkehr zum Schiff — sei du also um diesen Punkt ganz außer Sorgen.“

Hans sprach nicht mehr. Er hatte den Nachdruck, welchen Holm vielleicht unbewußt auf das Wort „diesen“ gelegt, deutlich herausgehört. Das hieß nichts anderes, als: wenn wir lebend hinkommen, an wilden Menschen und Tieren, an den Gefahren des Fiebers, des Verhungerns und der Vergiftung glücklich vorüber, dann wird wohl endlich die Küste wieder zu erreichen sein.

„Mach fort, mein Junge,“ ermahnte Holm, mehr um die Gedanken seines Zöglings abzulenken, als der Sache wegen. „Die Herren Bonnys haben glücklicherweise weder unsere Lebensmittel noch unsere Waffen des Mitnehmens wert befunden, also können wir vor allen Dingen essen, damit Leib und Seele kräftig bleiben. Denke an das Unglück, wenn eins von uns krank würde — dann erst wären wir beide verloren.“

Der wohlgemeinte Zuspruch that seine Wirkung; wenigstens äußerlich schien Hans ruhiger, obgleich in seinen Augen helle Thränen schimmerten, als er jetzt die Vorräte auspackte und einiges davon auf einen umgestürzten Baumstamm legte. Franz hatte ja vielleicht in diesem Augenblick nichts zu essen, lebte vielleicht nicht einmal mehr. —

Holm entzündete nun ein mächtiges Feuer, dessen aufwirbelnder Rauch möglicherweise den beiden Verirrten als Wahrzeichen dienen konnte, er trug dürres Holz, so viel sich in der Nähe zusammenraffen ließ, herbei, und erst als helle Flammen an den alten, von der Sonne ausgetrockneten Zweigen hinaufleckten, setzte er sich zu dem Knaben, um etwas Zwieback und Rauchfleisch zu genießen, ebenso ein paar Tropfen Madeira. Das alles war in luftdichten Gefäßen von Hamburg mitgebracht, und namentlich der Wein mit seiner belebenden Wirkung stärkte fühlbar die gesunkenen Kräfte der jungen Reisenden, auch die Frucht des Affenbrotbaumes würzte das Mahl, und dann machten Lehrer und Zögling ihre Pläne für den Tag, oder besser gesagt, für die Nacht, denn bis dahin waren es jetzt nur noch wenige Stunden.

„Wir müssen uns zuerst nach einem einigermaßen geschützten Zufluchtsort umsehen,“ meinte Holm, „der wilden Tiere wegen. Ich schlage vor, in einen Baum zu klettern.“

„Schlangen und Leoparden kommen uns dahin nach! — Aber wenn wir einen hohlen Stamm finden könnten, das wäre gut.“

Holm warf noch ein paar starke Äste in das Feuer, dann ergriff er sein Gewehr und forderte den Knaben auf, ihm zu folgen. „Mir deucht, ich habe auf dem Wege hierher einen ausgehöhlten Boabab gesehen, den wollen wir suchen.“

Die beiden machten sich auf und fanden wirklich in der Entfernung von etwa hundert Schritten den Baum, welchen Holm bemerkt hatte. Sein ungeheurer Umfang ließ die natürliche Hütte in seinem Innern als geräumig und hoch voraussetzen, nur fragte es sich, ob nicht etwa dieser laubumrauschte Palast bereits einen Bewohner gefunden hatte, der sich aus seinem Daheim keineswegs vertreiben zu lassen gedachte. Ein schwerer Stein, von Holms Hand geschleudert, flog hinein, aber nichts zeigte sich, — die Höhle schien leer.

„Bleib du zurück,“ gebot er seinem jungen Begleiter, „ich will einmal hineinleuchten und Umschau halten.“

Hans brachte das Gewehr in Anschlag. Obwohl er noch sehr heftige Brustschmerzen empfand und auch mit geheimer Sorge ununterbrochen lauschte, ob nicht irgend ein Zeichen die Rückkehr der beiden Verschwundenen andeuten würde, so war es ja doch seine Pflicht, den Freund im gegebenen Falle zu beschützen, und anderseits mochte er auch nicht müßig zusehen. Die Kugelbüchse schußgerecht zur Hand, blieb er dicht hinter dem Vorangehenden.

Ein Zündhölzchen flammte auf, die mitgebrachte Wachskerze wurde in Brand gesetzt und das Innere des Baumes beleuchtet.

Ein heiseres Gebell tönte den beiden entgegen.

„Hunde!“ rief erstaunt der Knabe. „Karl, sind es Hunde?“

Die Antwort erschien in der Gestalt des Bellenden selbst. Ein Mandril oder hundsköpfiger Affe sprang über Holms Schulter hinweg aus seinem Versteck hervor und mit Windeseile auf den nächsten Baum. Ebenso rasch aber hatte er auch die Früchte desselben, halbreife Zitronen, geschäftig abgerissen und eröffnete nun auf die Störer seiner häuslichen Existenz ein so wohlgezieltes Bombardement, daß sofortige Deckung hinter irgend einem Schutzwall geboten schien. Hans erhielt zwei steinharte, grüne Zitronen dergestalt zwischen die Schultern, daß er um die Wette lachte und hustete, sich aber in einem mächtigen Tamarindenbaum einen Verbündeten suchte und nun, von dem Stamm desselben verborgen, den Affen so lange neckte, bis Holm die ganze innere Höhle beleuchtet und leer gefunden hatte. Der Mandril mit seinem Hundekopf saß auf dem Zitronenbaum und fletschte das greuliche Gesicht. Die ganze Erscheinung dieses selbst unter dem häßlichen Affengeschlecht als allerhäßlichstes Exemplar bekannten Tieres rechtfertigte den Namen „Waldteufel“, welcher ihm häufig beigelegt wird. Über einen Meter hoch, hatte er eine kurze, struppige, ganz schwarze Mähne, und dünne olivengrüne Schenkel, dazu eine grellrote Schnauze und blaue, gefurchte Backen, sowie große Ohren, plumpen, hundsartigen Körper und spitzen, gelben Bart. So angethan saß er mit einem schnell zusammengerafften Vorrat von Wurfgeschossen lauernd auf einem starken Ast, und so oft Hans nur die Hand vorstreckte oder gar ein wenig um den Stamm herumzulugen wagte, gleich flog eine Zitrone durch die Luft, meistens freilich ohne zu treffen, aber immer von einem gebellartigen Brüllen des Unholdes begleitet.

Holm hatte innerhalb des Affenbrotbaumes Posto gefaßt. „Ich will ihm den Garaus machen,“ sagte er, „diese Gattung lebt meistens in ganzen Trupps, wenn uns daher die Genossen durch das wütende Bellen auf den Hals gelockt würden, so könnte es uns schlimm ergehen. Reize einmal die Bestie, sich nach dieser Seite zu drehen, damit ich sie aufs Korn nehmen kann.“

Hans lugte um den Baumstamm herum, dann streckte er den Arm vor und schien werfen zu wollen. Der Jagdeifer riß ihn dermaßen mit sich fort, daß er im Augenblick die drohende Gefahr der Verschwundenen sowohl als seine und Holms schlimme Lage gänzlich vergaß. „Jetzt kannst du schießen, Karl,“ rief er, „der greuliche Kobold bietet dir die Brust dar!“

Und das Pulver blitzte, der Schall zog donnergleich zwischen den dichten Stämmen dahin, das getroffene Tier lag, immer noch bellend, am Boden, aber nach kurzer Zeit hatte es zu leben aufgehört. Jetzt konnte die innere Höhlung des Baumes gereinigt werden; trocknes Reis diente als Besen, Scharen von Käfern und Spinnen, selbst kleinere Vögel und ein paar Eidechsen mußten das Feld räumen; aus einer in einem hohlen Ast verborgenen Ecke flog schwerfällig und erschreckt eine Eule heraus, und als letzter der vertriebenen Bewohner wurde ein zusammengerollter Igel vorsichtig entfernt; dann war die Festung erobert, die Sieger konnten ihre Wolldecken auf dem Boden ausbreiten und sich für die Nacht häuslich einrichten. Draußen mahnte indessen das sinkende Tagesgestirn zur Eile, man mußte noch so viel als möglich von den aufgestapelten, am Lagerplatz zurückgelassenen Mundvorräten in Sicherheit bringen und auch etwas Wasser zu erlangen suchen, jedenfalls aber den getöteten Affen vom Eingang der Höhle entfernen, um nicht durch die Leiche den Raubtieren verraten zu werden.

Beide jungen Leute gingen zu der Stelle zurück, wo am Morgen die verhängnisvolle Trennung stattgefunden hatte, und obwohl sich einer wie der andere bemühte, äußerlich ruhig zu erscheinen, so wurden doch beide von einem gleich wehmütigen, niederdrückenden Gefühl erfaßt. Nun galt es, von dieser Stelle Abschied zu nehmen, die überzähligen Waffen und nicht fortzubringenden Lebensmittel ihrem Schicksal zu überlassen und so gewissermaßen ein letztes, unsichtbares Band zwischen ihnen selbst und den Verlorenen zu durchschneiden. Aber es mußte geschehen, jedes Zögern konnte ein Todesurteil werden. Wenn ihre Rückkehr in die schützende Höhlung des Baumes sich verspätete, wenn vor ihnen ein Löwe oder Gorilla davon Besitz nahm, — was dann? Für diese Nacht ließ sich an keine Wanderung durch den pfadlosen Urwald mehr denken, dazu waren beide viel zu ermüdet, viel zu ruhebedürftig und abgespannt, sie mußten in dem todbringenden afrikanischen Klima zuerst und zunächst ihre Kräfte schonen, mußten alles vermeiden, was möglicherweise ein Erkranken herbeiführen konnte, da sonst jede Hoffnung auf ein glückliches Entkommen aus der Wildnis von vorn herein abgeschnitten gewesen wäre.

Um den toten Löwen hatte sich eine Schar von beutelustigen kleineren Tieren versammelt, sogar mehrere scheublickende Hyänen flüchteten in den Schutz des Dickichts zurück, und Raubvögel flogen schwirrend empor; der König der Wälder war zerrissen und zernagt, sein Fell hing in Streifen herab, sein Blut färbte den Rasen. — Holm beeilte sich, den Knaben von hier fortzubringen, er wußte nur allzuwohl, daß weiterhin der Leiche des getöteten Negers von dem Raubgesindel gerade ebenso mitgespielt sein würde, weshalb aber sollte Hans auch diesen trostlosen Anblick mit in den Schlaf hinübernehmen? „Rasch,“ ermahnte er, „auf Wasser müssen wir wohl verzichten, mein Junge, oder wenigstens bleibst du in der Höhle, während ich ausgehe, um die Quelle zu finden. Nimm diese Weinflaschen, den Zwieback, das Fleisch, — so, so, Hänschen das übrige bleibt in Gottes Namen liegen, da wir es unter keiner Bedingung forttragen könnten. Ist einmal das Dorf der Bonny wieder erreicht, dann begleiten uns neuangeworbene Leute, und der Streifzug beginnt abermals, wenn auch anders und schneller. Die Unsrigen sind wahrscheinlich Gefangene der Bonnys, weshalb denn die Verständigung ganz leicht werden wird.“

Hans antwortete nicht, es war ihm so sonderbar eng ums Herz, er konnte kein Wort herausbringen. Der helle Tag läßt ja jede Befürchtung, jede Unruhe leichter ertragen, die Abendschatten dagegen fallen wie Fesseln auf die Seele, im Dunkel erscheint alles Schlimme und Beängstigende doppelt quälend, doppelt schwer. Ohne zu sprechen gingen die jungen Leute schnellen Schrittes zum erwählten Nachtquartier zurück. Holm schaffte den toten Affen beiseite, holte Wasser aus einer in der Nähe vorüberfließenden Quelle und entzündete, als es gänzlich finster geworden war, eine der mitgebrachten Wachskerzen. Das Auge fand jetzt ein malerisches, nie gesehenes Schauspiel. In halben Windungen, hier enger und dort weit offen, erstreckte sich die Höhlung bis in die obersten Zweige des Baumes; keineswegs jedoch waren ihre Wände überall dicht und verschlossen, im Gegenteil sah hier und da funkelnd ein Sternchen vom hohen Himmel in das seltsame Nachtquartier der beiden jungen Leute hinein; Vögel und Fledermäuse huschten über ihre Köpfe hinweg, ziehende Schatten verhüllten die höchsten Spitzen, und je zuweilen unterbrach plötzlich eine fremdartig klingende Stimme erschreckend die Stille der anbrechenden Nacht.

„Den Eingang können wir nicht verschließen,“ meinte Holm, „daher muß einer von uns wachen, während der andere schläft. Lege dich hin, Hänschen, und sei völlig ohne Sorgen, hörst du?“

Der Knabe widersprach nicht. Er wußte nur allzu wohl, daß kein Schlummer seine Augen umhüllen werde, und daß es ihm daher möglich sei, in jeder Minute dem etwa bedrohten Freunde zu Hilfe zu eilen, — mochte es recht still bleiben, mochte die Unterhaltung gänzlich stocken, desto besser ließ sich den eigenen schlimmen Befürchtungen nachhängen.

Und so vergingen Stunden. Das geheimnisvolle Leben des Urwaldes regte sich und sprach und flüsterte mit tausend Stimmen. Es glitt über das Moos dahin, es lauschte durch die hohen Farn und flatterte in den Wipfeln. Zuweilen fielen reife Früchte herab, oder stürzte polternd unter den ungestümen Sprüngen einer Affenschar ein dürrer Ast auf den Boden; lautes Kreischen und Bellen bezeichnete den Weg, den die nächtlichen Plünderer genommen, hart vorüber an dem hohlen Baum wälzte sich der wilde Haufe, und durch die entstehende Stille klangen wieder die Stimmen derjenigen Geschöpfe, welche jählings aus ihrer Ruhe aufgescheucht worden waren. Da schien plötzlich der Boden selbst zu erdröhnen, wie dumpfes Rollen tönte es herüber, Zweige und Äste knackten, größere Körper bewegten sich vorwärts, offenbar dem Versteck der beiden entgegen. Holm versicherte sich seiner Kugelbüchse, — die Herannahenden konnten ja möglicherweise Bonny- oder gar Beninleute sein. —

Hinter ihm erhob sich geräuschlos die leichte Gestalt des Knaben. „Ich schlafe nicht, Karl! Was bedeutet das sonderbare Geräusch?“

Ein Schnaufen und Brüllen durchdrang die Luft, — Holm atmete auf. „Gottlob, wenigstens doch keine Menschen.“

Er stellte die Büchse neben sich. Die da herankamen, waren ohne Zweifel Elefanten, also in betracht des engen Zuganges ein unschädlicher Besuch; im Gegenteil konnte man sie so recht bequem aus der Nähe beobachten. Die ersten Riesengestalten wurden im Halbschatten unter den Stämmen bereits sichtbar; dunkel und gewaltig wälzten sie sich heran, in gerader Richtung dem Versteck entgegen, pfeilschnell jetzt, feindlich wie es schien, wenigstens zwölf an der Zahl. Als das erste Tier mit gesenktem Kopfe, rasch nach einander drei laute gellende Pfiffe ausstoßend, den Baum anrannte, da konnten sich beide jugendliche Bewohner desselben doch des unwillkürlichen Erschreckens nicht erwehren, obwohl freilich der erlittene starke Anprall den alten Boabab in keiner Weise erschüttert hatte. Nun erst erkannten Lehrer und Schüler den Feind ihrer nächtlichen Ruhe. — Die Herde bestand aus glatthäutigen schwarzen Rhinozerossen mit je zwei großen Hörnern, einer Tiergattung, die zu den bösartigsten unter allen gerechnet wird, wenigstens was Kampfbegier und Stärke anbetrifft. Die gellenden Pfiffe wiederholten sich, wütende Stöße trafen den Baum, so daß Splitter und Flechten nach allen Seiten flogen, dennoch aber war keine eigentliche Gefahr vorhanden, die Wände standen wie von Eisen. Holm trat zurück und legte an. Freilich konnte die Kugel das Tier nicht verwunden, aber doch vielleicht erschrecken.

Der Erfolg entlockte beiden Versteckten ein herzliches Gelächter. Sobald der Schuß krachte, fuhr das zunächst stehende Ungeheuer wie vom Blitz getroffen zurück, mitten in die Herde seiner Genossen hinein, alles sprengend, alles in Verwirrung setzend und dann mit lautem Gebrüll davon eilend. Hinter ihm her jagten die übrigen, als sei ihnen der böse Feind auf den Fersen.

Holm und der Knabe lachten, wie sie es seit geraumer Zeit nicht mehr gekonnt. „Unser Glück war es, daß wir den schwarzen Riesen nicht im offenen Walde begegneten,“ sagte endlich der junge Gelehrte, „sonst wäre es uns schlimm ergangen. Um diese Zeit wandern die Nashörner in ganzen Trupps auf bestimmten Wegen zur Tränke, am Tage dagegen liegen sie meistens unter dem Baum, dessen Zweige ihr Dach bilden, und lassen sich nur stören, wenn ihnen der Wind die Witterung eines Feindes — des Menschen — zuführt. Während sie weder scharf sehen noch hören, ist ihr Geruchssinn so ausgebildet, daß sie auf Hunderte von Metern das Herannahen eines Jägers mit Sicherheit erkennen. Sie stürzen sich ihm dann blindlings entgegen und fallen in die verdeckte Grube, welche zu diesem Zwecke vorher sorgfältig angelegt worden ist. Nur auf diese Weise läßt sich das gewaltige, bösartige Tier einfangen.“

„Die schwarzen Unholde hatten eine ganz glatte Haut,“ bemerkte Hans, „ihr Vetter im Hamburger Zoologischen Garten ist am Körper überall mit Falten bedeckt. Wie kommt das?“

„Letztere Art ist die indische,“ antwortete Holm. „Aber nun will ich schlafen, mein Junge. Wahrhaftig, — es muß sein, — in der nächsten Nacht werden wir ja wandern.“

Und wieder kehrte die frühere Stille zurück. Holm schlief, Hans hörte seine tiefen Atemzüge, alles rings umher lockte zur Ruhe, zum bequemen, wachen Träumen und sich hinzugeben an das Schweigen der Nacht. Unmerklich sank des Knaben Kopf gegen die Baumrinde, unmerklich schlossen sich die Augen — er konnte ja hören, auch wenn er nicht sah! — und dann kam der sonderbare Zustand, wo wir zu wachen, zu handeln und uns zu bewegen glauben, während doch der Schlaf mit siegreicher Gewalt immer mehr von unserm Bewußtsein Besitz ergreift und es endlich ganz in Dunkel hüllt. Als die beiden erwachten, erst Hans und dann, durch dessen lauten Ausruf erschreckt, auch der junge Gelehrte, da schien die Sonne hell vom Himmel herab, es mußte wenigstens acht Uhr morgens sein; Bäume und Blüten erglänzten im frischen Schimmer, ein angenehm fächelnder Wind zog durch die Laubkronen und mit ungezählten Stimmen sangen im Gezweig die verschiedenen Vogelarten.

Holm und der Knabe sahen einander an. Wie nahe war vielleicht während dieser Nacht der Tod an ihnen vorübergegangen!

„Das laß uns als gutes Vorzeichen nehmen,“ rief Holm. „Wir haben geschlafen, obgleich Löwen und Hyänen uns umschlichen, wir haben Geist und Körper neu gekräftigt, ohne durch irgend eine Gefahr beunruhigt zu werden, also ist auch unsere Stunde noch nicht herangekommen. Gib acht, wir finden heute noch die anderen wieder!“

Seine gute Stimmung belebte auch den Knaben. „Was thun wir denn jetzt zunächst, Karl?“ fragte er.

„Hm, wir schießen uns einen Braten, pflücken Früchte, holen Wasser und gehen ein wenig auf die Jagd, kurz, wir spielen Robinson zu zweien. Sobald dann das erste Sternchen am Himmel erscheint, beginnt die Heimreise.“

„Und das denkst du durchführen zu können, Karl?“

„Ganz gewiß, Hänschen, nur bleibt es unbestimmt, ob wir auf diesem Wege ein Dorf der Bonny streifen werden oder nicht. Unser Schiff müssen wir erreichen.“

Während dieser Unterhaltung waren die beiden aus ihrem Versteck hervorgekommen und sahen nun von draußen die Verheerungen, welche in der letzten Nacht durch die Rhinozerosse angerichtet waren. Handgroße Holzsplitter lagen umher, Büsche und Gräser waren zerstampft, als sei eine Schlacht geliefert worden und hier und dort sogar ein junger Baum vollständig geknickt. Der Weg, den die riesigen Tiere eingeschlagen, zeigte sich als sehr leicht erkennbar.

Holm winkte seinem jungen Begleiter. „Jedenfalls gibt es hier herum einen Flußarm oder sonstiges Gewässer, in dem sich keine Krokodile befinden,“ sagte er. „Die Rhinozerosse bahnen sich herdenweise ihre Pfade durch das Unterholz immer nur, um eine Tränke zu erreichen; laß uns also der Spur nachgehen.“

„Aber wenn die schwarzen Teufel noch da wären?“

„Das sind sie keinesfalls, überdies weht uns auch ein ziemlich starker Wind gerade entgegen, sie könnten unsere Annäherung daher durch kein Zeichen erkennen.“

Die Gewehre wurden nachgesehen und geladen, zur Stärkung ein Schluck Wein genommen, und dann ging es vorwärts; schon nach fünf Minuten zeigte sich ein schmaler, sonnenbeschienener Fluß, dessen Wellen leise murmelnd dahinglitten, und der sich zur Rechten in einen See zu verwandeln schien. Die Ufer mußten sehr flach sein, denn Wasservögel aller Art verzehrten teils stehend, teils langsam wandernd, halb von den Wellen überspült, ihr aus Schnecken oder Fröschen und kleineren Fischarten zusammengesetztes Frühstück; weiterhin, wo das Wasser breiter wurde, lagen im Sonnenschein die weiblichen Flußpferde mit ihren Jungen, zu denen sich nicht selten ein auf dem breiten Rücken des Muttertieres neben den Kleinen stehender Reiher oder Kranich gesellt hatte. Das Flußpferd blinzelte gemütlich, der Vogel hielt scharfen Ausguck nach Beute, die jungen Tierchen neckten einander und fielen zuweilen klatschend in den See, der aber auch hier nicht tief schien; kurz, es war im ganzen ein Bild des ungestörtesten Friedens, den selbst die Büffelherde im hohen Farngras trotz ihrer Hörner und ihres bedrohlichen Aussehens nicht zu scheuchen vermochte. Marabuts und Ibisse, Pelikane und Plotos wiegten sich halbgeschaukelt, halb auf einem Bein im Wasser stehend; Fische zuckten zuweilen vom Grund herauf; Schmetterlinge aller Größen, golden und purpurn, ganz weiß oder im schönsten Blau prangend, huschten von Blüte zu Blüte; geschäftige Bienen trugen Beute; Ameisen in langen Zügen marschierten auf dem duftenden Erdboden; unschädliche Schlangen verschwanden blitzartig unter dem nächsten Gebüsch oder ein paar vertrockneten Blättern.

„Karl,“ fragte Hans, „kennst du die sonderbare Frucht, welche von diesem Baum herabhängt, flaschenförmig und ganz grün wie das Blatt selbst? — Die müssen wir uns einmal in der Nähe besehen.“

Er ging zu einem Stamm, von dessen Zweigen unzählige grüne, langgestreckte Früchte oder Auswüchse herabhingen. Mit der Hand ließen sich dieselben nicht erreichen, Hans schüttelte daher den untersten Ast, und nun fielen allerdings die unbekannten Dinger haufenweise herab, aber — — — welchen Inhalt ausschüttend!

„Um des Himmels willen!“ rief Holm, „das sind die Nester der Eloway-Moskitos! Wie konnte ich mich denn auch darüber täuschen! Schnell, Hans, schnell, nimm einen dichten Busch und schlage damit in den Schwarm hinein. Wir müssen flüchten, — so rasch als möglich.“

Während dieses schreckensvollen Rates hatte er bereits ein paar blattreiche Zweige abgebrochen und einen davon seinem jungen Genossen zugeworfen. Die Moskitos, Tausende an der Zahl, umschwärmten ihre vermeintlichen Angreifer und begannen laut summend zu stechen, wohin sie sich setzten. Jeder Schlag tötete eine bedeutende Anzahl, aber wo eine gefallen war, da erschienen hundert andere an ihrer Stelle; Holm und der Knabe befanden sich inmitten einer schwarzen Wolke dieser Blutsauger, die vereint in der Weise beleidigter Bienen ihren Angriff vollführten. Es war unmöglich, sich der kleinen Gegner zu erwehren; aus allen Nestern krochen sie hervor, fanden den Weg unter die Kleider der beiden jungen Leute und verursachten ihnen so heftige Schmerzen, daß die Jagdlust davor weichen mußte. „Ins Wasser,“ rief Holm, „ins Wasser oder wir sind verloren!“

Die Gewehre lagen schon längst im Grase, die Strohhüte auch, und so sprangen denn Lehrer und Schüler, sich notfalls auf ihre Schwimmkunst verlassend, Hals über Kopf in die blaue Flut hinein. Bis an den Mund unter Wasser, war es ihnen nunmehr ein leichtes, den etwa nachfliegenden Verfolgern durch schnelles Tauchen zu entgehen. Triefend, mit zerstochenen, geröteten Gesichtern, die Augen voll Wasser, so sahen sie sich an und brachen zugleich in ein herzliches Lachen aus. „Von einem Mückenschwarm besiegt!“ rief Hans.

Karl hob aus der schützenden Flut unvorsichtig den rechten Arm, um auf das Ufer zu deuten, zog ihn aber sogleich wieder zurück, als ein Dutzend Moskitos über seine Hand herfielen, der Kopf folgte nach, und so förderte er in Absätzen, prustend, sich schüttelnd und verschluckend, die beabsichtigte Rede zu tage, nur je zuweilen inne haltend, wenn er sah, daß Hans wie eine flinke Ente tauchte, und daß er also in diesem Augenblick keinen Zuhörer hatte. „Du sagst Mückenschwarm, mein Junge? Die Art sticht durch — warte Bestie! — prr, ich meine, sie bohren sich durch das Leder bis in die Haut. — Junge, wo bist du? — aha, ich sehe dich bereits. Hier haben wir auch die Iboko-Hornisse, die größte von allen! Bitte, ich verzichte auf nähere Bekanntschaft.“

Er entfernte sich während dieser Rede mit seinem Begleiter von der gefährdeten Stelle und machte es möglich, unter dem Schutz eines dichten Gebüsches das Ufer wieder zu erklettern. Die ertrunkenen oder zerquetschten Mücken wurden aus den Kleidern geschüttelt, das Wasser so gut als thunlich entfernt und Schilf und Halme abgelesen. „Jetzt warten wir noch ein Viertelstündchen, bis sich die Wut der Tiere gelegt hat,“ meinte Holm, „dann holen wir die Gewehre und schießen Büffel.“

„Überfallen denn die Moskitos nur ihre Angreifer, Karl? Nicht vielmehr alle Geschöpfe, die des Weges kommen?“

„O bewahre, sie sitzen ruhig in ihren Nestern, bis man dieselben bedroht, dann aber kennt auch, wie wir soeben sahen, ihr Zorn keine Grenzen. Laß uns nur warten, der Schwarm wird schon durchsichtig, die meisten sind davongeflogen.“

Nach kaum zehn Minuten war es den beiden Freunden möglich, ihre Hüte und Gewehre ohne weitere Gefahr wieder an sich zu nehmen, und nun begann die Büffeljagd. Schon bei dem ersten Herannahen ihrer Verfolger ergriffen sämtliche Tiere die Flucht, alle einer bestimmten Richtung folgend, und wie es schien, unter der Leitung eines besonders großen, alten Stieres; sie donnerten über den Boden dahin, daß er dröhnte, und schon glaubten die Jäger, daß ihnen kein Stück zu Schuß kommen würde, als plötzlich hart vor ihrem Wege aus dem feuchten Grunde ein Büffel aufsprang und mit gesenktem Kopfe auf sie zustürzte. Nach rechts und links ausweichend, ließen ihn die jungen Leute im heftigsten Anprall gegen einen alten Tamarindenbaum rennen, die Hörner drangen tief in das Holz desselben, dichte Ranken thaten das Ihrige, um ein Loskommen im Augenblick zu verhindern, und so hatte sich der Büffel in eigener Falle gefangen. Von zwei Kugeln getroffen, stürzte er verendend am Fuße des Baumes zu Boden. Ganz schwarz behaart und mit dicht stehenden, mächtigen Hörnern war er ein Gegner, dessen Gefährlichkeit erst jetzt, nachdem man ihn in der Nähe besehen, so recht erkennbar wurde. Gegen zwei Meter hoch und dem entsprechend lang ließ sich das Tier nicht von der Stelle bringen, die glücklichen Schützen mußten also aus dem Rücken ein tüchtiges Stück herausschneiden und das übrige den wilden Räubern preisgeben. „Schade um die Zunge,“ sagte Holm, „sie ist das Feinste von allem, aber wir haben für keine Zubereitungsart die nötigen Geschirre; das Fleisch muß roh mit Salz und Pfeffer verzehrt werden.“ — So zogen sie heimwärts und pflückten unterwegs noch einige Ananas, die als Nachtisch dienen sollten. Glücklicherweise hatte sich für die Höhle noch kein vierfüßiger Bewohner eingefunden, die zurückgelassenen Decken und Vorräte lagen unversehrt an der früheren Stelle, und nachdem daher das Fleisch auf einem flachen Stein geschabt worden, begann das durch den besten Appetit gewürzte Mahl, bei dem nun freilich die letzten Zwiebäcke und der letzte Wein verzehrt wurden. Aber das machte keine Sorge, es gab hier herum Lebensmittel die Hülle und Fülle, man brauchte nur zu pflücken oder einen Schuß Pulver dran zu wenden.

„Gottlob,“ sagte Holm, nachdem er den Vorrat in der Jagdtasche untersucht, „Munition ist reichlich vorhanden. Wir können in dieser Beziehung ruhig sein.“

Gegen Mittag fiel ein heftiger, andauernder Regen, der unsere Freunde zwang, unter Dach und Fach zu bleiben; sie mußten auch einigen größeren Affen, welche den Baum erobern wollten, den Zugang wehren, und da späterhin für einen Ausflug die Zeit zu weit vorgerückt war, so verbrachten beide plaudernd und ruhend die Stunden, bis auf den Tag wieder die Nacht folgte und nun der gefahrdrohende, überaus schwierige Weg durch den Urwald angetreten werden sollte. Gerade um diese Zeit brachen auch alle wilden Tiere, auf Raub ausgehend, aus ihren Schlupfwinkeln hervor; gerade jetzt war die Gefahr am größten, lauerte hinter jedem Baum und sprach aus jedem Laut der Wildnis, aber es gab kein Bedenken, ein Zögern inmitten dieser Verhältnisse, ohne Nahrung außer Früchten und rohem Fleisch, ohne menschliche Nähe oder einen gesicherten Schlafplatz wäre ja unfehlbarer Untergang gewesen. Da also der Führer fehlte, so mußte man, um nicht durch völlige Unkenntnis des Weges möglicherweise noch tiefer in die Wildnis hineinzugeraten, während der Nachtstunden reisen, — gelang das, so war die Küste bald erreicht.

Von dem allen plauderten die beiden, von der Heimat und tausend anderen Dingen, die ihnen am Herzen lagen, nur nicht von den Verschollenen; es war als könne sich keiner entschließen, zuerst ihre Namen auszusprechen. Die Gewehre wurden geladen, von den Früchten auch soviel als sich verpacken ließ, mitgenommen, die leeren Flaschen am Ufer gefüllt, und fort ging es in die Wildnis hinein.

Wo der Weg über eine baumlose Strecke führte, da beleuchtete heller Mondschein die Umgebung, wo aber wieder so ein Stück Hochwald begann, da herrschte fast völlige Dunkelheit, an welche sich jedoch das Auge bald derartig gewöhnte, daß es wenigstens leicht wurde, größere Gegenstände zu erkennen und zu unterscheiden. Links von den Wandernden rauschte der Fluß, in einiger Entfernung zeigten sich die dunklen Umrisse des Affenberges, Holm hatte also den Rückweg richtig aus den Sternen herausgelesen, und dadurch wuchs natürlich auch in beider Herzen die Hoffnung, das Dorf der Bonnys wieder zu erreichen. Dort gab es nicht allein Führer, sondern es befanden sich unter der Obhut der Eingebornen alle zurückgelassenen Vorräte, man durfte mithin auf eine bessere und leichtere Reise zählen.

Holm sah, so gut es anging, in das Auge des Knaben. „Getrost, Hänschen, es ist mir immer, als müsse sich heute noch etwas Angenehmes zutragen. Ich“ —

„Pst! — dort unter den Büschen bewegt es sich!“

Beide horchten. Alles ringsumher war still, aber an der bezeichneten Stelle schaukelten die Farne, als sei ein größerer Körper hastig hindurchgekrochen, ja sogar weiterhin bewegte sich das Unterholz, und endlich klang es wie das Knacken von Gewehrhähnen. Eine menschliche Gestalt glitt blitzschnell aus den Büschen hervor hinter den nächsten Stamm.

Holm ergriff den Arm des Knaben. „Ein Schwarzer,“ raunte er, „ein Bonny! Um des Himmels willen still also. Die Schar hält vermutlich das von uns herrührende Geräusch für die Annäherung wilder Tiere und zieht weiter, wenn alle Gefahr vorüber scheint.“

Auch im anderen Lager flüsterte es. Mehrere Schwarze begannen mit ihren langen Spießen in das Unterholz hineinzustoßen, um den vermeintlichen Feind erst einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Es waren ihrer wenigstens sechs bis zehn, sie schienen entschlossen, die Jagdbeute nicht aufzugeben, sondern zu umzingeln und aus dem Dunkel herauszutreiben. Dort im Gewirre von Schmarotzerpflanzen, unter Ranken und Zweigen mußte der Gegner verborgen sein! — Immer enger rückten die Verfolger heran.

„Das geht so nicht länger!“ flüsterte Holm. „Noch ein paar Schritte näher und die langen Spieße erreichen uns. Folge mir nach, Hans, zwischen diesen beiden Bäumen müssen wir durchschlüpfen — ich glaube, hinter denselben steht kein Schwarzer Wache.“

Das Gewehr im Anschlag glitten die beiden so geräuschlos als möglich über den dichtbewachsenen Boden dahin. Wirklich, kein Schwarzer war zu sehen, vielmehr schienen sich alle nur mit dem dornigen, wildverwachsenen Gebüsch jenseits der zusammenstehenden Bäume zu beschäftigen, schienen den Ausgang nach dieser Seite hin vergessen zu haben. „Gerettet!“ raunte Holm, „wir warten nun unter irgend einem Schutz, bis die Räuber weiter ziehen.“

Noch hatte er den Satz nicht vollendet, als ihn von hinten zwei Arme umschlangen und rückwärts zu Boden rissen. Sein Angreifer versuchte es, ihm das Gewehr aus der Hand zu winden. Ein schwarzes Gesicht beugte sich über das seine, funkelnde Augen blickten ihn an, und ehe er es hindern konnte, war ihm der Mund mit einem baumwollenen Tuche völlig gestopft. Das alles geschah zu schnell, um dem vorauseilenden Knaben bemerkbar zu werden, Hans verschwand unter den Stämmen, und Holm lag wehrlos am Boden.

„Ob das ein Beninkrieger ist?“ flüsterte in der Nähe eine Stimme. „Gott stehe uns bei, wenn wieder ein Trupp dieser räuberischen Halunken um die Wege wäre! Man muß jedenfalls den Gefangenen hindern, seinen Freunden ein Zeichen zu geben.“

Holm bewegte sich mit allen Gliedern zugleich; er rang heftig gegen die Eisenarme des Negers, ein dumpfes Stöhnen hob seine Brust. Da gelang es ihm, eine Hand freizumachen; er wollte das Tuch aus dem Mund reißen, wurde jedoch daran plötzlich durch den, der eben gesprochen hatte, verhindert. Jetzt zweien Gegnern preisgegeben, blieb ihm nur übrig, dieselben so viel als möglich zu beschäftigen; vielleicht kam ja Hans, wenn er ihn vermißte, hierher zurückgesprungen und konnte ihm beistehen. Hätte er nur zu rufen vermocht, nur irgend einen Laut von sich geben oder die Hände gebrauchen können! Aber alles das war unausführbar, bis nach einigen Augenblicken der Schwarze von ihm abließ und horchend aufsprang. In der Nähe hatten die Büsche gerauscht, dann folgte ein Blitz und eine Büchsenkugel flog haarscharf über die Köpfe der Ringenden hin. Sämtliche Anwesenden standen starr vor Schreck.

Diesen Moment benutzte Holm, um mittels einer schnellen, unerwarteten Bewegung seines ganzen Körpers den Mann, welcher ihn, gebunden wie er war, am Boden festhielt, in gewaltsamer Weise mit sich hinaus zu schleudern auf den hellbeschienenen Grasstreifen, der wie ein schmales Silberband zwischen den Bäumen dahinlief. Dann lag er mäuschenstill und sah nur gespannt und erwartungsvoll empor in das Gesicht des anderen.

Dieser selbe Mann stützte beide Hände auf den Boden und schien nicht mit Sicherheit zu wissen, ob er wache oder träume. Immer noch kniete er über der hingestreckten Person seines Gefangenen, aber ohne doch gegen die Freiheit desselben irgend etwas zu unternehmen. Holm brachte die gefesselten Hände an den Mund, das Tuch wurde bei Seite geschleudert, und nun erst kam wieder Bewegung in diese stille Gruppe. „Ich grüße Sie, Doktor!“ sagte trocken der junge Mann.

Ein lautes, fröhliches Lachen, in das der andere sofort einstimmte, beantwortete diesen Satz. Es schien nicht enden zu wollen, es erstreckte sich mit auf die beiden Knaben, welche dort einander umarmten, vor Freude sprangen und jubelten, aber trotzdem immer wieder lachen mußten, lachen, bis ihnen die hellen Thränen über das Gesicht herabrollten.

„Wie kommt ihr hierher, ihr unklugen Deserteure, weshalb habt ihr uns überhaupt verlassen? Und wofür hieltet ihr uns jetzt?“

„Für das, was ihr seid, Bonnys und Wegelagerer!“ klang es zurück. „Wie könnt ihr euch gestatten, friedliche Reisende für Raubtiere zu halten und sie mit langen Spießen zu bedrohen?“

„Wer kraucht denn in dem Busch herum, anstatt wie ein rechtschaffenes Menschenkind Rede und Antwort zu geben?“

„Wer stellt ein schwarzes Gesicht an die Spitze des Zuges und verdächtigt dadurch die ganze Reisegesellschaft?“

„Nun, Gott im Himmel sei Dank, wir haben uns wiedergefunden!“

„Meiner Sternkunde sei Dank, wollten Sie doch sagen, Doktor?“

„Und wer hat die Sterne als Wegweiser an den Himmel gestellt, Freundchen?“

„Amen. Sie sollen den Sieg behalten, Doktor. Jetzt komm einmal her, Hans, beinahe hättest du uns beide zugleich erschossen.“

„Ich hab’s gethan!“ rief Franz. „Glorreich vorbei, Gottlob. Wie konnte ich auch ahnen, daß du es warst, den unser würdiger Doktor aus Leibeskräften bändigte, in der besten Meinung, einen Beninkrieger unter seiner Faust zu haben.“

„Ja, ja, meine Brille!“ seufzte der alte Theologe, „das ist nun die zweite von sechs, welche ich zur Vorsicht mitnahm. Die unsinnige Rauferei hat mich die zweite Brille gekostet!“

Jetzt ging nun das Fragen und Verständigen an. Der Stamm der Reisegesellschaft mit den Führern und Bonnyträgern hatte durch Vermittelung der letzteren leicht einen Vertrag mit dem Häuptling des heimziehenden Haufens der siegreichen Bonnyleute geschlossen, wonach sie gegen entsprechende Geschenke und unter nachdrücklichem Hinweis auf die drohend nahe ihren Heimatdörfern vor Anker liegende „Hammonia“ freien Hin- und Rückweg haben sollten.

Nach einem gemeinsamen Friedensmahle und einer unbehelligt verbrachten Nacht war die ganze Schar vor Tagesanbruch auf und davon, ohne durch irgend ein Zeichen verraten zu haben, wohin. „Einer der weißen Führer ist im Gefecht umgekommen, drei andere sowie die Schwarzen sind mit uns gegangen, so daß die ursprüngliche Reisegesellschaft wieder beisammen ist. Wollen wir nach dem Erlebten noch weiter in die Urwälder vordringen?“ schloß Franz die Erzählung.

„So ohne Brille?“ seufzte der Doktor. „Ich finde es wahrhaftig nicht ratsam, allen diesen streifenden Bonnys und Benin gegenüber, namentlich da wir durch die unvermutete Trennung so viele Gewehre und alle Lebensmittel verloren haben.“

„Auf denn!“ entschied Holm. „Zunächst zurück zum Dorf der Bonny und dann wieder auf unser Schiff. Die afrikanischen Urwälder mit ihren menschlichen und tierischen Bewohnern sind wahrhaftig aus der Entfernung gesehen interessanter und lockender als in unmittelbarer Nähe.“

Franz errötete, als enthalte dieser Satz für ihn eine Rüge. „Ich habe mir auch das Leben in der Wildnis anders gedacht wie es ist,“ bekannte er. „Mir schien immer, daß es langweilig sein müsse, so als Kaufmann jahraus jahrein am Pult zu sitzen, und daß sich nur der Naturforscher frei und glücklich fühlen könne, aber — —“

Er schüttelte, ohne den Schluß der Rede beizufügen, den Kopf. Holm und der Doktor sahen einander lächelnd an, aber keiner von beiden sprach, sondern alle brachen auf, um so bald als möglich das Dorf und damit die zurückgelassenen Vorräte zu erreichen. Jetzt, mit einer stattlichen Anzahl von Führern versehen, ging die Reise schneller und sicherer vorwärts, kamen, nun die beiderseits Verlorenen sich wiedergefunden, erst alle Genüsse der Wanderung recht zum Bewußtsein. Eine Abteilung der Schwarzen voran, dann die vier Weißen und zum Beschluß der Rest der gemieteten Begleiter, so ging es vorwärts in die köstliche Mondnacht hinein. Nach zweitägigem Marsche war das Dorf des Bonnystammes erreicht, Weiße und Schwarze befanden sich im besten Wohlsein, Lebensmittel wurden gegen die üblichen Tauschwaren in Hülle und Fülle gespendet. Ebenso boten die wenigen anwesenden Greise (denn die kampffähigen Männer hatten ihren Streifzug weiter fortgesetzt und waren noch nicht heimgekehrt) bereitwillig den Gästen eine Hütte, wo sie auf weichen Matten von den Anstrengungen der letzten Tage ausruhen konnten.

Viertes Kapitel.

Beladen mit Schätzen an Blumen und Pflanzen, an Insekten aller Art, die Botanisierkapseln und Ledertaschen gefüllt bis zum Rande, so hatte sich die kleine Karawane auf der „Hammonia“ wieder eingefunden, und jetzt dampfte man den Inseln an der Küste des Guineabusens entgegen. Hier in diesem ungesundesten aller existierenden Klimate, hier, wo die leichteste Hautabschürfung, ja ein Nadelstich schon binnen weniger Stunden bis zum bösartigsten Geschwür fortschreitet, war ein längerer Besuch freilich nicht in Aussicht genommen, überhaupt sollten nur die bedeutenderen der fünf Inseln besehen werden, nämlich Fernando Po und die Prinzeninsel.

Die Knaben mußten nach den ersten Rasttagen während dieser Überfahrt tüchtig Botanik und Geographie treiben, daneben aber genossen sie alle die Reize der angenehmen, vom besten Wetter begünstigten Reise, die an jedem Tage neue Abwechselung darbot. Das Meer war hier eine Fundgrube nimmer gesehener Kostbarkeiten, es brachte Unterhaltung und Belehrung zugleich, namentlich da seine blaue Oberfläche in dieser starken Entfernung vom Lande einen Durchblick bis zur Tiefe von etwa fünfzehn Metern überall gestattete, und daher die stummen Bewohner des Wasserreiches deutlich zu erkennen waren.

Große, formlose, häßliche Sepien, mit allen Fangarmen rudernd, grau und unheimlich in ihrer Kopflosigkeit, mit weitem, immer offenen und nur zum Saugen eingerichteten Mund, — die umfangreichsten, gefährlichsten aller Polypen, schwammen träge durch die Tiefe dahin und hielten in ihren zahllosen Armen alles fest, was sie erreichen konnten; der Hai mit seinem Adjutanten, einem kleinen, schlankgebauten, kaum einen halben Meter langen Fischchen umschnupperte zuweilen das Schiff; fliegende Fische tummelten sich in der Luft und fielen auf das Verdeck; selten auch zeigte sich ein riesiger Wal mit allen den schmarotzenden Bewohnern, welche sein stattlicher Rücken jahraus jahrein beherbergt; seltener noch ein besonders fremdartig gebauter, kleinerer Fisch; zu Hunderten und Tausenden dagegen die blauen, rundlichen Polypen, deren Züge oft stundenlang das Meer durchfurchten, und denen wieder eine größere gelbe oder violette Art folgte, die sich von den blauen ernährte, deren häßliche Saugwerkzeuge daher blau gefärbt erschienen.

Einmal bei ganz stillem Wetter sahen die Knaben neben dem Schiff eine purpurrote Kugel von der Größe einer ausgewachsenen Kokosnuß mit einem himmelblauen, gefalteten Kragen und über einen Meter langen Fangarmen vom schönsten Rosa. Die Qualle schwamm, ob auch andrängende Wellen sie zu überschütten drohten, immer auf dem Kamm derselben, einsam im ganzen Glanze einer wunderbar fesselnden Schönheit. Weit und breit ohne ein Wesen gleicher Art, gewährte ihr Erscheinen auf der Oberfläche des unendlichen Meeres den einzigen Ruhepunkt für das Auge, zugleich aber auch ein Bild, das anziehend genug war, um die Aufmerksamkeit der Beschauenden im höchsten Maße zu fesseln.

„Papa Witt!“ rief Franz, „schnell, schnell, können wir das Ding nicht einfangen?“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Das ist eine Seifenblase,“ antwortete er halb ernsthaft, halb lächelnd, „gerade wie das Glück — erfaßt du es, so bleibt von all diesem Glanze nur ein graues, zerstäubendes Etwas!“

„Man kann also die bunten Quallen niemals aus der Nähe besehen?“

„O doch, dann aber muß man sie mit einem Eimer oder anderen größeren Gefäß herausschöpfen, und das ist bei voller Fahrt unmöglich.“

„Papa Witt, könnte denn nicht das Schiff stoppen?“

„Lauf,“ lächelte der Alte, „lauf und frage, Junge.“

Franz stürmte fort und hatte zwei Minuten später alles an Deck versammelt, den Kapitän, den Doktor, Holm und Hans. Ein Stück seiner Garderobe flog dem andern nach, er holte unter allgemeiner Heiterkeit ein starkes Seil herbei und ließ sich vom Koch einen leichten Blecheimer geben. „So, wenn nun das Schiff still liegt, laßt mich nur über Bord springen,“ rief er. „Einen Hai würdet ihr ja rechtzeitig sehen können, und vor dem Ertrinken habt keine Furcht. Ich schwimme wie ein Fisch. Jetzt also — paßt auf!“

„Berühre die Qualle nicht, Franz!“ lachte Holm.

„Sie beißt dich, Junge!“ rief der alte Witt. „Du denkst noch tagelang an ihre Nesseln, wenn sie dich erfassen sollte.“

„Franz,“ fügte halb ängstlich der Doktor hinzu, „du müßtest dergleichen Wagestücke doch unterlassen. Bedenke —“

Aber da plätscherte der Junge schon im Salzwasser, die Schaumperlen rollten über seinen Körper dahin, die Woge hob und senkte den kecken Schwimmer. „Springen Sie mir nach, Doktor,“ rief er lustig, „es ist viel kühler hier unten, als auf dem Verdeck.“

Der alte Theologe hielt, um desto genauer über den Schiffsrand hinweg in die Tiefe sehen zu können, vorsichtig mit beiden Händen die dritte der bewußten sechs Brillen fest. „Ich?“ wiederholte er erschreckt, „du bist ein Erzspitzbube, aber man kann dir trotzdem nicht böse werden. Gib nur acht auf deine Sicherheit.“

Die purpurne Qualle war während dieser Worte dem Knaben entgegengeschwommen. Es schien wirklich schwer, dies kugelförmige Geschöpf für mehr als eine bloße Pflanze zu halten, dennoch aber zeigte das beständige Tasten der Fangarme jenen Zustand teilweisen Lebens, der das Polypengeschlecht zur „Übergangsstation“ macht, wie Professor Schleiden es nennt, „zu einer Entwicklungsstufe, die das Tier- und Pflanzenreich verbindet.“ Nur Magen besitzt die sonderbare Gattung, keinen Kopf, mithin auch nur einen der an lebenden Wesen gefundenen fünf Sinne, den Tastsinn, und daneben einen breiten, lippenlosen Mund. Einzelne Spielarten sind häßlich, andere sehr farbenreich, besonders die in den tropischen Meeren lebenden.

Franz nahte mit des Kochs großem Blecheimer. Sechsmal und zehnmal hob er ihn mit schnellem Ruck über die Oberfläche, immer aber schaukelte sich die Qualle unbekümmert auf den Wellen, während unser Freund lediglich Salzwasser eingefangen hatte. Ob er noch so sicher glaubte, jetzt das bunte Ding erwischt zu haben, in der nächsten Sekunde lagen wieder einige Schritte Entfernung zwischen ihm und seiner Jagdbeute. — Die übrigen lachten natürlich, dadurch aber steigerte sich der geheime Ärger, welcher den Knaben schon vorher erfaßt hatte, zum Zorn. Schließlich aber sah er ein, daß er nur mit Besonnenheit zum Ziel gelangen könnte. Listig schob er den Eimer seitwärts unter die Qualle. Ein lautes Hurra meldete den anderen den glücklichen Fang.

„Na! Na!“ brummte der alte Witt, „sind das Streiche. Holt ihn ein, Jungens, aber rasch. Koch, eine Bütte voll Salzwasser an Deck.“

Seine Befehle wurden schleunig ausgeführt. Ein paar Minuten später befand sich der unerschrockene Knabe wieder in der Mitte der anderen, der alte Steuermann selbst setzte die Qualle in das Messinggefäß und das Schiff nahm die Fahrt wieder auf. Franz hatte viele Neckereien zu ertragen. Obwohl ihn aber die roten Striemen, welche das Seil an dem unbekleideten Körper zurückgelassen, heftig schmerzten, so lachte er doch darüber und ließ sich von seinem Bruder helfen, die abgeworfenen Kleidungsstücke wieder anzulegen. Mit stolzen Blicken kniete er vor der Bütte, worin das gefährliche Halbtier schwamm. Es war im Zustande vollen Lebens erhalten, die drei verschiedenen Farben glühten so prächtig wie draußen auf dem Meer, nur schienen seine Tentakeln, wie diese Fangarme heißen, etwas unruhiger zu tasten. Überall, wo sie gegen das Holz der Bütte stießen, zogen sie sich plötzlich gegen den Körper zurück.

„Diese Glieder wachsen, wenn man sie abschlägt, wieder nach,“ erläuterte Holm, „später werden wir, gefällt’s Gott, sogar im Großen Ozean Polypen sehen, deren aus Hunderte von Körperchen bestehende Familie nur eine Mundöffnung und einen Magen besitzt. An dem Burschen hier, der dir so viele Mühe machte, soll das Todesurteil vollzogen werden, nicht wahr, Franz?“

Unser Freund lachte etwas gezwungen. „Nicht meinetwegen, Karl, aber damit man einmal diese Geschöpfe genau kennen lernt.“

Der Koch brachte einen großen Rührlöffel und Holm hob vorsichtig das Tier heraus, um es in eine leere Bütte zu legen. Augenblicklich verschwanden die prachtvollen Farben, es ging stufenweise abnehmend alles über in ein fahles Grau, und die Fangarme verloren ihre Fortbewegungskraft. Als Holm einen derselben ergriff, blieb in seiner Hand eine gallertartige, zerrinnende Masse, die höchst unangenehm festklebte. Das Halbtier zerging ohne irgend eine äußere Verletzung, ohne wahrnehmbares Sterben in kurzer Zeit zu formlosem Schleim.

„Sagte ich es nicht,“ nickte der alte Witt, „eine Seifenblase.“

„Dort schwimmen mehrere,“ rief Franz, — „wie hübsch doch die Dinger in so weiter Entfernung aussehen, wie schade, daß wir diesen Anblick nicht auch unseren Freunden in der Heimat ermöglichen können. Diese Geschöpfe lassen sich ja nicht transportieren, wie wir uns eben selbst überzeugt haben.“

„Und wegen dieser buntschillernden Quallen eine gefährliche Reise anzutreten, ist nicht jedermanns Sache,“ sagte Doktor Bolten. „Was nützten mir auch alle Wunder und Schönheiten der Natur, wenn die Wilden meine letzte Brille gestohlen hätten. Ein wahres Glück, daß ich noch ein Paar Augengläser habe, andernfalls wäre es einerlei, ob ich hier wäre oder in Dockenhude.“

Alle lachten über den Doktor, der die letzten Worte in einem etwas kläglichen Tone gesprochen hatte. Dann fragte Holm: „Wie würden wir es wohl anfangen, um auch unseren Landsleuten daheim eine Vorstellung von der Farbenpracht und dem Aussehen solcher Geschöpfe zu geben, die im Tode ihre Schönheit verlieren? Viele farbenprächtige Fische büßen, sobald sie sterben, ihren Glanz und Farbenzauber ein, wie z. B. die blau und rot schillernde Meerbarbe, die schon den alten Römern als Delikatesse bei ihren Schwelgereien galt. Ja die Meerbarbe wurde sogar vor den Augen der Gäste getötet, die sich an dem wechselnden Farbenspiel, welches das Tier beim Sterben zeigt, ergötzten. Wer von euch,“ wandte er sich wieder zu den Knaben, „kann mir nun sagen, auf welche Weise es möglich ist, das Vergängliche für die Mit- und Nachwelt aufzubewahren?“

Die Knaben sannen nach. „Man setzt die Quallen und Fische in ein Aquarium,“ rief Hans.

„Das wäre ein Ausweg,“ entgegnete Holm, „der wohl für einzelne Fälle, aber nicht für alle passen würde. So lebte früher, gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts, auf der Insel Mauritius eine Art von großen, unbeholfenen Vögeln — die Dronte — die nunmehr ganz ausgestorben ist. Wir würden gar keine Kenntnis von der Gestalt dieses merkwürdigen Vogels haben, wenn nicht ein damals lebend nach London geschickter Dronte von einem Maler — porträtiert worden wäre.“

„Ich hab’s,“ rief Franz, „man muß solche Gegenstände, die sich nicht erhalten und transportieren lassen, naturgetreu zeichnen und malen.“

„Ganz recht,“ bestätigte Holm, „und deshalb habe ich auch einen Tuschkasten mit den feinsten Farben und alles zum Zeichnen und Malen Erforderliche vorsorglich mitgenommen. Später werden wir auch besonders interessante und wichtige Landschaften, Bäume, Felsen, Wohnungen der Wilden und diese selbst mittels eines photographischen Apparates aufnehmen, der uns nachgesandt werden wird.“

„Und wenn unsere Zeichnungen und Abbildungen gut ausfallen, finden sie Platz in naturwissenschaftlichen Werken,“ rief Franz voll Freude, „ich hätte Lust, jetzt gleich eine zweite Qualle zu fangen und sie zu konterfeien in Form und Farbe.“ Er ging rasch zu Papa Witt, um ihn von seinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen.

Der Alte schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

„Sind Sie ungehalten über mich, Papa Witt?“ fragte Franz.

Dieser aber blickte den Knaben ernst an und ging zum Kapitän, der den alten Steuermann zu sich winkte.

Die Blicke beider Männer begegneten sich, und eine halblaute Unterhaltung in plattdeutscher Sprache zeigte, daß der gleiche Gedanke den einen wie den anderen beherrschte. „Stüürmann,“ sagte der Kapitän, „wie krigt noch watt!“

Der Angeredete nickte. „Weet wull, Kaptein.“

Und damit waren die Verhandlungen beendet. Obgleich weder Passagiere noch Mannschaft irgend etwas Verdächtiges bemerkt hatten, sahen sie doch, daß ein Ereignis im Anzuge sein mußte; sämtliche Segel wurden eingezogen und nur die großen Sturmsegel gesetzt, alle kleineren Gegenstände von Deck entfernt, die Luken verschlossen und das Feuer ausgelöscht. Bleierne Windstille lag auf der ganzen Umgebung, nur zuweilen flog gleichsam vorüberhuschend ein gewaltiger Stoß über das Wasser daher, und im Nordosten zuckten ferne Blitze. Seltsam war das plötzliche immer wiederkehrende Wechseln aller Erscheinungen. In diesem Augenblicke regnete es stark, im nächsten heiterer Himmel; jetzt neigte sich das Schiff, vom Stoß erfaßt, zur Seite, als wolle es stürzen, und dann wieder schien jede Bewegung der Luftmassen erstarrt. Die Maschine wurde mittlerweile tüchtig geheizt und das Steuer so gedreht, daß die „Hammonia“ ihren Kurs nach Nordosten nahm.

Und nun brach es herein, schrecklich und schön zugleich, weit großartiger, erhabener, als sich’s menschliche Einbildungskraft ausmalen könnte. All der Farbenreichtum, der Glanz und die Fülle des südlichen Erdteiles trat auch hier im Toben der Elemente zu Tage. Blitz folgte auf Blitz, sein prachtvollstes Glühen aber erlosch neben dem des elektrischen Feuers, das in ganzen Garben überall explodierte. Glitzernde Meteore fielen vom Himmel in das schäumende, kochende Meer hinein; der Sturm brüllte, der Donner ging über in ununterbrochenes Getöse, Spritzwasser schlug in Wellen auf das Verdeck, und fast völlige Dunkelheit brach herein.

Franz versuchte es, hinauszutreten, seine unerschrockene Seele wollte den Kampf mit den entfesselten Urkräften der Erde nicht allein dem Schiffsvolk überlassen, er wünschte selbst Hand anzulegen und für sein und aller Leben zu streiten; aber das erwies sich als unausführbar. Es war ihm nicht möglich, festen Fuß zu fassen, er konnte weder atmen noch sprechen, die dünne Leinenjacke flog in Fetzen davon. Holms kräftige Arme zogen ihn auch schon wieder zurück in den Vorraum der Kajütte hinab. „Willst du über Bord gefegt werden, Junge? Da können Unerfahrene wie du und ich nichts nützen.“

In diesem Augenblick erschien der Kapitän, um den verlorenen „Südwester“ mit einem anderen zu vertauschen und dabei seiner Reisegesellschaft etwas Mut einzuflößen. „Wir sind in einer Viertelstunde, so Gott will, hindurch, meine Herren,“ rief er. „Ich habe die beste Hoffnung.“

„Hindurch?“ wiederholte Doktor Bolten, „das verstehe ich nicht.“

Holm nickte. „Es ist also ein Wirbelsturm,“ antwortete er, „ich dachte mir’s gleich. Der Kapitän will die äußerste Grenze des Halbkreises erreichen.“

Jetzt aber war für Erläuterungen keine Zeit, keine Ruhe vorhanden. Einer nach dem andern trat an das Kajüttfenster oder unter das Glasdach der größeren in der Mitte liegenden Wohnkajütte. Hierher konnten allerdings die Wogen nicht gelangen, aber desto mehr sah man vom Himmel, an dem es wie mit tausend Brillantfeuern leuchtete. Schon nach wenigen Minuten war aus den seitwärts belegenen Fenstern nichts mehr zu sehen.

Ganze Berge von Wasser hoben und drehten das Schiff, Schaumwolken verhüllten alle Aussicht, das Getöse des Anpralls betäubte förmlich. Die kleine Gruppe stand, sich an dem stark befestigten Speisetisch haltend, bei einander im Salon, dessen verglaste Decke einen freien Aufblick ermöglichte. Grünlich und violett zuckte es herab, sturmgepeitscht, von Flammen überall umgeben, als ob Erde und Himmel in Brand geraten, so loderten die Gluten.

Zuweilen lag das Schiff dermaßen auf einer Seite, daß es den Anschein hatte, als ob Sofas und Bilder an den Wänden über den Köpfen schwebten, — einer sah den anderen an, die Herzschläge setzten aus, die Gedanken traten als ein „Gott erbarme sich!“ unwillkürlich auf die Lippen, — und dann ging es wie ein Knarren, ein Ächzen durch das Eisenwerk, langsam kehrte der kräftige Bau zum gewohnten Halt zurück, nochmals hatte des Todes Flügelschlag nur gestreift, aber nicht getroffen.

„Sonderbar,“ flüsterte Franz, „ich habe doch bei den Gallinas und wohl auch während unseres Nachtaufenthaltes im unbeschützten Walde der Vernichtung Aug’ im Auge gegenübergestanden, ganz wie jetzt, aber die Ruhe, welche ich trotz dieser Gefahr empfinde, fehlte damals, — woher doch der auffallende Unterschied?“

Der alte Theologe legte die Hand auf seines Zöglings Schulter, „Das ist die Ehrfurcht, welche ein gewaltiges, erschütterndes Ereignis dem Menschenherzen abnötigt, mein Junge, das ist die Unthätigkeit, wozu wir angesichts der Gefahr verurteilt sind, die uns ganz wehrlos in Gottes Hand legt. Du vertraust nicht mehr auf dich, also fühlst du auch keine Unruhe, — das ist das Geheimnis alles wahren Glaubens!“

Es wurde still in der reichgeschmückten Kajütte; niemand sprach mehr, nur die Stimme des Donners klang über das Wasser dahin, und der Sturm brauste wie Orgelklang dazwischen. Oben auf dem Verdeck arbeiteten die wackeren Hamburgischen Matrosen, deren eigene Sachkenntnis sie die Blicke und Bewegungen des Kapitäns verstehen zu lassen schien; wenigstens hätte keine menschliche Kraft ausgereicht, um in solchem Wetter vernehmlich zu sprechen, geschweige denn bestimmte Befehle zu geben. Einer der Schornsteine war verbogen wie ein geknickter Halm, ein Notmast über Bord gegangen, und von der Mannschaft fehlten zwei. Die beiden Thüren der Kombüse, einander gegenüberliegend, waren herausgerissen und sämtlicher Inhalt des kleinen Raumes ins Meer gespült, kurz auf jedem Zollbreit Bodens zeigten sich die Spuren einer grauenvollen Verwüstung, eines Kampfes, dem nichts gewachsen war, was überhaupt losgerissen oder zerschlagen werden konnte.

Wieder trafen sich die Blicke des Kapitäns und des alten Steuermannes. Witt nickte, worauf sein Vorgesetzter in die Kajütte hinabging. „Gewonnen!“ rief er, „obwohl es schwere Opfer gekostet hat. Jetzt ist die äußerste Grenze erreicht, der grimmige Feind muß uns seine Kraft dienstbar machen und die „Hammonia“ mit verdoppelter Eile nach den Inseln im Guinea-Busen befördern.“

Holm versuchte es, dem Kapitän näher zu treten, wurde aber sogleich, nachdem er den schützenden Halt losgelassen, unsanft auf den Fußboden gesetzt und unter das Sofa gerollt. „Ein Cyklonenritt, nicht wahr?“ fragte er von dort her.

Jetzt lachten alle. „Ein Cyklonenritt!“ wiederholte der Kapitän. „Woher wissen denn Sie eingefleischte Landratte, der Sie nicht einmal „Seebeine“ besitzen, was das Ding bedeuten will?“

Holm hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet. „Belehren Sie uns,“ sagte er artig. „Sie haben die Sache praktisch kennen gelernt, ich habe sie studiert; einer kann also das Wissen des anderen ergänzen.“

„Demnächst, mein Freund. Jetzt kommen Sie mit mir an Deck, immer hübsch im Schutz eines niet- und nagelfesten Gegenstandes, und sehen Sie sich das Schauspiel im weiteren Umkreise an. Noch ein Viertelstündchen, dann hat es ausgetobt, der Himmel wird wieder im Sonnenglanz leuchten und nur ein starker, regelmäßiger Wind, dessen kreisförmige Richtung uns jetzt nicht mehr schaden kann, das Schiff wie im Fluge vor sich her treiben. Folgen Sie mir, meine Herren!“

Die ganze kleine Gesellschaft, mit Ölzeug und Südwester versehen, klomm an Deck. Man konnte es wirklich nur klimmen nennen, da jeder Anprall des Sturmes einen lebhaften Widerstand erforderte und kein Schritt ohne die Führung des quergespannten Seiles möglich war. Welch ein Anblick bot sich dem Auge! Erschütternd furchtbar und doch wieder großartiger als alle Schöpfungen der Kunst, ja selbst der entflammtesten Phantasie. Am Himmel alle Farben, vom glühenden Purpur bis zum weißen, elektrischen Licht, vom tiefsten Schwarz der Wetterwolke bis zum grün und gelb schillernden, rotumrandeten Zackenblitz, — unten im Meer die Schaummasse zu Bergen getürmt, von Klüften und Thälern durchschnitten, rollend und grollend, wie ein Raubtier aufspringend gegen die Eisenwände des Dampfers, gekrönt mit tausend weißen Perlenbogen und in seiner tieferen Mitte schwarz wie das Wasser des Höllenflusses dahingleitend, — so bot das Gesamtbild fortwährend neue Formen, so schien jedes einzelne das schönste und erhabenste im großen Ganzen.

Und doch war noch ein Schauspiel, seltener und fesselnder als alle vorigen, den Zuschauern vorbehalten. Aus einer dichten Wolke fiel in nächster Nähe eine riesige, purpurrote Feuerkugel so hoch herab, daß ihr Lauf bis zu der Meeresoberfläche deutlich verfolgt werden konnte. Je näher dem Ziele, desto mehr verstärkte sich die Schnelligkeit des Falles, desto heller wurde der Purpur, bis endlich auch dessen letzter Schimmer in Weiß überging, und die Kugelform allmählich unter der Gestalt eines Ovals verschwand. Als die Erscheinung fast neben dem Schiff das Meer berührte, spritzte sie auseinander wie geschmolzenes Blei, und eine Dampfsäule, schnell verziehend, bezeichnete das plötzliche Erglühen des getroffenen Wassers.

Der Kapitän nickte, als beantwortete er seine eigenen Gedanken. „Nun noch ein halbes Stündchen Gewitter ohne Sturm oder Regen, dann haben wir Ruhe. Gott sei den Schiffen gnädig, die jetzt im Mittelpunkt kämpfen.“

Es geschah wie er vorausgesagt. Der Aufruhr der Wogen legte sich, an Deck konnte einige Ordnung wieder hergestellt werden, das Feuer im Maschinenraum erlosch, und das Schiff flog vor dem Wind wie ein Vogel über die geglättete Fläche dahin. Immer noch zuckten Blitze, immer noch ging die See hoch, aber dennoch war alle Gefahr vorüber, und nun versammelte sich die Reisegesellschaft bei hellem Sonnenschein um eine Tasse Kaffee, die zwar stehend getrunken werden mußte, aber trotzdem nach der gehabten Aufregung vortrefflich mundete. „Solche Cyklonen, — auch Orkane, Taifune oder Hurrikane genannt — sind Wirbelwinde,“ erläuterte der Kapitän. „Ganz dasselbe, was wir alle am Lande so oft gesehen haben, wenn vor einem Gewitter plötzlich die Luftmassen sich um ihre eigene Mitte drehen und irgend einen leichten, zufällig dort befindlichen Gegenstand aufheben oder weitertreiben. Der innerste hohle Raum der Wettersäule ist natürlich windstill, da aber die Bewegung in großer Eile fortschreitet, so ist eben diese Stelle die gefährlichste von allen, weil sich der stärkste Anprall darüber hinwälzt. Ein Schiff im Zentrum des Orkans ist meistens verloren, die Benutzung des äußersten Sturmrandes dagegen jetzt schon an Punkten eines häufigen Vorkommens desselben zu einer Art Verkehrseinrichtung geworden. Wer die Sache praktisch kennt und daneben zu denken versteht, kann auch dem Orkan rechtzeitig aus dem Wege gehen, d. h. seinen äußeren Rand erreichen.“

„Wie Sie soeben gethan, nicht wahr, Herr Kapitän?“

„O weh — da bin ich unvorsätzlich mit dem Klingelbeutel gegangen. Aber wirklich ist dies nicht der erste Wirbelsturm, den Witt und ich mit einander bekämpfen. — Hole den Alten herunter, Franz, wir wollen unsere Rettung durch einen guten Trunk feiern; sag auch dem zweiten Steuermann, daß er ein paar Flaschen Sekt herausgibt und den Leuten eine tüchtige Extraration Grog zukommen läßt.“

Der Knabe sprang davon, um seinen Auftrag auszurichten; als aber die Gläser an einander klangen, da wurde doch die allgemeine Stimmung eine sehr ernste. Zwei Matrosen hatte der Sturm in den Wellen begraben, zwei trauernde Familien zuhause in Hamburg waren ihrer Söhne und Brüder beraubt; das trat erst jetzt, nun die Schrecken vorüber, mehr in den Vordergrund und verscheuchte die Heiterkeit. Auch vom Matrosenraum her erklang kein Singen und Lachen, wie es sonst bei Gelegenheit jeder Extraration von der immer gutgelaunten Schar angestimmt wird, der Kapitän hielt eine Ansprache, der noch Doktor Bolten einige ernste Worte beifügte, und dann wurde das sämtliche Eigentum der beiden Ertrunkenen fest versiegelt in die Kajütte gebracht, um mit der rückständigen Heuer an das nächste Hamburgische Konsulat abgeliefert zu werden. An diesem Tage kam keine rechte Unterhaltung mehr in Fluß, auch zum Arbeiten gelangte man nicht. In allen Ecken und Winkeln des Schiffes lagen ja die beweglichen Gegenstände über einander geschichtet; da mußte neu geordnet und aufgeräumt werden; das Verdeck glich einem Schlachtfelde. Die Fleisch- und Wasserfässer waren hinweggespült oder ihres Inhaltes beraubt worden, so daß sich der Kapitän Glück wünschte, mit beschleunigter Fahrt die Insel Fernando Po erreichen zu können.

Fernando Po läßt überall vulkanische Natur erkennen. Schon von weitem sahen die Reisenden den Pik gleichen Namens, welcher prachtvoll bewaldet in der Höhe von 3500 Fuß das Meer überragte; sowohl der Kapitän als auch Holm waren aber der Ansicht, daß ein Ersteigen dieses Berges wie überhaupt ein Aufenthalt von längerer Dauer ganz unmöglich sei. Die fünf Inseln im Guineabusen sind eben die ungesundesten Punkte des tropischen Klimas, weshalb auch Spanien die Insel Fernando Po als Deportationsort braucht. Das große Gefängnis sah wie ein dunkler Punkt aus der heiteren Umgebung hervor, mehrere Kirchen und Kapellen wurden bemerkbar, aber dennoch wohnen fast gar keine Europäer dort, weil die bösartigsten Hautkrankheiten fortwährend herrschen.

Ein Tierleben kennen die Inseln, soweit es Vierfüßler betrifft, fast gar nicht. Nur einige Affen leben auf den Bäumen, Schaltiere am Strande und außerdem verschiedene Vogelarten. Der Spaziergang war daher von keiner Gefahr bedroht, zumal die Eingebornen, die Aniyas, wie sie sich nennen, ein sehr scheuer, friedfertiger und verarmter Menschenschlag sind. Es lebt auf den zerstreuten Inseln nur eine verhältnismäßig sehr geringe Bevölkerung.

Aber schön wie im Paradiese war die Umgebung. Rauschende Wasserfälle stürzten sich über Felszacken herab, prachtvoll blühende tropische Pflanzen aller Art bedeckten die Ufer, und Höhlen und Gänge, tiefe Schluchten und schwindelnde Berghöhen entzückten das Auge. Die Knaben füllten ihre Botanisierkapseln mit den Blüten und Blättern großer Prachtlilien, des Papyrus, der Kommelinen, Datteln und der Killingia, sie sammelten ungestört Moose und Flechten, die duftigsten Kräuter, die verschiedensten Waldbeeren von schönem Purpur oder Hellrosa, — nur Menschen begegneten ihnen nicht.

„Gibt es denn hier keine Dörfer?“ fragte Bolten den finster blickenden spanischen Führer. „Wird kein Feldbau betrieben?“

„Nichts!“ war die Antwort. „In diesem Klima arbeitet niemand.“

„Ein trauriges Paradies!“ setzte Holm hinzu. „Aber horch, ich glaube, es kommt jemand durch den Wald.“

„Das ist wohl möglich. Die Aniyas streifen überall herum und suchen Beeren.“

Wirklich erschien auch in diesem Augenblick die Gestalt eines Greises, der mit dem Weidenkorb am Arm Schwämme sammelte. Auf einen langen Stab gestützt, bot der Alte einen ebenso seltsamen als bedauernswerten Anblick. Ganz nackt, ohne jegliche Spur von Bekleidung, trug er auf dem Kopf ein korbartiges Gestell aus Weidengeflecht, über welches die grauen Haare nach allen Seiten hin künstlich zusammengedreht waren. Nadeln von Affenknochen, kranzartig gesteckt, hielten den Bau, und Schnüre von kleinen gelben Okerkugeln schlangen sich hindurch. Am Oberarm hatte der Mann ein hölzernes Stäbchen mit mehreren Schnüren befestigt, sonst war nicht einmal zum Schutz der nackten Füße irgend eine Vorrichtung getroffen, außerdem aber auch die Haut des ganzen Körpers mit einer Art Aussatz bedeckt.