3. Kapitel:
Die Goldgräber.
Einen Monat später kam ein Trupp Goldgräber in das böse Land. Es waren sieben Mann, die recht wunderlich aussahen. Sechs davon waren große, wilde Burschen mit mächtigen Bärten und einer Flinte auf der Schulter und mit Dolch und Pistole im Gürtel. Der siebente war ein kleiner armseliger Gesell; er war ihr Koch, Diener und Schuhputzer und stets bereit, alles zu tun, wenn er nur einen kleinen Anteil an dem Golde bekam.
Denn des Goldes wegen waren sie gekommen. Sie hatten den ungeheuren Goldklumpen gesehen, der in dem bösen Lande gefunden worden war; und jener Mann, der ihn mitgebracht hatte, verplapperte sich eines Tages in der Trunkenheit, so daß sie die Spur leicht finden konnten: Gleich am Tage ihrer Ankunft begannen sie mit der Arbeit. Sie schlugen ein Zelt auf und zündeten mehrere Feuer an; und dann zerstreuten sie sich im Tale; und ihre Hacken erklangen, während ihre Augen gierig zu Boden starrten.
„Hier!“ rief einer von ihnen.
Da liefen die andern hinzu; und sie sahen, daß da wirklich Gold war. Aber der, der es zuerst entdeckt hatte, wählte sich eine Stelle aus, die sein eigen war. Die andern suchten in einiger Entfernung, und alle fanden Gold.
Schwieg aber einer, während seine Hacke sich eifrig bewegte, so geschah das, weil er mehr gefunden hatte als die andern und Angst hatte, daß sie es ihm wegnehmen möchten.
„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler.
Und bald war noch mehr zu sehen. Denn Tag für Tag kamen neue Scharen.
Niemand konnte sagen, wie die Kunde von dem Golde verbreitet worden war; aber sie flog mit Blitzesschnelle über die Welt hin.
Aus allen Teilen der Erde kamen immer mehr und mehr Menschen in einem endlosen Aufzuge herbei. Alte und Junge, Männer und Frauen, Kranke und Gesunde, Reiche und Arme. Einige sprangen über Stock und Steine, und andre schleppten sich auf Krücken herbei. Manche kamen mit Pferd und Wagen, Vorräten und gedungener Mannschaft; andre hatten nichts als ihre Fäuste. Wie groß aber auch der Unterschied war — der Ausdruck ihrer Augen war der gleiche. In ihnen allen flackerte der Hunger nach dem Golde.
Sie hatten die Heimat verlassen und alles, was ihnen lieb war, und waren bereit, die größten Mühen und Gefahren zu überwinden, wenn sie nur Gold fanden. Der eine hatte eine Schuldenlast zurückgelassen und der andre ein einträgliches Geschäft. Der eine hatte alles verkauft, was er besaß, um sich das Reisegeld zu verschaffen; ein andrer hatte seinen Bruder bestohlen, um in das Goldland ziehen zu können.
Durch unwegsames Gebiet waren sie gezogen... durch dichte Wälder, Moore und Steppen, über Meer und Land. Viele blieben vor Erschöpfung und Entbehrung unterwegs liegen und kamen um, weil keine Hand sich regte, um ihnen zu helfen. Jeder der Gesunden fürchtete ja, er könne vielleicht eine Stunde zu spät kommen, und ein andrer könne den Goldklumpen finden, auf den man selber hoffte. So blieben die Kranken und Toten am Wege liegen; und keinem drückte Freundeshand die Augen zu.
Und als die Schar der Goldsucher das böse Land erreichte, da teilten sie es unter sich. Im Tale und auf den Felsen war bald ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Den langen Tag hindurch hackten und gruben und wühlten die Leute mit zusammengebissenen Zähnen und stieren Augen. Unter ihnen waren solche, die an die Arbeit in Feld und Wald gewöhnt waren; sie ermüdeten nicht. Aber auch solche, die nie mit den Händen gearbeitet hatten: Lehrer, Priester und Gelehrte; denen erging es nicht so gut. Sie brachen bei der Arbeit zusammen und mußten dann als die Diener der andern ihr Dasein fristen.
Einige — und das waren die Klügsten — ließen die Goldgräber sich abrackern, soviel sie Lust hatten, und eröffneten selber eine Wirtschaft, eine Spielbank oder einen Laden. Sie meinten, das Gold werde dann schließlich doch zu ihnen kommen, und das tat es auch. Wenn einer Gold fand, so glaubte er, auf sein Glück trinken zu müssen; und oft vertrank er den ganzen Gewinn. Hatte aber einer keinen Erfolg gehabt, so mußte auch er trinken und verbrachte alle Habe, die er aus der Heimat mitgenommen hatte, oder trank auf Borg, solange der Wirt ihm Kredit gab.
Machte jedoch einer einen großen Fund und begann er dann nicht zu schlemmen und zu schwelgen, so hatte er weder Ruh noch Rast, sondern war wie ein gehetztes Tier im Walde.
Denn er kannte ja die andern Goldgräber und wußte, daß nur wenige von ihnen davor zurückschrecken würden, zum Dieb oder Mörder zu werden, bloß um den Goldklumpen zu bekommen. Darum wagte der glückliche Finder nicht einzuschlafen und seinen Schatz einen Moment aus den Augen zu verlieren. Wie ein Verbrecher mußte er des Nachts mit seinem rechtmäßigen Eigentum fortschleichen, um die nächste Stadt zu erreichen und den Klumpen in der Bank gegen gute Goldstücke umzutauschen. Und hinter ihm her schlichen Leute mit Revolvern in der Tasche und mit Mordgedanken im Sinne.... um ihm in einsamer Gegend aufzulauern und ihm das Gold zu entreißen.
Kein Tag verging ohne Revolverschüsse und Todesgeschrei, kein Tag, ohne daß ein Dieb gehängt wurde.
„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler. „Es ist gekommen, wie ich prophezeit habe. Überall, wo das rote Gold schimmert, erwächst Unheil und Verbrechen. Wer nichts findet, wird schlecht und mißgünstig. Und wer etwas findet, wagt nicht froh zu sein, aus Furcht, das Gefundene wieder einzubüßen.“
„Ich glänze!.... Ich glänze!“ rief das Gold.
„Wann kommt die Reihe an uns?“ fragte das Eisen. „Wir liegen hier, gewaltig und groß, und niemand schenkt uns Beachtung.“
„Wer wird euch beachten, wenn ich hier bin!“ erwiderte das Gold.
Der Adler sagte nichts, denn eine Kugel pfiff an seinem Kopfe vorbei. Er lüftete die Flügel und schwebte in großen Kreisen hoch über Schußweite empor. Erst als es Abend wurde, wagte er es, zu seiner Felsenspitze zurückzukehren.
Dort saß er und sah melancholisch über das Tal hin.
Als der kurze Sommer vorüber war, wurde es nicht besser. Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen, und auch der Gastwirt packte sein Zelt auf den Wagen und fuhr von dannen, reicher als alle andern. Aber viele blieben zurück.
Sie konnten die Hoffnung nicht aufgeben.
Der eine hatte etwas gefunden und meinte, es müsse noch mehr folgen. Der andre hatte nichts gefunden und hoffte dennoch. Ein andrer hatte seinen glücklich eroberten Schatz verpraßt und dann sein Tun bitter bereut und sich gelobt, verständiger zu sein, wenn das Glück ihm noch einmal hold wäre.
So gruben und gruben sie in der gefrorenen Erde, bis der Schnee sie eines Tages überraschte.
Doch noch ließen sie den Mut nicht sinken. Große Feuer flammten allerorten im Tale auf. Aber sie reichten nicht aus, um die Unglücklichen zu erwärmen. Der Schneesturm brauste, — aber sie fanden den Weg nicht mehr, der sie aus dem bösen Lande hinausführte.
Rings starben sie wie Fliegen, und die Leichen blieben unbegraben, während die Überlebenden wie wilde Tiere um einen Bissen Brot oder einen Schluck Branntwein kämpften. Und die wilden Tiere selber kamen und fraßen die Leichen vor den Augen der Lebenden... Wölfe und Füchse, Geier und Bären. Die Sperlinge kamen, wie sie immer dahin kommen, wo Menschen sind, sahen sich aber bitter enttäuscht. Denn sie fanden keine freundlichen Gärten vor, in denen sie Obst hätten stehlen können... keine Getreidefelder... keine Hausfrau, die der Vöglein gedachte, wenn sie mit den Ihren warm und wohlgeborgen im Hause saß.
Und wieder wurde es Sommer, und neue Scharen trafen ein aus allen Teilen der Welt.
Dieselbe Geschichte begann von neuem, nur grauenhafter und schrecklicher war alles. Denn jetzt war nicht mehr so viel Gold vorhanden; und das, was da war, war so in die Felsen eingekeilt und so gut verborgen, daß es ungeheure Mühe kostete, es zutage zu fördern.
Die Folge davon war, daß die Goldgräber noch mehr Enttäuschungen und Kummer erlebten als im vorigen Jahre. Viele gaben sich selbst den Tod und verwünschten sterbend diejenigen, die ihnen das böse Land als einen so glücklichen Ort geschildert hatten, wo sie sich nur zu bücken brauchten, um reich zu werden.
Als der Winter kam, lag das Land voller Leichen. Ein Einsamer schleppte sich mühsam über die Berge fort und kehrte in die Heimat zurück, wo er erzählte, daß kein Gold mehr zu finden sei.
Der Adler aber saß hoch auf seiner Felsenspitze und überschaute das ganze.