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Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen cover

Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Chapter 13: 4. Kapitel. Der Jüngere.
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About This Book

This collection of nature-themed tales presents a series of enchanting stories that explore the relationship between the natural world and its inhabitants. Each narrative weaves elements of mythology and folklore, illustrating the wonders of the forest, the significance of various creatures, and the beauty of the environment. Through imaginative storytelling, the work delves into themes of harmony, conflict, and the interconnectedness of life, inviting readers to reflect on the mysteries of nature and the lessons it imparts. The stories are rich with vivid imagery and moral undertones, making them both entertaining and thought-provoking.

4. Kapitel.
Der Jüngere.

„Wo bleiben die Menschen?“ fragte das Eisen, als der Sommer wiederkehrte und das Land öde und leer war wie früher, bevor das Gold entdeckt wurde. „Adler in hoher Luft.... siehst du sie?“

„Gewiß!“ erwiderte der Adler. „Die, deren Leichen nicht hier im Tale verfault sind, wohnen in Ländern, wo es sich besser sein läßt als hier. Die, die durch das gefundene Gold reich geworden sind, haben sich in den schönsten Gegenden der Erde niedergelassen. Die, die arm geworden sind, schlagen sich durch, so gut es geht. Weit, weit von hier hab’ ich neulich auf meinem Fluge ein Land gesehen, wo man auch Gold gefunden hat. Dahin geht jetzt der Strom.... dort herrscht jetzt jenes grauenhafte Treiben, das ihr bei uns kennengelernt habt.“

Das böse Land sah aus, als wäre es von einem Erdbeben verwüstet. Die Erde war aufgerissen, die Felsen waren zerschmettert, Werkzeug und menschliche Gebeine lagen überall zerstreut, die Hütten waren eingesunken. Es konnte keinen häßlicheren Anblick geben als diese Ruinen der Goldgräberstadt. Das Moos, das auf den Steinen wuchs, und das armselige Gras, das sich wieder hervorwagte, jetzt, wo kein Fuß es niedertrat, die spärlichen Blumen und die Schmetterlinge, die einen Tag lang umherflogen und dann starben — sie alle sprachen davon, eine wie böse Zeit es gewesen.

„Ja.... das Land ist nicht wiederzuerkennen!“ schalt der Adler.

Und das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber, die rings wirr umherlagen, seufzten und gaben dem Adler recht. Bei der wilden Jagd nach dem Golde waren sie hervorgewühlt und ausgegraben worden. Sie sehnten sich nach jener Welt, in die das Gold gewandert war, und wußten ihrer Sehnsucht keinen Rat.

„Wann kommt unsre Zeit?“ fragte das Blei.

„Was weiß ich davon?“ erwiderte der Adler. „Aber sie kommt einmal. Die Vernunft siegt immer erst zuletzt.“

„Ich sehne mich so sehr!“ rief das Blei.

„Du hast doch jetzt einen Vorgeschmack von den Menschen bekommen,“ sagte der Adler. „Mit dir hat jener erste Mann seinen Freund erschlagen, um den großen Goldklumpen für sich allein zu haben.“

„Ich sehne mich,“ rief auch das Eisen.

„Und was du gesehen hast, erschreckt dich nicht?“ fragte der Adler.

„Nicht im geringsten. Ich bin nicht wie das Gold. Ich mache die Menschen nicht verrückt, sondern ich mache sie stark. Ich bin selber stark und gar nicht eitel auf meinen Glanz; ich möchte nur Nutzen stiften. Als die Menschen hier waren, habe ich ja selber gesehen, was ich für sie bedeute. Überall war ich... in dem Spaten, mit dem sie nach dem Golde gruben, in der Büchse, in dem Topf, in dem sie ihr Essen kochten, in dem Messer, mit dem sie ihr Brot schnitten... ja selbst in ihren Stiefelsohlen, mit denen sie auf dem Felsen umhertraten. Ich bin gut, ich stifte Nutzen, ich darf mich in die Welt hinaus wünschen.“

„Das darfst du,“ sagte der Adler, „und du kommst auch hinaus. Das Gold wird dich holen. Für Gold bauen sie Bergwerke, um dich aus dem Felsen zu gewinnen, für Gold legen sie Eisenbahnen an, um dich dorthin zu fahren, wo du gebraucht werden sollst. Für Gold gewinnen die Menschen Eisen wie alles andere in der Welt. Warte nur... deine Zeit wird schon kommen. Als sie hier waren, da waren sie blind vor Goldhunger. Wenn sie einmal wiederkommen und mit ruhigen Augen dreinsehen, dann werden sie begreifen, daß auch du Reichtum für sie bedeutest, obschon du nicht leicht zu erringen bist.“

Dann schwiegen sie beide, und alles war still im Lande, Tag auf Tag, wie früher. Der Adler flog seinen Weg oder saß auf seiner Felsenspitze, die Gebeine im Tale verfaulten, und die Metalle brüteten über ihren Zukunftsträumen. Ein kurzer Sommer folgte auf den langen Winter, und ein Jahr löste das andere ab.

„Da kommt wahrhaftig ein Mensch!“ rief eines Tages der Adler.

„Er kommt, um mich zu holen!“ schrie das Eisen vergnügt.

„Und mich! Und mich! Und mich!“ riefen das Silber, das Blei und das Kupfer.

„Er sieht nicht danach aus, als ob er irgend etwas holen wollte,“ meinte der Adler. „Es ist ein uralter Mann... nur mühsam kommt er vorwärts, Schritt für Schritt... und er stützt sich auf einen Stock... er kann ja kaum die Beine vorwärtsbewegen.“

Und so war es wirklich.

Haupt- und Barthaar des Mannes waren weiß. Seine Augen waren tief eingesunken, und der Blick schweifte unstet umher. Sein Mund war müde und betrübt, seine Beine zitterten.

„Mich dünkt, ich habe diesen Mann schon einmal gesehen!“ sagte der Adler.

Langsam schritt der Mann im Tale vorwärts; schwer stützte er sich auf seinen Stock. Es sah aus, als suchte er etwas; denn er sah sich zwischen den Felsen um, berührte mit seinem Stock die Steine, blieb stehen und dachte nach.

„Hier muß es gewesen sein,“ sagte er vor sich hin. „Ich kenne ja die Stelle so gut... wachend und träumend hab’ ich sie vor mir gesehen.“

Nun setzte er sich auf einen Felsblock und sank ganz in sich zusammen. Der Adler reckte den Hals vor, starrte und lauschte. Und auch der Bach lauschte und das Metall im Felsen.

„Sieh! Sieh! Da ist ja der Bleiklumpen! Er ist noch immer rot von seinem Blute!“ sagte der Mann.

Da erkannte ihn der Adler, und er rief: „Es ist der jüngere von jenen beiden, die als die ersten Menschen unser Land betraten.“

Und nun wußten auf einmal alle im Lande, daß dieser alte Mann derjenige war, der vor vielen Jahren seinen Freund erschlagen hatte, um den großen Goldklumpen allein für sich zu behalten.

Aber der Mann erhob sich und starrte den Bleiklumpen mit verzerrtem Gesicht an.

„Keine ruhige Stunde habe ich seit jener furchtbaren Nacht gehabt,“ murmelte er. „Wachend und träumend habe ich mein Opfer vor mir gesehen. Das Gold hat mich nicht froh gemacht... das Essen hat mir nicht gemundet... kein Mensch hat mich zu trösten vermocht. Weder Arbeit noch Genuß haben mich das Geschehene vergessen lassen.“

Mit zitternder Hand streckte er seinen Stock vor und berührte den Bleiklumpen.

„Mit dem da hab’ ich’s vollbracht. Ich muß von Sinnen gewesen sein... das grauenhafte Gold hat in der einen Nacht einen andern, entsetzlichen Menschen aus mir gemacht. Im Augenblick war geschehen, was nie wieder gutzumachen war.“

Nun warf der Mann seinen Stock fort und suchte in seinen Taschen. Er nahm ein paar Goldstücke hervor und warf sie auf die Erde. Es waren fünf Dukaten, und jetzt leuchteten sie zwischen den Steinen.

„Ich habe alles mit mir genommen, was von meinem Reichtum übriggeblieben ist. Das andre habe ich verpraßt und verschenkt. Diese Goldstücke hier werfe ich wieder in das böse Land, aus dem sie gekommen sind... Verfluchtes Gold! Verfluchtes Gold!“

Dann warf er sich vornüber gegen den Bleiklumpen und zerschmetterte sein Haupt. Das Echo seines Schreies aber hallte durch das öde Tal hin:

„Verfluchtes Gold!.... Verfluchtes Gold!“

„Habt ihr’s gesehen? Habt ihr’s gehört?“ rief der Adler.