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Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen

Chapter 20: IV.
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About This Book

The collection gathers short, lyrical tales and meditative essays that imagine consoling visions of the afterlife and everyday grace. Through simple pastoral scenes and intimate domestic details it follows recently deceased figures, animals, and humble working people into gentle, hospitable heavens where family, beloved creatures, and servants are reunited. Interleaved reflections examine ordinary rooms, objects, and manners, blending devotional tenderness with keen attention to sensory detail and quiet moral warmth, celebrating service, innocence, and the small consolations that redeem common life.

BETRACHTUNGEN ÜBER EIN SPEISEZIMMER

Nicht das Familienspeisezimmer ist es, über das ich jetzt sprechen will. Zwar war das wie ein Spiegel im Schatten und roch nach Obst, nach Wein und dem Wachse des Fußbodens, und wenn man eintrat, glitt man aus und fiel hin. In diesem Zimmer wurde ein jeder zu Eis so wie in Gegenwart meiner hugenottischen Großtante, die in ihre Bibel den Spruch des Psalmisten geschrieben hatte: „Wahrlich, Schein ist es, darinnen der Mensch wandelt. Wahrlich, eitel ist, was er treibt.“

Dieser Raum hatte einst bessere Tage gesehen. Aber um die Zeit, von der ich jetzt spreche, wohnte nur mehr ein schmerzliches Schweigen darin, das wie das Schweigen der Abwesenden, die voll Traurigkeit den Kopf schüttelten, anmutete. Man hat mir hier eine Ecke gezeigt, in der mein Vater nach seiner Ankunft aus Guadeloupe (er war damals sieben Jahre alt) allerlei Grimassen versucht hat, um seine Eltern zu erheitern, und vielleicht auch, um sich selber zu erheitern. Armes verstörtes Kind, das noch traumtrunken war von den grünen Kokosnüssen, von zärtlich rosigen Blumen und dem klingenden Schimmern der Kolibris.

Das Speisezimmer von heute liegt gegen Osten, auf den Garten hinaus, der sich längs der Straße hinzieht. Es ist ohne allen Luxus eingerichtet und ein rechtes Durchschnittszimmer, aber die Götter besuchen mich darin, und ein paarmal haben Göttinnen, müde der Welt, hier mein grobes Brot gegessen. Man kann dieses Speisezimmer gar nicht besser als mit den Versen des Mong-Kao-Jen beschreiben:

... Ein alter Freund reicht mir ein Huhn und Reis dazu.

... Und unser Horizont sind blaue Berge, deren Gipfel

Aus blauem Glanz des Himmels ausgeschnitten sind.

Im offenen Saal ist uns der Tisch gedeckt.

Nun überschauen wir den Garten meines Gastfreunds,

Nun reichen wir einander die gefüllten Becher.

Wir reden sacht von Hanf und Maulbeerbaum.

Wir warten auf den Herbst: dann werden hier im Garten

Die Chrysanthemen blühn.

Hier in diesem Raume geschieht es mir zweimal im Tage, daß ich mir der Dinge bewußt werde, sei es dadurch, daß aus dem Brote die Seele des fahlen Korns, das unter dem Hundsstern des Juli knirscht, mich durchdringt, sei es, daß aus dem Weine mich die purpurne Landschaft der Weinlese überkommt und die Fröhlichkeit der Mädchen, die singend die dunklen Trauben schnitten. Und ein jedes Gericht wird mir geheiligt um alles dessen willen, was es an Kraft dichterischer Ahnung in mein Blut schickt. So muß ich auch nicht den demütigen Küchengarten mißachten, in dem die duftende Goldrübe wuchs, noch das herbe Gras der erlengesäumten Wiese, auf der das Rind gelebt hat, dessen Fleisch ich esse, nicht die von welken Blättern bedeckte Hütte, verkrochen im innersten Gebirge, in der dieser Käse entstanden ist, noch endlich den Obstgarten, wo in der betäubenden Glut der Sommerferien ein Schulmädchen es über sich gebracht hat, inmitten von bläulichen und granatroten Himbeersträuchern (deren Früchte ich genieße) ihren brennenden Mund lange auf dem Munde eines Jungen zu vergessen.

Ich kenne die Einsamkeiten, in denen das Wasser, das ich trinke, entspringt, und die traurigen Forste, die sie umgeben. Dort bin ich dem fröhlichen alten Manne begegnet, dessen Hühner ich in einem Gedichte besungen habe, und jenem anderen Greise, der den Wahnsinn seiner Tochter beweinte.

Ich muß mir aber auch zu Bewußtsein bringen, daß die Schüsseln, die alle diese Gerichte bergen, irgendwoher stammen, und zwar ebenso aus der Erde wie ihr Inhalt, und daß die Früchte da in der Schale aus Steingut mir in einem Gefäße aus dem Urstoffe selber dargebracht werden. Und ich muß mich endlich auch daran erinnern, daß das Glas der Wasserflasche, in der das Wasser eben schwankend ins Gleichgewicht strebt, aus dem Wasser selber hervorgegangen ist, aus dem natriumreichen sandigen Meere, das ihm seine Durchsichtigkeit gegeben hat.

Speisezimmer, du göttliche Vorratskammer, in dir gibt es die Feige mit den Bißspuren der Amsel und die Kirsche, die der Sperling angepickt hat. Der Hering liegt da, der die Korallen und die Schwämme des Meeres gesehen hat, und die Wachtel, die durch die Nacht der Minze geschluchzt hat; in dir ist der Herbsthonig aufbewahrt, den die Bienen in der schon bräunlichen Sonne eingeheimst, und der Akazienhonig, den sie im fahlen Lichte einer Tränenallee gesammelt haben. Das Öl, das die Lampen der Provence speist, ist da, das Salz, das perlmuttern schimmert, und der Pfeffer, den die Kauffahrer auf ihren Galeeren geheimnisvoll lächelnd gebracht haben.

Mein Speisezimmer, ich habe dich oft aus der Beute meiner Botanisiergänge geschmückt und deine Luft mit dem Geruche der Feldblumen erfüllt.

Und dann warst du eines Tages mit Sträußen seltener Blumen geschmückt, mit denen eine Frau deine Bescheidenheit geehrt hat. Aber du hast es verstanden, du selbst zu bleiben, nicht allzu geschmeichelt noch auch abweisend. Als die erlesenen Blumen auf deinem Tische standen, hast du sie durch deine Schlichtheit so sehr entzückt, daß sie schön erschienen wie ihre ländlichen Schwestern.

Du bist es, mein Speisezimmer, das, nahe der Straße, meine Heimkehr vom Walde erwartet, wenn die Stunde gekommen ist, in der mein Hund in Nacht verschwimmt und sich das Paffen meiner Pfeife mit dem Nebel, der meinen Bart feuchtet, mischt. Da horchst du wie eine brave Dienerin auf den Tritt meiner benagelten Schuhe. Ich erkenne dein brennendes Herz, du Hüterin ohne Makel: die Lampe, die zu Ende flackt wie diese meine Träumerei. Da ich an dich denke, schwingt meine Seele sich auf, und ich möchte Hosianna! rufen und mich vor deine Knie hinwerfen, auf deine Schwelle, du Bewahrerin der Dinge, die mir die Vorsehung bescheert hat. Mit gekreuzten Armen verharrest du über der Straße, auf der die Bettler dahinziehen, wenn die Stunde gekommen ist, in der das Aveläuten in verzweiflungsvoller Liebe zittert und gleich Weihrauchfässern die elendsten Hütten aus der Finsternis ihren Rauch emporschicken zu den Füßen Gottes.

BETRACHTUNGEN ÜBER EINEN TAUTROPFEN

Das anbetungswürdige alte Fräulein starb in einem kleinen Schlößchen, das einst Jean Jaques Rousseau gefallen hat. Ein Wildbach schauerte an den Grundmauern des Türmchens vorbei, das überblüht war von gelben Rosen, und der nahe Teich einer verlassenen Mühle machte die Gegend mit ihren schattigen Baumgruppen vollends poetisch. Reiche Äcker dehnten sich da und dort. Einst, als der Tag zu Ende ging, sah ich an der Ecke eines Feldes auf dem Marksteine einen alten Mann sitzen. Er stützte sich auf einen Stock mit einem Schnabelgriffe. Von seinem Platze aus überwachte er gemach die Erntearbeit. Ich wünsche mir sehnlich dieses Alter herbei, in dem die stillen Blicke nur mehr nahe trauliche Dinge vor sich haben. Vielleicht wird das Gewesene dann zur Gegenwart? Dieser friedliche Greis, der mich eines anderen Greises gedenken ließ, jener edlen Gestalt aus „Paul und Virginie“, rief sich vielleicht, da er die schönen Schnitterinnen betrachtete, die Zeit wieder empor, in der noch die Bücher seiner Jugend über ihn Gewalt gehabt hatten ... Vielleicht erschien ihm Ruth, mit Kornblumen und Ähren bekränzt, oder die myrthenduftende Chloe, wie sie ihren Ziegen Salz reicht.

*

Lange, bevor ich die Heiterkeit des Tages, der hier über dem Patriarchen zu Ende ging, erlebte, war das alte Fräulein gestorben. Sie hatte hier ihre ganze Jugendzeit verbracht, und sie wohnte auch später fast immer hier. Denn ihr oblag, nachdem sie Waise geworden war, die ganze Sorge um ihre wahnsinnige Schwester. Nur ein paarmal war sie fortgewesen: als sie einige Jahre hintereinander eine Zeit in Paris verbrachte. Wenn ich an sie denke, wie ich sie als Achtzigjährige gekannt habe, mit ihren schneeweißen Scheiteln, die stets mit Parmaveilchen geschmückt waren, der großen Nase, dem spitzen aufwärtsgebogenen Kinn und den feurigen Augen, wird es mir nicht allzu schwer, mir vorzustellen, wie sie als Achtzehnjährige gewesen sein mag: Da sehe ich sie mit einem biegsamen großen, mit Feldblumen geschmückten Hute, in einem Mousselinkleide, das sich in ihren Knicksen bauscht, und mit einem Gürtel aus einer kolibrifarbenen Schleife.

*

In diesem Schlosse nun habe ich in den letzten Tagen langsam und voll Zärtlichkeit das Album durchgeblättert, darein das Fräulein Sophie F. von B. seine Herzensdinge geschrieben hat, und ein unsagbares Heimweh nach der Vergangenheit überkam mich.

Während sie in Paris lebte, das muß um 1840 gewesen sein, nahm sie Botanikunterricht im Jardin des Plantes. O, von wie viel Liebreiz umgeben sie mir jetzt erscheint! Wer weiß, wie schönheitsentflammt die Seele dieses jungen Provinzmädchens war, das hier nun die strahlenden Farben und den Duftatem irgendwelcher neuer Blütendolden, die vielleicht Laurent de Jussien eben erst von wilden Inseln gebracht hatte, genoß! Ich glaube dieses Mädchen der alten Zeit vor mir zu sehen, wie es sich in einer Allee des Botanischen Gartens auf die Spitze seiner fliederfarbigen Schuhe erhebt, um das Innere einer zottigen Blumenglocke zu erforschen.

Diesem Album, in das sie sorgsam wunderbare Sträußchen gezeichnet und gemalt hat, hat sie ihr Herz anvertraut. Ich nenne ihre Malereien wunderbar, aber ich will damit gewiß nicht sagen, daß sie etwa das Genie besessen habe, in der Wiedergabe der Blumenkronen auch das Geheimnis der Säfte mitzugestalten; ich will vielmehr damit ausdrücken, daß diese Rokokomalereien, fern von jeder künstlerischen Absicht, die Spuren einer hohen und reinen Seele tragen, und daß kein noch so berühmtes Kunstwerk mich mehr ergreifen wird als sie.

*

Man müßte sich einzeln jeden der Tage wieder emporrufen, in deren Kelch diese zarte und zage Seele ein wenig von ihrer Ewigkeit geträufelt hat. Was man auch von ihrem Verlobten redet und geredet haben mag, ich glaube, daß sie nur aus Opferwilligkeit für ihre früher erwähnte Schwester von ihm nichts wissen wollte. Das hat sie den glühenden Blumen, die sie malte, gebeichtet. Das sagen die schwellenden Rosen, die emportaumeln wollen aus ihren Kelchen wie die Herzen der erwachenden Mädchen in den Verzückungen der Maiabende. Von ihren Rosen hat eine besonders und schmerzlich zu mir gesprochen. Die hat sie sicherlich an einem leuchtenden Morgen gemalt, da sie Gott um Gnade gebeten hatte. Kein Wort vermöchte die leidenschaftliche Reinheit dieser Blumenblätter wiederzugeben, aus denen langsam eine Tauträne rollt. O, wie habe ich diese Träne verstanden!

*

Du junges Mädchen des hingegangenen Jahrhunderts, hättest du, als dir in deinem immer schattigen Salon diese Träne niederfiel, gedacht, daß eines Tages ich ihrer voll Verehrung gedenken würde? Ich habe sie aufgefangen, und nichts mehr wird ihr köstliches Wasser trüben. Dieser Edelstein voll des Glanzes aus deinem Herzen — O mögest du in Frieden ruhen an der Brust des Herrn! — ist von würdigen und andächtigen Händen in dem chinesischen Schränkchen des großen Salons aufbewahrt worden, und nur zuweilen komme ich und bitte die Freunde, die ihn verwahren, ihn mir zu zeigen. O du, vielleicht hast du an demselben Weh gelitten, davon auch ich ergriffen bin, an der sinnlosen und schweigenden Leidenschaft, die einzig deine Zeitgenossen in ihrer müden Anmut und scheuen Reinheit verstehen konnten!

*

Was wissen wir, wie viele Kalvarienberge es gibt, und wie oft schon der Kreuzweg beschritten worden ist! Wenn uns unter Fingerhüten, Scheeren, Stückchen von Stickerei und Seidenfleckchen, zwischen kleinen Spiegeln, Haarlocken und Kinderzähnen, unter künstlichen Blumen, Fläschchen und längst aus der Mode gekommenen Schmucksachen eine alte „Nachfolge Christi“ in die Hände kommt, erscheint es uns, als ob der Duft des Abgeschlossenen, der an den Seiten haftet, nur eine unendliche Sanftheit in sich trüge. Und doch, wie mögen Hände, die jung waren, und die es nicht mehr waren, vor Warten und vor Weh gezittert haben, während sie dieses Buch hielten!

In der Morgenröte ihres Geschickes mag das junge Mädchen diese Seiten wohl noch in der geheimen Hoffnung aufgeschlagen haben, daß an den Bitternissen doch nicht alle Menschen teilhaben müßten, und daß vielleicht gerade ihr das Schicksal sie ersparen werde. Nur in einem entzückenden Gefühle von Pietät streckte sie damals im Erwachen die schon kräftigen Arme nach der „Nachfolge“ aus. Erst später, in der Mitte ihres Lebens kam sie wieder zu diesem Buche zurück. Die früchteschweren Apfelbäume waren nicht mehr fröhlich wie ehedem ... eine Freudigkeit (ich weiß nicht, was für eine) hatte sie verlassen. Und jenen bunten Schmetterling, der sich vor ihr im heißen Glanze der Tage in den großen Ferien gewiegt hat, den hat sie später nie mehr über den Wiesen erblickt.

Das Alter kam. Und siehe, nun in der Neige ihres Seins hörte sie kaum mehr auf, in dem Buche zu lesen. Es war sieben Uhr abends, draußen schneite es. Die Lampe, die aufzuckend der Stille den Takt schlug, erleuchtete den großen Spiegel, in dem sich das alte Fräulein als das getrübte Bildnis der menschlichen Wandlungen erblickte. Nun sah sie nichts mehr von dem honiggoldenen Haar, das sie sich einst spielend um die zarte Faust gewunden hatte ... Ihre Scheitel waren weiß und streng wie die Binden, in die man die Toten hüllt. Und ihre Wangen, auf deren Erblühen einst viel helles Lächeln wie Apriltage über die Gärten gestrahlt hatte, waren voll der tiefen Furchen, die allgemach der bittere Niederfall der Tränen eingräbt.

*

Möge Gottes Frieden sich auf diese Leben der alten Zeit herniedersenken! O, sie haben für mich immer noch die Jugend der Rose, auf der ein Tropfen in solcher Reinheit schimmert, daß man zweifelt, ob er ein Tautropfen oder die Träne eines Kindes, das sein erstes Weh verstört hat, sei. Man tut gut daran, die Toten zu verehren und täglich ihrer zu gedenken! Kein Regenguß rauscht nieder auf die Kronen des Waldes, kein Regenbogen wölbt sich über das wolkendüstere Dorf, keiner Hirtenflöte Klang geht im Herbstwinde verloren, ohne mir Gegenstand für meine Betrachtungen zu werden. Hier, so denke ich, in dieser kleinen Höhle mit ihrem Teppiche aus Farnkraut und Veilchen, mögen sie zuweilen Zuflucht vor den Regenschauern gesucht haben. Hier muß es auch gewesen sein, wo der letzte Guß des Gewitters die Schleife mit den Irismustern davongetragen hat. Und hier, so sage ich mir weiter, in diesem entlegensten Winkel des Parkes, mag das Mädchen vielleicht von ihm geträumt haben, der ihr dort in der Grotte als der Bezauberndste erschienen war. Und wenn sie dann ihre Schwermut fragte, hat ihr nur die Glocke eines verirrten Lammes geantwortet.

*

O wie wird jede Kleinigkeit zu einer Welt, wenn man in ihr nicht nur ein poetisches Spiel sucht, sondern die Spuren Gottes in den geringsten Geschehnissen des Alltags. Dächte nicht ein jeder, es sei keine Sache von Bedeutung, um welche Stunde und an welchem Tage ein Kind im Walde Erdbeeren pflückt? Und ist es nicht doch voll Bedeutung, daß an einem Morgen, von dem ich nichts weiß, ein Mädchen in vergangener Zeit unwissentlich einen Tropfen Tau auf einer Rose schimmern ließ und so den Anlaß gab zu dieser meiner Träumerei, die nun zu Ende geht?

BETRACHTUNG ÜBER ASTROLOGIE

Was kann das sein, das mich so bedrückt? Aus welcher Ferne kommt das Schwere, das sich auf mein Herz legt und es bitter macht, wie die Frucht war, die ich eines Morgens im Sande der Sahara gefunden habe?

Der Rosenkäfer ist der Rose untertan, die Rose dem Mädchen, das Mädchen der Liebe und die Liebe wiederum den großen Kreisen der Kräfte, das das Auf und Nieder meines Atmens in Einklang mit dem Meere bringt.

Dem Monde ist die Macht gegeben, über die großen Wasser zu herrschen und sie stöhnen oder singen zu machen; welches Gestirn aber in der Tiefe der himmlischen Abgründe vermag es, gerade meine Gedanken stöhnen oder singen zu machen?

Sicher ist eins: wenn meine Seele in ihrer Verstörtheit übereinstimmt mit einem Sterne, den ich gar nicht kenne, dann muß dieser Stern seit Jahren den schrecklichsten Ausbrüchen, Erschütterungen und Erdbeben preisgegeben sein.

Es macht mir Freude, mir auszumalen, daß das ganze Wesen eines Menschen dem Charakter des Planeten entspräche, dessen tyrannischem Geheiße er untertan ist: dann untersteht Edgar Poe sicherlich irgendeiner Welt, die an den äußersten Grenzen eines düsteren und schneereichen Himmels kreist, und auf der die grünen Tale voll blühender Lilien, Hyazinthen und Anemonen nur in den Fernen jenseits wattiger Nebelbänke erscheinen. Und Lamartine muß einem Gestirne gehorcht haben, das kein Ozean ausgehöhlt hat, darauf es nur einen himmlischen See gibt, über den die sanfte Brise mit Erzengelfingern hinstreicht und an die zitternden lyrageschwungenen Flügel der Schwäne rührt.

Der Stern, mit dem dieses junge Mädchen verwandt ist, lacht und weint in tausend Wasserfällen. Murmelt das Wasser dieser Wasserfälle gerade jetzt mehr als sonst? Denn das Mädchen hört nicht auf zu plappern, solange die Schneeschmelze da oben die Wildbäche des Sterns so überreichlich füllt. Säumt der Schaum der Wildbäche den Azur, unter dem er schauert, jetzt mit köstlicheren Spitzen? Das Mädchen zieht ein Kleid von zartem Blau an, das es mit quellenden Spitzen, die durchsichtiger sind als die Wasser der Felsen oder böhmische Gläser, ziert. Sind die Quellen jetzt, austrocknend in der glühenden Sonne, verstummt? Das Mädchen wird schweigsam. Und wenn da oben die Wasser zu schluchzen beginnen, entströmen dem Mädchen die Tränen, die man hier auf Erden sinnlose Tränen nennt. Das Mädchen errötet plötzlich: das kommt daher, daß auf seinem Sterne eine Pfingstrose aufblüht. Es erbleicht — denn dort oben ist eine Lilie aufgegangen.

Sind die Bezeichnungen: ein Mensch hat einen finsteren oder klaren oder verbitterten Charakter nicht dem Horoskope dessen, auf den man sie anwendet, entnommen? Was wohl die Astrologen damit ausdrücken wollten, daß sie die alte Selenographie mit solchen dichterischen Bezeichnungen schmückten, wie da sind: das Meer der Krisen, das Meer der Feuchtigkeit, das Meer der Tränen, der Golf der Verzweiflung? Ich vermute, daß sie jene menschlichen Veränderungen, die sie dann mit Recht die lunatischen nannten, von den Umwälzungen auf unserem Satelliten ableiteten. Das Meer der Krisen beginnt unruhig zu werden — und alle Gichtkranken, Asthmatiker, Hypochonder und Narren werden von ihren Übeln befallen. Ein Zyklon wirbelte über das Meer der Feuchtigkeit dahin — und die Wassersüchtigen fühlen ihre Anschwellungen wachsen. Der Sturm wütete über dem Meere der Tränen — und alle kleinen Kinder weinen. Wenn aber der Golf der Verzweiflung sich verdüsterte, geschieht dem Herzen eines jeden Menschen ein Gleiches.

Nach dieser Betrachtung des Einflusses der Gestirne auf die Menschen wollen wir erforschen, wie eine solche Einwirkung auch auf die Pflanzen möglich wäre. Wir stellen also die Hypothese auf (die wir untersuchen wollen,) daß Mensch und Pflanze der gleichen Ausstrahlung untertan sind, und schließen, daß es eine schicksalhafte Sympathie zwischen ihnen geben müsse.

Die Theorie des Professors Philipp van Tieghem ist bekannt: sie ermächtigt uns, zu denken, daß der Pflanzenwuchs der Erde von Samen abstammt, die von Meteoriten auf sie herabgebracht worden sind. (Beim Lesen einer bestimmten Stelle dieses Forschers kam mir einmal nachts der belustigende Einfall, meine Hände gegen den Mond zu strecken, um den Flug bestimmter Arten von Mohn aufzuhalten, deren hinfällige Blüten freilich in der Berührung mit meinen Fingern hätten zerstieben müssen.)

Mit dieser Hypothese wollen wir nun die Darwinsche verbinden, nach der wir Pflanzen waren, ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich freilich für jeden das Recht, zu fragen, was für eine Feuerkugel ihn denn auf die Erde gebracht, und was für eine Konstellation diese sonderbare Saat bewirkt habe.

Nun gibt es aber zweifellos Menschen, deren ganzes Leben im Gegensatze steht zu dem aller anderen Menschen — was demnach auf eine Sternenherkunft von besonderer Art schließen lassen müßte —, genau so, wie gewisse Pflanzen in ihrem Verhalten dem sämtlicher anderer Pflanzen widersprechen.

Von jener Regel zum Beispiel, die den Stengeln der Schlingpflanzen zu gebieten scheint, der Drehung der Erde folgend von links nach rechts zu ranken, sind Hopfen, Geißblatt, Stickwurz, Schildkrötenkraut sowie das knotige und das Kletter-Polygonum ausgenommen, die alle, Newton und Laplace mißachtend, sich von rechts nach links winden. Rührt das daher, daß diese Pflanzen von Gestirnen stammen, die sich in entgegengesetztem Sinne drehen wie die Erde?

Übrigens, wenn Rose und Iris, Orchydee und Seerose, solcherart auf unsere Erdkugel gelangt, von den unbekannten Gesetzen ihrer vorherigen Heimat geleitet werden — sei die nun Mars oder Venus oder ein ganz anderer Planet —, ist es reizvoll, sich vorzustellen, daß die Blüte der Wunderblume nicht eher sich schließen und einschlafen mag, bevor sich nicht der Abend auf ihren Heimatstern gesenkt hat, das heißt ehe es nicht Tag geworden ist auf der Erde.

Das früher Gesagte vorausgesetzt, wäre es unterhaltend, die Blume oder den Baum zu kennen, die jeder einzelne bevorzugt, und zu beobachten, ob die Menschen, die Sympathie für die gleiche Blume haben, nicht denselben Sterneneinflüssen unterworfen sind wie diese Blumen. Was mich anlangt, so liebe ich die Pflanzen zu sehr, um mich für die eine oder die andere zu entscheiden — denn das schiene mir eine Untreue gegen alle übrigen zu sein. Aber einen Strauch und eine Blume kann ich doch angeben, deren Anblick mich in eine unerklärliche Erregung versetzt: die lagerstroemia Indica und die amaryllis belladonna. Die lagerstroemia blüht gegen Ende des Sommers. Ich habe sie einmal in einem Prosagedichte „Flieder einer anderen Welt“ getauft. Sie ist ein Strauch ohne Rinde. Ihr glatter Stamm breitet nur im Schlafe die Zweige aus, was ihr das unglückliche Aussehen eines Besens oder einer riesenhaften Rose von Jericho verleiht. Aber ihre Blüten! Unter den azurnen August- und Septemberhimmeln heben sie sich aus ihrem Laube, das fremdartig grün ist und sehr ähnlich dem des Granat- und des Spindelbaumes, und bilden Szepter von einem unsagbaren Rosa, das nie der Erde angehört hat, einem Rosa voll schwermutschönen Heimwehs nach einem verlorenen Paradiese. Warum liebe ich diesen Baum mit solcher Liebe? Es gibt eine lagerstroemia, die ich Jahr für Jahr besuche, und die in jedes neue Blühen meine Trauer oder meine Freude mitempfängt. Sie schmückt mit ihren geheimnisvollen Korallen einen Garten im nördlichen Spanien. Auf meine Bitte hat man mir erlaubt, durch eine kleine Tür ihr sorglich verschlossenes Reich zu betreten. Und ich bin, einer sonderbaren Unruhe verfallen, durch die Alleen geirrt, die ihre glorreiche Majestät zu verdunkeln schien.

Die amaryllis belladonna ist vom Kap der guten Hoffnung zu uns gebracht worden. Inmitten eines Büschels schwertförmiger Blätter, die sich weich nach außen biegen, strebt ihre rosige Lilie empor. Aber ihr Rosa hat nichts von dem außerirdischen der lagerstroemia, es ist samtig wie Aprikosen, es gleicht dem der Wassermelone, der Meerfrüchte oder des Lachses. Ein paar von diesen Pflanzen sind meine Freunde: die stehen nicht in dem spanischen Garten, von dem ich früher gesprochen habe, sondern in einem alten kleinen Garten in Frankreich. Er wölbt sich wie ein Dach über die Landstraße, auf der dereinst die Postkutschen, in denen die Mädchen der alten Zeiten mit wehenden Hüten durch den Glanz der untergehenden Sonne gegen Paris fuhren, hinholperten ....

Ich empfinde eine trübe und schmerzliche Freude, wenn meine Blicke über diese rosigen Kelche hingehen. Wer wird mir die sonderbaren Gefühle, die mir diese beiden Pflanzen einflößen, erklären? Ihr Anblick verwirrt meinen Verstand und läßt im Spiegel meiner Seele das Bild eines ganz traurigen Traumes erstehen: auf einem Sterne erwartet mich widerwillig und sehnlich zugleich ein dunkelhaariges Mädchen in einem amaryllisrosa Kleide. Sie sitzt unter einer lagerstroemia an einem Grabhügel, über dem in unbekannten Zeichen ein Name, vielleicht der meine, geschrieben steht.

Meine Freundin, eines Abends wirst du mich aus der Tiefe des Tales kommen sehen, und ich werde dir deine Lieblingsblumen bringen. Es wird schon spät sein. Mit meiner grünen Trommel auf dem Rücken werde ich den ganzen Tag ohne Rast auf der Suche gewesen sein, das Herz voll Tränen, und werde unter den Blicken Gottes mit meinem kleinen Spaten in allen Einsamkeiten die Erde durchwühlt haben. Werde ich aber die Pflanze, die unser beider Geschicke einen muß, wirklich gewünscht haben? Schon ahne ich, wie ein Edelsteinsucher, den ein geheimnisvoller Sinn leitet, deine liebste Blume voraus. Sie wächst nicht im Schnee, nicht auf den Gletschern noch unter den Lärchen der Alpen, nicht am Rande der Kressebeete noch auch in der lügnerischen Sahara, deren Spiegelungen meinen Fieberdurst heimgesucht haben. Sie erblüht in meiner Seele.

NOTIZEN

I.

Ich habe mir oft den Himmel ausgemalt. In der Kindheit war er mir die Hütte, die sich ein alter Mann in unserer Gegend hatte auf der Höhe eines steilen Bergweges errichten lassen, und die „das Paradies“ genannt wurde. Mein Vater pflegte um die Stunde, in der das schwarze Heidekraut der Hügel golden wird wie eine Kirche, mit mir dahin zu gehen. Am Ende jedes dieser Spaziergänge wartete ich darauf, Gott in der Sonne, die oben am Kamme des steinigen Steiges einzuschlafen schien, sitzen zu sehen. Habe ich mich getäuscht?

Weniger leicht kommt es mir an, mir das katholische Paradies mit seinen azurnen Harfen und dem rosigen Schnee der himmlischen Heerscharen in den reinen Regenbogen vorzustellen. So halte ich mich doch immer noch an mein erstes Gesicht. Aber seitdem ich die Liebe kennen gelernt habe, habe ich zu dem himmlischen Bereiche vor der Hütte des alten Mannes noch eine sonnenwarme Bergwiese, auf der ein junges Mädchen Blumen pflückt, dazugetan.

II.

Ich habe die Seele eines Fauns und zugleich die eines ganz jungen Mädchens. Wenn ich eine Frau betrachte, empfinde ich eine völlig andere Art von Erregung als beim Anblicke eines Mädchens. Wenn man sich mit Hilfe von Blumen und Früchten verständlich machen könnte, würde ich einer Frau glühende Pfirsiche, die rosigen Glocken der Tollkirsche und schwere Rosen reichen, dem Mädchen aber Kirschen, Himbeeren, Quittenblüten, Heckenrosen und Gaisblatt.

Es gibt kaum ein Gefühl, das ich erlebe, ohne daß es vom Bilde einer Blume oder Frucht begleitet wäre. Wenn ich an Martha denke, sehe ich Gentianen vor mir, Lucie ist mir mit den weißen japanischen Anemonen verbunden, Marie mit Maiglöckchen und eine andere wieder mit einer Zedratfrucht, die aber ganz durchsichtig ist.

Zum ersten Rendezvous, das ich mit einer Freundin hatte, habe ich Schwertlilien mit aprikosenrosa Halse mitgebracht. Wir stellten sie über Nacht ins Fenster, und dort vergaß ich sie, um mich nur meiner Freundin zu erinnern. Heute wollte ich gerne der Freundin vergessen und nur mehr der Schwertlilien gedenken.

All meine Erinnerungen gehören also sozusagen der Pflanzenwelt an. Bäume, Blüten und Früchte sind meine Merkzeichen für Menschen und Gefühle.

Die Pflanzen, aber auch die Tiere und die Steine haben meine Kindheit mit geheimnisvoller Lieblichkeit erfüllt.

Als ich vier Jahre alt war, stand ich und betrachtete die Haufen zerschlagener Bergkiesel am Straßenrande. Wenn man diese Steine in der Dämmerung gegeneinanderschlug, gaben sie Feuer — rieb man sie aneinander, dann rochen sie verbrannt. Die geäderten hob ich auf: sie waren schwer, als ob sie Wasser in sich verborgen hielten. Der Glimmer im Granit bezauberte meine Neugier so sehr, daß nun nichts anderes mehr sie stillen konnte. Ich fühlte, daß da etwas war, das niemand mir zu erzählen vermochte: das Leben der Steine.

Um dieselbe Zeit war man einmal böse mit mir, weil ich die künstlichen Käfer von einem Hute meiner Mutter weggenommen hatte. Das war meine Leidenschaft: Tiere aufzuheben, und ich war so voll Freundschaft zu ihnen, daß ich weinte, wenn ich sie unglücklich glaubte. Noch heute erlebe ich die namenlose Angst wieder, wenn ich daran denke, wie die kleinen Nachtigallen, die mir jemand geschenkt hatte, in unserem Speisezimmer zugrunde gingen. In dieser Zeit mußte man mir, damit ich einschlafe, das Glas mit meinem Laubfrosche in meine Nähe stellen. Ich fühlte, daß er mein treuer Freund war und mich auch gegen Diebe verteidigt hätte. Als ich das erstemal einen Hirschkäfer sah, war ich von der Schönheit seiner Geweihzangen so ergriffen, daß die Begierde, einen zu besitzen, mich krank machte.

Meine Leidenschaft für die Pflanzen zeigte sich später, als ich gegen neun Jahre alt war. Die rechte Einsicht in ihr Leben aber fing erst an, als ich ins fünfzehnte Jahr ging — ich erinnere mich noch, unter welchen Umständen. An einem Donnerstage, einem lähmend heißen Sommernachmittage, ging ich mit meiner Mutter durch den botanischen Garten einer großen Stadt. Weißblendende Sonne, dicke blaue Schatten und schwere zähe Gerüche machten aus diesem fast verlassenen Orte das Reich, dessen Pforte ich nun endlich überschritt. Im lauen goldkäferfarbigen Wasser der Bassins gediehen kümmerlich allerlei Pflanzen, lederige graue und hohe weiche, durchsichtige. Aber aus der Mitte dieser armen traurigen Wassergewächse erhoben sich in den großen Azur grüne Lanzenschäfte und hielten die Anmut ihrer weißen und rosigen Dolden in den lodernden Tag: die Wasserlilien über ihren Blättern, in vertrauensvollen Schlaf versunken. Mit den Wasserpflanzen hielten die Pflanzen der Erde stumme Zwiesprache. Ich erinnere mich einer Allee, in der Studenten, ein Sacktuch im Nacken, unter der Schönheit der Blätter begraben lagen. Das war die Allee der Ombelliferen. Fenchel und Steckenkraut drehten ihre Kronen über die Stengel, deren Blattscheiden platzten, empor. Schweigend unterredeten sich die Düfte miteinander, stumme Verständigung wob fühlbar von Pflanze zu Pflanze, und über dem vereinsamten Reiche schwebte Entsagung.

Seit damals verstehe ich die Pflanzen: ich weiß, daß ihre Familien sich miteinander verschwägern, und daß sie alle von Natur aus einander lieben. Aber ich weiß auch, daß diese Verwandtschaften nicht da sind, um den Klassifikationen zur Unterstützung unseres trägen Gedächtnisses zu dienen.

Die Pflanzen sind lebendige, tätige Geometrie, die irgendwelchen Auflösungen zustrebt — wie die sein werden, weiß ich nicht. Da läßt sich nun ein reizvolles Geheimnis beobachten: die Arten, die in denselben geologischen Epochen vorkamen, haben einander ihre Sympathien geschenkt und bleiben auch heute noch im Wechsel der Jahreszeiten einander nahe. Wie vermöchte sonst das Wesen der frierenden schneeigen Winterliliaceen mit dem der purpurnen Herbstnachtschatten so zusammenzustimmen?

Es gibt noch andere Pflanzengemeinschaften, die nicht so sehr durch Menschenbemühungen als dadurch zustandekommen, daß gewisse Arten andere als Freunde bei sich haben mögen und sich nach ihnen sehnen. Wie schön sind die Bauerngärten, in denen die strahlende Lilie — gleich den Göttern, die die Niedrigen besuchen — zwischen Kohlköpfen, Knoblauch und Zwiebeln (die in den Töpfen der Armen kochen werden) wächst! O, wie liebe ich diese ländlichen Küchengärten, wenn mittags der traurige blaue Schatten der Gemüse auf den Vierecken körniger weißer Erde einschläft, der Hahnenruf das Schweigen noch tiefer macht und das geduckte Huhn unter dem schrägen gewundenen Fluge des Habichts aufgluckst! Da wachsen die Blumen der schlichten Liebenden, die Blumen der jungen Frauen, die den blauen Lavendel trocknen und zwischen ihr grobes Leinen legen. Da wächst auch der treue Buchsbaum, an dem jedes Blättchen ein Spiegel von Azur ist, und die Stockrose, an der die sanfte reine Flamme der Blüten sich in Schwermut verzehrt: fromme Blumen, dem Schweigen und der Entsagung geweiht.

Ich liebe auch die Wiesenblumen: die Königin der Fluren, schaukelnd in leichten Winden und vom Glucksen des Baches in den Schlaf gewiegt. Ihre duftende Krone schmückt sich mit Wasserkäfern schimmernder als der Hals der Kolibris. Sie ist die Geliebte der Halden, die Braut der grasigen Lichtungen.

Tief in den verlorenen alten Parks aber gibt es die geheimnisvollen Pflanzen: da gedeihen die alten Blumen, der Erdflieder, die amaryllis belladonna und die Kaiserkrone. Anderswo müßten sie sterben, hier aber beharren sie, behütet von den Vorbildern der jahrhundertealten einzigartigen Bäume mit den verschollenen Namen. Diese vornehmen, verwöhnten und gezierten Blumen erheben ihre schwanken Köpfe nur, wenn der Wind durch die Amberbäume und Ahorne streicht und aufseufzt wie einst Chateaubriand.

III.

Die Traurigkeit der kleinen Stadt tut mir wohl: die Gassen mit ihren finsteren Laden, die abgetretenen Türschwellen, die Gärten, die in der schönen Zeit des Jahres über einem Grunde von blauem Brodem schwimmen, über dem Gewirre von Stockrosen, Glyzinien und Weinreben — und dann jene anderen Gärtchen, räudig wie Esel, mit schwärigen Buchsbaumhecken, darauf Lumpen zum Trocknen liegen, und das Rinnsal der Gerber, das den dünnen Perlmutterglanz des Himmels mitschleppt und zwischen seinen Schlammpflanzen hart die Dächer widerspiegelt, o — und der Wildbach, der die Felsen höhlt, sich windet und eilig dahinblinkt! Der kleine Stadtplatz ist hübsch, ob die Zikaden in den sommerlichen Buchen schrein, ob der Herbstwind auf ihm scharrt oder die Regen ihn zerkritzeln. Es gibt auch einen kleinen Stadtpark da, von dem Bernhardin de Saint Pierre entzückt gewesen wäre: unter seinen Kastanienbäumen sind die Mainächte tief, blau und sanft.

Ich komme seit Jahren in diese Stadt, die einst mein Großvater und mein Großoheim verlassen haben, um die überblühten Antillen zu suchen. Dann haben sie das Brausen des Meeres gehört, musselinene Kleider glitten unter ihren Veranden dahin — und als sie starben, waren sie vielleicht voll Sehnsucht nach diesen Gassen mit ihren Laden, den Gärten hier, den Rinnsalen und diesem Wildbache.

Wenn ich dann meinen kleinen Meierhof aufsuche, denke ich daran, daß sie einst hier gewesen sind. O, ihre Ausflüge! Das Frühstück trugen sie in einem Körbchen mit und einer hatte eine Gitarre umgehängt. Leichten Ganges folgten ihnen die jungen Mädchen; zwischen taufeuchten Hecken summte eine Romanze auf und erschreckte die Vögel mit einer unaussprechlichen Liebe. Die Maulbeeren waren noch grün. Man marschierte im Takte. Der Schrei eines Mädchens zitterte durch die Luft, an einer Wegecke wurde ein großer Hut geschwungen, und ein kühles Lachen flog zwischen den regenversehrten Heckenrosen empor.

Diese Gitarre habe ich im Hofe meiner hugenottischen Großtanten an einem Sommerabende gehört, als ich vier Jahre alt war. Der Hof schlief in weißer Dämmerung, und von den Dächern sank eine unbekannte Zärtlichkeit auf die Rosenstöcke und das helle Pflaster. Meine Verwandten saßen auf einem Balken, waren froh und lachten darüber, daß ich so ein kleines Kind war und eine weiße Schürze anhatte. Dann sang mein Großonkel ein Lied aus der Hauptstadt. Ich seh ihn noch mit vorgestrecktem Kopfe stehen. Die Luft zitterte sacht. Am Ende einer Koloratur machte er eine komische nette Verbeugung.

Ich segne dich, kleine Stadt, in der kein Mensch mich versteht, wo ich meinen Stolz, mein Weh und meine Freude in mir verberge und ich keine andere Zerstreuung habe, als meine alte Hündin kläffen zu hören oder arme Gesichter anzuschauen. Aber dann steige ich die Hügel empor, wo der dornige Stechginster wächst — und dort erlebe ich in der Betrachtung meiner Kümmernisse das sanfte Glück, das Verzichten heißt. Jetzt quält mich nicht mehr das rohe und verächtliche Lachen der Leute noch auch das Zweifeln an allem. Das Lachen derer, die mich verachten, ist verstummt — und ich werde gleichgültig gegen alles, was ich bin. Aber ich bin indessen ernst geworden gegen mich selber und die andern. Mit furchtsamer Freude sehe ich nun die Sorglosigkeit der Glücklichen. Ich habe verstehen gelernt, wieviel Leiden aus der Liebe wachsen kann und wie tiefe Blindheit aus einem Blicke. Und um dieser meiner Leiden willen möchte ich eine traurige zarte Liebkosung denen schenken, die noch nichts anderes wissen als das Glück.

IV.

Im Garten tut mir der Duft des Flieders plötzlich weh, denn ich bin todtraurig.

Flieder, seit der Kindheit bist du mir teuer. Damals habe ich deine Blütensträuße angeschaut, die schönen Bilder, auf eine Spielzeugschachtel gemalt. In dem vertrauten Obstgarten meiner Jugendzeit blühtest du auch. O, in diesem Garten gab es Igel! Sie glitten die alten Balken entlang — wie unschuldig und sanft sind die Igel trotz ihrer Stacheln. Ich erinnere mich noch meiner Erregung, als ich an einem Winterabende einen auf der Schwelle unserer Küche fand. Der Schnee hatte ihn vertrieben und nun steckte er seinen kleinen Rüssel in die Abfälle, die da liegengeblieben waren.

V.

Ich liebe die Wesen der Nacht, die Käuzchen mit hauchendem Fluge, die Fledermäuse, die Dachse — alle ängstlichen Tiere, die durch die Luft und das Gras gleiten, und die wir so wenig kennen. Was für Feste mögen sie wohl unter den Pflanzen, ihren Schwestern, feiern?

In der Stunde, da der Mensch ruht, springen die Kaninchen silberig von Tau über die Minze der Gräben hin und halten ihre geheimen Versammlungen ab; die Frösche quaken und platschen in den Pfützen, aus den Glühwürmchen sickert der weiche gelbe, feuchte Schimmer, der Maulwurf bohrt sich unter den Wiesen hin, die Nachtigall schluchzt auf wie ein Springbrunnen, und die Schleiereule läßt ihr trauriges Lachen hören, als ob sie sich in ihrer Furchtsamkeit zu der Freude Gottes gesellen wollte.

Wie oft habe ich mir gewünscht, ein solches Wesen der Nacht zu sein! Ein schauerndes Kaninchen unter der Weißdornhecke oder ein Dachs, von den saftigen grünen Blättern gestreichelt. So hätte ich keine anderen Sorgen gekannt als die um meine leibliche Verteidigung — und ich hätte nicht lieben müssen und nicht hoffen.

ENDE

INHALT

  Seite
Das Paradies 3
Das Paradies der Tiere 6
Die Güte des lieben Gottes 8
Der Weg des Lebens 11
Die kleine Negerin 15
Ronsard 17
Robinson Crusoe 19
Das Grabmal des Dichters 21
Von der Barmherzigkeit gegen die Tiere 24
Betrachtung über die Dinge 27
Lob der Steine 40
Betrachtung über eine Schnepfe 43
Betrachtungen über ein Speisezimmer 49
Betrachtungen über einen Tautropfen 53
Betrachtung über Astrologie 60
Notizen 68

Anmerkungen zur Transkription

Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

  • ... Hammer Anwort. Der Hammer, den der Meister ...
    ... Hammer Antwort. Der Hammer, den der Meister ...
  • ... vom Herzen schwang, war das Herz des Amboß. ...
    ... von Herzen schwang, war das Herz des Amboß. ...
  • ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt ...
    ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich ...
  • ... blüht gegen Ende des Sommer. Ich habe ...
    ... blüht gegen Ende des Sommers. Ich habe ...
  • ... die Luft, an eine Wegecke wurde ein großer Hut ...
    ... die Luft, an einer Wegecke wurde ein großer Hut ...