Das hatte der Förster nicht mehr gesehen. Er stand schon draußen in der Nacht und spuckte aus, als hätte er damit einen symbolischen Punkt hinter die erledigte Geschichte der letzten Minuten gesetzt. Unschlüssig blickte er zum Fürstenhaus hinauf, dessen Fenster hell in den dunklen Abend leuchteten. Ob er nicht doch seinem Herrn den Vorfall melden sollte? Er schüttelte den Kopf zu diesem Gedanken, ging in seine Hütte und zündete in dem finsteren Stübchen die Lampe an. Als er auf dem Bett die geflickte Lederhose liegen sah, nahm er sie und betrachtete beim Lampenschein die wulstige Naht. »Sakra, Sakra«, brummte er seufzend vor sich hin, »die wird mich drucken!« Er hängte die Lederhose an den Kleiderrechen und sah sie mißtrauisch noch einmal an. Dann holte er das Geheimnis von Woodcastle aus der Tischlade.
Im gleichen Augenblick kam der Praxmaler-Pepperl zur Tür hereingestürmt, atemlos von einem zweistündigen Dauerlauf. »Herr Förstner! Der Hirsch is heut am richtigen Fleck! Wenn der Herr Fürst morgen in der Früh mit mir aussi marschiert zum Sebensee, kommt ihm der Hirsch auf hundert Schritt.«
»No also, geh nur gleich nauf und mach Rapport!« Pepperl stellte die Büchse fort und rannte davon. Als er nach einer Viertelstunde zurückkam, berichtete er mit aller Freude, deren er in seiner Erschöpfung noch fähig war: »Morgen kracht's. Der Herr Fürst geht mit. Um zwei in der Fruh wird abmarschiert.« Ans Kochen und Essen dachte er nimmer. So müde war er. Nur den Wecker stellte er. Dann stieß er die Schuhe von den Füßen und warf sich angekleidet auf die Matratze.
Eine Minute, und er schlief bereits. Wohl war ihm droben im Fürstenhaus der »Schwarzlackierte« begegnet. Aber der Gedanke an das »dumme unbetreute Madl« und an Burgis »armen alten Vater« ging ihm unter in diesem Bärenschlaf seiner Müdigkeit. Und während Pepperl sägte, saß Kluibenschädl bei der Lampe und las im Geheimnis von Woodcastle das spannende Kapitel von Lord Fitzgeralds wunderbarer Rettung. Und die standhafte Liebe der jungen, »berückend schönen« Lady Maud wirkte so zaubermächtig auf das Herz des Lesers, daß er dem Dichter sogar den Tod des armen Lion verzieh.
Er las noch immer, als gegen halb zwei Uhr morgens mit Gerassel der Wecker ging.
»He! Pepperl! Auf!«
Der Erwachende machte große Augen. »Mar und Joseph! Herr Förstner! Halb zwei? Und Sie schlafen noch net?«
»Na!« Kluibenschädl wischte sich die Tränen seiner Rührung aus den Augen. »Aber jetzt haben s' anander, der Lord und die Laadi. Jetzt kann ich meine Augen zumachen!« Langsam begann er sich zu entkleiden. »Pepperl, dös Büchl mußt lesen! So was is schön: wenn zwei treue Liebsleut nach aller Gfahr anander kriegen. Da könnt man schier selber wieder ans Heiraten denken!« Er seufzte. »Wenn alle Weibsbilder so wären wie die Laadi!« Trübselig schüttelte er den Kopf und tauchte, während Pepperl in die Schuhe fuhr, bis an die Nasenspitze unter die Decke.
Ein paar Minuten, und Praxmaler war wegfertig. Als er die brennende Kerze in die Laterne steckte, fragte er plötzlich: »Bleiben Sie heut daheim, Herr Förstner?«
»Ja.«
»Da sollten S' Ihnen doch a bißl um den Herrn Kammerdiener kümmern.«
»Warum denn?« klang's mit Gähnen unter der Decke hervor.
»Weil er Langweil haben muß, wenn der Herr Fürst net daheim is.«
»Soll er halt 's Gheimnis vom Wohdekastl lesen!«
»Plauschen, mein' ich, tut er lieber.«
»Soll er mit der Köchin plauschen!«
»Oder mit der Burgi? Net?« Pepperls Hände zitterten, daß die Laterne klirrte.
»Meintwegen! Mir is alles recht.«
»Aber wissen S', der Burgi gfallt er net recht. Die kann die Stadtischen net leiden. Und wann er plauscht mit ihr, da könnt s' ihm leicht an unbschaffens Wörtl sagen, dös ihn verdrießt. Ich mein', da sollten S' dabei sein. Daß sich 's Madl a bißl zruckhalt, wissen S'!«
»Ja, ja, is schon recht! Laß mich nur jetzt in Ruh! Und schau, daß der Herr Fürst den Hirsch kriegt! Und halt dich ordentlich auf der Pirsch, gelt! Daß d' mir kei' Schand net machst!«
»Na, na, da wird sich nix fehlen!« Pepperl holte noch einen schweren Seufzer aus dem tiefen Brunnen seiner Sorge herauf. Dann ging er. Vor dem Jagdhaus wartete er mit der Laterne, bis der Fürst aus der Tür trat.
»So, da bin ich, Praxmaler! Es scheint, wir werden gutes Pirschwetter haben.«
»A Morgen, Duhrlaucht, wie er net schöner sein könnt!«
Martin war hinter dem Fürsten in der Tür erschienen und fragte: »Bis um welche Stunde werden Durchlaucht wieder zurück sein?«
»Das weiß ich nicht. Pepperl, was meinen Sie?«
Pepperl zog diplomatisch die Achseln auf und schmunzelte, wie man bei einem glücklichen Einfall lächelt. »Da wird sich was Gnaus net sagen lassen. Jagd is Jagd. Da kann's gehn, wie's mag. Es kann lang dauern, aber wir können auch in aller Fruh schon daheim sein. Ja, Herr Kammerdiener, rühren S' Ihnen nur net weg von Ihrem Posten, damit S' net am End den Herrn Fürsten verpassen, wann er gahlings heimkommt. So! Und jetzt geben S' mir Ihr Büxl, Duhrlaucht! Da marschieren S' leichter. So! Hab die Ehre, Herr Kammerdiener!«
Auch Martin lächelte, während er geschmeidig den Rücken krümmte. »Weidmanns Heil, Durchlaucht!«
»Weidmanns Dank!«
Fünftes Kapitel
Sie wanderten hinaus in die Nacht, Pepperl mit der gesenkten Laterne voran und hinter ihm der Fürst, etwas unsicher auf dem holprigen Weg, über den die schwankende Laterne ihren trüben, gaukelnden Schimmer warf. Aber es währte nicht lang, und das Auge des Fürsten hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, sein Schritt an den rauhen Pfad.
»Sie können die Laterne löschen«, sagte er, »das Licht stört mich nur. Ich hab es gerne, in der Nacht zu gehen.«
Pepperl blies die Kerze aus, verbarg die Laterne in einem Busch und ließ seinen Herrn vorangehen auf dem Weg, der sich in dem schütteren Walde mit mattem Grau von dem schwarzen Rasen abhob.
Die Nacht war windstill; bald laut, bald wieder leiser werdend, plauderte der Wildbach wie im Halbschlaf; in tiefer Schwärze stieg der schweigende Wald bergan, und über den grauen Wänden funkelten am stahlblauen Himmel die zahllosen Sterne. Die Milchstraße, die draußen in der dunstigen Ebene auch in hellen Nächten nur matt erkennbar ist, schlängelte sich über den Sternenhimmel hin wie ein lichter Silberstrom, unterbrochen von schwarzen Inseln.
Zuweilen ging ein sanftes Hauchen durch die finsteren Bäume, als hätte die Natur im Schlummer wohlig aufgeatmet. Und wenn es kam, dieses kurze linde Hauchen, trug es von den Almen den Wohlgeruch der Brunellen ins Tal herunter, einen süßen Duft, der an köstliches Gewürz erinnerte.
Immer wieder blieb Ettingen stehen, auf den Bergstock gestützt, und träumte hinein in das nächtliche Schweigen des Waldes.
»Wie schön! Und soviel Ruhe!«
Als er leis diese Worte vor sich hin murmelte, zuckte es über die langen Bergwände der Hohen Munde wie ein falbes Leuchten. Das währte nur einen Augenblick, doch alle Farben des Waldes, der Felsen und Almen erwachten in dieser Sekunde, um mit der nächsten wieder in Schlaf und Finsternis zu versinken.
»Was war das? Der Himmel ist klar —«
»Weit draußen im Flachland muß a Wetter stehn. Da draußen hat's blitzt. Dös war der Widerschein.«
Ettingen lauschte, als müßte er den fernen Donner hören. In den sternfunkelnden Lüften blieb's ruhig und still.
Er lächelte. »Sturm und Wetter da draußen. Hier die Ruhe! Das Schweigen im Wald!«
Sie schritten weiter.
Zwei Stunden waren sie fast gewandert, und über den östlichen Bergen begann sich schon der Himmel zu lichten, als ihnen durch den Wald, in dem der Weg immer steiler wurde, leichte Nebelschleier langsam entgegenschwebten.
»Das Wetter von da draußen schickt seine Vorreiter in die Berge herein«, sagte Ettingen, »der Tag wird trüb werden.«
»Gott bewahr, Duhrlaucht! An schönern Tag haben S' noch nie net gsehn! Der Nebel da, dös is bloß der Seedampf. Wissen S', zwischen die Felsen droben, da liegt der Firnschnee umanand. Da bleibt auch im heißen Sommer d'Nacht schön frisch. Und in der Fruh, da fangt der Sebensee zum Rauchen an. Dös muß so sein, dös is 's allerfeinste Wetterzeichen.«
Es währte nicht lang, und sie waren völlig eingehüllt von den ziehenden Dämpfen. Man konnte auf zwanzig Schritte kaum noch einen Baum unterscheiden. Daß in den Lüften der Tag erwachte, sah man nur an dem Grau des Nebels, der immer lichter und lichter wurde.
»Wie lange haben wir noch zu steigen?« fragte Ettingen.
»A Viertelstündl. Da is schon der See.«
Aber vom See war keine Spur zu gewahren. Es hoben sich nur ein paar grobe Felsblöcke des Ufers von dem weißlichen Rauch mit verschwommenem Dunkel ab, man hörte das leise Geplätscher, mit dem das Wasser die Steine umspülte, und tief aus dem Ehrwalder Tal herauf summte das Brausen des Wasserfalles, der den Abstrom des Sees hinunterwarf über turmhohe Wände.
Der Pfad stieg immer mehr und verlor sich in ein steiles Latschenfeld. Als die Jäger einmal rasteten, hörten sie auf dem Weg die Steine klirren. Wie ein dunkler Schatten huschte ein großes Tier an ihnen vorüber und verschwand im Rauch.
»War das ein Stück Hochwild?«
»Ja, ja, wird schon so was gwesen sein!« Pepperl schmunzelte. Er brachte es nicht übers Herz, seinem Jagdherrn ins Gesicht zu sagen, daß er im Nebel einen Maulesel für Hochwild angesehen hätte. »Gar weit haben wir nimmer hin bis zum Hirsch, jetzt müssen wir d' Füß a bißl in acht nehmen.«
Lautlos kletterten die beiden Jäger zwischen den Latschen hinauf. Je höher sie kamen, desto häufiger schüttelte Pepperl den Kopf. »Jetzt dürft sich der Nebel bald verziehen! Oder es spuckt in der Fechtschul!«
Minute um Minute verging, und es wurde nicht lichter. Wohl hauchte manchmal ein frischer Windzug von den unsichtbaren Wänden nieder, aber der Nebel lag fest und wollte nicht weichen.
Sie hatten im steilen Latschenfeld einen Rasenbuckel erreicht, als Pepperl flüsternd im Klettern innehielt: »Jetzt können wir nimmer weiter! Der Hirsch muß in der Näh sein, auf'n schönsten Schuß. Was machen wir jetzt? Teufi, Teufi, Teufi! Wenn's schief geht, Duhrlaucht, kann ich nix dafür! So a Hundsnebel, so a miserabliger!«
Ettingen tröstete leise: »Machen Sie sich keine Sorgen, Pepperl! Wenn auch die Pirsche fehlschlägt, der Weg war wunderschön und hat mir Freude gemacht.«
»Der Weg? No ja, a schöner Weg is auch was Schöns. Aber lieber wär mir der Hirsch. Wenn nur der Teufel den Nebel kreuzweis reiten möcht!«
Als wäre der fromme Wunsch des Jägers an die richtige Adresse geraten, so fuhr im gleichen Augenblick ein scharfer Windstoß über das Latschenfeld herunter und riß die wallenden Schleier entzwei.
»Mar und Joseph!« lispelte Pepperl. »Duhrlaucht! Der Hirsch!«
Kaum hundert Schritte von den Jägern entfernt, kam der Hirsch gemächlich durch die Latschen gezogen und gabelte mit dem mächtigen Geweih wie spielend in die Büsche. Doch ehe Praxmaler die Büchse spannen und dem Fürsten reichen konnte, war der Nebel schon wieder zusammengeflossen, alles grau verhüllend.
Pepperl zitterte vor Aufregung an allen Gliedern und flüsterte: »Teufi, Teufi, Teufi, jetzt is gfehlt! Jetzt hat er uns gleich im Wind. Und nacher bhüt dich Gott, Hirscherl!«
Da hörten sie in nächster Nähe das Brechen von Zweigen und den Schritt des Wildes. Wie ein großer, grauer Schemen tauchte dicht vor ihnen der Hirsch im Nebel auf. Nun verhoffte er und wandte sich zur Flucht — aber da krachte auch schon der Schuß. Im Nebel war der Hall der Büchse dumpf und kurz, man hörte kein Echo, nur ein mattes Gepolter im Geröll, über das der Hirsch gegen das Seetal hinunter flüchtete. Dann Stille.
Dem Praxmaler-Pepperl klopfte das Herz, daß man es hören konnte wie dumpfen Hammerschlag. Und die Hände um die Ohren höhlend, lauschte er talwärts.
Scharf blies der Wind von den Felsen. Der Nebel kräuselte sich um die Büsche und flatterte, wurde lichter und lichter, und in der Höhe begann es schon zu schimmern wie mattes Blau und wie ein Rätsel des Sonnenglanzes. Da rissen die Schleier entzwei — wie sich ein Vorhang teilt, der ein heiliges Wunder verhüllte. Leuchtende Matten sah man, ein steiles Latschenfeld in blauem Schatten, hier eine graue Wand und dort eine Reihe scharfgeschnittener Spitzen, rosig angeflogen vom Schein der Morgensonne. Nur wenige Minuten, und die Höhe, auf der die Jäger ruhten, war völlig nebelfrei. Groß und schweigend dehnte sich rings um sie her die Felsenwildnis, in mächtigem Halbkreis umzogen von starrendem Gewänd. Ihnen zu Füßen lag der Nebel ausgegossen, flach und weiß wie Milch, und drüben stiegen aus dem Meer dieser silbernen Dünste die Steinkolosse der Wetterschrofen auf, über deren wild zerrissenen Grat die goldleuchtenden Schneegehänge der Zugspitze herüberblinkten.
Immer rascher zog und streckte sich der Nebel, und während seine tieferen Massen gegen Osten hinausströmten über das Geißtal, lösten seine höheren Ränder und Zungen sich auf in blaue Luft. Allmählich enthüllten sich im Westen die schön gewellten Waldberge von Lermoos und Reutte, das Ehrwalder Tal entschleierte sich mit seinem blitzenden Bach, mit seinen Wiesen und ausgestreuten Häusern. Schon sah man die Ehrwalder Alm, auf der sich mit dem fernen Gebrüll der Rinder die jauchzende Stimme eines Hirtenbuben mischte. Schon stachen die Wipfel des Sebenwaldes schlank und spitz aus dem Nebel heraus. Noch eine kurze Weile, und aus den in Luft und Sonne zerfließenden Dünsten leuchtete ein stilles grünes Wasserauge aus der Tiefe herauf: der Sebensee, ein kreisrundes Felsenbecken, erfüllt mit einer Flut von so kristallener Klarheit, daß man jeden Steinblock und jeden versunkenen Baum auf dem Grunde deutlich unterscheiden konnte. Steinhalden und flache Almfelder umsäumten auf der einen Seite den See, auf der anderen wurde sein Ufer gebildet durch mächtige Felsklötze, durch schroffe Wände und steile Latschenbeete, zwischen deren vereinzelten Zirbenbäumen und Fichten das Schindeldach einer kleinen Hütte leuchtete.
»Solch einen Morgen zu sehen! Ist das nicht schöner als alle Jagd?«
Zum Glück für den weidmännischen Respekt, den ein Jäger vor seinem Jagdherrn haben soll, überhörte Pepperl diese stille, lächelnde Weisheit. Denn ehe der Fürst noch ausgesprochen hatte, war Praxmaler aufgesprungen, als hätte er plötzlich bemerkt, daß er auf glühenden Kohlen säße.
»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Der Hirsch! Da drunten liegt der Hirsch!« Die Freude schien den Pepperl in einen Wahnsinnigen verwandelt zu haben. »Jesses Maria! Da liegt der Hirsch! Da liegt er ja! Da liegt er! Da liegt er!« Ein Jauchzer, daß alle Wände widerhallten von diesem jubelnden Schrei. Und in der einen Hand den Bergstock, in der anderen die Büchse, hetzte Pepperl über Büsche und Geröll hinunter, daß es anzusehen war, als müßte er sich bei jedem Sprung überstürzen, um Hals und Beine zu brechen. Jetzt verschwand er in den Latschen. Ein heller Jauchzer kündete, daß er mit gesunden Gliedern den Hirsch erreicht hatte.
Nun stieg auch Ettingen hinunter, und als er die Mulde erreichte, zwischen deren Büschen der Hirsch, mit der Kugel im Herzen, verendet niedergebrochen war, kam Pepperl ihm schon entgegen, mit einem Sträußl blühender Almrosen in der zitternden Hand. Die Augen des Jägers blitzten vor Freude, seine Wangen brannten vor Erregung. »Gratalier, Herr Fürst! Gratalier zum ersten Hirsch bei uns! Da kommen S' her! Schauen S' ihn an! Was dös für a Hirsch is! A Gweih hat er droben — Teufi, Teufi, Teufi, is dös a Gweih! Und den Schuß, den er hat! Im Nebel so an Schuß machen! Wie naufzirkelt aufs Blatt! Gelten S', Duhrlaucht? Gelten S', dös freut Ihnen? Gelten S', ja? Und schauen S', Duhrlaucht — weil S' jetzt die allerschönste Freud haben — jetzt muß ich gleich was raussagen! Gestern auf d' Nacht, meiner Seel, es is wahr: da hab ich mich schauderhaft aufgführt! An Rausch hab ich ghabt, daß ich mich selber schenier! Und im Rausch, da bin ich mit'm Herrn Kammerdiener zammgwachsen und hab ihm schieche Sachen gesagt. Schieche Sachen, Duhrlaucht, schieche Sachen!« Er schnaufte wie ein von schwerer Bürde Erlöster. »Jetzt is's heraußen! Gott sei Dank!« In Zerknirschung guckte er an seinem Herrn hinauf. »Ich bitt schön, Duhrlaucht, tun S' mir halt gnädig verzeihen! Gschehen soll's nimmer, da leg ich mei Hand dafür ins Feuer! Tun S' mir halt verzeihen! Gelten S', ja?«
Lächelnd hatte Ettingen diese drollig wirkende Beichte angehört. Nun klopfte er dem Jäger freundlich auf die Schulter. »Ja, Pepperl, die Sünde soll vergeben und vergessen sein! Aber nehmen Sie ein andermal Ihren Durst in festere Zügel! Und nun sagen Sie mir — hat Ihnen Martin Ursache gegeben, daß Sie grob gegen ihn wurden?«
Eine dunkle Blutwelle schoß dem Jäger ins Gesicht, aber er sagte entschieden: »Na, na, Duhrlaucht, gwiß net! Der angfangt hat, der bin schon ich gwesen!« Ein Glück, daß sich Ettingen zu dem erlegten Hirsch wandte, um das Geweih zu betrachten. Länger hätte Pepperl den forschenden Blick seines Herrn kaum ertragen, ohne in Verlegenheit zu geraten. Nun atmete er erleichtert auf, kreuzte die Fäuste über der Brust und tat einen dankbaren Blick zum Himmel, wie einer, der sagen will: »Gott sei Dank, jetzt bin ich wieder gsund!« Dann warf er die Joppe ab und zog das Messer, um an dem erlegten Hirsch das weidmännische Handwerk zu üben.
»Das seh ich nicht gerne«, sagte Ettingen, »bei dieser Arbeit laß ich Sie lieber allein. Ich steige zum See hinunter und warte dort, bis Sie nachkommen.«
Die Büchse zurücklassend, folgte er einem Almsteig, der in Windungen durch das Latschenfeld zum Seeufer hinunterführte. Als er zu den lichter stehenden Bäumen kam, vernahm er den süßen Schlag einer Ringdrossel. Er lächelte. Der zärtliche Vogelruf erweckte in ihm die Erinnerung an jenen ersten Abend, an jene seltsame Begegnung im schweigenden Wald.
In Gedanken versunken, folgte er dem Pfad und blickte erst wieder auf, als er den See erreichte. Still und schimmernd lag die grüne Flut zu seinen Füßen, durchsichtig wie Glas. Die glatte Oberfläche war durchzogen von langen Silberstrichen und spiegelte mit reinen Linien und grün behauchten Farben alle Felsblöcke des Ufers, die Bäume und einen sonnbeglänzten Berg. Hunderte von den kleinen Blütenkelchen der Alpenrose waren ausgestreut über den See und schwammen gleich winzigen Blutstropfen im stillen Grün.
Lange stand Ettingen in Schauen vertieft, bevor er dem linken Ufer folgte, auf dem sich zwischen Wasser und steilem Berggehäng ein halbverschütteter Pfad erkennen ließ.
Durch eine tiefgeschnittene Bergscharte glänzte schon die Sonne herein ins Seetal und durchleuchtete am Ufer einen breiten Streif des Wassers. Große Forellen standen so dicht am Spiegel, daß ihre sacht spielenden Rückenflossen halb aus dem Wasser ragten. Wenn sie den einsamen Wanderer gewahrten, machten sie eine jähe Wendung, schwammen pfeilschnell der grünen Tiefe zu, und wo sie gestanden, blieb eine silberblitzende Linie zurück.
Ettingen hatte den Pfad verloren und konnte nicht mehr weiter. Ein hoher, überhängender Felsblock stieg vor ihm aus dem Wasser auf und sperrte den Weg. Aber die Nische, die der mächtige Steinwall bildete, bot ein freundliches Plätzchen zum Rasten — und das mußte auch schon ein anderer gefunden haben, denn unter dem Fels war eine Bank aus Steinen zusammengetragen und mit Fichtenzweigen und Moos belegt.
Er ließ sich nieder. Hatte der Weg ihm so warm gemacht? Er fühlte ein heißes Brennen auf den Wangen und schöpfte mit der Hand von dem kalten Wasser, um die Glut seines Gesichtes zu kühlen.
Dann saß er, die Arme übers Knie gelegt, und während er träumend in die stille grüne Flut blickte, spann er lächelnd die Gedanken weiter, die ihn begleitet hatten, seit er den Schlag der Drossel vernommen.
Und seltsam! Wie kann nur eine Erinnerung sich so lebhaft vor den Augen gestalten? Als wäre sie aus seiner Seele herausgetreten in die Luft, vor seinen Füßen versunken im See! Zwischen dem Spiegelbild der Alpenrosen, die über den Saum des Felsens niederhingen, sah das schöne »Schweigen im Walde« aus der Flut zu ihm herauf wie ein ernstes Nixengesichtchen mit großen Augen! Die lockig aufgelösten Haare, die das Gesicht umschwankten, schienen im grünen Wasser zu schwimmen und aus der Tiefe heraufzustreben. Jetzt kam eine Hand und strich die Locken zurück — im gleichen Augenblick verschwand das Gesicht, und jäh erweckt aus seiner träumenden Märchenstimmung, fuhr Ettingen betroffen auf. Nicht seine eigenen Gedanken hatte er gesehen, sondern ein Spiegelbild der Wirklichkeit. Und als er hinaufspähte zum Rand des Felsens, hörte er das Rieseln kleiner Steine und einen leichten Schritt, der sich entfernte. Dann wieder Stille. Von den überhängenden Büschen flatterten ein paar Almrosenkelche wie rote Käferchen durch die Luft herunter und fielen in die Flut.
»Das schöne Wunder geht um! Auf jedem meiner Wege!« murmelte Ettingen lächelnd vor sich hin und wanderte am Ufer zurück, um den verlorenen Weg zu suchen.
Da fühlte er wieder jenes Brennen im Gesicht, und wieder schöpfte er Wasser mit der Hand, um die schmerzenden Wangen zu kühlen.
Er fand den Pfad, der steil durch die Latschen hinaufkletterte und zur Höhe des überhängenden Felsens führte. Und da versperrte ihm ein lebendiger Riegel den Weg — ein Esel, der von den dürren Ästen einer altersmüden Fichte die zarten Fäden der Bartflechte herunterschmauste.
»So? Bist du auch da? Guten Morgen!«
Ettingen streckte die Hand, um das Grautier zu locken. Aber der Esel machte scheue Augen, schüttelte trotzig die langen Ohren, schlug mit den Hinterfüßen aus und sauste durch die Latschen gegen den See hinunter.
Lachend sah ihm Ettingen nach: »Wenn deine märchenhafte Herrin nicht freundlicher ist —«
Über den Zweigen einer Erlenstaude sah er ein dunkelblaues, noch feuchtes Schwimmkleid und einen weißen Bademantel zum Trocknen ausgebreitet.
Besonders empfindlich und verzärtelt schien sie nicht zu sein, die schweigsame Waldfee! An solch einem frischen Bergmorgen in 1600 Meter Höhe ein Seebad mit zehn Grad Reaumur? Das war ein etwas gruseliges Vergnügen, gegen das sich unter Umständen auch eine gesunde Männerhaut energisch wehren konnte. Und solch ein knospenhaftes, zierlich schlankes Ding, das die Zwanzig kaum überschritten haben konnte. Schon überschritten? Nein! Aus den großen, ruhigen Augen blickte wohl ein klarer Lebensverstand, wie ihn frühe Jugend nicht besitzt. Doch die schmalen Wangen hatten noch etwas Kindhaftes, und der schöne Mund erzählte von der unberührten Reinheit einer Mädchenseele, die nur Sonne erlebt habt konnte, keinen Sturm und Schmerz.
Wer sie sein mochte? Und was suchte und trieb sie hier? Daß sie die Natur liebte, sich selbst genug war und sich wohl fühlte in der Einsamkeit, das war ein gutes Zeugnis für ihr Wesen und ihre Geistesbildung. Wer die Welt nicht nötig hat, ist immer reicher als die Welt. Und die Einsamkeit verträgt nur jener, der sich selbst in jeder Stunde etwas zu sagen hat.
Wer war sie? Vielleicht die Tochter stadtmüder Leute, die dort unten im Ehrwalder Tal ihre Sommerfrische genossen? Nein! Wenn sie noch Eltern hätte? Die würden ihrem Kinde solche Freizügigkeit nicht gestatten, auch nicht einem Kinde, das neben eigenen Gedanken auch Mut und eigenen Willen hat. Denn Mut gehört dazu, wenigstens für ein Mädchen, so einsam in menschenferner Bergwildnis zu hausen.
Aus dem dichten Latschenfeld war Ettingen auf eine von wenigen alten Wetterfichten überschattete Lichtung getreten, die einen freien, herrlichen Ausblick bot über den See und gegen das Geißtal hinaus, über den Sebenforst und das Ehrwalder Tal. Inmitten des Platzes erhob sich ein kleines Blockhaus, aus dessen eisernem Kaminrohr sich milchblaue Rauchwölklein emporkräuselten in die sonnige Morgenluft. Überall an den Balken der Hütte schlangen sich Efeuranken bis unter das vorspringende Dach, bildeten über der halboffenen Tür eine kleine Laube und ließen von den Holzwänden nicht viel mehr gewahren als zwei kleine, mit grünen Läden versehene Fenster, hinter deren blanken Scheiben rote Vorhänge schimmerten. Neben der Tür zog sich an der Wand eine Holzbank hin, auf der eine Messingpfanne zwischen hölzernen Tellern und weißem Teegeschirr zum Trocknen in der Sonne stand. Ein Stangenzaun, an dem eine Zeile junger Fichtenbäumchen angepflanzt war, zog sich im Geviert um die Hütte und umschloß einen sorgsam gepflegten Garten, der sich mit seinen leuchtenden Blumenbeeten und seinen weißen, kiesbestreuten Wegen gleich einer lieblichen Oase von der wilden Unkultur der Umgebung abhob. Auf diesen Beeten blühten keine Zierblumen, wie sie in den Gärten des Tales heimisch sind. Eine kundige Gärtnerhand hatte hier gesammelt und durch Pflege veredelt, was zwischen der Waldgrenze und den Schneefeldern der Berge an Blumen gedeiht. Neben feurigen Alpenrosen schimmerten die blauen Glocken des Enzian; Speik und Edelraute blühten neben dem Almrausch, dessen zarte, rosige Dolden schon zu verwelken begannen, Mardaun und Brunellen neben Arnika und zierlichen Orchisarten, und ein aus Felsen aufgebauter Hügel trug in seinen mit Erde ausgefüllten Spalten die kleinen blaßgrünen Stauden des Edelweiß, dessen Stöcke, nach den frischen saftigen Blättern zu schließen, hier gut zu gedeihen schienen, obwohl sie ohne Blüten waren. Die Farben dieser Bergblumen, die hier in reicher Fülle gesammelt waren, hatten etwas Ungewöhnliches und Seltsames, und zu dem überraschenden Anblick gesellte sich der fremdartige, süße Duft, den die blühenden Beete in den reinen Morgen hauchten.
Ein einziger Baum stand im Garten, in einer Ecke des Zaunes. Und der wunderliche Wuchs dieses Baumes stimmte zu allem übrigen, als hätte ihn die romantische Laune eines Künstlers unter Tausenden ausgewählt und hierhergestellt, um den ungewöhnlichen Eindruck dieses Gartenbildes noch zu erhöhen. Es war kein Baum — es waren sieben Bäume in einem: eine uralte riesige Zirbe, auf deren harfenförmig ausgebogenem Hauptstamm sieben senkrecht nebeneinander aufsteigende Äste sich zu starken Stämmen ausgewachsen hatten. Der Baum war anzusehen wie eine gewaltige grüne Leier. Und diese Leier klang auch! Wenn der sachte Wind die Äste bewegte, ging ein lindes Rauschen durch die zottigen Nadelbuschen, und mit diesem Grundton klangen feine Glockenstimmchen zu einem weichen, traumhaften Akkord zusammen.
Verwundert — recht wie einer, der im Märchen die Pforte einer bezauberten Stätte betritt — zur Neugier gereizt und doch von einer seltsamen Scheu zurückgehalten, stand Ettingen vor der Umfriedung des Gartens. Bald glitt sein Blick über die Blumen hin, bald suchten seine Augen in den Wipfeln des Harfenbaumes die tönenden Glöckchen, bald wieder musterte er die Hütte und spähte nach Tür und Fenstern.
Er lächelte. »Hier muß es wohnen — mein Märchen!«
Da kam es auch schon gegangen, auf der anderen Seite des Gartens, vom See herauf, nicht schwebenden Schrittes, nicht mit dem Lilienstab, gar nicht märchenhaft, sondern festen Ganges, gut ausholend bei jedem Schritt. Und während sie den linken Arm, um das Gleichgewicht zu halten, seitwärts streckte, trug sie in der rechten Hand eine große, wassergefüllte Gießkanne, deren schwere Last jede Linie des geschmeidigen Mädchenkörpers straffer spannte — ein Bild gesunden, jungen Lebens, kraftvoll und schön zugleich.
Auch anders gekleidet war sie als an jenem Abend im schweigenden Wald. Sie trug eine helle Bluse aus leichtem Flanell und dazu einen braunen Lodenrock, unter dessen Saum noch ein Stücklein jener grauen Wollstutzen zu sehen war, wie die Sennerinnen sie zu tragen pflegen. Das reiche Haar, nach dem Bade noch nicht völlig getrocknet, fiel ihr mit wirrem Geringel über Nacken und Schultern bis auf die Hüften nieder, und die um Stirn und Schläfen sich kräuselnden Härchen leuchteten in der Sonne so goldig, daß der schöne Mädchenkopf wie von einem zitternden Schimmerkranz umgeben war.
Als sie mit dem Knie das Gartentürchen vor sich aufstieß, gewahrte sie drüben am Zaun den stillen, lächelnden Gast. Kaum merklich zuckte es um ihren Mund, als hätte sie in Gedanken zu sich gesagt: Das ist er wieder, der von neulich, aus dem Geißtaler Wald!
Ettingen lüftete das Hütchen. »Guten Morgen, mein Fräulein!«
Schweigend dankte sie, wohl freundlich, aber doch nicht anders, als man auf der Straße den höflichen Gruß eines Fremden erwidert.
»Wollen Sie einem müden Sterblichen erlauben, daß er Ihren blühenden Zaubergarten betritt, um eine Minute zu rasten? Dort, unter Ihrem singenden Baum?«
Eine Furche lag zwischen ihren Brauen. Hatte ihr seine Frage wie Spott geklungen? Oder wie die Redensart eines Zudringlichen? Doch als ihr Auge dem seinen begegnete, lächelte sie und sagte ruhig: »Treten Sie nur ein! Das Türchen hat keinen Riegel. Man sieht Ihnen an, daß Sie heute schon einen Weg hinter sich haben, der Ihnen warm gemacht hat. Dort bei der Zirbe finden Sie eine Bank. Die hat Schatten.«
Während sie das sagte, ging sie auf die Hütte zu. Nun stellte sie die Kanne nieder und verschwand in der Tür.
Welch einen linden Klang ihre Stimme hatte!
Ettingen umschritt die Fichtenhecke und betrat den Garten. Gerne hätte er einen Blick in das Innere der Hütte geworfen, aber die Tür war zugelehnt. Einem der weißen Kieswege folgend, ging er auf die Zirbe zu, in deren Schatten er einen schwer gezimmerten Holztisch fand und eine aus bizarr gewachsenen Latschenzweigen geformte Bank, deren Holz unter dem Schnee vieler Winter schon völlig schwarz geworden war.
An diesem Tische mußte schon manch ein müder Wanderer gerastet haben; zahlreiche Buchstaben, ganze und halbe Namen, Jahreszahlen und absonderliche Zeichen waren in die morsche Tischplatte eingeschnitten. Auch der Stamm des Harfenbaumes war bedeckt mit solchen Zeichen, alten und neuen, unter denen eine Reihe von Einschnitten, die in der Mitte des Baumes regelmäßig übereinander angebracht waren, eine Art von Hausherrenrecht auf dieser Rinde zu beanspruchen schien. Da stand zu oberst in der Reihe: »Lolo, aetatis suae XIV — Papa, aetatis suae XLV« — dabei eine Jahreszahl, und diese Zeichen waren umzogen von einer tiefeingeschnittenen Herzlinie mit einer Flamme. Diese Inschrift war sieben Jahre alt, die Schnitte begannen schon in der Rinde zu vernarben. Darunter standen noch, ersichtlich von der gleichen Hand geschnitten, die Zahlen von fünf aufeinanderfolgenden Jahren, und die letzte dieser Zeilen — sie schimmerte noch weiß im Holz und hatte erst einen einzigen Winter überstanden — war umgeben von einem Kränzlein frischer Alpenrosen. Das berührte, als hätte die Spenderin dieser Blumen sagen wollen: »Du letztes Jahr! Wie warst du schön! Ich werde dich nie vergessen! Nie!«
Von seltsamer Stimmung umfangen, betrachtete Ettingen die Zeichen und Blumen, während der Wind durch die buschigen Zweige der Zirbe strich und leis die melodischen Glockenstimmchen tönen machte.
»Lolo? Ob das ihr Name ist?« Dann hatte ihr Vater dieses kleine Paradies geschaffen, hier in der einsamen, friedlichen Wildnis der Berge? Und mit ihrem Vater lebte sie hier? Sieben Sommer? Sieben schöne Sommer, so schön und reich, daß ihre Freude sich in die Rinde dieses Baumes grub, um ein Zeichen der Dauer zu haben? Und weshalb war dieses jüngste Jahr noch nicht eingeschnitten? Zählte es nicht mehr? War die Hand erkaltet, welche die anderen Zeichen eingegraben? Hatte sie den Vater verloren im vergangenen Jahr? Deshalb diese Blumen um die letzte Zahl?
Da weckte ihn ein leises Klirren aus seinen Gedanken.
Drüben, beim Blockhaus, ging das Mädchen langsam an der Holzwand entlang, um den Efeu zu begießen.
Ettingen hatte überhört, daß sie aus der Hütte getreten war. Nun trug sie die Haare aufgesteckt, nur lose über dem Scheitel zu einem Knoten geschlungen. Das stand ihr noch besser zu Gesicht als das offene ungezügelte Gelock. Wie der Knoten die Fülle des Haares nicht bändigen wollte, wie die kleinen widerspenstigen Ringeln sich lösten und bei jedem Schritt um Stirn und Schläfen zitterten gleich zartem Goldgespinst, wie fein das anzusehen war!
Sie hatte die letzten Wassertropfen über den Efeu gesprengt und stellte die Kanne nieder, um einige der langen Grasschmelen zu brechen, die bei der Hecke wuchsen. Achtsam zog sie die zarten Halme durch die Finger, um sie geschmeidig zu machen, und begann mit ihnen die herabhängenden Efeuranken an der Hüttenwand anzubinden.
»Wie gut Sie das verstehen!« sagte Ettingen. »Als ob Sie eine gelernte Gärtnerin wären!«
»Ach nein! Meine Gärtnerkünste sind recht bescheiden. Daheim, in unserem Gemüsegärtchen, ist mir die Mutter über. Aber hier, was der kleine Garten da verlangt, das hab ich gelernt in sieben Jahren. Das versteh ich.« So plauderte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. »Sehr viel Mühe verlangen diese Beete nicht. Das sind keine verzärtelten Gartenpflänzchen. Das sind kräftige, dauerhafte Bergblumen. Nur der Efeu — den haben wir aus dem tieferen Walde heraufgebracht, und drum hält er im Hochsommer die Hitze nicht gut aus und will immer Wasser haben. Anfangs glaubten wir nicht, daß er durchzubringen wäre. Erst seit drei Jahren ist er so kräftig in die Höhe gegangen und hat die großen vollen Blätter bekommen, deren saftiges Grün mit dem rötlichen Holzton der Balken so warm zusammenstimmt.«
Sie trat ein paar Schritte zurück, wie um die Harmonie dieser leuchtenden Farben besser genießen zu können.
»Sie sind Künstlerin, Fräulein?«
»Ich? Künstlerin?« sagte sie fast erschrocken. Sie schüttelte den Kopf. Und schweigend nahm sie die Arbeit wieder auf.
Ettingen saß zu entfernt, um sehen zu können, daß ihre Hände zitterten. »Verzeihen Sie meine Frage! Sie kam mir so, weil Ihre letzten Worte mich an die Sprache erinnerten, die ich manchmal von Malern habe reden hören. Und weil mir der erste Eindruck, den dieser entzückende Fleck Erde mit seiner blühenden Schönheit auf mich machte, den Gedanken eingab: das kann nur ein Künstler geschaffen haben!«
Der Ernst ihrer Züge wandelte sich in ein stilles Lächeln. Und so leise, daß Ettingen es kaum noch hören konnte, fragte sie: »Weshalb glauben Sie das?«
»Der wunderbare Baum! Steht er nicht schon ein paar hundert Jahre hier? Und der schöne Bergsee da drunten hat wohl im Laufe der Zeiten schon viele Besucher aus dem Tale heraufgelockt. Mancher von ihnen mag diesen Baum gefunden haben. Und blieb eine Minute stehen, betrachtete den Baum und schüttelte den Kopf und dachte: Merkwürdig, was für sonderbare Bäume wachsen! Aber dann kam einmal ein anderer, keiner mit Alltagsgedanken unter der Stirn, einer mit träumerischer Künstlerseele, die sich von der Natur um so inniger angezogen fühlt, je unbehaglicher ihr der Lärm des Marktes ist. Der sah den Baum. Und da muß er in seiner bilderschauenden Art doch gleich gedacht haben: Wie eine Harfe! Und diesen Gedanken spann er fort: Eine Harfe soll tönen, ich will ihr Stimme geben! Vielleicht war es zuerst nur eine heitere, naive Künstlerlaune, welche die sieben Glocken dort hinaufhängte in die Wipfel. Dann aber, als er hier im Schatten saß, an einem Tag wie heute, als über ihm die Zweige der grünen Harfe rauschten und die Glocken klangen — wieviel schöne, reine Künstlerträume mögen da in seinem Herzen erwacht sein, schnell reifend in der Stille, die ihn umgab, ins Große wachsend beim Anblick der Steinriesen dort oben, beim Anblick dieser herrlichen Natur. Wie selbstverständlich, daß er denken mußte: Hier möchte ich bleiben, hier träumen und schaffen, hier wohnen, nur mir gehören und die Welt vergessen! So baute er sich diese Hütte. Und da gefiel ihm der kahle Grund nicht mehr, auf dem sie stand. Er hatte Augen, die nach Farbe dürsteten, und muß wohl ein Freund der wilden Bergblumen gewesen sein. So begann er den Schmuck dieser Beete zu sammeln ...«
»Nein, das kann man nicht so erraten!« unterbrach sie ihn plötzlich. Mit der einen Hand sich an die Hüttenwand stützend, stand sie in der leuchtenden Sonne und sah zu ihm hinüber mit einem Blick, dessen Glanz ihm verriet, daß seine Worte ihr Freude bereitet hatten. »Jemand muß Ihnen das erzählt haben! Draußen in der Leutasch? Oder einer von den Jägern? Die haben meinen Vater gekannt. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen das erzählt?«
»Niemand, Fräulein! Das hab ich mir so gedacht, vorhin, als ich da draußen stand und über den Zaun hereinschaute in dieses blühende Idyll. Und wirklich? Ich habe erraten, wie es war?«
»Ja! So war es!« Langsam kam sie einige Schritte näher. Ihre Augen glitten über die Wände der Hütte, über die Blumen hin und hinauf zu den Wipfeln des klingenden Baumes. »So war es! So hat mein Vater den Baum gefunden. So hat er die Hütte gebaut. Aber das mit den Glocken, nein, das haben Sie nicht erraten. Das war keine Spielerei, keine Künstlerlaune. Das war eine Freude, die seine Liebe sich ausdachte — für mich. Ich war damals noch ein Kind. Aber der Baum ist mir heute noch lieber als damals. Wenn er so klingt wie jetzt — das erzählt mir.«
Sie verstummte. Wie schön sie war! Und wieviel rührend Kindliches redete aus der still versunkenen Art, mit der sie regungslos zwischen den blühenden Blumen stand und verträumt hinaufblickte zu den leis klingenden Wipfeln.
Langsam strich sie mit der Hand über die Stirn. Dann nickte sie. »Aber alles andere? Ja! Wie gut Sie das erraten haben! Daß dieser Platz ihm lieb war wie kein anderer auf der Welt — weil es hier so schön ist, so weit von den Menschen. Und wie gerne er hier immer saß und träumte! Das Beste, was er schuf, hat er hier gefunden. Und er war ein Künstler. Wenn das auch nur wenige gewußt haben. Er war ein Künstler.«
Wie sie das sagte! Ein Frommer, in dessen Seele der Gottesglaube eingewachsen ist mit tausend Wurzeln, kann nicht anders sagen: »Ich glaube an Gott, und daß er gut ist und groß!«
Sie hatte sich gebückt und eine der süßduftenden Brunellen gebrochen, die sie wie küssend mit den Lippen streifte.
»Wie gut erst müßten Sie von ihm denken, wenn Sie sehen könnten, was er geschaffen hat. Ich glaube, Sie hätten ihn verstanden. Sein Bestes war seine Liebe zur Natur, und wie er sie kannte, wie er sie zu deuten wußte. Das hätten Sie ihm nachempfunden. Sie lieben die Natur und verstehen sie. Das hab ich Ihnen angesehen, schon neulich, als ich Sie da draußen traf, im Tillfußer Wald. Da hab ich mir gleich gedacht: Der weiß, was es da zu sehen und zu hören gibt. Sie werden sich meiner nicht mehr erinnern, ich bin nur so an Ihnen vorbeigeritten. Aber ich —« Sie lächelte und schob die Blume in ihr Haar. »Ich habe Sie gleich wiedererkannt, als ich Sie heute dort unten sitzen sah, am See — auch wieder an einem Platz, der nicht jedem gefällt, nur einem, der das Schauen liebhat und das stille Vorsichhindenken. Nicht wahr, es ist schön da drunten? Diese Farben im Wasser! Wenn es manchmal so glitzert auf dem Grund, man weiß nicht, war es ein Widerschein der Sonne oder ein weißes Steinchen, das sich bewegte, oder ein spielender Fisch — da denkt man so mancherlei, oft etwas Törichtes, ganz Unmögliches, aber es ist doch schön! Wer nur das Wirkliche gelten läßt, an der Sehnsucht nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute übrig hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden — wie arm ist ein solcher Mensch in seiner Seele!«
Ettingen nickte nur. Er schien sich anderes nicht zu wünschen, als sie immer anzusehen, wie sie so ruhig in der Sonne stand, und ihr immer zu lauschen, wie sie so still und lächelnd vor sich hinplauderte, als spräche sie gar nicht mit ihm, nur mit sich selbst.
»Mir geht es immer so!« plauderte sie weiter. »Wenn ich in einer nachdenklichen Stunde vergessen kann, daß meine Füße auf Stein und Rasen stehen, wenn ich meine Träume lebendig werden sehe, als hätten sie Fleisch und Blut, und wenn ich beinahe körperlich empfinde, daß meine Gedanken mich emporheben über die Erde, dann bin ich immer am glücklichsten und fühle am tiefsten, daß ich lebe.«
Da klang vom Gehänge des nahen Latschenfeldes herauf der helle Jauchzer einer Knabenstimme.
Sie antwortete mit einem Jodelruf und wandte sich lächelnd zu Ettingen: »Da kommt mein kleiner Küchenbote, der für mich sorgt, wie der biblische Rabe für den Elias.« Während sie auf das Gartentürchen zuschritt, blickte sie über die sonnigen Berge hin. »Ein Tag ist das heute! Ein Tag!«
Ettingen nickte. »Er könnte nicht schöner sein!«
Sechstes Kapitel
Ein mager aufgeschossenes vierzehnjähriges Bürschlein kam in den Garten gesprungen — wohl ein Hüterbub von einer der naheliegenden Almen. Er trug ein mürbes, verwaschenes Kittelchen aus blauer Leinwand und ein abgewetztes Lederhöschen. Die hageren Beinchen waren von der Sonne so kupferbraun gebrannt, daß ihre lange Nacktheit gar nicht auffiel. Für einen Sennbuben, dessen Arbeit täglich sechzehn Stunden durch Schmutz und Unrat geht, war er auffällig sauber gewaschen. Und das glatte Blondhaar, das unter dem verwitterten Filzhütl hervorlugte, klebte ihm so naß an den Ohren, als hätte er vor wenigen Minuten erst den Kopf unter einer Brause herausgezogen. In der Hand trug er an einem Strick ein kleines Holzgeschirr, das mit Fichtenzweigen überbunden war.
So ehrfürchtig, als wäre er in eine Kapelle getreten, zog der Bub sein Hütl. »Recht schön guten Morgen, Fräuln Petri!«
Nun wußte Ettingen ihren ganzen Namen: Lolo Petri.
»Guten Morgen, Loisli! Bringst du mir was?«
»Ja, Fräuln! Aber den Vater muß ich verentschuldigen, daß er heut nix anders hat als bloß a Bröserl Butter und a Tröpferl Milli. Morgen bring ich schon wieder was. Gelten S', ich därf morgen wiederkommen?« Der Bub stellte diese Frage, als wär' es für ihn ein Geschenk, wenn er kommen durfte.
»Morgen, Loisli? Büberl, morgen wird's schlecht ausschauen!« sagte sie, den Dialekt des Buben so geläufig plaudernd, als hätte sie von Kind auf keine andere Sprache geredet. »Weißt, morgen fahr ich heim zur Mutter.«
»Aber gelten S', Sie kommen bald wieder?«
»Ja Loisli! Heut über drei Tag, da darfst du dich wieder einstellen bei mir.«
»Und gelten S', da erzählen S' mir wieder was?«
»Ja, Bürscherl, komm nur! Und schau, wie nett und sauber du dich heut gemacht hast! So! Brav! So laß ich mir's gefallen!«
Der Bub kicherte in verlegener Freude. »Ja, wissen S', seit S' mich neulich so ausgscholten haben, trau ich mich nimmer eini mit eim schmierigen Gsicht. Aber gelten S', heut bin ich sauber?«
»Sauber, ja! Aber da schau her —« Sie nahm das Bürschlein bei der Hand und drehte an seiner Joppe den Ärmel vor, der einen spannenlangen Riß über den Ellbogen hatte. »Was is denn das?«
Der Bub wurde rot. »Mir scheint, dös is a Loch!«
Da lachte sie, hell und herzlich. »Ja, du, das scheint mir auch. Nur runter gleich mit'm Jöpperl!«
»Tun S' mir's flicken, Fräuln?«
»Freilich! Und bis ich fertig bin, kannst du das Gießkanndl nehmen und kannst mir Wasser holen, gelt? Jede Guttat muß der Mensch verdienen.«
»Ja, Fräuln!« Hurtig zog der Bub das Jöpplein herunter. »Und tausendmal Vergeltsgott derweil!« Er schoß auf die Gießkanne zu, packte sie und rannte davon. Während er durch die Latschen hinuntertrollte, nahm er die Brause von der Kanne, um das Rohr als Trompete benutzen zu können. So mißtönig diese Laute klangen, sie schienen dem Buben eine Feiertagsfreude zu bereiten. Und als er sich müd geblasen hatte, begann er unter lustigem Jodeln auf der Kanne zu trommeln.
Lolo war in die Hütte getreten, um zu verwahren, was der Bub ihr gebracht hatte. Dann kam sie mit Nähzeug, setzte sich auf die Türschwelle und begann die Wunde des Jöppleins in die Kur zu nehmen. Die Sonnenlichter, die durch das Rankenwerk der Efeulaube drangen, spielten mit Leuchten und Gezitter um ihre Gestalt.
Ettingen sah ihr lächelnd zu. »Geben Sie acht, Fräulein«, sagte er nach einer Weile, »wenn der Bub das nächstemal wiederkommt, wird er sein Kittelchen übel zurichten, um Ihnen Arbeit zu machen und länger bleiben zu dürfen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Bevor er das nächstemal wiederkommt, wird er sein Jöpperl genau untersuchen und die Alm nicht verlassen, bevor ihm nicht die Mutter jeden Schaden ausgebessert hat.«
»Wie gut Sie von dem Jungen denken!«
»Wie er es verdient! Er ist ein braver, lieber Bub und wird einmal ein tüchtiger, guter Mensch werden.«
»Denken Sie von allen Menschen so freundlich?«
»Von den guten, ja.«
»Aber von jenen, denen Sie neu begegnen? Von denen Sie nicht wissen können, ob sie gut oder schlecht sind?«
»Auch von denen. Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere und schädigt sich selbst. Ich glaube, daß wir die Pflicht haben, jeden Menschen für gut zu halten, solang er uns nicht das Gegenteil beweist.«
»Das ist eine warme und schöne Lebensregel.«
»Nur eine selbstverständliche, eine, die keiner entbehren kann, der am Verkehr mit den Menschen Freude haben will.«
»Ja, Fräulein, Sie haben recht! Im Grunde genommen denke auch ich nicht anders, nein, trotz allem nicht!« Es ging wie ein trüber Gedanke über seine Stirn. Gleich wieder lächelte er. »Und ich hörte das gerne von Ihnen sagen. Nun weiß ich doch, daß Sie auch mich für gut halten. Oder nicht?«
Sie hob das Gesicht, als hätte ihr diese Frage nicht gefallen. »Ich wüßte nicht, womit Sie mir das Gegenteil bewiesen hätten.«
»Vielleicht durch die unbescheidene Hartnäckigkeit, mit der ich mich hier festgesetzt habe?«
»Das beweist nur, daß es Ihnen hier gefällt.«
Der letzte Bergschatten, der noch auf einzelnen Beeten gelegen, war über die Hecke zurückgewichen, und Hütte und Gärtchen lagen in voller Morgensonne. Der Wind war still geworden, und in den Wipfeln des Harfenbaumes schwiegen die Glocken. Man hörte nur noch den Wasserfall, der fern in der Tiefe rauschte, und das leise Gesumm der wilden Bienen, die von überall zu den blühenden Beeten geflogen kamen und gleich schwirrenden Funken die sonnige Luft durchschnitten.
Da brachte der Bub die zum Überlaufen gefüllte Wasserkanne. »So, Fräuln, da bin ich schon wieder!«
»Ich dank dir, Bürscherl! Und schau, dein Jöpperl hab ich auch schon fertig!«
Lolo hielt dem Buben das Kittelchen hin, und er fuhr mit beiden Fäusten in die Ärmel. »Vergeltsgott tausendmal!«
»Jetzt mach, daß du heimkommst! Drunten brauchen sie dich bei der Arbeit.«
Loisli drehte das mürbe Hütl zwischen den Händen, sah mit glänzenden Augen zu dem Mädchen auf und bettelte: »Krieg ich noch a Blümerl, Fräuln?«
»Ja, Bürscherl, was willst du für eins?«
»A Brunellerl tät ich gern haben. Die Enkern schmecken viel feiner als die anderen von der Alm draußen.«
Lolo pflückte ein paar von den braunen Blütenköpfchen und reichte sie dem Buben. Sein Gesicht strahlte vor Freude, während er die Blumen achtsam hinter die Hutschnur schob. Und mit einem Jauchzer rannte er davon.
Das Mädchen nahm die Gießkanne und begann den Efeu zu besprengen.
»Der Bub hat recht, Fräulein«, sagte Ettingen, »die Blumen gedeihen in Ihrer Pflege, sie sind schöner als die anderen dort oben und draußen im Wald.«
»Gewiß nicht. Sie sehen in der Blüte nur reicher aus, weil sie dichter stehen. Ich tue nicht viel mehr, als daß ich sie wachsen lasse.«
»Da sind Sie aber wirklich zu bescheiden. Wie sehr diese Blumen Ihre Hand empfinden, kann ich Ihnen gleich beweisen.« Ettingen nahm das kleine Rosensträußlein von seinem Hut. »Ich habe ein paar Almrosen von dort oben mit heruntergebracht. Sehen Sie nur, wie klein die Blüten sind und wie matt in ihrem Rot! Die sind mit den Almrosen, die Sie im Garten haben, nicht zu vergleichen. Wie groß und üppig die Kelche hier sind, wie feurig in der Farbe!«
»Das ist richtig, ja. Aber der Unterschied kommt nicht von der Pflege, er liegt in der Gattung. Was Sie haben, das sind die gewöhnlichen Steinrosen, aber die meinen hier, das sind Edelrosen.«
»Edelrosen? Gibt es eine Aristokratie auch unter den freien Bergblumen?«
»Sie scheinen kein allzu eifriger Hochtourist zu sein, weil Sie diesen Unterschied nicht kennen.« Lolo stellte die Kanne nieder, brach von den mit glühenden Blüten übersäten Rosenstauden einen der schönsten Zweige und kam zur Bank. »Der Unterschied ist am besten an den Blättern zu erkennen. Das Blatt der Steinrose hat mattes Grün und ist behaart, die Blätter der Edelrose sind glatt, von tiefem wachsglänzendem Grün und auf der Unterseite braun angeflogen.« Sie wollte ihm das Rosenzweiglein reichen und sah ihn an. Da erschrak sie und lächelte wieder. »Ach, Gott! Nun seh ich es Ihnen auch am Gesicht an. Sie sind wohl erst kurz aus der Stadt gekommen? Und noch nicht lang in den Bergen?«
»Seit drei Tagen erst.«
»Und gestern haben Sie wohl einen langen Marsch in der heißen Sonne gemacht?«
»Ja, das war gesunde Hitze gestern! Ich bin wohl sehr abgebrannt?«
»Mehr, als Ihnen lieb sein wird! Haben Sie denn keine Schmerzen im Gesicht?«
»Schmerzen? Ich? Aber ja, es ist wahr, mein Gesicht brennt wie Feuer.«
»Sie haben sich einen tüchtigen Sonnenstich geholt. Auf der Nase und auf den Wangen geht Ihnen die Haut schon los. Wenn Sie noch einen weiten Heimweg in der Sonne haben, wird die Sache schlimm werden. Dagegen müssen Sie was tun. Warten Sie —«
Während Ettingen verblüfft zurückblieb, eilte sie in die Hütte und brachte eine kleine Schatulle und ein Spiegelchen in dünner Goldleiste. »Hier! Sehen Sie sich einmal an!«
Zögernd nahm Ettingen den Spiegel, und kaum hatte er einen Blick in das Glas geworfen, als er mit drolligem Entsetzen ausrief: »Ach, du lieber Himmel, was hab ich für ein Gesicht! Wie Zinnober, so lieblich!« Er lachte. Aber daß er nun so vor ihr sitzen mußte, das schien ihm nicht angenehm zu sein. »Ich bitte Sie, Fräulein — daß ich den Schaden habe, merk ich —, ersparen Sie mir wenigstens den Spott und lachen Sie mich nicht aus!«
»Auslachen? Im Gegenteil, ich weiß doch selber, wie das tut.«
»Das Ausgelachtwerden?«
»Nein, der Sonnenstich! Ich bin wohl an Hitze wie an Kälte gewöhnt. Aber wenn ich oft lange Stunden in der Mittagsglut sitze und arbeite, erwischt es mich auch noch manchmal. Aber ich weiß, was hilft dafür. Und dann ist's am anderen Tag wieder gut. Hier, nehmen Sie!« Sie hatte aus der Schatulle ein kleines Holzbüchschen mit weißer Salbe und frische Watte ausgekramt. »Das wird Ihnen gleich die Schmerzen lindern. Kommen Sie, ich will Ihnen den Spiegel halten.«
Er sah verlegen zu ihr auf. »Aber ich bitte, liebes Fräulein, ich kann doch unmöglich —«
»Was können Sie nicht?«
»Hier vor Ihnen die Toilette meiner Schmerzen machen und mich einsalben!«
»Warum denn nicht?«
»Nein! Das tu ich nicht!«
Nun schien sie den Grund seiner Weigerung zu verstehen. Leichte Röte überzog ihre Wangen. »Seien Sie doch nicht töricht! Wenn Sie so fortgehen, mit trockenem Gesicht und bei dieser Sonne, dann wird die Sache schlimmer, und Sie haben eine Woche damit zu tun.« Es zuckte leis um ihre Mundwinkel. »Und dann werden Sie noch übler aussehen als jetzt.«
»Ja, Fräulein, Sie haben recht, meine Weigerung war kindisch. Also? Wollen Sie mir assistieren?«
»Natürlich.« Sie setzte sich an seiner Seite auf die Bank und hielt ihm das Spiegelchen.
Er sah ihr lachend in die Augen, dann tauchte er die Watte in die Salbe und begann zu reiben. Da er die Sache ein bißchen eilig nahm, mahnte sie: »Nein, nein, machen Sie es nur genauer! Namentlich auf der Nase!«
»Ja, die sieht auch am schlimmsten aus!«
Als die Kur erledigt war, sprang er auf, warf die benützte Watte über den Zaun und säuberte mit dem Taschentuch die Finger.
Nun lachte sie.
»Na also, sehen Sie, da hab ich nun doch den Spott davon!« sagte er heiter. »Mein Gesicht muß aber auch aussehen wie —« Er fand keinen Vergleich, der ihm drastisch genug erschien.
»Wie ein gebratener Apfel, so schön glänzend! Aber nicht wahr«, fragte sie wieder völlig ernst, »Sie fühlen, daß es besser ist?«
»Wirklich, ja, das Brennen beginnt schon nachzulassen. Ich danke Ihnen herzlich für den Dienst, den Sie mir geleistet haben. Und da ich bereits den Namen meines freundlichen Arztes kenne —«
»Sie kennen meinen Namen?«
»Zur Hälfte hab ich ihn hier auf dem Baum gelesen. Dann kam der Bub und grüßte Sie: Fräulein Petri! Nun darf sich wohl auch der dankbare Patient Ihnen vorstellen? Ich heiße Ettingen.«
Sie nickte flüchtig, als wäre sein Name für sie etwas Nebensächliches. »Wenn Ihnen nur geholfen ist! Aber Dank? Nein! Wer in den Bergen lebt, ist das gewöhnt, daß man hurtig läuft, wenn der Nachbar ruft: Ich brauche dich! Nun gar in solcher Einsamkeit wie hier. Da sind die Menschen, die sich begegnen, aufeinander angewiesen.« Sie begann in der Schatulle Ordnung zu machen. »Mein kleines Kästchen hat sich schon oft auftun müssen. Nicht nur für einen leidenden Touristen wie heute. Viel häufiger noch für die Sennleute.«
Ettingen hatte sich wieder auf die Bank gesetzt. »Und da leben Sie hier so allein den ganzen Sommer?«
»Den ganzen Sommer nicht, aber doch jede Woche ein paar Tage.«
»Aber in diesen paar Tagen sind Sie doch immer allein?«
»Heuer, ja, heuer bin ich allein.« Sie beugte sich tiefer über die Schatulle.
»Daß Ihnen die Tage nicht zu lang werden, das begreif ich. Es ist so schön hier. Jede Stunde muß Ihnen eine Fülle tiefer Eindrücke bringen. Aber so einsam hier auszuhalten, dazu gehört für ein junges Mädchen ein seltener Mut.«
Das schien sie nicht zu verstehen. »Mut? Ist man nicht am sichersten, wenn man allein ist? Und was sollte ich hier zu fürchten haben? Der Sommer in den Bergen hat keine Gefahr, wenigstens hier in dieser Höhe nicht. Und der Platz, auf dem mein Häuschen steht, ist sicher gegen Wildwasser. Lawinen und Schneestürme gibt es im Sommer nicht. Und eine Gewitternacht? Da sitz ich am liebsten dort auf der Türschwelle und schaue hinaus in das Toben und Leuchten.«
»Aber die Menschen, die der Zufall vor Ihre Tür führt! Und alle Menschen, mein liebes Fräulein, alle sind nicht gut!«
»Die Bauern in der Gegend kennen mich, und ich weiß mit ihnen umzugehen. Von ihnen hab ich nur Gefälligkeiten zu erwarten, keine Roheit zu fürchten. Und die fremden Touristen, die manchmal vor meine Tür kommen? Das sind nette, manierliche Leute, mit denen ich gerne plaudere. Wenn ich auch keine Sehnsucht habe nach der Stadt, so hör ich doch gerne von ihr erzählen. Wer Freude an der Natur hat, der hat auch immer ein gutes Herz. Und wenn manchmal einer kam, der ein bißchen übermütig und zudringlich wurde, weil er sah, daß ich allein war und jung bin und nicht häßlich —«
»Sehen Sie«, rief Ettingen, wie von einer bangen Sorge um das schöne, einsame Geschöpf befallen, »sehen Sie, das ist also doch schon geschehen!«
»Nicht oft.« Sie blickte freundlich zu ihm auf, als hätte sie gefühlt, was aus dem Klang seiner Stimme redete. »Ich habe dann immer das rechte Wort gefunden, auf das sie hörten.« Sie lächelte. »Nein! Ich habe nichts zu fürchten hier. Die einzige Sorge, die ich habe, geht nur meinen Garten an. Den haben sie mir manchmal bös geplündert, wenn ich ein paar Tage fort war. Wenn ihnen die Blumen nur Freude machten, in Gottesnamen! Ich hab mir wieder neue geholt von da draußen. Nur das Edelweiß — sehen Sie, dort auf dem Steinhügel hab ich ein paar Stöckchen eingepflanzt — das Edelweiß ist im Wettersteingebirge selten, und ich bekomme nur manchmal von den Jägern einen Setzling — aber da kann ich mit aller Pflege kein Blümchen aufbringen. Kaum guckt ein Sternchen heraus, da ist es schon wieder weg, mitgenommen von einem, der's gefunden hat. Da muß ich mir eben denken: wer drunten im Tal das weiße Sternchen auf seinem Hut herumträgt, hat an ihm noch größere Freude, als ich sie gehabt hätte. Nein! Sonst hab ich nichts zu fürchten. Und es ist so schön hier! Ich bin auch nicht allein. Hier wohnt mein Erinnern mit mir, als wär es noch immer ein Wirkliches, und jeder neue Tag ist für mich eine neue Freude, die mein Leben reich macht.«
Ettingen betrachtete sie schweigend, gefesselt von dem Reiz dieses ruhigen Lächelns, von dem reinen Glanz der stillen, tiefen Mädchenaugen. Dann sagte er: »Wie glücklich sind Sie in Ihrem guten Glauben, in Ihrer furchtlosen Freude, in Ihrer reichen Einsamkeit!«
»Glücklich? Ja! Ich war es. Und ich bin es.«
Ein leichter Windhauch, wie sanftes Sonnenatmen, strich über den blühenden Garten hin, und durch die Zweige des Harfenbaumes ging ein leises Flüstern. Doch die Glocken schwiegen.
Ettingen sah zu den Wipfeln hinauf, als hätte er sich gefragt: »Warum klingen sie nicht?« Und da gewahrte er, was er noch nicht gesehen hatte: daß an einem der Stämme ein kleines Bild mit hölzernem Dächlein angebracht war, nach Art jener Martertäfelchen, die das Landvolk zu frommem Gedächtnis an Stellen errichtet, an denen ein Unglück geschah oder eine fromme Rettung sich vollzog.
Um das hochhängende Bildchen besser betrachten zu können, erhob sich Ettingen.
Das kleine Gemälde war von Schnee und Regen schon übel zugerichtet, doch in Zeichnung und Farbe noch deutlich zu erkennen. Man merkte gleich, daß die Hand eines geschulten Malers dieses Bildchen geschaffen hatte, obwohl es ganz den steifen, naiven Stil und die grellen Farben der ländlichen Marterbildchen zeigte — es sprach beabsichtigter Humor aus dieser Anlehnung an den bäuerlichen Kunstgeschmack. Die Landschaft war trotz aller Karikatur unverkennbar: dieser blaue Kreis, das war der Sebensee, diese giftgrünen Zungen, das waren die Almgehänge und Latschenfelder, diese gelben Zuckerhüte stellten die beleuchtete Sonnenspitze und ihre Nachbarberge vor, und die sieben grüngefransten Spieße, die an die Bäumchen eines Nürnberger Spielzeugkastens erinnerten, das waren die sieben Wipfel des Harfenbaumes. In seinem Schatten kniete ein bärtiger Mann mit steifgefalteten Händen und einem schwebenden Kreuzlein über dem Scheitel. Vor ihm stand, mit segnend ausgestreckten Händen und von einem Heiligenschein umgeben, die Gestalt eines Weibes, das an Genoveva denken ließ, denn die gelösten Haare umhüllten gleich einem Mantel den streng gezeichneten Leib, dessen einziger Schmuck ein grünes Kränzlein war. Die Erscheinung dieser heiligen Frau, die auf den betenden Mann erlösend und friedlich wirkte, schien zwei abenteuerliche Spukgestalten in entsetzte Flucht zu jagen: eine üppige Teufelin in bedenklich dekolletierter Balltoilette und einen schmerbäuchigen Faun, der ein Schwein am Stricklein führte und einen Kranz von Würsten um den Leib geschlungen trug. Die beiden Unholde schnitten in ihrem Schreck so drollige Gesichter und waren mit so heiterer Laune karikiert, daß Ettingen lachen mußte.
»Ein köstlicher Scherz!« sagte er. »Und der Humor dieses Bildchen wirkt auf mich, obwohl ich das Wunder, das hier verherrlicht ist, nicht recht verstehe. Darf ich wissen, was es bedeutet? Aber da steht ja auch eine Inschrift! Und gar eine lateinische!« Er übersetzte: »Ich bete dich an und singe mein Lob dir, göttliche Mutter Natur, deren schönes Wunder mich erlöste aus den Klauen der Teufel, die da heißen: Unverstand des Pöbels und eitle Torheit der Menschen! Mein Leben soll dir, o heilige Mutter, zum Danke geopfert sein wie ein Lämmlein mit schneeigem Fell, und meine Kunst, die vor die Säue geworfen war, soll einsam und sorglos blühen zu deinen Füßen, frei und schön, wie eine Blume deiner Berge!«
Der Klang seiner Stimme war ernst geworden. Die seltsame Inschrift ließ ihn vermuten, daß hinter dem Scherz dieser Farben sich ein tiefes Weh verbarg. Und als er aufblickte, sah er, daß die Augen des Mädchens in Tränen schwammen.
»Fräulein?«
Sie wandte sich schweigend ab. Seine Frage schien in ihrer Seele ein Heiliges berührt zu haben, das sie dem Fremden nicht preisgeben wollte. Und als möchte sie auch ihre Bewegung vor ihm verbergen, nahm sie die Schatulle vom Tisch, um sie in die Hütte zu tragen.
Ettingen vertrat ihr den Weg. »Nein, Fräulein, so dürfen Sie nicht gehen! Mag ich für Sie auch ein Fremder sein, an den Sie schon morgen nicht mehr denken — aber ich habe hier eine so schöne Stunde verlebt, daß ich es mir nie verzeihen könnte, wenn ich Ihnen Ursache zu einer Verstimmung gegeben hätte. Ich fühl es, daß ich Sie durch meine Neugier und durch mein Lachen verletzt habe. Aber ich wußte nicht, daß ich es tat. Seien Sie mir nicht böse!«
Da reichte sie ihm die Hand. »Ich bin Ihnen nicht böse. Dazu hätt ich kein Recht. Sie konnten nicht wissen, daß Ihr Lachen mir weh tat. Das Bildchen muß doch auch so heiter auf jeden wirken, der nicht weiß, was es bedeutet. Ehe mein Vater das lustige Ding da malen konnte, mußte er alle Enttäuschung seines Lebens überwinden. Als er das Bildchen an den Baum hängte, das bedeutete für ihn, daß er jede Hoffnung begrub, für sein Talent die Anerkennung der Welt zu gewinnen. Deshalb dürfen Sie nicht glauben, daß ihm der Mut oder die rechte Kraft gefehlt hätte.«
»Nein, liebes Fräulein! Was ich hier sehe und was ich von Ihnen hörte, läßt mich vom Wesen Ihres Vaters manchen Zug erraten. Er muß als Mensch und Künstler gesucht haben, was abseits von der Landstraße und ihren ausgefahrenen Geleisen liegt. Alles Ungewöhnliche begegnet leicht dem Mißverstand. Und ich kann mir denken, daß eine feinbesaitete stolze Künstlernatur auf die Dauer des Kampfes müde wird und der Welt verbittert den Rücken wendet.«
Sie nickte. »Das war es! Sein Stolz war zu tief verwundet. Kunst, das war für ihn nur das Große, Reine und Schöne. Auch das Wahre. Aber er hatte Augen, denen die Dinge anders erschienen, als sie sonst den Menschen erscheinen. Da malte er nun alles, wie er es sah, nicht so, wie es die Leute sehen wollten. Das verstanden sie nicht —« es zuckte wie Schmerz um ihren Mund, »und lachten über ihn. Das konnte er nicht ertragen, dieses Lachen immer! Das hat seinen Mut gebrochen. Nur den Mut des Künstlers. Als Mensch ist er ein fester und ganzer Mann gewesen. Das hat er bewiesen, als er starb.«
»Sie haben Ihren Vater verloren?«
»Verloren?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Was man tief in seinem Herzen besitzt, was mit uns verbunden ist in jedem Gedanken und Gefühl, das kann man nicht verlieren. Er starb. Das ist nur ein Wort, das den Überlebenden weh tut. Mehr ist es nicht.«
Vom nahen Latschenfeld ließ sich das Klirren eines Bergstockes und der Hall schwerer Tritte hören.
Sie blickte auf, wie erwachend. »Ich muß gehen. Dort unten wartet meine Arbeit.«
Er meinte ihr nachzufühlen, weshalb sie diesen raschen Abschied nahm. Sie sah den Jäger kommen und wollte jetzt nach allem, was sie gesprochen hatte, nicht von alltäglichen Dingen reden oder das lustige Geschwatz des Jägers hören. Deshalb machte er keinen Versuch, sie zurückzuhalten.
Da reichte sie ihm plötzlich die Hand, sah mit feuchten Augen zu ihm auf und sagte: »Ich danke Ihnen!«
Das kam so überraschend für ihn, daß er im ersten Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte. Und da löste sie schon ihre Hand aus der seinen und ging, um die Schatulle in die Hütte zu tragen. Als sie ins Freie trat, hatte sie einen grob geflochtenen Basthut aufgenommen, dessen breite Krempe ihr Gesicht überschattete. Sie versperrte die Hüttentür, und ehe sie den Garten verließ, nickte sie noch einen Gruß zu Ettingen hinüber. Während sie langsam zwischen den Büschen gegen den See hinunterstieg, kam Praxmaler von der anderen Seite auf den Garten zugegangen.
Ettingen war an den Zaun getreten und sah dem Mädchen nach. Er fühlte sich von dieser Begegnung tief ergriffen. Was hatte ihn nur so sehr bewegt? Der stille, schöne Reiz dieses Ortes? Oder die Erscheinung dieses Mädchens, ihre freie, ruhige Art, sich zu geben und zu sprechen? Oder der Einblick, den er in das wunderliche Schicksal ihres Vaters gewonnen hatte, dieses weltflüchtigen Künstlers, der alle Dinge anders sah, als die Menschen sie zu sehen pflegen? Und wie mußte diese Tochter ihn geliebt haben, wie mußte auch jetzt noch der Gedanke an ihn ihr ganzes Leben füllen, da sie es wie ein kostbares Geschenk betrachtete, daß sie eine Stunde von ihm hatte sprechen dürfen! »Ich danke Ihnen!« Wie gut ihm dieses Wort gefiel! Es war ein Wort, das so tief blicken ließ, wie der klare See dort unten. Was ihr Vater auch als Künstler aus seiner träumerischen Seele herausgebildet haben mochte — er hatte sicher der Welt kein edleres Werk seines Blutes und Geistes hinterlassen als dieses junge, schöne Menschenkind mit seiner freien und furchtlosen Lebensruhe, mit seinem tiefen, reinen Gefühl und seinem guten Denken.