WeRead Powered by ReaderPub
Das Totenschiff cover

Das Totenschiff

Chapter 11: 7
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

7

rüher als ich geglaubt hatte, kam ein Morgen, der allem Anschein nach zu urteilen vorläufig der letzte Morgen sein würde, der mich in einem Bett sah. Ich suchte meine Taschen durch und fand, daß ich gerade noch genügend Cents hatte, um ein kurzgehaltenes Frühstück möglich zu machen. Kurzgehaltene Frühstücke finden nicht meinen Beifall. Sie sind immer das Vorspiel von Mittagessen und Abendmahlzeiten, die nicht erscheinen werden. Einen Fibby findet man auch nicht jeden Tag. Sollte ich aber wieder einen antreffen, dann erzähle ich diesmal meine Geschichte so komisch wie nur möglich, vielleicht weint er dann herzzerbrechend und bekommt die Gegenidee zu Fibbys Fünftausend-Dollar-Idee. Aus einer Idee läßt sich immer Geld herausquetschen, ob sie nun zum Weinen ist oder zum Lachen. Es gibt ebenso viele Menschen, die gern weinen und für die Möglichkeit, weinen zu können, ein paar Dollar bezahlen, wie es Menschen gibt, die lieber ihren Lachmuskeln ein Vergnügen gönnen.

– – ein Vergnügen gönn–. Na, was ist denn das nun wieder? Kann man denn für seinen letzten Gulden Schlafgeld, den man bezahlt hat, nicht einmal in Ruhe im Bett noch ein wenig dösen, ehe man es für längere Zeit aufzugeben hat?

„Lassen Sie mich schlafen, verflucht nochmal. Ich habe bezahlt, gestern abend, ehe ich ’raufging.“ Da soll man nicht wütend werden. In einem fort wird an die Tür gebumst.

Und gleich klopft es wieder.

„Kreuzdonnerwetter nochmal, haben Sie nicht gehört, wegscheren sollen Sie sich! Ich will schlafen.“ Wenn die nur die Tür aufmachen möchten, ich würde ihnen den Stiefel mitten in die Fratze feuern. So ein nichtswürdiges und impertinentes Gesindel.

„Machen Sie auf. Polizei ist hier. Wir möchten Sie für einen Augenblick sprechen.“

Ich zweifle ganz ernsthaft daran, daß es überhaupt auf der Welt noch Menschen gibt, die nicht Polizei sind. Die Polizei ist dafür da, um für Ruhe zu sorgen, und niemand macht mehr Ruhestörung, niemand belästigt die Menschen mehr, niemand bringt mehr Leute zum Wahnsinn als die Polizei. Ganz sicher, niemand hat mehr Unheil auf der Welt angestiftet als die Polizei, denn die Soldaten sind ja auch nur Polizisten.

„Was wollen Sie denn von mir?“

„Wir möchten Sie nur einmal sprechen.“

„Das könnten Sie auch durch die Tür tun.“

„Wir möchten Sie persönlich sehen. Machen Sie auf, oder wir brechen die Tür auf.“

Brechen die Tür auf! Und die sollen gegen Einbrecher schützen.

Gut, ich mache auf. Aber kaum habe ich die Tür auch nur einen Ritz auf, da preßt der eine Bursche schon seinen Fuß dazwischen. Der alte Trick, auf den sie sich immer wieder etwas einbilden. Das scheint der erste Trick zu sein, den sie zu lernen haben.

Sie kommen rein. Zwei Mann in Zivilkleidung. Ich sitze auf dem Bettrand und fange an, mich anzuziehen.

Mit Holländisch werde ich ganz gut fertig. Ich bin auf holländischen Schiffen gefahren und habe hier nun wieder etwas dazu gelernt. Die beiden Vögel können aber auch etwas Englisch.

„Sie sind Amerikaner?“

„Ja, ich denke.“

„Zeigen Sie Ihre Seemannskarte.“

Die Seemannskarte scheint der Mittelpunkt des Universums zu sein. Ich bin sicher, der Krieg ist nur geführt worden, damit man in jedem Lande nach seiner Seemannskarte oder nach seinem Paß gefragt werden kann. Vor dem Kriege fragte niemand nach der Seemannskarte oder nach dem Paß, und die Menschen waren recht glücklich. Aber Kriege, die für die Freiheit, für die Unabhängigkeit und für die Demokratie geführt werden, sind immer verdächtig. Verdächtig seit jenem Tage, wo die Preußen ihre Freiheitskriege gegen Napoleon führten. Wenn Freiheitskriege gewonnen werden, dann sind die Menschen nach dem Kriege alle Freiheit los, weil der Krieg die Freiheit gewonnen hat. Yes, Sir.

„Ich habe keine Seemannskarte.“

„Sie ha–a–a–a–ben keine Seemannskarte?“

Diesen entgeisterten Ton habe ich schon einmal gehört, und auch gerade zu einer Zeit, als ich so hübsch an einem frühen Morgen einduseln wollte.

„Nein, ich ha–a–a–a–a–be keine, keine, keine Seemannskarte.“

„Dann zeigen Sie Ihren Paß.“

„Ich habe keinen Paß.“

„Keinen Paß?“

„Nein, keinen Paß.“

„Auch keine Identitätskarte der hiesigen Polizeibehörde?“

„Nein, auch keine Identitätskarte der hiesigen Polizeibehörde.“

„Sie wissen doch, daß Sie sich hier in Holland ohne Papiere, die von unsern Behörden visiert sein müssen, nicht aufhalten dürfen?“

„Das weiß ich nicht.“

„So? Das wissen Sie nicht? Sie haben wohl die letzten Monate und Jahre auf dem Monde gelebt?“

Die beiden Vögel halten das für einen so guten Witz, daß sie laut auflachen.

„Ziehen Sie sich an, und kommen Sie mit!“

Wissen möchte ich, ob man hier auch gehenkt wird, wenn man keine Seemannskarte vorzeigen kann.

„Hat jemand von den Herren nicht vielleicht eine Zigarette?“ frage ich.

„Eine Zigarre können Sie haben, eine Zigarette habe ich nicht. Wir können unterwegs welche kaufen. Wollen Sie die Zigarre haben?“

„Die Zigarre nehme ich lieber als die Zigarette.“

Während ich mich ankleide und wasche, rauche ich an der Zigarre. Die beiden setzen sich hin, aber dicht an die Tür. Ich beeile mich nicht sehr. Aber wenn man auch noch so langsam macht, einmal ist man dann schließlich doch angekleidet.

Wir zogen ab und landeten wo? Richtig geraten. In einer Polizeistation. Nun wurde ich erst wieder einmal gründlich durchsucht. Diesmal hatten sie mehr Glück als ihre Brüder in Antwerpen gehabt hatten. Sie fanden fünfundvierzig holländische Cents in meinen Taschen. Das Frühstücksgeld. Das konnte ich ja nun sparen.

„Was? Mehr Geld haben Sie nicht?“

„Nein, mehr Geld habe ich nicht.“

„Wovon haben Sie denn die ganzen Tage hier gelebt?“

„Von dem, was ich jetzt nicht mehr habe.“

„Da hatten Sie also Geld, als Sie hier nach Antwerpen kamen?“

„Ja.“

„Wieviel?“

„Das weiß ich so genau nicht mehr. Hundert Dollar oder so, es können auch zweihundert gewesen sein.“

„Wo hatten Sie denn das Geld her?“

„Das Geld hatte ich einfach gespart.“

Das war offenbar wieder ein guter Witz; denn die ganze Bande, die da im Vernehmungszimmer um mich herum versammelt war, platzte heraus vor Lachen. Aber alle paßten auf, ob der Hohepriester auch lachte. Und als der anfing, da fingen sie auch an zu lachen, und als der aufhörte, da hörten sie so plötzlich auf, als wären sie vom Schlage getroffen worden.

„Wie sind Sie denn überhaupt nach Holland gekommen? So ganz ohne Paß. Wo sind Sie denn da durchgekommen?“

„Ich bin halt so ’reingekommen.“

„Wie, ’reingekommen?“

Der Konsul hat es mir nicht geglaubt, wie ich hereingekommen bin. Die würden es mir erst recht nicht glauben. Ich kann auch diesen netten Burschen da aus Belgien nicht den Spaß verderben.

Also da sage ich: „Mit einem Schiff bin ich gekommen.“

„Mit welchem Schiff?“

„Mit – mit – mit der George Washington.“

„Wann?“

„Das weiß ich so genau nicht mehr.“

„So? Also mit der George Washington sind Sie gekommen. Das ist eine recht mysteriöse George Washington. Die ist unsers Wissens nie in Rotterdam gewesen.“

„Dafür kann ich nichts. Ich bin für das Schiff nicht verantwortlich.“

„Sie haben also gar kein Papier, gar keinen Ausweis. Nichts. Rein gar nichts, womit Sie beweisen können, daß Sie Amerikaner sind?“

„Nein. Aber mein Konsul ...“

Ich schien gute Witze zu machen. Wieder setzte ein Höllengelächter ein.

„I–h–r Konsul.“

Das Ihr zog er so lang, als ob es für ein halbes Jahr reichen sollte.

„Sie haben doch keine Papiere. Was soll denn da I–h–r Konsul mit Ihnen anfangen?“

„Er wird mir doch Papiere geben!“

„Ihr Konsul? Der amerikanische Konsul? Ein amerikanischer Konsul? In unserm Jahrhundert nicht. Nicht ohne Papiere. Nicht ohne, daß Sie, sagen wir mal, in guten Verhältnissen leben. Nicht so einem ’rumtreiber.“

„Aber ich bin doch Amerikaner.“

„Möglich. Aber das müssen Sie I–h–rem Konsul beweisen. Und ohne Papiere glaubt er es Ihnen nicht. Ohne Papiere glaubt er Ihnen nicht, daß Sie überhaupt geboren sind. Ich will Ihnen etwas sagen, zu Ihrer Belehrung, Beamte sind immer Bureaukraten. Auch wir sind Bureaukraten. Die schlimmsten Bureaukraten aber sind die Bureaukraten, die es erst seit gestern sind. Und die allerschlimmsten Bureaukraten sind die, die den Bureaukratismus von den Preußen geerbt haben. Haben Sie verstanden, was ich meine?“

„Ich glaube ja, mein Herr.“

„Und wenn wir Sie nun dahin bringen, nämlich zu Ihrem Konsul, und Sie haben keine Papiere, dann übergibt er Sie uns offiziell, und wir werden Sie nie wieder los. Haben Sie das auch verstanden?“

„Ich denke ja, mein Herr.“

„Was sollen wir denn mit Ihnen machen? Wer ohne Paß aufgegriffen wird, bekommt sechs Monate Gefängnis und Deportation nach seinem Heimatlande. Ihr Heimatland wird bestritten, und wir müssen Sie in das Internierungslager schicken. Wir können Sie doch nicht totschlagen wie einen Hund. Aber vielleicht kommen solche Gesetze noch heraus. Warum sollen wir Sie durchfüttern? Wollen Sie nach Deutschland?“

„Ich mag nicht nach Deutschland. Wenn den Deutschen die Rechnung vorgelegt ...“

„Also nicht nach Deutschland. Das kann ich begreifen. Gut für jetzt.“

Das war ein Beamter, der offenbar viel gedacht oder viel gute Sachen gelesen hatte.

Er rief jetzt einen Cop herbei und sagte: „Bringen Sie ihn in die Zelle, geben Sie ihm Frühstück, und gehen Sie eine englische Zeitung und eine Zeitschrift für ihn kaufen, damit er sich nicht langweilt. Auch ein paar Zigarren.“