Drei Tage sind nicht immer drei Tage. Es gibt sehr lange drei Tage und es gibt sehr kurze. Daß drei Tage so kurz sein könnten, wie die drei Tage, wo ich gut zu essen hatte und ein Bett, würde ich nicht geglaubt haben. Ich wollte mich gerade das erstemal zum Frühstück hinsetzen, da waren die drei Tage schon um. Aber selbst wenn sie zehnmal länger gedauert hätten, zum Konsul gehe ich nicht mehr. Sollte ich mir vielleicht wieder seine auswendig gelernten Prüfungsantworten anhören? Etwas Besseres würde er jetzt auch nicht wissen. Ein Schiff konnte er mir nicht besorgen. Also was hätte es für Zweck gehabt, seine Reden über mich ergehen zu lassen? Möglich, daß er mir wieder eine Karte gegeben hätte. Diesmal aber sicher schon mit einer Geste und einer Miene, die mir das Essen in der Kehle hätte festwürgen lassen, ehe ich überhaupt den Löffel in die Suppe steckte. Die drei Tage wären noch viel kürzer geworden als die vorigen.
Der wichtigste Grund war, ich wollte die Kleinigkeit Mensch, die er bei meinem ersten Besuche gewesen war in dem Augenblick, als er sich um mein Wohlergehen kümmerte, nicht aus meiner Erinnerung verlieren. Bestimmt hätte er mir nun die Karte in seiner vollen Überlegenheit als Biestdiener verabreicht und mit moralverbrämten Reden, daß es diesmal das letzte Mal sein müsse, daß zu viele kämen, und daß man sich nicht darauf ausruhen könne, sondern daß man auch selbst etwas dazu tun müsse, um weiterzukommen. Lieber verrecken, als nochmal dahin gehen.
Oh, du geliebte Schneiderseele, was war ich hungrig! So gottserbärmlich hungrig. Und so müde durch das Schlafen in Torwegen und Winkeln, immer gejagt im Halbschlaf von der Nachtpolizei, die in die Torwege und Winkel hineinleuchtete mit den Taschenlampen. Immer auf der Hut sein, im Schlafe die Patrouille auf fünfzig Schritte hören müssen, um sich noch rechtzeitig aus dem Staube zu machen. Denn wenn sie einen erwischen, das heißt Arbeitshaus.
Und kein Schiff im Hafen, das jemand brauchen könnte. Da sind soviele hundert Seeleute des eignen Landes auf den Beinen, die ein Schiff suchen, und die gute Papiere haben. Und keine Arbeit in den Fabriken, keine Arbeit in irgendeinem Geschäft. Selbst wenn da Arbeit wäre, der Mann dürfte sie einem gar nicht geben. Haben Sie Papiere? Nein? Schade, dürfen wir Sie nicht einstellen. Sie sind Ausländer.
Gegen wen sind die Pässe und die Einreisevisen gerichtet? Gegen die Arbeiter. Gegen wen ist die Beschränkung der Einwanderung in Amerika und in andern Ländern gerichtet? Gegen die Arbeiter. Und auf wessen Veranlassung und mit wessen machtvoller Unterstützung sind oft diese Gesetze, die die Freiheit des Menschen vernichten, ihn zwingen, dort zu leben, wo er nicht leben will, ihn verhindern, nach jenem Teil der Erde zu gehen, wo er gern leben möchte, geschaffen worden? Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Arbeiterverbände. Ein Biest im Bieste: Ich schütze meine Sippe; wer nicht zu meiner Sippe gehört, der mag zugrunde gehen; geht er zugrunde, um so besser, dann bin ich einen Konkurrenten los. Yes, Sir.
So hungrig und so müde! Dann kommt die Zeit, wo man nicht mehr darüber nachdenkt, ob es einen Unterschied macht, die Börse eines andern, der nicht hungert, mit der eignen Börse, die man nicht hat, zu verwechseln. Man braucht sie nicht verwechseln, man fängt damit an, ohne es zu wollen, an die Börse eines Nichthungernden zu denken.
Ein Herr und eine Dame standen vor einem Schaufenster, als ich vorüberging.
Die Dame sagte: „Sag’ doch bloß mal, Fibby, sind denn diese hübschen Handtäschchen nicht wirklich ganz reizend?“
Fibby nuschelte etwas, das ebensogut eine Zustimmung wie eine gegenteilige Meinung sein konnte, es konnte aber auch ganz gut bedeuten: Laß mich doch in Ruh’ mit deinem Quark!
Die Dame: „Nein, wirklich, die sind zu entzückend, echte altholländische Kleinkunst.“
„Stimmt,“ sagte Fibby nun trocken, „echt altholländisch, copyright neunzehnhundertsechsundzwanzig.“
Das war Sphärenmusik für mich. Jetzt war ich überzeugt.
Ich war nun sehr rasch und verlor keine Sekunde weiter. Da lag ja das blanke Gold vor mir mitten auf der Straße.
Es schien mir, daß Fibby sich über das, was ich ihm erzählte, viel mehr amüsierte, als was ihm seine Frau oder seine Freundin oder seine – well, Sir, das geht mich nichts an, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die beiden zueinander standen – ja, jedenfalls amüsierte er sich köstlich über meine Geschichte. Er lächelte, dann lachte er, und endlich brüllte er, daß die Leute stehenblieben. Wenn ich es nicht an seinem „Zat so!“ gleich beim ersten Tonfall gehört hätte, wo er herkam, dann hätte es mir sein unbändiges Lachen verraten. So kann eben nur ein Amerikaner lachen, jawoll, die können lachen.
„Also, Boy, Sie haben Ihre Geschichte großartig erzählt.“ Da lachte er auch schon wieder. Ich hatte gedacht, er würde zu weinen anfangen über meine traurige Geschichte. Na ja, er steckte ja nicht in meiner Haut. Er sah das alles von der komischen Seite.
„Nun sag’ doch, Flory,“ wandte er sich an seine Begleiterin, „hat denn das Vöglein, das da aus dem Nest gefallen ist, seine Geschichte nicht ganz großartig erzählt?“
„Wirklich sehr nett. Wo sind Sie her? Von New Orleans? Das ist ja ganz entzückend. Da habe ich sogar noch eine Tante wohnen, Fibby. Habe ich dir nicht von Tante Kitty aus New Orleans schon erzählt, Fibby? Ich glaube doch. Du weißt doch, die immer jeden Satz anfängt: Als Gra’pa noch in South Carolina wohnte ...“
Fibby hörte gar nicht hin, was seine Flory sagte; er ließ sie reden, als ob sie ein Wasserfall sei, an den er sich gewöhnt hatte. Er kramte in seinen Taschen herum und brachte einen Dollarschein hervor: „Es ist nicht für Ihre Geschichte selbst, Freundchen, sondern es ist dafür, daß Sie die Geschichte so meisterhaft erzählt haben. Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut erzählen zu können, ist eine Gabe, mein Junge. Sie sind ein Künstler, wissen Sie das? Es ist eigentlich schade um Sie, daß Sie sich so in der Welt herumtreiben. Sie könnten viel Geld machen, lieber Freund. Wissen Sie das? Ist er nicht in der Tat ein Künstler, Flory?“ wandte er sich nun wieder an seine – na, meinetwegen Frau, was geht’s mich an, die werden ihren Paß schon so haben, wie sie ihn brauchen. „Aber ja, freilich, Fibby,“ antwortete Flory in Ekstase, „freilich ist er ein großer Künstler. Weißt du, Fibby, frage ihn doch gleich mal, ob wir ihn nicht für unsern Gesellschaftsabend haben könnten. Sicher, da könnten wir die Penningtons übertrumpfen, diese schäbige Bande.“
Also es ist doch seine Frau.
Fibby zeigte dem Wasserfall nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er lächelte und lachte weiter. Kramte wieder in seinen Taschen herum und brachte abermals einen Dollarschein ans Tageslicht.
Nun gab er mir beide Scheine und sagte: „Y’see, der eine ist dafür, weil Sie Ihre Geschichte so meisterhaft erzählt haben, der andre ist dafür, weil Sie mir eine glänzende Idee für mein Blatt gegeben haben. Ist fünftausend wert, in meinen Händen; in Ihren nicht einen Nickel. Aber ich bezahle Ihnen hier einen Nickel mit Gewinnanteil. Vielen Dank für Ihre Mühe, good-bye und viel Glück.“
Das war das erste Geld, das ich je für das Erzählen einer Geschichte bekommen hatte. Yes, Sir.
Ich klatterte los zu einer Wechselbank. Für den Dollar ungefähr zweiundeinenhalben Gulden, für die beiden Dollarnoten also rund fünf Gulden. Ganz hübsches Sümmchen. Als ich die Noten dort hingegeben hatte, häufte der Wechsler so ungefähr fünfzig Gulden vor mich hin. Das war eine Überraschung. Fibby hatte mir zwei Zehner gegeben, und ich hatte – weil ich ja in seiner Gegenwart die zusammengeknitterten Scheine nicht neugierig aufmachen wollte – die Scheine für Eindollarnoten gehalten. Fibby ist eine noble Seele. Wall-Street möge ihn segnen. Es ist ganz natürlich, daß zwanzig Dollar sehr viel Geld sind. Wenn man sie besitzt. Wenn man genötigt ist, sie auszugeben, dann lernt man plötzlich, daß zwanzig Dollar gar nichts sind. Besonders noch, wenn man eine Reihe von hungrigen Tagen und bettlosen Nächten hinter sich hat. Ehe ich dazu kam, den Wert des Geldes zu schätzen, war es schon alle. Nur die Leute, die recht viel Geld haben, kennen den Wert des Geldes, weil sie Zeit haben, den Wert abzuschätzen. Wie kann man den Wert eines Dinges erkennen lernen, wenn es einem immer gleich wieder abgenommen wird? Gepredigt aber wird, daß nur der, der nichts hat, weiß, was ein Cent wert ist. Daher die Klassengegensätze.